Gipfeltreffen

Endzeitstimmung herrscht in dieser Weissagung vom Propheten Jesaja. Für die letzten Tage der Menschheit sagt er ein Gipfeltreffen voraus. Auf wird es einem Berg lokalisiert. Aber wir Norddeutschen können es uns auch im Flachland vorstellen, nicht wahr? Die Hamburger haben sie in frischer Erinnerung, die Zusammenhänge von Endzeit und Gipfeltreffen. Apokalytische Szenen haben sich im Schanzenviertel abgespielt.

Sie haben uns vor Augen geführt, wie nahe beides beieinanderliegt: Heil und Unheil. Welt retten und Welt zerstören. Von jeher gibt es in der Zukunftserwartung der Menschheit diese zwei Szenarien: Die wunderbare Wandlung von Feindbildern zu Verbrüderung. Wie wir es in Erinnerung haben vom Feuerwerk vor und auf der Berliner Mauer in der Nacht vom 9. Nov. 1989.

Aber auch das Gegenteil. Wie beim Feuerwerk vor der roten Flora. Nicht Schwerter zur Pflugscharen, sondern umgekehrt: Das Straßenpflaster wird zum Wurfgeschoss.

Diesen krassen Gegensatz kriegen wir nicht weg. Denn zur Endzeit gehört beides, Heil wie Unheil. Das eine bäumt sich noch einmal auf, bevor Gott ihm den Garaus macht. Das andere ist hier schon in Ansätzen greifbar, wird aber vom Bösen unterdrückt. Die Heilsgeschichte ist in der Weltgeschichte verborgen.

Das belegen die aktuellen Geschehnisse um den Berg des Herrn, das ist ja der Tempelberg in Jerusalem. Dort sprechen insbrünstige Gläubige ihre Gebete Richtung Klagemauer. Andere knien auf dem Boden der Al Aksa Moschee und sprechen ihre Suren. Aber danach oder sogar währenddessen hagelt es draußen Steine und Gummigeschosse.

Dieses Nebeneinander, dieser Widerspruch durchzieht unsere Zeit. Früher war uns das nicht so bewusst, damals, als die neuen Medien noch nicht alles ins Haus lieferten, was weltweit geschieht. Heute nehmen wir beides wahr: Die vergleichsweise heile Welt hier in Europa. Die von Stammesfehden und Dürre geplagten Todeszonen. Heil und Unheil nah beieinander.

Wir wissen darum, aber die anderen auch. Die sehen die Bilder im Internet. Und es zieht sie hinaus übers Meer in die sicheren Länder, wo sie ein neues Leben beginnen wollen. Zu uns.

Ist das schon die Apokalypse? Werden wir überflutet und überfremdet? Der Prophet Jesaja sieht es anders. Er schaut in einem Gesicht den Ansturm der Völker, aber das macht ihm keine Angst.

Was er schaut und erwartet, das ist noch mal etwas anderes als wir im September 015 erlebt haben am Münchner Bahnhof.

Das ist noch mal etwas anderes als was wir im November 89 erlebt haben am Genzübergang in Helmstedt.

Die Zigtausende, die über die Balkanroute gezogen sind vor 2 Jahren oder nach der Wende Richtung D-Mark-Deutschland. Sie waren erfüllt von der Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit, bzw. nach Freiheit und Wohlstand. Alles in Ordnung, und wie gut, dass es noch Länder gibt, die das bieten.

Aber was Jesaja hier schaut, was die Völker anlocken wird in den letzten Tagen, ist etwas anderes. Sie werden magnetisch angezogen nicht von der Aussicht auf Ruhm oder Reichtum. Sie werden angezogen von der Sehnsucht nach äußerem wie inneren Frieden. Das suchen sie an einem Ort mit Ausstrahlung. Oft ist dieser einzigartige Ort verbunden mit einer Person mit Ausstrahlung.

Wenn sie sich dann aufgemacht haben, ist das etwas anderes als Flucht ohne Wiederkehr. Etwas anderes als Migration. Wo man das alte hinter sich lassen will und vergessen will und für immer eintauschen gegen etwas scheinbar viel besseres. Das langweilige Dorf gegen die brummende Metropole. Das Fahrrad gegen den SUV. Den Platz in der Koranschule gegen einen an der Uni.

Nein, der Völkerzug, den der Prophet schaut, ist am ehesten einer Wallfahrt zu vergleichen. Ich ziehe an einen Ort der Kraft. Lasse mich dort erneuern und nehme das was ich dort finde in mein altes Leben hinein. Deshalb ist in den alten Bibelausgaben die Vision des Propheten überschrieben mit: „Die Völkerwallfahrt zum Zion“.

Weißt du, was eine Wallfahrt ist? Kaum, wir sind fast alle evangelisch. Die Wallfahrten alten Stils waren keine Quicktours. Die Reise dauerte Wochen. Ziele waren die Grabstätten bibl. Gestalten im Hlg Land. Oder in Rom die Gräber der Apostel wie die von Petrus und Paulus. Oder das Grab des Apostels Jakobus an der spanischen Atlantikküste. Da hat im Mittelalter mancher frz. Bauer ein Gelübde abgelegt, einmal in seinem Leben eine solche Stätte aufzusuchen. Dann musste die Zustimmung des Gutsherrn eingeholt werden. Vorher waren viele Überstunden harter Feldarbeit zu leisten, um die weite Wanderung zu finanzieren.

Nur mit Rucksack und Wanderstab ging es dann los. Übernachtet wurde in den Hospizen, das waren von Mönchen und Laien errichtete Herbergen extra für Wallfahrer. Wer von Deutschland kam, benutze oft Bremen als Ausgangspunkt für die Fahrt übers Meer. Das waren wochenlange Touren voller Strapazen, bis diese Leute endlich am ersehnten Ziel, etwa im Santiago de Compostela ankamen. Dort wurden sie von einem Priester empfangen, der ihnen die Geschichte des heiligen Jakobus erzählte.

Dann betraten sie die Kirche und beteten lange am Grab des Apostels. Abends kehrten sie in einem der vielen Hospize rund um das Heiligtum ein, wuschen sich und ruhten sich aus. Froh, das Gelübde erfüllt zu haben. Zuversichtlich, daß die auf dem Weg und am Ziel verrichteten Gebete bald Erhörung finden.

Diese Wallfahrten alten Stils sind nicht vergangen mit dem Mittelalter. Im Gegenteil, sie erleben eine Renaissance. Pilgern ist im Trend, gerade bei evangelischen. Man kann das belächeln als Teil der Wellnesskultur, entschleunigte Erholungswochen für gestresste Manager. Aber es ist viel mehr dabei, denn die Wege, die dort begangen werden, die Pilgerwege. Die sind vorher andere gegangen, die auch dem Glauben mehr Raum geben wollten in ihrem Leben. Die von Jesus ergriffen waren. Man rastet an den mit der Jakobsmuschel markierten Herbergen, wo die auch gerastet haben. Am Ende erreicht man die Stätte, die einem berühmten Christen der Vorzeit gewidmet ist.

Und wenn man zu Hause ist, gibt man in der Mittagspause oder am Stammtisch nicht mehr an wie früher: Schaut mal, wo ich dieses Jahr war! Und man muss nicht mehr Antwort geben auf die typische Rückfrage: Was hast du bezahlt? Oder noch typischer: Wie viel Stunden hast du gebraucht?

Weil das ist alles unwichtig. Man ist ja verändert worden von Worten der Kraft an Orten der Kraft:

Ahnst du schon, wohin die Weissagung des Propheten führt? Was hier verheißen wird, ist seit Jesus nicht beschränkt auf eine bestimmte Lokalität. Gerade von diesem berühmten Ort aus, der hier gepriesen wird, gibt Jesus nach seiner Auferstehung seinen Freunden ein großes Versprechen und einen großen Auftrag.

Der Evangelist Lukas berichtet, wie er nach seiner Auferstehung zunächst mit ihnen am heiligen Berg verharrt: „Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen. Dann verspricht er: Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Enden der Erde.“ (Apg 1,4+8)

Also vom Ort der Kraft aus, vom Gipfeltreffen aus, da wo Jesus ist, werden sie wieder hinaus geschickt in den Alltag. Jesus hatte sie dann verlassen bei der Himmelfahrt. Die Jünger sind aber immer wieder an den Ort der Kraft zurück in den Tempel, in ihre Häuser, wo sie ihre Bibelstunden hatten oder einen Hauskreis. Lukas notiert:

Und sie waren täglich beieinander einmütig im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“

All das, all diese Segnungen, kannst du hier im Gotteshaus finden. Wenn schon die Völker hier nach der Schau des Propheten sich auf den Berg Gottes hinauf bemühen. Wenn vom Mittelalter bis heute so viele Menschen den langen Weg genommen haben zu den Pilgerstätten. Wie viel mehr lohnt es sich, sich sonntags früh aufzumachen und neu stärken zu lassen von der Gemeinschaft und durch Worte der Kraft am Orte der Kraft.

Hat damit das besondere, das einzigartige, was der Prophet geschaut hat, seinen Rang verloren? Ist der Berg Zion sozusagen überall, sozusagen globalisiert mit vielen Filialen weltweit? Oder behält Jerusalem noch irgendeinen Vorrang?

Gewiss! Dieser Ort bleibt einzig. Gott hat ihn erwählt. In ihm konzentriert sich alles, was er zu uns Menschen geredet und für uns Menschen getan hat.

Jerusalem, die Stadt, in die Jesus einzieht als König aller Völker.

Jerusalem, vor dessen Mauern das Kreuz steht.

Jerusalem, das erschrickt, weil die Weisen aus dem Morgenland nach dem neugeborenen König fragen.

Jerusalem, das der Ostermorgen beben macht.

Jerusalem, Schauplatz der Himmelfahrt und der großen Begeisterung vom Pfingsttag.

Bei alledem geht es immer um Jesus. Um sein Reich, um seinen Thron, um seine Herrschaft. Das ist der Maßstab. Und um all das soll es vorrangig hier in unserer Kirche gehen. Nicht um Weltverbesserung, nicht um Unterhaltung, nicht um Kultur. Das ist dabei, sogar notwendig dabei. Aber die Mitte bleibt Jesus.

Er beglaubigt die alte Weissagung des Propheten. Und das bedeutet natürlich: Sie wird sich erfüllen. Menschen werden zu uns kommen mit ihren Fragen, mit ihren Sehnsüchten, und hier auf Antworten hoffen. Rechnen wir damit?

Ich rechne damit, und werde definitiv nicht einstimmen in Klagen wie: „Wir werden immer weniger!“ „Es kommen ja immer nur dieselben!“ Nein! Wo es um Jesus geht, werden immer wieder Menschen neugierig. Sozusagen gesetzmäßig. Aber darüber hinaus wird zu einer Zeit, die Gott kennt, die Gott schenkt, unerwartet, ungeplant ein Run einsetzen. Wie im Schlussverkauf. Eine unerklärliche Aufbruchstimmung.

Ich stelle es mir so vor: Im Landeskirchenamt ruft der Bischof die Leiter aller Abteilungen zusammen. Krisensitzung. Die Funktionäre rätseln, was der Anlass sein könnte. Der Bischof sagt: Mir liegen verlässliche, gleichlautende Informationen vor aus allen Kirchenkreisen. Die Superintendenten bitten uns um Hilfe.

Die erschrockenen Kirchenräte gehen die letzten worst case Szenarien durch. Was ist passiert? Eine neue Austrittswelle? Hat der Bleifraß alle Kirchenorgeln befallen? Protest und Streik der Mitarbeiterinnen aller Kitas für mehr Personal?

Der Bischof beruhigt: Nein, nein! Ganz andere Schwierigkeiten. Im vielen Konfirmandengruppen teilen sich neuerdings drei Jugendliche eine Bibel. Das Material reicht nicht bei der Vielzahl der Anmeldungen. Die Verlage kommen mit Nachdrucken nicht hinterher.

Die Pastoren kommen zu spät zu den Vorstandssitzungen, weil sie so viele Gespräche führen müssen mit Leuten, die wieder eintreten wollen. Gerade in den Städten kennen viele davon nicht mal das Vaterunser. Die Glaubenskurse sind überbucht, und die Küster klagen über die vielen Überstunden, weil sie Abend für Abend Stühle stellen müssen.

Aus den Seniorenkreisen kommen Beschwerden, weil die Gemeindeglieder ihren Stammplatz besetzt finden. Die Kantoren können ihr Herbstprogramm knicken, die Chorproben sind überfüllt mit Neueinsteigern. Die wollen schwungvolle Stücke singen, am liebsten auswendig, und möglichst jeden Sonntag, nicht erst beim Adventskonzert. Auch englische Lieder, You´ll never walk alone und ähnliche Popsongs, nach denen die Kantoren erst googeln müssen.

Allerorten geht der Wein und Oblatenvorrat zur Neige. Denn zunehmend wird das Abendmahl auf Grund hoher Nachfrage monatlich, teils jeden Sonntag gefeiert. Entsprechend länger dauern die Gottesdienste. Auch dann kann noch nicht zugesperrt werden, denn die  Besucher sitzen lange beim Kirchkaffee. Erste Gemeinden beantragen Umbauten für regelmäßigen Mittagstisch. Zur Freude der Singles und junge Familien.

Ist das alles nur ein schöner Traum? Wie ist das, wenn du morgens erwachst nach einem eindrücklichen Traum? Manche hakst du ab. Andere wirken nach. Die Schau von Jesaja wirkt nach. In der Bergpredigt legt sie uns Jesus erneut ans Herz:

Ihr, meine Freunde, seid das Licht der Welt, die Stadt auf dem Berge. Seid bereit. Seid vorbereitet, wenn die letzte Reisewelle heranbraust. Lasst Platz in euren Häusern und Kirchen. Dann könnt ihr den vielen, die kommen und nach dem rechten Weg fragen, zurufen: Gut, dass ihr endlich kommt! Hier seid ihr richtig! Hier kriegt ihr, was ihr sucht. Hier wird euch gesagt, was Gottes Wege sind und wie man wandelt auf seinen Steigen. Hier ist die Mitte, die ihr in eurem Leben braucht.

In dieser Erwartung will ich leben. Und selbst wenn ich das nicht erlebe, bleibt ja die Vorfreude. Auf das letzte Gipfeltreffen. Im Himmel. Wir dürfen dabei sein. Was für Aussichten!

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