Der Himmel unerreichbar fern ? (1.Könige 8, 22-24.26-28)

Jeden Samstag um 18.00 Uhr ging die Sehnsucht der ganzen Familie auf Reisen. Im Wohnzimmer versammelt starteten alle in die unendlichen Weiten des Weltalls, drangen in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch gesehen hatte, um unbekannte Welten zu entdecken und immer im Wissen, dass die Crew des Raumschiffes Enterprise unter Captain Kirk und Mister Spock als erstem Offizier jeder Herausforderung gewachsen sein wird. Sie waren unterwegs in friedlicher Absichten im Auftrag einer Menschheit, die eigentlich Krieg und Streit mit allem, was lebt und mit Vernunft begabt ist, überwinden sehen wollte.
Und in das Morgen dieser Zukunft, wo die Himmel nicht mehr unbekannt, die Sterne nicht unerreichbar waren, die Menschheit geschlossen zusammen stand und Frieden und Verständigung mit allen suchte, wollten wir uns gerne träumen.
Aber sind das nur Kinder- und Wunschphantasien, die im Laufe der Jahrzehnte in den bunten Bildern des Fernsehens und des Kino immer realistischer und zugleich futuristischer wurden?
Die Sehnsucht nach dem Himmel ist so alt wie die Menschheit. Der Blick in den Himmel ist immer der Blick in die Weite, in die Ferne, in die Ewigkeit. Strahlt der Himmel blau, erzählt er von der Freundlichkeit und der Güte des Lebens und verführt uns immer noch dazu, seinen Schöpfer zu loben. Denn ER muss doch auch freundlich und weit, ewig und gütig sein: „HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. „ (Psalm 36,6) Das hat schon der Psalmbeter gewusst. Und mögen sich die Weltbilder, die Weltanschauungen, also die Weisen, wie wir die Welt verstehen und betrachten, auch geändert haben, diesen Ausruf muss ich keinem wirklich erklären, der unter einem strahlend blauen Himmel seinen Blick in die Unendlichkeit des Himmels richtet. Er weiß, dass die Zahl der Welten und Sterne seine Vorstellungskraft übersteigt, egal wie weit unser Verstand und unsere Augen heute schon verstehen und blicken können.
Das der Himmel über einem einzustürzen droht, wie viele früher geglaubt haben, mag uns naiv erscheinen, aber wie bedrohlich angsteinflößend er alles Leuchten auch verlieren und mit allen Gewalten über uns hereinbrechen kann, weiß die Menschheit ebenso lang. Diese Grunderfahrung ist es wohl, die die Menschen von der Sintflut und der alles vernichtenden Kraft des Wassers, das von unten und von oben kommt, erzählen ließ. Es bedurfte nicht erst des Klimawandels, um menschliche Ohnmacht angesichts der Naturgewalten zu erleben, die blindwütend über die Betroffenen hereinbrechen.
Wer will es den Menschen verdenken, dass sie sich da gerne ein Stück des guten und heilvollen Himmels auf die Erde holen wollten…
„Ich fang für dich vielleicht den Sonnenschein“ singen nicht nur Verliebte und : „dass der Himmel über dir und mir aufgeht“ – wie schön wäre das, wenn ich im Schutz des Himmels und seiner Mächte wahrhaft himmlischen Beistand erfahren könnte in einer vom todbedrohten Welt, aus der ich mich nicht in einem Raumschiff wegretten oder in wundersame Welten beamen kann. Diese Umwelt haben unsere Väter und Mütter noch in viel stärkerem Maße  bedrohlich empfunden und sie konnten sich nicht so in trügerischer Sicherheit wiegen, wie wir es mitunter tun, die wir in unseren Breitengraden ( den Rest der Welt blenden wir ja gerne aus) fast nur noch Frieden und Wohlstand selbst bei relativer Armut kennenlernen. Aber dann geht wie in Manchester, wo eben noch jung und alt fröhlich getanzt und Musik erlebt haben, eine Bombe hoch und Himmel und Erde stürzen dann doch ein. Nicht nur vom Rauch der Bombe verfärbt sich der Himmel oder blutrot die Erde, sondern von Hass und Fanatismus geblendet und abgestumpft werden oder sind längst die menschlichen Herzen. Wir haben es eben noch nicht verlernt, Krieg zu führen, Herzen verderben zu lassen, Hass mehr Macht als der Liebe einzuräumen. Der Himmel ist noch nicht wahrhaft auf der Erde und die Flucht in den Himmel immer noch nicht möglich.
Einen Spalt weit mag der Himmel geöffnet sein. Jeder glückliche Herzschlag, jede Berührung der Liebe, jedes Lächeln versöhnter und zufriedener, dankbarer und nicht nur auf sich bezogener Menschen ist solch ein fingerbreiter Spalt, durch den ich in den Himmel schaue. Aber wie schnell kann er sich wieder verschließen…
Die Zeit mit Jesus in den Jahren seiner Wanderschaft, seine Predigten, seine Wundertaten waren ein Himmel auf Erden, so dass die Menschen, die ihm begegneten, sich hinreißen ließen, ihn Sohn Gottes zu nennen. Die Tage und Wochen nach dem qualvollen Tod am Kreuz und seiner Auferstehung, als der Tod mit einem Mal nicht mehr so endgültig und Gottes Leben und seine Ewigkeit viel gegenwärtiger waren, da war das auch Himmel auf Erden und die Trennung von ihm, dem Auferstandenen konnten alle, die ihn kannten und liebten, nur als Himmelfahrt verstehen: jetzt war der Himmel wieder da, wo Gott war. Aber ebenso entdeckten sie den Himmel wieder, wenn sie Gott in ihrem Alltag entdeckten, wenn die Erinnerung an Jesus eine Leben verändernde Kraft und Wirklichkeit wurde, Leben inmitten einer Todeswelt.
Kann man ein Stück Himmel einfangen?
Mit Sicherheit da, wo die Erinnerung an die Stunden im Himmel lebendig bleiben. Der Glaube ist lebendige Erinnerung an Gottes Himmel auf Erden.
Aber die Menschen wollten auch immer schon den Himmel in Stein fassen, ihn bauen, um in ihm heute schon zu Hause zu sein. Salomo baute den Tempel, der Gott nicht fassen, aber seinem Namen eine Heimstatt geben konnte. Dort konnte Gottes Namen angerufen und sein Nähe erfahren werden. Dort berührte er Menschen und dort berührte der Himmel die Erde.
Unsere Väter und Mütter bauten oft als erstes dort ,wo sie wohnen und leben wollten, eine Kirche. Und die große und mächtigen Bauten der Architekturgeschichte haben in ihren prächtigen und kühnen Gewölben das Gefühl der Unendlichkeit, das zum Himmel gehört wie die Weite, eingefangen. So stehen wir in den Kathedralen und großen Kirchenschiffen und spüren die Ewigkeit und Unendlichkeit, wenn wir nach oben schauen. Wir holen uns ein Stück Himmel auf Erden und vertrauen darauf, dass Gott diese Räume füllt, weil die Welt ebenso wie das Weltall nicht kalt und leer, sondern von Gottes Gegenwart erfüllt ist und seine Liebe und seine Güte Wärme und Licht in die Dunkelheiten dieser unendlichen Weiten bringt. Unsre Häuser für ihn und seinen Namen, für die Erinnerung an Leben, Sterben und Auferstehen Jesu mögen das alles nur mit den Möglichkeiten der Zeichensprache ausdrücken. Aber die Erfahrung des Himmels ist doch ganz real an solchen Orten. Gottes berührt mich hier in Wort und Musik und dort in der Weite seiner Schöpfung und und der Unendlichkeit seines Himmels.
Himmelfahrt feiern wir zeichenhaft den Übergang von der Generation, die mit Jesus durch Galiläa gezogen, das Reich Gottes gepredigt und gesehen hat, da wo Menschen Heilung und Vergebung an Leib und Seele aus seinem Mund und durchs eine Hände erlebt hat, hin zu der Generation, die auch ohne zu sehen erfährt, wie lebendig seine Worte und Taten, wie heilsam sein Leben und wie tröstlich sein Sterben und Auferstehen war und ist.
Himmelfahrt ist das Fest der Generation danach und das Fest des trotzigen „dennoch glaube ich“: Gott ist gegenwärtig und Jesus Christus herrscht als König – heute und alle Zeit.
Die Welt wird Gott nicht los, wie gottlos sie sich auch zeigt und wie gottvergessen Menschen auch leben.
Die Grenzen zwischen Himmel und Erde sind eigentlich längst verwischt und verschwommen. Wo der Glaube lebt und Gottes Wort hörbar wird, wo Christus sich schmecken lässt in Brot und Wein, oder Tränen getrocknet werden, wo Menschen fröhlich und glaubensvoll singen wie in diesen Tagen auf dem Kirchentag in Berlin, wo der Macht des Terrors widerstanden und das Leben gefeiert wird, da ist der Himmel nicht fern und Gott gegenwärtig. Mag sein, dass kein Haus und kein Himmel und aller Himmel Himmel Gott fassen können, aber er kann sich schenken und an uns verschwenden, er kann uns berühren, begleiten, stärken, ermutigen. Er zeigt uns sein Gesicht, ein Menschengesicht, liebevoll der Welt und dem Leben zugewandt, der Himmel und Erde umfasst. Ich muss mich also gar nicht jeden Samstag um 18.00 Uhr wegträumen in die Weiten des Weltalls, weil die Weite der Liebe und Gegenwart Gottes ganz nah bei mir ist. Himmelfahrt ist kein Aufbruch in die Ferne, sondern die Ankunft der Güte Gottes ganz nah bei mir über alle Grenzen und Schranken der Zeit hinweg. Gott sei Dank. Amen

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