Alles schon einmal gewesen? (Johannes 21, 1-14)

Das nennt man wohl ein Dejavu: dieses starke Gefühl, einen Augenblick schon einmal erlebt zu haben. Aber eigentlich kann das nicht sein. Manche sagen: da meldet sich etwas in meinem Unterbewusstsein zu Wort, was ich bisher erfolgreich verdrängt habe oder einfach nur am Rande wahrgenommen und folglich nicht ernst genommen habe. Andere sagen: da sind einfach nur Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis ein wenig durcheinander gekommen und habe ein Erlebnis falsch abgespeichert. Aber. egal wie groß der Wunsch auch ist: was vergangen ist, ist vergangen. Martin Suter hat in seinem Roman „Zeit,Zeit“ mit dem Gedanken gespielt, dass ich nur den äußeren Rahmen komplett wiederherstellen muss, damit sich auch die Ereignisse wiederholen oder gar rückgängig machen lassen – ein Motiv, literarisch erlaubt, aber da ist allein der Wunsch Vater und Mutter dieses Gedanken. Wir können uns erinnern lassen an Gewesenes. Was vergangen ist, hat ja dennoch Einfluss auf mein Leben, ich trage meine Vergangenheit in mit und mit mir, ich bin, was ich geworden bin mit den Erfahrungen, den Begegnungen eines langen Lebens. Aber ich kann nicht einfach an Gewesenes anknüpfen, es wird immer anders sein.
Wer diesen eigentümlichen Schluss des Johannesevangeliums liest, hat auch so etwas wie ein Dejavuerlebnis: ist das nicht alles schon einmal gewesen? Nur verdrängt oder sind die Zeiten durcheinander gebracht – vor Ostern oder nach Ostern…?
In der Erinnerung vieler gibt es neben der objektiven Wahrheit immer mindestens zwei subjektive Wahrheiten.
So jedenfalls lese ich diese Geschichten von den Fischern am See Tiberias oder Genezareth. An diesem Ort hat Jesus sie am Anfang ihres gemeinsamen Weges aus ihrem Alltag als Fischer in die Nachfolge gerufen, sie haben ein altes Leben zurückgelassen, in ihrem alten Leben, in ihrem Alltag treffen wir sie wieder. Das mag daran liegen, dass nach dem Tod Jesu die Zukunft für sie nur in ihrer Vergangenheit als Fischer gelegen haben mag, das mag aber auch Sinnbild dafür sein, dass Nachfolge, Leben als Christ nicht ununterbrochener Ausnahmezustand sein kann, sondern im Alltag stattfindet. Auch wenn mein Stand jetzt Christ ist, bin ich doch von Beruf weiter Fischer oder Tischler, oder Physiotherapeutin oder Rentner. Ausnahmen bilden da die wenigen Berufschristen wie Pfarrer*innen und Kanto*innen oder Katechet*innen.
So treffen wir also die Jünger wie bei ihrer ersten Begegnung mit Jesus in ihrem Alltagsgeschäft, Petrus mit entblößten Oberkörper, weil sich so womöglich leichter arbeiten lässt, und zudem im Augenblick wenig erfolgreich. Müssig daran zu erinnern, dass der Glaube Leben nicht automatisch erfolgreicher macht, bestenfalls lässt es sich leichter leben mit dem Wechsel von Erfolg und Misserfolg. Das Werk meiner Hände gelingt oder gelingt nicht, da geht es den Christen wie den Menschen.
Den Jüngern gelingt es gerade nicht, die Netze bleiben leer. Und da wird nicht über den Sinn oder Unsinn des Lebens pilosophiert, über die Gerechtigkeit Gottes oder seine Ungerechtigkeit, und ob mein Misserfolg sogar zeigt, dass da kein Gott sei: nichts von alledem. Gott zeigt sich nicht im Erfolg oder manifestiert Abwesenheit durch Misserfolg. Viel wichtiger ist etwas ganz anderes. Bei all dem steht Jesus unerkannt, gänzlich unbeachtet am Ufer.
Das ist für mich ein Sinnbild. Wir leben ja im allgemeinen so, als ob Gott mit meinem Alltag nicht viel zu tun hat. In den Extremsituationen des Lebens fragen wir nach ihm. In den Glücksmomenten vielleicht ein kurzer Dank, beim ersten Schrei des Kindes nach der Geburt, in dem Augenblick, wo man dieses zarte Menschenwesen. das erste Mal in seinen Händen hält, oder in den tiefen Krisen des Lebens, wenn überhaupt nicht klar ist, ob und wie es eine Zukunft geben kann. Dann fragen, suchen oder schreien wir nach Gott.
Aber Jesus steht am Ufer mitten in den Alltagsdingen der Seinen.
Martin Luther hat den Beruf den alltäglichen Gottesdienst genannt. Es gibt diese Trennung von weltlichem und geistlichem Leben nicht wirklich. Ob ich wache oder schlafe, ob ich arbeite, lerne oder ruhe.: am Ufer meines Lebens steht Jesus, manchmal unerkannt, aber deswegen ja nicht weniger gegenwärtig und er sieht auf mich und mein Tun. Er sieht meinen Erfolg und mein Scheitern. Und nicht nur manchmal sagt er mir dann: in Gottes Namen, fang an. Und ich darf sagen: auf dein Wort hin. So war es beim ersten Mal und so ist es heute wieder. Und mit den Augen des Glaubens kann ich dann bei meinem Tun entdecken, dass ich gar nicht allein auf mich gestellt bin, dass einer ein Auge auf mich hat und mir Gelingen schenken kann. Und wenn ich mir die Zeit und die Offenheit und Ehrlichkeit gönne, dann kann ich ebenfalls bekennen: es ist der HERR!
Petrus wird in diesem Augenblick mit einem mal bewusst, wie nackt er dasteht, wenn er sich nur auf sich allein verlässt. Wie die Menschen im Paradies fühlt er sich nackt und durchschaut, als er merkt, dass Jesus nach ihm sieht. Dabei ist es ein liebevoller, kein vorwurfsvoller Blick. Das haben wir auch bitter nötig. Denn in unserem Arbeiten, aber auch in unserem Lieben, in unserem Begleiten, in unserem Alltag als Eltern, Großeltern, als Gemeinde gelingt uns so vieles nicht und dann ist es gut, wenn uns einer liebevoll anschaut und uns lehrt, der Kraft der Vergebung mehr zu trauen als der Gewalt des Vorwurfes und des Streites.
Der Lieblingsjünger, wer auch immer das war, und Petrus mit den anderen Freunden und Fischern unterbrechen in diesem Augenblick ihren Alltag. Am Ufer hat der Auferstandene alles für ein gemeinsames Mahl vorbereitet. Das Feuer brennt, Brot und Fisch sind zubereitet und warten nur darauf , dass alle sich niederlassen. Wir alle miteinander wissen, wie wichtig gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie sind, wir wissen wieviel Diplomatie in der großen Politik auch von Speise und Trank entschieden werden und ich kann mir ein Christentum ohne Essen und Trinken, vor allem aber ohne diese Unterbrechungen des Alltag, ohne die kostbaren Augenblicke der genussvollen Muße nicht vorstellen. Was bleibt den Christenlehrekindern von der Zeit in der Christenlehre besonders in Erinnerung: die Rüstzeiten mit den gemeinsamen Mahlzeiten und die Andachten, die dem Tag eine Struktur geben und Gott in den Alltag der Menschen hineinholen.
Deshalb ist vielen im Leben eines Christen das Abendmahl und der Gottesdienst ebenso wichtig wie die Taufe – und ich finde wir sollten auch mit Kindern, die das ganz genau empfinden können, häufiger Abendmahl feiern. Denn nirgendwo sonst wird in unserem Leben so greifbar und so sinnlich erfahrbar, was seit dem ersten Ostermorgen das alles bestimmende Bekenntnis der Christen ist: der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja! Er ist da, manchmal unscheinbar und unerkannt an den Unfern unseres Lebens. Dann aber ruft er uns und traut uns zu: auf ans Werk und dann lädt er uns ein, innezuhalten und die Gemeinschaft mit ihm zu erleben, den Alltag mit ihm zu teilen.
Mir macht das Mut für unser Alltagsleben, weil ich hoffe, dass Bruno es auch so erleben kann.
Mir macht das auch Mut, wenn die Welt in ihren Grundfesten erschüttert ist, wenn ich immer wieder von den Ertrinkenden im Mittelmeer höre, die Bilder von den zu Tode gebombten Kindern in Syrien sehe, die Augen der Hungernden, den Wahnsinn der Kriegstreiber oder den Profi derjenigen, die sich an den Ungerechtigkeiten dieser Welt bereichern, oder Freiheit und Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Wo ist dein Gott fragen da viele und ich möchte ihnen sagen: er ist steht am Ufer und nichts ist und bleibt ihm verborgen. Aber die Netze auswerfen und die Arbeit des Friedens ist doch unsere Aufgabe, die wir so viel auf unsere Freiheit und Selbstständigkeit geben. Machen wir nicht Gott für unsere Fehler verantwortlich, bitten wir aber ihn darum, dass er uns nicht links liegen lässt, sondern bei uns bleibt und uns die Hände und Herzen stärkt für alles, was dem Frieden dient, damit wir und noch mehr unsere Kinder in eine Welt des Friedens hineinwachsen und am Ende nicht einfach nur nackt dastehen.
Nein die Welt ist nicht gottlos, die Welt wird Gott nicht los. Er steht da und ist da, er sieht und ruft uns mit Namen
Sehen wir es?
Hören wir es?
Bezeugen wir es?
Der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!
Amen!

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