Orientierungskrise

Predigt Hesekiel 34,1-16, Misericordias Domini (Hirtensonntag), Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
4 Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht.
7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!
8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort!
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande.
14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.


Liebe Gemeinde,

der Prophet Hesekiel bekommt Post von der Kirchenleitung:

Sehr geehrter Herr Pfarrer, lieber Bruder Hesekiel,

Ihr Pamphlet haben wir zur Kenntnis genommen und sind traurig darüber, dass Sie es gleich veröffentlicht haben, und noch dazu in der Bibel, statt mit uns das persönliche und vertrauensvolle Gespräch zu suchen, zu dem wir zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit sind.

„Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ Sicher kennen Sie diesen Satz des großen Theologen Karl Barth aus dem Theologiestudium. Solche gesunden Selbstzweifel scheinen Sie aber leider nicht zu haben. Sie tun so, als sprächen Sie in Gottes Namen. Damit stoßen Sie nicht nur uns, sondern jeden vernünftig denkenden Menschen vor den Kopf. Niemand kennt die Wahrheit über Gott und nur wenn wir das ernst nehmen, können wir als Kirche auch für die Menschen einladend sein, die die Wahrheit über Gott nicht kennen. So wie Paulus den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche wurde, so sollen wir den Suchenden ein Suchender, den Sprachlosen ein Sprachloser, den Blinden ein Blinder und den Ungläubigen ein Ungläubiger werden. Denn die Menschen sollen sich bei uns wohl, verstanden und wie zuhause fühlen und auch weiterhin gerne ihre Kirchensteuer zahlen.

Was aber viel schwerer wiegt, ist ihr Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen im Pfarramt und in den kirchenleitenden Ämtern. Wenn – wie in ihrem Pamphlet – der Ton und die Art und Weise nicht stimmen, braucht man sich mit dem Inhalt gar nicht mehr befassen. Was hilft denn die schönste Wahrheit, wenn sie jemand als lieblos empfindet? Denken Sie daran: Gefühle sind in der Kirche fast alles. Der Umgang in der Kirche sollte deshalb gerade unter den Amtsträgern von Freundlichkeit, Achtung und Wertschätzung füreinander geprägt sein. Denn das sind unsere allerhöchsten Werte. Nur so geben wir der Welt ein gutes Beispiel. Nur so zeigen wir, dass wir für alles und jeden Verständnis haben. Genau das ist der wichtigste Teil der Botschaft vom menschenfreundlichen Gott, der jeden so liebt, wie er ist. Wer ihren Brief liest, fühlt sich stattdessen kritisch beurteilt und schlecht und zum Nachdenken gezwungen, auch wenn er das gar nicht will. Wie Sie wissen, haben wir deshalb die Fähigkeit zum wertschätzenden Umgang mit jedermann, besonders aber mit Kollegen und Vorgesetzten, in unsere Beurteilungsrichtlinien für Geistliche aufgenommen und bescheinigen Ihnen schon auf diesem Wege dringenden Fortbildungsbedarf auf diesem Gebiet.

Wir bitten Sie daher, Ihre Worte in der Bibel zu widerrufen und sich bei uns und den Kolleginnen und Kollegen für ihre Entgleisung zu entschuldigen. Jeder hat heute Verständnis, dass es bei den übermäßigen Belastungen im Pfarramt irgendwann zu einer solchen Fehlleistung, wie der Ihren, kommen kann. Wir bieten Ihnen danach einen Sonderurlaub in einem unserer Erholungshäuser an, bis Sie wieder zu sich gekommen sind.

Mit herzlichen Grüßen – Ihre Kirchenleitung

Die Krise der evangelischen Kirche ist keine finanzielle Krise, keine strukturelle Krise, keine organisatorische Krise, keine demographische Krise, keine Mitgliederkrise, keine Personalkrise. Die Krise der evangelischen Kirche ist „eine theologische Orientierungskrise“. Das schreibt die Theologin Isolde Karle in ihrem Buch „Kirche im Reformstress“ (Gütersloh 2010, S. 259).

Und wer den fiktiven Brief der fiktiven Kirchenleitung aufmerksam und mit gemischten Gefühlen gehört hat, spürt: Es klingt alles irgendwie richtig und doch ganz falsch. Hier schreibt eine Kirche, die nicht mehr weiß, um was es in der Kirche eigentlich geht. Nein, Blinde können Blinde nicht führen. Ja, Gott nimmt jeden an, wie er ist, aber so sollen wir nicht bleiben. Ja, unsere Rede von Gott ist Stückwerk, aber sie hat ja auch nicht zum Ziel, dass Menschen an uns glauben und in der Kirche eine Heimat finden, sondern Gott vertrauen und im Glauben an ihn eine Heimat finden. Gerade die Unvollkommenheit unserer menschlichen Rede von Gott gibt Gott die Ehre. Sie muss aus dieser Einsicht heraus von Gott alles erwarten.

Aber wir dürfen gerade deshalb nicht feige schweigen und verstummen und jedem nach dem Mund reden. Das hieße, von Gott gar nichts mehr erwarten. Dann verwechseln wir die eigene Orientierungslosigkeit mit Toleranz und Achtung vor der Meinung der anderen. Vielmehr gilt: Gerade die Einsicht in die Unvollkommenheit, ja die Unmöglichkeit unserer Rede von Gott, ist das Ergebnis einer großen Anstrengung des Denkens. Und das ist etwas völlig anderes, als der windelweiche Rat, es mit dem Denken in Glaubensdingen gar nicht erst zu versuchen. Dann ist die Kirche selbst ein Verein geworden, in dem – wie heute überall schick und üblich – in Sachen Religion vor allem im Trüben gefischt wird.

Und schließlich: Wir hören in diesem Brief wie die Hochschätzung der Wertschätzung ganz schnell zur Abwertung und zur Abschätzigkeit gegen den führt, der die vermeintliche Regel verletzt. Der wahre Schatz der Kirche ist aber nun einmal nicht die Moral, sondern das Evangelium von Jesus Christus und das gehört in der Kirche deshalb mit allen Kräften wertgeschätzt und die Menschen, die das Evangelium hören und tun und es weitertragen und weitersagen. Dann wird sich alles andere daraus ergeben.

„Denn es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören.“ (Martin Luther: Die Schmalkaldischen Artikel, 1537, Luther-W Bd. 3, S. 366) Das muss die Kirche sein dürfen, ohne dass es jemand in ihr und neben ihr als unzumutbare Zumutung empfindet. Wer solches in der Kirche als Zumutung empfindet, der setzt sich dem Verdacht aus, dass er selbst zu den selbsternannten Hirten gehört, die gerne möchten, dass in der Kirche nicht die Stimme des guten Hirten, sondern ihre eigene gehört wird. Tröstlich ist, dass Schafe weder lammfromm noch dumm sind, und sehr wohl merken, ob der, der zu ihnen redet mit der Stimme des guten Hirten redet oder seine eigene Politik betreibt. Sie merken genau, ob der, der ihnen predigt, ihnen den guten Hirten predigt oder das, was er selbst im Schilde führt. Tröstlich am Brief des Hesekiel ist, dass Gott dem Treiben der unfähigen Hirten nicht lange zuschaut.

Und wir merken und begreifen ganz schnell, dass im Brief des Hesekiel der einzige und wahre gute Hirte zu Wort kommt. Wenn wir seine Worte hören, hat jede theologische Orientierungskrise ein heilsames Ende: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“ Am Hirtensonntag ist die Kirchenleitung abgemeldet und unsere Sorge um uns, um die Kirche und um unsere geschundene Welt dazu. Heute dürfen wir uns die Fürsorge Gottes gefallen lassen, damit wir morgen wieder miteinander und mit unserer Welt umgehen – hoffentlich so, wie es dem guten Hirten gefällt.

Die Predigt zum Hören

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