Kinder: Glaube unerschütterlich

Liebe Gemeinde,
wir hören den heutigen Predigttext, niedergeschrieben im Matthäus 21, 14-22.

 Eine Pfarrerin erzählte vom Unterricht in einer zweiten Schulklasse. Sie hatte dort die Frage gestellt: „Wer war Jesus“? A) ein Zauberer, B) ein Filmstar, C) der Sohn Gottes, E) ein Polizist?

 Knapp die Hälfte der Schüler entschied sich für den Gottessohn, gefolgt vom Filmstar. Dann der Zauberer. Eine Antwort gab es auch für den Polizisten. Das sich etliche Kinder für den Filmstar entschieden konnte sie gut nachvollziehen. Einige hatten Jesus-Filme gesehen. Es fiel ihnen schwer, zu verstehen, dass da Jesus nur durch einen Schauspieler dargestellt wurde.

 Diejenigen, die sich für den Zauberer entschieden hatten, fanden das gar nicht gerecht. Sie hatten doch gerade die Geschichte vom blinden Bartimäus gehört, der wurde geheilt. Und so etwas, meinten die Kinder, kann eben nur ein Zauberer.

 Es ist eine offene Frage, was für Siebenjährige mehr wert ist: der Zauberer oder der Sohn Gottes? Von Gott haben sie keine genaue Vorstellung. Für Jesus allerdings können sie sich so oder so begeistern. Die Pfarrerin berichtete, wenn die Kinder über Jesus reden, dann sind sie fröhlich und haben etwas Jubelndes.

 So ähnlich stelle ich mir die Kinder im Tempel unseres Textes vor. Wie sie staunend und verwundert sahen wie Jesus Kranke heilte. Im Matthäus-Evangelium wird erwähnt, dass sie laut „Hosianna“ riefen.

 Die Bewohner und Gäste singen und jauchzen das „Hosianna“, bei Jesu Einzug in Jerusalem am „Palmsonntag“. Durch die ausgelegten Palmwedel erhielt dieser Tag erst seinen Namen.

 Ein interessanter Sachverhalt wurde mir erzählt. Das hebräische Wort: „Hosianna“ ist mit dem hebräischen Wort für Jesus „Jehoschua“ verwandt. Übrigens war „Jehoschua“ zur damaligen Zeit ein sehr gebräuchlicher Name. „Jehoschua“ bedeutet: „Jahwe, (Gott) ist Hilfe“.

 „Hosianna“, bedeutet im Hebräischen: „hilf doch!“. Dieser ursprüngliche Bittruf, wurde allmählich ein freudiger Zuruf zur Ehre Gottes „(Gott), hilf doch!“ Wir nehmen diesen Lobpreis in hebräischer Sprache bis heute auf. Er ist fester Bestandteil unserer Abendmahlsfeiern und wir singen ihn in einem bekannten Adventslied.

 Für die Kinder, damals, war es ein Ruf, den sie aus dem Gottesdienst kannten. Aus dem Tempel heraus drang er an ihr Ohr. Vielleicht wussten sie nicht einmal was es hieß, dass sie von drinnen her hörten. Ein Ruf zur Ehre Gottes wird Jesus zugedacht. Von Kindern, die nicht ins Tempelinnere durften, sondern draußen im Vorhof bleiben mussten. Dieses „Hosianna“ ist es, worüber sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten ereiferten.

 Sie waren doch diejenigen die bestimmten, was im Tempelinneren geschah. Sie waren die zuständigen „Kirchenfunktionäre“. Gerade hatten sie mit Ingrimm erleben müssen, wie Jesus im Tempel rigoros aufräumte. Die Händler und Wechsler herausgetrieben hat.

 Diese Händler und Wechsler waren wichtig für die Kirchenoberen. Denn diejenigen, die mit ihnen Geschäfte machten, bezahlten auch die Tempelsteuer. Und wahrscheinlich zahlten die Händler beträchtliche Gebühren dafür, dass sie hier ihre Tische aufstellen durften. Jesus hat da ein florierendes Geschäft verdorben.

 Jesus lässt nun die zu Ehren kommen, von denen die Kirchenfunktionäre rein gar nichts haben. Die Kranken und Kinder, sie sind so gar nicht tempelwürdig. Sie haben gefälligst im Vorhof zu bleiben. Und dann noch der Affront (Brüskierung, Beleidigung) schlecht hin. Diese „Unwürdigen“ feiern Jesus mit einem Ruf, der eigentlich Gott zugedacht ist. Das bringt die Pharisäer auf die „Palme“.

 Jesus hat offenbar keine Lust, sich wieder einmal mit ihnen auseinanderzusetzen. Er wirft ihnen einen Psalmvers zu, von dem er annehmen kann, dass sie die Fortsetzung kennen: (Ps 8.3) „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet.“ Der Satz geht weiter: „um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.“

 Den letzten Teil des Psalmverses spricht Jesus nicht aus. Frei nach dem Motto: „Wenn ihrs nicht wisst, schaut doch nach …“. Drehte sich um und lies die Rachgierigen und Feinde einfach stehen. Jesus fordert sie heraus als Schriftgelehrte. Er fordert sie in ihrer Kompetenz, auf die sie sich immer wieder so gern berufen.

 Es ist auch ein zorniger, eifernder Jesus, den wir da erleben. Aber er ist eben nicht zu allen zornig. Zu den Blinden und Lahmen nicht, auch nicht zu den Kindern. Ihnen gehört seine ganze Barmherzigkeit.

 Wütend war er nur auf die, die eigentlich alle Voraussetzungen hatten, sich dieser Schwachen anzunehmen. Stattdessen hielten sie sie auf Abstand, die Distanz wurde verfestigt. „Ihr Schwachen gehört in den Vorhof, nur wir Frommen dürfen nahe zu Gott“. Der Dünkel hatte ihr Herz verdunkelt und verhärtet.

 Manchmal blitzt mir ein bisschen von diesem Dünkel der Pharisäer auf. Da hörte ich z.B., vor längerer Zeit, dass ein neuer Papst seine erste Messe in lateinischer Sprache halten wollte. Wieder einmal wollte der „Klerus“ vorbei an den „Unmündigen“. Vorbei an den Kindern und allen, die „nicht tempelwürdig“ sind. Das hat mich, gerade in der heutigen Zeit, sehr traurig gemacht.

 Jesu Reaktion auf die Pharisäer, aus seinem Blickwinkel, können wir noch halbwegs verstehen. Allerdings, die Sache mit dem Feigenbaum lässt uns ratlos zurück. Nur, weil Jesus gerade Hunger hat und der Baum, an dem er vorbeikommt, zufällig keine Früchte trägt, muss der Baum verdorren, sterben?

 Dies war auch wieder eine gelebte Metapher, ein Gleichnis. Der Feigenbaum sollte das Symbol für das Volk Israel sein. Die frühen Leser des Matthäus-Evangeliums hatten das noch gewusst. Alle Voraussetzungen waren gegeben, dass dieses Volk „Frucht bringt“. Aber diejenigen, die sich als „Hüter des Glaubens“ bezeichneten, wollen den Messias nicht erkennen.

 Was hat das mit uns heute zu tun? Im Gespräch mit der Pfarrerin vom Anfang der Predigt stellte sich eine Frage. Angelehnt am Beispiel Roms fragte sie sich, ob die Kirche nicht auch manchmal so ist wie dieser Feigenbaum?

 Das Tun und Handeln sind die Blätter, aber die Früchte fehlen. Vielleicht soll diese Begebenheit uns einen Spiegel vorhalten und fragen, wie wir alle unseren Glauben leben. Für diejenigen, die die Möglichkeit hatten Latein zu lernen ist es eine schöne Sprache. Allerdings eine Messe vor vielen Gläubigen in Latein zu halten? In meinen Augen, ist das ein Zeichen von Arroganz.

 Ich bin im traditionellen Gottesdienst aufgewachsen. Diesen führe ich auch so sehr gern durch. Ich bemühe mich den Aufbau und Verlauf für die Gemeinde verständlich und durchschaubar zu machen. Es ist mir wichtig Fremdworte zu erklären. Oftmals konnte ich schon in den Gesichtern der „Wissenden“ ein „Aha“ erkennen.

 Heute grüßen wir uns am Anfang des Gottesdienstes mit: „Der Herr sei mit Euch“, und das ist für viele schon schwer zu verstehen. Im Mittelalter grüßte man sich mit der lateinischen Übersetzung: „Dominus vobiscum“. Diese Floskel ist heute für 99% der Gemeindeglieder unverständlich.

 Aufzeigen wie Kirche im Mittelalter war, hilft das aus der Glaubensnot im 21. Jahrhunderts? Unnahbar, prunkvoll, fern, moralisch kategorisch und in konservativen Haltungen? Wie können wir uns auf Werte zurückbesinnen, die in der heutigen Zeit abhandenkamen? Ist Kirchenlatein die angemessene Antwort?

 Es geht doch um ganz andere Werte, Jesus hat sie vorgelebt. Um die Hinwendung zu denen die unserer Hilfe bedürfen. Um unerschütterlichen Glauben. Einen Glauben, der immer wieder auf die Probe gestellt wird, sich aber auch immer wieder bewährt.

 Albert Schweitzer, ein Mann der wirklich nahe bei den Menschen war. Sein ganzes Handeln hatte er unter dem Aspekt des Lebens Jesu gesehen. Er sagte:

 „Viele Menschen müssen durch diesen innerlichen Bankrott hindurch, sie müssen erfahren, dass das, was sie für ihren Glauben halten, gar kein wirklicher innerer Glaube ist, sondern dass sie sich ihren Glauben erst erringen und erbeten müssen; sie müssen innerlich arm werden, damit sie erst sehen, was für ein Reichtum der Glaube ist, der ihnen eine Gewohnheitssache war. Wer diese geistige Armut empfindet, der ist nicht verloren, wenn er auch schwer ringen muss, wenn er auch für den Augenblick durch das dunkle Tal der Verzweiflung hindurch muss.“ (Albert Schweitzer, Predigt am 16.2.1902)

 Und Martin Luther äußerte: „Unsere Vorfahren sind es nicht gewesen und unsere Nachfahren werden es nicht sein. Die Kirche steht und fällt mit unserem Glauben an Jesus Christus.“

 Ich sehe eine wichtige Aufgabe für uns Christen in der heutigen Zeit. Wir müssen intensiv um unseren Glauben ringen. Das beste Mittel dafür ist das Gebet. Beten lernen müssen wir alle immer wieder neu.

 Wir dürfen wissen, dass wir ALLES zu Gott bringen dürfen. All unsere Anliegen. Allerdings, es gehört auch das feste Vertrauen dazu, dass unsere Sache bei ihm wirklich gut aufgehoben ist.

 Jesus sagte: „Wenn ihr zu diesem Berge sagt: „Heb dich und wirf dich ins Meer!“, so wird’s geschehen. Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihrs empfangen.“

 Wie aber kommen wir zu einem solchen Glauben? Ich denke, da können wir uns ganz gelassen ein Beispiel an den Kindern nehmen. Damals sangen sie aus vollem Herzen: „Hosianna dem Sohn Davids“ Auch heute singen die Kinder so gern. Die Pfarrerin erwähnte, ihre Religionskinder haben ein Lieblingslied. Dies möchte sie auch uns ans Herz legen: „Gottes Liebe ist so wunderbar, so wunderbar groß“.

 Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, lassen unser Gebet intensiver und ernstlicher werden. Er lasse unseren Glauben an Kraft gewinnen und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!

 (Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Ursula Schabert.)

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