„Mann muss mich loben“ – Psalm 98 und der Muttertag

L:       Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes bitten.

L/G:   Stille

L:       Herr, segne du unser Reden und Hören

L/G:   Amen

 

Liebe Gemeinde,

„Mann muss mich loben. Das macht mich glücklich.“
Diesen Postkartenspruch hat meine Frau gut sichtbar in der Küche platziert. Mann muss mich loben. Ein täglicher Wink mit der Postkarte.

Diese Karte ist mir oft eine innere Anfechtung. Warum eigentlich nur Mann? Frau kann auch Mann loben. Ich steuere doch schließlich auch meinen Beitrag zum Haushalt der Familie bei. Es fällt mir schwer mich auf die Aufforderung einzulassen. Stattdessen beginne ich mit einer Aufrechnung.

Loben ist nicht einfach, schon gar nicht, wenn man dazu aufgefordert wird. Gerne bedanke ich mich in allen Variationen, aber den anderen loben? Geht ihnen das auch so? Kommt ihnen ein Lob leicht über die Lippen?

 

Klar tut loben gut. Der Zauber, den ein Lob verbreitet ist mir sehr bewusst.

Wer schon einmal ein Kind gelobt hat, weiß um die Kraft des Lobens und des Lobes. Ein Strahlen geht über das Kindergesicht. Ein Kind, das gelobt wird, schwebt mindestens einen Meter über den Boden und ist erfüllt von Stolz und Selbstbewusstsein.
Ein Erziehungsgrundsatz sagt, zu einem Drittel sollst man Kindern die Grenzen zeigen, zu einem Drittel mit Ihnen Dinge aushandeln, und zu einem Drittel sie loben und in ihrem Verhalten bestärken. Lob ist so wichtig für die Entwicklung eines Menschen.

Doch trotzdem setze ich erst einmal beim Tadel des Lobes, unserer alltäglichen Lobkultur an.

Loben hat für mich oft etwas Überhebliches.

Einen Hund lobt man, wenn er sein Geschäft am richtigen Ort gemacht hat. „Braver Hund“.
Manchen Chefs merkt man es an, dass sie das Lob nur anwenden, um die Hierarchie festzuklopfen:

Herr Meier, das haben sie gut gemacht. Weiter so, dann wird auch noch aus ihnen ein richtiger Abteilungsleiter.

Das Lob eines Einzelnen vor versammelter Mannschaft soll den anderen zum Ansporn dienen: „Schaut her, vielleicht schafft ihr es ja auch einmal.“

Loben hat in unserem Alltag allzu oft etwas Vergleichendes und erhebt den einen über den anderen.

Lob ist unserem Sprachgebrauch Anerkennung für Verdienste und die kann man auch sehr manipulativ einsetzen.
Lobbing heißt einer dieser neudeutschen Begriffe angelehnt an „Mobbing“ und „Bossing“.
Lobbing heißt soviel wie hoch oder wegloben. Ein beliebtes Mittel der Mitarbeiterentfernung in Führungsetagen von Konzernen.

Es gibt Formen des Feedbacks, der Wertschätzung, der Anerkennung, die mir das Lob geradezu ins Gegenteil verkehren.
Hinter dem Deckmäntelchen einer anerkennenden Bemerkung gibt es heute schon sehr subtile Formen der Kritik.

„Heute schmeckt das Essen gut.“

Oder wenn einem das Essen nicht schmeckt, lobt man den Tischschmuck.

War das Ergebnis einer Arbeit nicht zufriedenstellend, heißt das anerkennende Adjektiv „suboptimal“.

Und wenn ich nach einer Predigt höre: „Sie haben sich sehr bemüht“ oder „Das war heute sehr interessant“, gehört das für mich zum absoluten Killerlob. Getoppt nur noch von „Da war schon viel Gutes dabei“.
Dann höre ich lieber gleich die direkte Kritik.

Wir sind heute darauf getrimmt zu loben.
Wertschätzung ist das Credo jeder Unternehmenskultur.

Doch der erhobene Daumen, den wir nicht nur auf Facebook positiv denkend und bestärkend uns gegenseitig entgegenrecken, hat dabei immer etwas Ambivalentes. Wie schnell kann er sich auch nach unten drehen.

Es ist für mich ein Phänomen dieser Zeit, dass wir schnell jemanden hoch loben, aber genauso schnell auch wieder entloben. Wir denken in Hitlisten, wir jubeln junge Menschen zu Superstars hoch, wir loben geistreiche Menschen in Ämter und Aufgaben, wir treiben uns an mit Wertschätzung und Anerkennung, aber wehe, wenn man schwächelt, dann wird der Platz oben auf der Lobesskala schnell an jemanden anderen vergeben.

Es ist mittlerweile eine mediale Masche einen Menschen erst hoch zu loben und ihn dann zu verdammen. Man kassiert zwei Mal an Aufstieg und Fall.

In unserem Predigttext geht um eine andere Form des Lobes und des Lobens.

4 Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!

5 Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!

6 Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!

7 Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

8 Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich

 

Dieses Gotteslob verzweckt sich nicht. Auch wenn zu Beginn des Psalms 98 steht: Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Doch damit wird kein kausales Verhältnis, sondern eine Folge zwischen Lob und Gottes Tun und Handeln beschrieben.

Das Gotteslob lehrt uns einen anderen Umgang mit dem Loben:

Es geht eben nicht um die selbstherrliche Anerkennung der Leistung eines anderen.

Im Bezug auf Gott sollen wir ein neues Loblied, ein anderes als unsere üblichen Loblieder anstimmen: Singet dem Herrn ein neues Lied.

Es geht beim Lobe Gottes nicht um eine Anerkennung Gottes, eine Wertschätzung seines Wesens. Gott braucht das nicht.
Der Lobpreis Gottes ist eine Haltung unserer selbst gegenüber Gott, keine Gegenleistung für Gottes Taten.

Der Lobsänger Gottes rechnet in seinem Lobgesang Gott nicht vor für was er nun würdig ist, gelobt zu werden.

Das Gotteslob ist frei von jedem überheblichen Gefühl man sei in der Lage die Wunder Gottes, seine Schöpfungswerke, seine Heilstaten wertschätzen zu können.

Dank und Lob gegenüber Gott sind frei sein von Aufrechnungen.
Ein solches Danken und Loben entlarvt sich dann schnell, wenn wir etwas eben nicht bekommen haben.

 

Das Gotteslob zeigt uns, dass Loben mehr ist als „Daumen hoch“.

Zum Loben kann man nicht auffordern – auch wenn ich meine Frau jedes Mal, wenn ich die Postkarte sehe heftig lobe – und das Lob darf auch nicht Mittel zum Zweck sein.

Echte Anerkennung, tiefste Wertschätzung steht in keinem kausalen Verhältnis zu einer Leistung. Kann es auch gar nicht. Bei Gott nicht und auch unter uns Menschen nicht. Wer kann die Leistung eines Menschen je richtig einschätzen?

Im Schatten vieler gepriesener und hoch gelobter Menschen stehen andere, die es ungleich schwerer haben Lobenswertes zu erreichen.

Ein anerkennendes Loben lässt uns im schlechtesten Fall darauf schielen, wo wir selbst auf der Hitliste der Heilszuwendungen Gottes stehen.
Ich lobe Gott, denn ich bin gesund und der andere nicht.
Der eine hat einen Job, der andere nicht. Die eine ist gesegnet mit einer glücklichen Familie, die andere nicht.

Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!

5 Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!

6 Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!

7 Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

8 Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich.

Das Gotteslob des Psalm 98 hat etwas sehr leichtes, Fließendes.

Es gleicht einem Gesang

Ich werde nie das Schöpfungslob eines fünfjährigen Kindes vergessen, das das erste Mal am Meer war. Vor den Augen seiner Eltern fing an im Sand zu tanzen: „Papa, schau mal so ein großes Meer. Mama, schau mal wieviel Sand es hier gibt. Und die Sonne ist so warm.“ Und dann: „Gott, Du bist so toll“.

Der Junge wiederholte da immer wieder.

Lob ist, wenn das Herz voll ist und überläuft.

Wenn wir aufhören nachzudenken oder aufzurechnen, wofür wir danken können, sondern einfach nur noch dankbar sind.

Wenn wir uns wiederfinden im Einklang mit dieser Welt, mit uns, mit dem anderen.

Wenn wir nicht darauf schauen, wer oder was Lob verdient, sondern das Lob aus uns heraus sprudelt. Dann sind wir dem Gotteslob des Psalms 98 sehr nahe.

Das Lob Gottes ist wie ein Lied, ein Gesang, der uns durchdringt und in den wir einstimmen, weil er uns ergreift.

Ein aus tiefstem Herzen fließendes Danklied der Schöpfung an seinen Schöpfer.

Im Wortsinne heißt Loben „für lieb halten. Es bringt überschwänglich zum Ausdruck, was uns mit Liebe erfüllt hat.

Ich hebe nicht jemanden oder etwas in den Himmel, sondern ich verbinde dieses „für lieb halten“ mit dem Himmel. Ich himmle, was mich überfüllt.

Häufig stimmen Menschen in der Bibel diesen Lobgesang erst im Rückblick an. Das Loblied der Miriam nach der Errettung des Volkes Israel aus Ägypten:

Singend, tanzend, auf die Pauke schlagend strömt lobend die Erleichterung heraus. Ein beherzter „Gott sei Dank“. Sie und ihr Volk sind erlöst. Endlich frei nach Jahren der Knechtschaft und Sklaverei. Endlich zurück auf dem Weg in das Land ihrer Verheißung. Sie ist erfüllt von der rettenden Nähe und Treue Gottes.

Maria stimmt nach der Ankündigung der Geburt Jesu ein Loblied an:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Auch Maria ist erfüllt von der rettenden Nähe Gottes. Sie trägt sie in sich unter dem Herzen: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf.“

Das Lob Gottes entspringt der Gottesschau, jenem wunderbaren Augenblick, wenn uns die Erkenntnis überfällt, wie frei wir unter Gottes großem Himmel sind.

Wir sind fähig zu diesem Lob, weil wir ein gelobtes Gegenüber Gottes sind. Das Gotteslob gehört zu unserem Wesen als Menschen.
Ein besonderes Schöpfungslob klingt in uns wieder.

An allen Schöpfungstagen erklang ein göttliches „Und siehe es war gut“:

Am Tage der Schöpfung des Menschen sagte Gott:
Und siehe es war sehr gut.“
Wenn wir Gott loben ist es der Widerhall dieses Gotteslobes über uns.

Im Lob Gottes finden wir uns wieder als geliebtes, geschaffenes und zur Freiheit berufenes Gegenüber seines Willens und seiner Gnade, das sehr gut ist.

Loben ist das Lied der Freiheit im Bewusstsein des Geschenks des Lebens.

Jesus Christus stimmte dieses Gotteslob gegenüber den Geschöpfen erneut an und erweckte seinen Widerhall in den Menschen, die lange kein Lob mehr gehört hatten:

Selig sind, die die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

Gepriesen sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.

Gelobt sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

 

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

Der HERR lässt sein Heil kundwerden;

vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.

Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,

aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

 

Dieses neue Lied erfuhr durch Jesus Christus eine besondere Melodie:

Und in unserem Gotteslob klingt es seitdem mit, wenn uns das Wunderbare, das Heilvolle, das Befreiende der Gegenwart Gottes begegnet.

Ein Lied, das uns erfüllt, wenn Worte wie Barmherzigkeit, wie Liebe, wie Segen plötzlich in uns ihre Kraft entfalten und wir herausposaunen, was wir gerade in uns über Gott entdeckt haben. Wie er uns sieht und annimmt.

Momente in denen wir Gott sehr nahe sind und das Lied seiner Schöpfung, das Brausen der Meere, das Frohlocken der Ströme und die Fröhlichkeit der Berge und singen, tanzen und spielen lassen.

Musik und Tanz sind die schönsten Ausdrucksformen dieses Lobens.

Liebe Gemeinde,

Mann muss nicht loben. Lob kann Frau oder Mann nicht erzwingen.

Es geht auch am Muttertag um mehr als um Anerkennung und Dank.

Neue Lieder des Lobes und Lobens dürfen wir singen:

Gottes Lob und Gottes Loben.

Das Überfließen des Herzens im Gegenüber des Schöpfers und seiner Schöpfung.
Brausende Gefühle der Dankbarkeit für Menschen in unserer Nähe, in der Partnerschaft, in der Ehe, in der Familie, in den Beziehungen der Arbeit und des Alltags.

Neu Wahrnehmen, was uns oft so selbstverständlich erscheint.
Neu entdecken, welche Wunder Gott tut. In mir, im anderen, in dieser Welt.

Einfach mal sein Schöpfungslob weitersagen: Du bist sehr gut. Du bist toll. Du bist, wie du bist, ein geliebter Mensch. Ein wunderbares Geschöpf Gottes.

Für dieses Lob gibt es unendlich viele Spielarten:

Du bist eine tolle Frau. Du bist ein toller Mann.

Wir sind eine tolle Gemeinde.

Das Lob Gottes ermöglicht es uns untereinander auf Augenhöhe zu begegnen. Ein kollektives Schulterklopfen, ohne Abzweckungen und Hintergedanken.

Ein Lob in dem wir uns selbst noch erkennen können. Als Menschen, die wunderbaren Dingen fähig sind. Die aber auch schwach sein und Fehler machen dürfen. Nicht in den Himmel gelobt, aber mit ihm verbunden mit unseren Ecken und Kanten.

 

Wir sind nicht Geschöpfe unserer gegenseitigen Gnade und Lobzuteilung, sondern „sehr gute“ Kinder Gottes, Geschöpfe des Lobens und des Lobes.

Was uns im Loben singen und tanzen lässt ist ER, die Erfahrung seiner Gnade und Liebe, dem Geschenk des Lebens:

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!

Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!

Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!

Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich

vor dem HERRN;

 

L:      Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus

 

Amen.

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