Heilsame Musik

Predigt über 1. Sam 16, 14-23

Liebe Gemeinde,
heute feiern wir den Sonntag Kantate – singt! – den Sonntag der Kirchenmusik im Reigen der Sonntage nach dem Osterfest.
Den Predigttext haben wir bereits als Lesung aus dem AT gehört. Mein Hebräischlehrer gab ihm die Überschrift „David – der erste Musiktherapeut“.
Saul ist König in Israel, von Gott eingesetzt. Saul ist militärisch erfolgreich gegenüber den Feinden Israels – mit Gottes Hilfe. Der eigentliche Kriegsherr aber ist Gott. Saul ist sein Werkzeug. Doch dann interpretiert Saul ein Gebot Gottes auf eigenmächtige Weise. Gott erzürnt und entzieht im seine Gunst.
Saul ist immer noch König – doch ohne Gottes Unterstützung. „Der Geist des Herrn aber wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn ängstigte ihn.“ (V 14) – So beginnt unser Predigttext.
Heute würde man das vielleicht Depression nennen. Wie kann Saul König und Heerführer sein, wenn er Angst hat?
Sein Hofstaat sieht das Problem – und findet eine Lösung: ein Musiker soll die Harfe spielen, wenn es Saul schlecht geht. Musik verspricht zwar nicht Heilung, aber doch Linderung.
Das mögen Sie selbst auch schon erlebt haben: eine Musik, ein Lied geht zu Herzen und tröstet – oder löst die aufgestauten Gefühle. Auch das verschafft Erleichterung. Oder auch: eine Musik drückt die Freude und Schönheit, das Glück oder die Hoffnung aus, für die uns die Worte fehlen.
Auch Martin Luther schätzte die Musik sehr. Er hatte schon als Kind in der Kurrende – also einem Chor – gesungen und später selbst Lieder gedichtet und komponiert. Wir verdanken Luther, daß die Musik im evangelischen Gottesdienst nicht nur Beiwerk und nette Untermalung ist, sondern eigenständig das Wort Gottes verkündigt.
Luther machte aus seiner Hochachtung vor der Musik keinen Hehl: „Musik ist das beste Labsal eines betrübten Menschen“, schrieb er. Hier sprach Luther wohl auch aus eigener Erfahrung, denn er wurde zeitlebens von Schwermut gequält. Da ging es ihm ähnlich wie König Saul. Zu Saul kehren wir jetzt zurück.
Musik also soll dem Leiden Sauls Abhilfe schaffen. Der Hofstaat findet schnell einen Musiker für Saul: Es ist David, der später – nach vielen Wirrungen – sein Nachfolger als König werden wird. David wird überaus vorteilhaft beschrieben: „ein tapferer Mann und tüchtig im Kampf, verständig in seinem Reden und schön gestaltet, und der Herr ist mit ihm.“ (V 18b)
Tapfer, klug und schön – das alles ist gut und wünschenswert. Doch die Hauptsache steht zum Schluß der Beschreibung: „ … und der Herr ist mit ihm.“ Das, was Saul abhanden gekommen ist und nun schmerzlich fehlt – das hat David: Gott an seiner Seite.
Ansonsten ist David damals noch Schafhirte. (V 19b).
Saul läßt David nun an seinen Hof bitten. David dient nun Saul, dem König.
Der Vorschlag des Hofstaates erweist sich als gut und richtig: Wenn der böse Geist – die Depression – über Saul kam, spielte David für ihn, und es wurde Saul leichter, und der böse Geist wich von ihm. (V 23).
Musik vertreibt Angst und Traurigkeit – vielleicht nicht immer, aber hier.
Das hat auch Martin Luther beobachtet. Er schreibt: „Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, die den Teufel vertreibt und die Leute fröhlich macht.“
Und auch:
„Die Musik ist die beste Gottesgabe – und dem Satan sehr verhasst.“
Hier könnten man nun Amen sagen und Halleluja singen – und alles wäre schön.
Doch dann wären wir über den Text hinweggeglitten und hätten uns nur an den schönen Stellen gefreut: Musik vertreibt Traurigkeit und Angst.

Und dabei hätten wir überlesen und aus den Augen verloren, was da auch steht: Der böse Geist, der Saul quält, ist von Gott. Es ist Gott selbst, der Saul ängstigt und quält.
„Gott macht mir Angst. Gott quält mich. Gott läßt zu, daß ich leide.“ Vielleicht habe einige von Ihnen auch diese Erfahrung gemacht. Nur wenige Menschen können oder mögen darüber sprechen. Unser Predigttext aber sagt dies deutlich.
Gott ängstigt Saul und quält ihn. Der Graben zwischen ihnen ist unüberbrückbar. Unüberbrückbar für Saul – aber anscheinend auch für Gott. Warum ist das so?
Diese Frage bleibt unbeantwortet.
Doch dann ist da noch David. David spielt für Saul, der Angst und Qualen leidet.
Oder vielleicht auch: David läßt sich für Saul auf einen Kampf mit Sauls bösem Geist ein. Spielend, musizierend kämpft David mit dem bösen Geist, kämpft letztlich mit Gott.
Vielleicht ist das ähnlich wie bei Isaak, als er am Jabbok des Nachts mit Gott kämpft (Gen 32, 23 ff).
David kämpft mit Gott, habe ich eben gesagt. Doch es ist kein Ringkampf wie in Isaaks Geschichte. Sondern es scheint mir mehr ein spielerisches Kämpfen zu sein. Wo der böse Geist Saul niederdrückt, da richtet Davids Musik auf. Wo der böse Geist den König ängstigt, da machen ihm Davids Töne Mut und zeigen vielleicht einen andern Weg auf. Einen Weg, der zum Ausweg werden kann.
„Es wurde Saul leichter, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm“ (V. 23), heißt es zum Schluß.
Davids Musik vertreibt nicht den Teufel und Satan – wie Luther es beschreibt – sondern den bösen Geist, der von Gott kommt.
Vielleicht braucht der böse Geist die Musik genauso sehr wie Saul?
Vielleicht wurde der Geist nicht vertrieben, sondern verwandelt?
Vielleicht …

Vielleicht ist es so, wie in einer Szene aus Günther Grass’ „Blechtrommel“. Dessen Held ist Oskar Matzerath, ein Junge, der mit drei Jahren aufgehört hat zu wachsen. In einer Szene sitzt Oskar mit seiner geliebten Blechtrommel unter einer Tribüne. Eine Kundgebung der Nazis findet statt mit Paraden und Marschmusik. Oskar beginnt nun zu trommeln, im Verborgenen – bis alle Musiker seinen Takt und seinen Rhythmus aufgenommen haben. Am Schluß ist aus dem Marsch ein Walzer und aus der Parade ein Volkstanz geworden.

Wenn sich die bösen Geister doch so leicht und spielerisch vertreiben — nein, bekehren, verwandeln ließen …
Ich glaube, daß unser Predigttext nicht nur von der heilsamen Kraft der Musik spricht. Sondern auch davon, daß Gott die Musik liebt und braucht – genauso wie wir.
Natürlich ist das Spekulation. Was weiß ich schon, was Gott braucht? Kann Gott überhaupt etwas brauchen?
Darüber haben Theologen jahrhundertelang gestritten.
Kann Gott überhaupt etwas brauchen?
Ich meine – ja, seit Gott in Jesus Mensch geworden ist, ist Gott nicht mehr bedürfnislos. Sondern braucht … ja, was? Ich sage mal: Gott braucht Musik und liebt sie wie wir Menschen.
Wie gesagt, eine Spekulation.
Doch ich bin mit dieser Spekulation nicht allein. Ein großer Theologe hat ähnliches vermutet.
Nein, nicht wieder Luther, sondern diesmal Karl Barth. Karl Barth liebte und verehrte besonders Mozarts Musik. Karl Barth schrieb über sich selbst: „Ich habe zu bekennen, dass ich seit Jahren und Jahren jeden Morgen zunächst Mozart höre und mich dann erst der Dogmatik zuwende. Ich habe sogar zu bekennen, dass ich, wenn ich je in den Himmel kommen sollte, mich dort zunächst nach Mozart und dann erst nach Augustin und Thomas, nach Luther, Calvin und den anderen erkundigen würde.“
Karl Barth gibt also Mozart den Vorzug vor all seinen Kollegen.
An anderer Stelle schreibt Karl Barth: „Ich habe die Vermutung …, ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen – ich sei aber sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und dass ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.“
Vielleicht hat David so gespielt für Saul und für Gott – und in seinem Spiel machte er die Zuhörer froh und frei – Saul und Gott. Und der Kampf war vorbei – jedenfalls für den Augenblick. Und es gab keine Gewinner und Verlierer, keine Beschämten – sondern Hörende, Lauschende, vielleicht auch Tanzende.

Amen.

drucken