Die Witwe, der Jünger und ich (Mt 12,41-44)

  1. Die Witwe

41Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42Und… ich trat auch herzu und legte zwei Scherflein ein.

Ich merkte die Blicke in meinem Rücken ganz deutlich. Sie bohrten sich regelrecht in meinen Rücken. Spöttische Blicke waren das von deinen einen.
Von den Reichen. Spöttisch und vielleicht sogar doch auch ein bisschen mitleidig. „Zwei Scherflein“, hörte ich sie denken, „das hätte sie sich doch auch sparen können. Was soll man den mit den zwei mikrigen Scherflein anfangen.“

Ja, ihr reichen Idioten. Für euch sind das Peanuts. Für euren Lebensstil ist das nichts. Mit zwei Scherflein könntet ihr wirklich nicht viel anfangen. Und ihr meint, weil ihr damit nichts anfangen könnt, weil ihr euch für zwei Scherflein noch nicht mal bücken würdet, wenn ihr sie auf der Straße fändet, ihr meint weil, dass für euch nichts ist, wäre es auch für andere nichts.
Ihr Idioten, ihr Ignoranten, ihr arroganten A… nein, so etwas sagt man nicht. Für mich sind zwei Scherflein eine Menge. Und ich weiß, dass das für andere Menschen auch so ist. Zwei Scherflein – damit kann ich mir keinen Wagen kaufen und kein Haus und nicht ans Meer fahren. Aber für zwei Eier reicht’s und aus zwei Eiern ein bisschen Gemüse aus meinem kleinen Garten kann ich schon was leckeres zaubern und werde ein oder sogar zwei Tage gut satt.

Zwei Scherflein – ja, eigentlich, wäre es vielleicht besser, wenn ich selbst behalte und mir selbst etwas kaufe. Wer weiß schon, wie es morgen aussieht.
Aber vielleicht könnten diese zwei Scherflein heute jemand anderem gut helfen. Und das Gartengemüse schmeckt auch ohne Ei.
Jemand der sich täglich gegrilltes Lamm mit Falafel und dicken Bohnen reinzieht, kann das natürlich nicht verstehen.

Ich merke die Blick im Rücken – die Blicke der Reichen und die Blicke derer, die mich für verrückt halten. Die mich für nicht mehr zurechnungsfähig halten – wie meine Kinder. Denen sage ich schon gar nicht mehr, ob und was ich hier spende. Die entmündigen mich noch oder beantragen eine Betreuung für mich. „Die Alte spinnt und fängt an Dummheiten zu machen“, höre sich sie hinter vorgehaltener Hand reden. Wenn die wüssten.
Aber Jesus sprach […]: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.“
So sieht das aus!

  1. Der Jünger

41Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; […] 43Und er rief seine Jünger zu sich und so bin natürlich auch ich zu ihm gekommen.

Ich hatte die Szene ja auch beobachtet. Diese alte Frau: Lächerliche zwei Scherflein hatte sie in den Spendenkasten geworfen. Naja, eigentlich geht mich das ja gar nichts an, was da einer rein tut. Aber Jesus hat ja auch gekuckt und ich dann halt auch. Und dann dieses alte Mütterchen mit ihren zwei Scherflein. Die anderen, die wir vorher beobachtet hatten, hatten ja vielmehr hineingetan. Mindestens das doppelte… Ach, was sage ich: das zehn- bis sogar hundertfache hatten da manche hineingetan. „Mann, was müssen die für Geld haben“, habe ich mir da noch gedacht. Und als dann dieses Mütterchen kam mit ihren zwei Scherflein, da habe ich mir gedacht: „Naja, das hätte sie wohl auch für sich behalten können. Nach dem ganzen Geld, was die anderen vorher gespendet hatten, hat das den Kohl ja nun auch nicht mehr fett gemacht.“ Da hätte sie sich doch bestimmt noch zwei Eier oder ein halbes Brot vom Vortag von kaufen können. Das machen wir Jünger ja auch nicht anders, seitdem wir mit Jesus durch’s Land ziehen.

a) Einfach Leben

Und dann ist mir aufgefallen: Seitdem ich mit Jesus durch’s Land ziehe, lebe ich manchmal auch schon eher von der Hand in den Mund. Das war mir bisher gar nicht so aufgefallen.

Komisch eigentlich; obwohl wir manchmal morgens noch gar nicht wissen, was Jesus so vorhat und wo wir denn am Abend sein würden und was es zu essen geben und wo wir schlafen würden, hat uns da eigentlich nie beunruhigt. Irgendwie hat’s ja immer geklappt. Noch nie sind wir wirklich hungrig geblieben. Oder mussten auf der Straße schlafen. Irgendein Bett oder irgendeinen Stall haben wir noch immer gefunden und irgendjemand hat uns auch immer zum Essen eingeladen. Das war nicht immer ein Festmahl, nein wirklich nicht. Im Gegenteil: Ein Festessen gab es selten. Die meisten Menschen, die wir besucht haben waren nicht so gut betucht. Das waren eher solche wie diese Witwe hier. Die wussten wahrscheinlich selbst nie genau, wie es am nächsten Tag oder in der nächsten Wochen bei ihnen aussehen würde. Aber irgendwas hat es immer gegeben: ein bisschen Hirsebrei mit Gemüse, ein Fladenbrot und ein Glas Wasser oder Wein war noch immer drin. Die Menschen haben geteilt und wir hatten meistens auch noch etwas, was wir beisteuern konnten und letztendlich war es doch immer irgendwie ein Festmahl.

Ja klar, wir hätten auch ein leckeres Lamm genommen. Aber das konnten sich unsere Gastgeber in der Regel nicht leisten. Und wir ja auch nicht. Im Gegenteil: wir sparen schließlich schon seit Wochen dafür, dass wir uns ein Lamm zum Passahfest leisten können. Mal sehen, wo wir das feiern. Aber das wird sich finden. Wahrscheinlich denkt das alte Mütterchen genauso.

b) Opfergaben

Diese Frau aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte“, hat Jesus über die Frau gesagt. Das ist eigentlich dumm, wenn man mehr verschenkt, als man hat.

Aber das ist ja auch nur die eine Seite der Medaille. Diese Frau wollte ja schließlich andern Menschen auch etwas gutes tun. Und für sie ist das auch eine Gabe für Gott. Ein Opfer. Sie will nicht nur den Menschen Gutes tun sondern auch Gott ein Geschenk machen.

Und Gott schenkt man ja schließlich nicht irgendeinen Mist, sondern da sollte es ja schon was besseres sein. Also eigentlich sogar das Beste. Das Beste vom Besten für Gott den Herrn!

So haben es unsere Vorfahren schließlich auch immer schon gehalten. Und so hat es ja auch Mose festgehalten. Unser Volk hat für Gott schon immer etwas besonderes gegeben.

Nicht irgendein Gemüse oder irgendetwas beliebiges sollte für Gott sein, sondern den Erstling haben sie geopfert unsere Väter und Mütter: Das erste Korn der Ernte, das erstgeborene Lamm jedes Schafes, den ersten gekelterten Wein.

Und diese Frau gibt eben nicht irgendetwas überflüssiges, abgelegten unnötiges, was sie gerade herumliegen hat, sondern diese zwei Scherflein, die bestimmt auch selbst hätte gebrauchen können.

Respekt.

  1. Und ich

43Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Und ich denke: Ja, verdammt noch mal, so ist es. Die Opferbereitschaft, die Bereitschaft zu Helfen und zu Geben ist bei denen, die weniger haben oft größer als bei denen, die soviel haben, dass sie doch problemlos abgeben könnten:
Die, die wenig haben, helfen denen die noch weniger haben.
Die, die viel haben, geben halt ein bisschen von ihrem Überfluss.
Und ja, verdammt noch mal, ich bin in dieser Geschichte nicht die arme Witwe. Obwohl ich mich dann am besten fühlen könnte. Vielleicht bin ich mit Chance der Jünger. Das wäre auch gut. Aber so ein bisschen ein Reicher bin ich eben auch.

Und dann sitzt da Jesus am Gotteskasten und sieht den Menschen zu und ich habe das Gefühl, er fragt mich: „Wo ist das Problem? Warum machst du dir jetzt eigentlich darüber Gedanken, wer du in der Geschichte bist? Ist das nicht völlig egal?“
Und während ich noch darüber nachdenke, ob die Armen deshalb leichter teilen und abgeben können, weil sie es gewohnt sind ohne Planungssicherheit zu leben und die Reichen einfach nicht loslassen können und denken, die Welt bräche zusammen, wenn sie nicht mehr reich seien… Und während ich noch nachdenke, sieht Jesus mich an und fragt: „Hast du schon mal um Geld gebetet.“ – „Nein, habe ich nicht. Um Geld betet man doch nicht. Das ist doch irgendwie unanständig.“ – „Schade“, sagt Jesus, „vielleicht wärst du dann etwas mehr zum Risiko bereit, wie die alte Witwe mit ihren zwei Scherflein. Und vielleicht würdest Du dem Leben und mir und meinem himmlischen Vater dann mehr zutrauen.“
Darüber muss ich erstmal nachdenken. Obwohl ich weiß, dass er recht hat. Er ist schließlich Jesus.

Amen.

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