Hirten und Herde

Predigt über Ez 34, 1-2 (3-9) 10-16. 31
2. So nach Ostern, Miserikordias Domini Reihe III

Gnade sei mit euch und Friede
Von dem der da ist
und der da war
und der da kommen wird,
Christus, unserm Herrn. Amen

Liebe Gemeinde,
dieser Sonntag hat zwei Namen: Miserikordias Domini – zu deutsch: die Barmherzigkeit des Herrn. – Und: Der Sonntag vom guten Hirten. Der zweite Name erschließt sich sofort. Alle Texte dieses Gottesdienstes erinnern uns an das Bild des guten Hirten. Ein Bild für Gott – so haben wir es in Psalm 23 gebetet bzw. gesungen (EG 274 Der Herr ist mein getreuer Hirt). Ein Bild, das Jesus von sich zeichnet – so haben wir es im Evangelium gehört (Joh 10, 11-16).
Dabei greift Jesus auf einen älteren Text zurück, in dem Gott sich als der wahre, als der gute Hirte offenbart. Das ist unser Predigttext für heute.

Predigttext verlesen (Gute Nachricht)

Der Hirte – das ist in der Bibel zunächst einmal ein Bild für die Könige Israels. Der Hirte ist das Ideal, dem ein König in seinem Amt nachleben soll. In einem Lexikonartikel heißt es: „Das traditionelle Arbeitsumfeld des Hirten zeichnet sich durch die Nähe zu seinem Vieh aus. Der Hirte bleibt zum Teil auch nachts auf der Weide und beschützt seine Herde vor Räubern und Raubtieren. … Um sich gegen die Gefahren wehren zu können, hat der Hirt nur eine geringe Bewaffnung.“
Viele Hirten waren und sind mehr oder weniger Nomaden. Die Herde zieht in der Landschaft umher, von Weideplatz zu Weideplatz und der Hirte weist ihnen den Weg und zieht mit. So prägen die Tiere der Herde und ihre Bedürfnisse das ganzes Leben des Hirten.
So sollen es auch die halten, die das Volk Israel, das Gottesvolk anführen. Sie sollen nicht Herrschende sein, sondern Dienende. Sie sollen nah dran sein an den Menschen und ihren Bedürfnissen. Doch so war es nicht.
Durch den Propheten Ezechiel kritisiert Gott das Verhalten der Könige Israels und ihrer Beamten. Sie hatten nur ihren eigenen Vorteil im Blick. Sie nutzten ihre Position, um sich zu bereichern. Die Schwachen, denen sie helfen sollten – die Armen, die Witwen, Waisen, Versehrten, die, die am Rand stehen – beachteten sie gar nicht. Sie versagten auf ganzer Linie – durch Eigennutz und Habgier. Das führte in die Niederlage gegen die babylonische Armee, die Eroberung und Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Das endete mit der Verschleppung der Oberschicht ins babylonische Exil, in dem sich auch Ezechiel nun befindet.
In dieser Situation sagt Gott: Die Machthaber haben sich als schlechte Hirten erwiesen. Sie haben der Herde Not und Verderben gebracht. Nun will sich Gott selber seines Volkes annehmen als der gute Hirte. Er will die Verlorenen suchen und finden. Er will die Zerstreuten zusammenführen. Er will die Schwachen stärken, die Verwundeten heilen und die Starken behüten. Er will so für alle sorgen, daß es ihnen gut geht und sie gedeihen. Die Prophezeiung endet mit dem Versprechen: (V 31) Ihr seid meine Herde, für die ich sorge, und ich bin euer Gott. Das sage ich, der HERR, der mächtige Gott.’« (Ps 100,3)
Das Bild des Hirten – zur Zeit Ezechiels und im Orient war es alltäglich und vertraut. Hirten üben einen der ältesten Berufe der Menschheit aus.
Doch heute und in unsern Breiten sind Hirten, die ihre Herde betreuen, selten geworden. Schafe werden nicht mehr für Wolle, Milch und Fleisch gehalten, sondern meist zur Landschaftspflege. Es gibt Nachwuchsmangel unter den Schäfern, denn dieser Beruf kennt keine Vierzig-Stunden-Woche und bringt – finanziell gesehen – sehr wenig ein.
Hirte – ein bedrohter, aussterbender, weil veralteter Beruf.
Taugt dann das Bild des Hirten in der modernen Welt noch als Ideal für Politiker und Wirtschaftsführer?
Oder ist dieses Bild völlig veraltet in unserer Zeit und unserm Land, wo das Volk der oberste Souverän ist? „Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus“, heißt es in Art. 20 unseres Grundgesetzes. „Wir sind das Volk“ schallte es 1989 auf den Montags-Demos in der zuende gehenden DDR. Dieser Ruf war eine Selbstermächtigung und Selbstbestätigung derer, die da auf die Straße gingen.
„Wir sind das Volk“ und „das Volk ist der oberste Souverän“. Wie paßt das zusammen mit dem Hirtenbild, in dem wir als Herdentiere von einem Hirten geleitet werden?
Sind wir nicht alle selbständige – ja souveräne – Individuen?
Als Souveräne delegieren wir die Aufgaben an gewählte Vertreterinnen und Vertreter. Um im Bild des Hirten zu bleiben: Wir wählen unsere Hirten selber – aus unserer Mitte. Damit haben wir eine größere Verantwortung als Herdentiere, die einem Hirten nur zugeordnet werden. Denn wir entscheiden selbst, welchen Menschen solche Verantwortung übertragen wird. Wir entscheiden selbst, wie mit uns – als Ganzes – umgegangen wird.
Da stellt sich uns bei jeder Wahl die Frage: Wessen Interessen haben wir im Blick? Nur unsere eigenen? Oder auch die anderer Menschen, die vielleicht ganz anders denken und leben als wir? Die uns fremd sind? Die wir nicht kennen – und vielleicht auch gar nicht kennen wollen?
Wenn wir nur unsere eigenen Interessen zum Kompass bei Wahlen machen – was unterscheidet uns dann von den schlechten Hirten, wie sie im Predigttext beschrieben werden?

Anfang des Jahres reiste ich nach England. Mein Patenonkel war nach längerer Krankheit gestorben. Ein trauriger Anlaß – doch auch schön, die Familie zu sehen, mit der wir seit mehr als 65 Jahren und in der 3. Generation befreundet sind.
Am Vorabend der Trauerfeier hatte ich Gelegenheit, mich mit dem jüngeren Bruder des Verstorbenen zu unterhalten, der auch schon 80 Jahre alt ist. Er kam sofort auf den Brexit zu sprechen. Er und seine Frau hatten mit Yes bzw. Leave gestimmt. Die vielen Ausländer im Land und daß alles von Europa bestimmt wird – das wollte er nicht länger!
Seltsam nur: Seine Tochter ist mit einem Franzosen verheiratet und lebt auch dort. Gut, daß ihre Kinder zwei Pässe haben. Ein Sohn ist mit einer Irin verheiratet. Sie leben mit ihrer Familie außerhalb Europas, und er arbeitet für eine deutsche Firma. Den beiden Familien geht es gut – trotz – oder gerade wegen der Europäischen Union. Sie hätten anders abgestimmt als ihr Vater – doch haben sie sich nicht darum gekümmert – zu kompliziert …
Wer hat da das Wohl der ganzen Herde im Blick gehabt?

Die Franzosen entscheiden nächsten Sonntag in einer Stichwahl, wem in den nächsten fünf Jahren das Präsidentenamt anvertraut wird. Auch ihre Wahl hat Auswirkungen, die die Grenzen Frankreichs überschreiten.

Doch auch wir werden dieses Jahr Gelegenheit haben zu entscheiden, wem die Verantwortung und die Entscheidungen für die deutsche Herde anvertraut werden sollen.
Was wird in unsere Wahlentscheidung einfließen?

Noch einmal zurück zu unserm Predigttext. Gott steht über den Hirten. Deshalb kann Ezechiel überhaupt schreiben, was er schreibt. Alle Hirten sind Gott verantwortlich.
In Demokratien heißt das dann: die die Hirten wählen, sind es auch. Auch wir stehen mit unserer Entscheidung vor Gott.
Miserikordias Domini – die Barmherzigkeit des Herrn – das ist der andere Name unseres Sonntags.
Miserikordias Domini – die Barmherzigkeit des Herrn – dies sollte einfließen in unsere Entscheidungen, wem Verantwortung und öffentliche Ämter anvertraut werden.

Amen

Und der Friede Gottes, …

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