Jesajas Vision

Predigt über Jesaja 2, 1-5
8. So n. Trinitatis, Reihe III, 6.8.2017

Die Gnade Jesu Christi
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
Sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,
als Kind liebte ich Märchenbücher. Zuerst die Bilder von Wäldern und Schlössern, Tieren und Menschen in sonderbarer Kleidung. Später, als ich lesen konnte, die Geschichten.
Ein Bild hatte es mir besonders angetan, denn es war ein Wimmelbild. Es gab so viel zu entdecken … doch es war eine verkehrte Welt, die ich dort sah. Da lief ein Schwein die Straße entlang – doch in seinem Rücken steckten Messer und Gabel. Da standen Häuser, doch ihre Dächer waren mit Pfannkuchen gedeckt und die Wände aus Lebkuchen und die Fenster aus Kandis. Die Zäune waren aus Würsten geflochten, und in den Brunnen floß Wein. Auf den Bäumen wuchsen Semmeln, und in den Bächen floß Milch. Und die Menschen, die Menschen lagen faul umher und ließen es sich gut gehen. Sie schnipsten nur mit den Fingern und schon sprang ein gebratener Fisch aus dem Bach und in ihre Hand. Oder ein gebratenes Huhn lief ihnen geradewegs in den Mund.
Sie haben es erraten – das Märchen vom Schlaraffenland war hier dargestellt. Im Schlaraffenland gibt es alles im Überfluß, und die Menschen sind faul und lassen es sich gut gehen.
Heute ist diese Geschichte wohl nicht mehr so verlockend, denn wir leben im Überfluß und leiden an den Folgen des übergroßen Angebots von Nahrung und Waren. Die meisten von uns haben wohl ein paar Pfunde zuviel auf den Rippen und zu viele Sachen zuhause rumstehen.
Doch in Zeiten der Nahrungsunsicherheit war das Schlaraffenland die Vision eines gelobten Landes. In Zeiten des Mangels war Schlaraffenland ein Sehnsuchtsort.

Und heute? Wovon träumen wir heute?
• Von Frieden? – Doch wir haben in Europa schon so lange Frieden, daß wir Krieg nur noch aus Erzählungen kennen. Frieden kommt uns fast selbstverständlich vor. – Doch wie steht es um den Frieden im Kleinen – in unsern Familien, unter Nachbarn und Kollegen?
• Träumen wir vom Wohlstand für alle? – Ja, geht das denn, ohne daß die einen abgeben müssen? Und wollen wir das – das jeder und jede genug hat, selbst wenn er oder sie nichts dafür tut? (Bedingungsloses Grundeinkommen)
• Träumen wir von Gesundheit? – Die Medizin hat große Fortschritte gemacht. Wir haben eine längere Lebenserwartung als unsere Großeltern. Doch sterben müssen wir am Ende doch alle. Die meisten wollen das zuhause tun, im eigenen Bett, umgeben von ihren Lieben. Doch gerade das ist oft nicht möglich.
• Träumen wir von Gerechtigkeit? Doch was ist gerecht? Daß alle gleich viel bekommen? Oder alle das, was sie brauchen und mögen, und damit der eine mehr und die andere weniger oder etwas anderes?

Auch der Prophet Jesaja hat einen Traum, eine Vision, die er auf Gott zurückführt. Sie ist im zweiten Kapitel aufgeschrieben:

1 Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem.
2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,
3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.
4 Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!

Jesaja träumt, daß der Zionsberg erhöht ist, höher als alle Berge in der Umgebung. Der Zionsberg ist erhöht – doch nicht, weil jemand verspricht: „We’ll make Zion great again!“. Sondern weil sich der Zionsberg erhebt und dabei fest und sicher steht.
Zu diesem Ort strömen die Völker. Jedoch nicht wie Schaulustige, die etwas Ausgefallenes begaffen wollen. Sie kommen auch nicht wie eine Sturmflut, die an den Deich leckt oder gegen die Kaimauer klatscht (Ps 65,8). Sondern wie ein Festzug … oder eine Wallfahrt. Die Völker machen sich auf, denn sie suchen, was auch wir suchen: Frieden und Gerechtigkeit.

Jesaja hat einen Traum, eine Vision. Doch er verschließt auch dabei nicht die Augen vor der Wirklichkeit: Daß es Streit gibt und Ungerechtigkeit unter uns Menschen.
Jesaja aber sieht: Es gibt eine Lösung. Es gibt einen Ausgleich. Diesen Ausgleich schafft Gott. Gott schafft Recht und Gerechtigkeit. Gott gleicht aus, unparteiisch, wie ein Schiedsrichter. Alle Seiten kommen zu Wort. Der Schmerz, die Wut, die Trauer, die Angst. Alles wird ausgesprochen. Es wird nicht mehr übereinander geredet, sondern miteinander. Und Gott spricht Recht. Dann tun sich Wege auf, die zuvor nie begangen wurden.

(Gott spricht Recht, und die Völker verlernen es, Krieg zu führen. Auch der Prophet Micha hat diese Vision (Micha 4, 1-4). Bei Micha endet sie damit, daß jeder unter seinem Weinstock sitzt und unter seinem Feigenbaum wohnt und niemand mehr sie erschrecken wird. Denn so ist es Gottes Wille (V 4).
Das klingt dann fast wie das Schlaraffenland – allerdings ohne Überfluß und Faulheit.)

Gott spricht Recht, und die Völker verlernen es, Krieg zu führen. Aus Helmen werden Töpfe und Eimer. Aus Kanonen werden Brückenpfeiler und Eisenbahnschienen. Kriegsschiffe werden Seenotrettungskreuzer. Raketen gibt es nur noch zu Silvester. (Waffen werden abgeliefert und eingeschmolzen, damit Friedensdenkmäler daraus entstehen – wie es zur Zeit in Kolumbien geschieht. )

Alles nur ein schöner Traum? Ein Traum wie das Schlaraffenland mit seinen Dächern aus Pfannkuchen und Zäunen aus Wurst?
Nein. Denn diese Vision leuchtet und strahlt inmitten der schlechten Nachrichten über Krieg und Gewalt, Ungerechtigkeit und Betrug, Haß und Angst.
Diese Vision leuchtet. Es ist Gott selbst, der dieses Licht leuchten läßt.

Und Jesaja ruft, ruft auch uns auf: Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!
Setzt euch ein für Gerechtigkeit und das, was dem Frieden dient.
In euren Familien und eurer Nachbarschaft. An eurer Arbeitsstelle und bei den Wahlen, die in wenigen Wochen anstehen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!

Amen

Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinnen
in Christus Jesus.
Amen

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