Von dem was geht und was nicht geht (Matthäus 21, 14-17)

Das Ehepaar – das muss man ehrlicherweise  sagen – war etwas irritiert. Natürlich war es schön, dass Kinder mit ihren Stimmen, mit ihrem Lachen, mit ihrer Lebendigkeit das Gottes-Haus füllten. Sie waren froh, endlich einmal nicht diejenigen zu sein, die trotz ihres eigenen, nicht mehr ganz jugendlichen Alters den Altersdurchschnitt senkten. Aber  Kinder waren neugierig, wollten alles entdecken und erkunden, sie wollten alles wissen und konnten Löcher in den Bauch fragen: wer, wie, was, wieso, warum? Das nahm kein Ende. Sie schauten überall hin und kletterten überall drauf.
Und während des Gottesdienstes saßen sie dann mit ein oder zwei Elternteilen hinten in der Spielecke und waren zwar beschäftigt, aber das ging auch nicht ganz ohne Geräusche. Die Murmeln auf der Murmelbahn klackerten und Kinderstimmen erzählten gespannt und aufgeregt, was sie gerade gesehen hatten und was sie als nächstes tun wollten. Immer wieder schauten sich die beiden Älteren zu den Kindern um, von den Geräuschen abgelenkt, mit Mühe, sich zu konzentrieren und der Predigt zuzuhören, und dennoch auch angerührt von der Fröhlichkeit der Kinder. Sie wussten nicht, welchem ihrer Gefühle sie mehr trauen sollten.
Im Gemeindekirchenrat wurde das schon oft diskutiert. Ist paralleler Kindergottesdienst, oder eine besondere Kinderkirche an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit die Antwort darauf, allen Interessen,  der Familien mit Kindern und  derer, die ungestört zuhören, mitbeten und Stille und Kontemplation erleben wollten, gerecht zu werden? Die Meinungen darüber gingen auseinander. Das hing wohl auch damit zusammen, ob zu Hause noch Kinder lebten oder nicht mehr, ob man die Situation also aus der einen oder anderen Perspektive wahrnahm.
Die Kinder jedenfalls fanden den Kirchenraum spannend und kamen so lange gern auch in den Gottesdienst, wie sie dabei Kinder sein und bleiben durften und willkommen waren: eben auch neugierig, voller Tatendrang und immer auf Entdeckungen aus.
Gleich nach dem Gottesdienst, die Gemeinde hatte sich noch ganz verabschiedet, kam schon die erste Besuchergruppe, die die Kirche besichtigen wollten. Es war lange umstritten, ob man am Sonntag überhaupt offne Kirche machen sollte, ob man der Tendenz, Kirchen nur noch als Sehenswürdigkeit oder gar als Museum vergangener religiöser Betätigung zu sehen,Vorschub leisten sollten. Die Spenden, die für die Gemeinde blieben, waren schön und hilfreich. Einzelne setzten sich auch immer wieder nachdenklich und schweigend in die Bankreihen, ließen den Raum auf sich wirken und schienen zu meditieren oder zu beten. Aber andere vergaßen beinahe, an welchem Ort sie sich befanden und verhielten sich wie auf einem Rummelplatz. Dabei, so die gemeinsame Überzeugung, ist eine Kirche ein Ort, der würdiges, angemessenes Verhalten erfordert. An manchen Orten wurde auf entsprechende Kleidung auch im Sommer wert gelegt.
Aus dem Kulturleben der Stadt war die Kirche nicht wegzudenken. Die Konzerte waren gut besucht, es war der größte Raum in der Stadt, der dafür genutzt werden konnte.
Nur wenn die Frage aufkam, ob vor und nach den Konzerten ein Bibelwort, ein Gebet, eine Segensbitte gesprochen werden sollten, gerieten die Beteiligten beinahe aneinander: man könne doch nicht mit der Bibel wie mit einer Keule hantieren oder gar zum Gebet zwingen. Mehr Behutsamkeit und mehr schlichtes Vertrauen in die Wirkung des Ortes forderten sie; ein klares Bekenntnis zur eigenen sakralen Identität des Ortes, in dem die Bibel gelesen und selbstverständlich gebetet wird, was auch niemanden wirklich überraschen könnte, forderten die anderen…
Eigentlich ist es wunderbar, wenn die Frage, was in eine Kirche hineingehört, wer oder was in dieser Kirche willkommen geheißen, was den Menschen dabei zugemutet und zugetraut werden kann, immer noch so viele Gemüter erregt und beschäftigt.
Viele erhoffen sich etwas, wenn sie eine Kirche betreten: nicht nur Zeugnisse vergangener Epochen, Einblicke in das Leben und den Glauben vergangener Generationen, sondern womöglich ja sogar die stille unausgesprochene Hoffnung, dass das auch das Leben heute noch eine Bedeutung bekommt, das dort Glaube, Liebe und Hoffnung zu Hause sind. Viele möchten glauben lernen, nicht nur über den Verstand, auch über das Gefühl, berührt, bewegt, in die Stille und in die Tiefe geführt worden zu sein an einem besonderen, dafür bestimmten, diesem Anliegen geweihten, also gewidmeten Ort.  Das ist eine riesige Chance, wenn so etwas von unserem Gottvertrauen nach außen getragen werden kann, wenn die Töne und Klänge nicht an den Wänden und Mauern hängen bleiben, wenn die Aufforderung „Kantate“ so wörtlich genommen wird, dass der Gesang von Gott und meinem Leben auch auf den Straßen und Marktplätzen, im Alltag ebenso wie am Sonntag zu hören ist.
Allerdings ist der Streit über das, was angemessen und würdig, was richtig und erlaubt ist oder was verboten gehört und überhaupt nicht geht so alt wie die heiligen Orte, um die gestritten wird.
Gerade eben erst hat Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben, dabei war ihr Geschäft als Geldwechsler in die Währung des Tempels für die Tempelgabe umzutauschen oder Tauben für das Opfer anzubieten, die Frömmigkeit der Menschen, der Wunsch am Gottesdienst am Tempel, am Opferdienst teilzunehmen. Was hat das mit einer Räuberhöhle zu tun. Schließlich waren es keine Ablassbriefe, bestenfalls mit kleine Kerzen oder Heiligenbildern zu vergleichen, mit denen man die Gemeindekasse natürlich für einen gemeinnützigen zwecke etwas aufbessern konnte. Geld zu machen auch mit den religiösen Bedürfnissen der Menschen scheint also nicht per se schon in Ordnung zu sein, weil es ja schließlich einem guten Zwecke dient. Der heiligt eben nicht jede Mittel. Da muss ich auch noch einmal länger drüber nachdenken, was das in der Praxis auch für uns heute mit den Schwierigkeiten die vielen großen und keinen, alten und hilfsbedürftigen Kirchen zu erhaltenen und zu unterhalten, dann bedeutet.
Und dann sangen die Kinder ein Loblieb auf Jesus, wussten besser als alle anderen, dass da nicht irgendwer in den Tempel kam, sondern ein Gesandter Gottes; sie legten als einzige ein Bekenntnis ab: „Hosianna dem Sohn Davids“ und diese Einsicht nicht aus den Mündern von Priestern und Schriftgelehrten, von Würdenträgern und Studierten, sondern von Kindern in ihrer unbekümmerten kindlichen Einfalt, die mehr begreift als erwachsene Weisheit. Das ging zu weit.
Das ging zu weit, weil es viel zu sehr um Jesus ging, um seine Verehrung und den unausgesprochenen Anspruch, dass sich Gott hier in besonderer Weise zu Gehör bringt, obwohl doch die am Tempel wirkenden und dienenden für diese Form der Gottesbegegnungen zuständig waren, aber auch weil es den normalen und gewohnten Betrieb einfach störte. Nicht jeder empfindet Unruhe heilsam und mag sich mit dem Gedanken an Veränderungen und Aufbrüchen anfreunden, mag alles so, wie es immer war, und ohne störende Unterbrechung.
Ich denke: das Problem ist auch nicht der Streit.
Es wäre doch schlimm, wenn nicht mehr miteinander gerungen wird, was geht und was nicht geht, was der Würde und dem Auftrag eines Ortes dient oder ihm widerspricht, wenn alles einfach gleich-gültig und damit beliebig wäre. Nein, der Tempel und jedes Gotteshaus erfordern den Streit um den rechten Ort und rechten Gebrauch im gesellschaftlichen Leben und um den rechten Gottesdienst, Gott zur Ehre und dem Menschen zu Nutze.
Und da gibt der Predigttext kurze aber entscheidende Hinweise, die helfen können, den Streit zu entscheiden.
Nach der Tempelreinigung kamen Blinde und Lahme in den Tempel und Jesus heilte sie. Gotteshäuser sind also heilsame Orte. Sie sollen mit allem, was in ihnen geschieht der Seele gut und auch für den Leib heilsam wirken. Sie sind also Orte der Stille, die erreichbar und offen sein müssen. Sie sind Orte, an die alle Menschen mit ihren Sorgen und Nöten kommen dürfen. Da entscheidet nicht die Mitgliedschaft, sondern die Sorgen und Nöte über die Zulassung und den Eintritt.
Da haben Kranke, Menschen mit Handicaps, benachteiligte und Stumme ihren Ort und bekommen eine Stimme und sie bekommen Zuwendung, Brot und Aufmerksamkeit, Liebe in Wort und Tat. Das ist doch eindeutig.
Und dann gehört selbst verständlich das Gottlob aller an diesen Ort. Keiner ist zu groß und keiner zu klein, da gibt es nicht die ernsthaften oder unterhaltsamen Klänge, die gegeneinander ausgespielt werden, da gibt es nur das Gottlob. Der Gesang aller Kehlen soll ihn groß machen. Dazu gehört auch das Lachen und das Frage der Kinder ebenso wie das respektvolle Flüstern der Großen oder das Rocken der Jugendband, wenn in einem Jugendgottesdienst aufgespielt ‚wird.
Jesus ging anschließend aus dem Tempel und ließ alle stehen – hoffentlich nicht einfach ratlos, sondern klüger und im Herzen weiter. Denn offene und weite Herzen loben Gott am leichtesten. Amen

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