„Wenn das Geld im Kasten klingt…“

Auf 2 Dinge bin ich jeden Sonntag gespannt beim Kirchgang. Ich freue mich auf die Predigt. Sie schenkt Motivation und gibt erwartungsvollenAusblick. Und ich freue mich auf die Abkündigungen. Sie machen dankbar und gewähren einen interessanten Rückblick.

Abkündigungen können dröge sein und leider trifft das öfter zu: Trockene Zahlen und Kalenderdaten. In Geroldsgrün ist es anders. Die Ausführlichkeit schafft Transparenz. Es wird durchsichtig, wer aus unserer Gegend im Ausland tätig ist und auf Unterstützung angewiesen. Mancher zittert mit, ob die Teilstelle vom Jugendleiter erhalten bleiben kann. Die eine oder andere spricht im Geist die Sätze eines Choral nach. Dessen Nummer fehlt an der Liedertafel. Er ist nicht zum Singen vorgesehen. Weil er Wort für Wort zitiert wird auf Grund einer Spende bei einem Jubiläum.

Dabei überlegst du vielleicht, wer könnte das gewesen sein. Dabei wird nicht nur Neugier gestillt. Es ist auch Ansporn, nachzudenken: Was gebe ich, was brauche ich?

So kann man sich über Abkündigungen, gerade wenn es um Kollekten und Spenden geht, richtig freuen. Anders als die Abkündigung, mit der Martin Luther anno 1517 konfrontiert wurde.

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ Rein wirtschaftlich gesehen war die Sammlung ein cleverer Deal. Ein Win-Win Geschäft. Der Bischof von Mainz wurde seine Schulden los. Der Papst konnte die Handwerker für den Petersdom bezahlen. Johann Tetzels Gottesdienste waren gut besucht. Bauern und Mägde waren erleichtert, wenn die Mönche das Wachs mit dem päpstlichen Siegel auf die Briefe drückten.

Dumm nur, dass Martin Luther nicht mitspielte. Der war in Gelddingen total unvernünftig. Er folgte eben nur der Bibel. Gottes Vergebung ist umsonst, Jesus sei Dank, hat er dort gelesen. Auch im Alltag war Luther überzeugt, Gott wird für mich sorgen, das wird genügen. Er nahm kein Honorar für seine Bücher. Er hatte kein Gehalt. Nur einen schlechtbezahlten Job als Aushilfsprediger an der Stiftskirche. Das ist sein Jahresgehalt, als er heiratet, achteinhalb Gulden. Katharina von Bora war arm wie eine Kirchenmaus, die hatte noch weniger als die Witwe hier, nämlich nichts. Als Dienstkleidung bekam Luther alle paar Jahre eine Kutte vom Kurfürst gestiftet, wenn die alte verschlissen war. Geldgeschenke, die er später als berühmter Mann bekam, gab er gleich weiter. An Spalatin schreibt er: „Die 100 Goldgulden, die mir vermacht sind, habe ich durch Taubenheim empfangen. Schart hat auch 50 gegeben. Allein ich habe protestieret, dass ich nicht möchte von ihm so gesättigt werden. Es gleich wiedergeben und verschwenden.

Denn was soll mir so vieles Geld? Dem Pater Prior habe ich die Hälfte gegeben und einen frohen Menschen gemacht!“

Auch hier im Evangelium geht es um eine Kollekte. Das Ergebnis wird nicht wie bei uns am Sonntag drauf verkündet. Es wird in Echtzeit bekannt gegeben

Das verdanken wir Jesus. Der braucht kein Wikileaks. Der ist nicht angewiesen auf eine Schwachstelle in der Buchhaltung des Jerusalemer Steuerbehörde. Jesus weiß einfach Bescheid, weil er die Menschen kennt und sich für jeden einzelnen interessiert. Die Jünger interessieren Summen. Jesus interessieren Menschen. Dabei bleibt er der gute Seelsorger. Der Datenschutz wird beachtetet, die Witwe bleibt anonym. Und die Jünger nehmen sich das gute Beispiel zu Herzen.

Wobei – ungewöhnlich ist es schon, wie Jesus sich direkt neben den Opferstöcken platziert und den Leuten auf die Finger schaut. Da seid ihr Konfis viel diskreter wenn ihr die Klingelbeutel rumgebt. Wer mag es schon, wenn ihm andre in den Geldbeutel schauen. An jedem Schalter oder Geldautomat mahnt ein Schild, „Abstand halten!“ zur Diskretion. Jesus ist anders, weil Gott anders ist. Alles Geld kommt von ihm, er hat ein Recht zu wissen, was wir damit tun. Da will er mitreden.

Zum Volk, dem Jesus zuschaut beim Einlegen in die Kollektenkästen, gehören arm und reich. Beiden bringt Jesus die Liebe Gottes. Schon in den Sprüchen heißt es: „Reiche und Arme begegnen einander, der Herr hat sie alle gemacht.“ Jesus sieht sie beide und mahnt sie und ermutigt sie. Die Reichen, sie sollen ihr Herz nicht an den Besitz hängen und knausern oder verschwenden. Die Armen, sie sollen fest auf Gott vertrauen, der wunderbar ein Schicksal wenden kann, wie die Bibel dutzendfach dokumentiert.

Wir Bibelleser im sicheren Europa nehmen das schon gar nicht mehr wahr. Bei vielen Wundergeschichten hört man Fragen wie: War das wirklich so? Ist das möglich, von der Wahrscheinlichkeit her, von der Naturwissenschaft her? Hat sich das wirklich so zugetragen im Leben von Mose, Ruth, Elia, Jesus, Petrus? Unser Blick ist fixiert darauf, was Jesus kann, oder was ihm zugeschrieben wird: Übers Wasser gehen, Tote aufwecken, Tausende Fische am hellen Tage ins Netz locken. Viele, wenn nicht die meisten dieser Wunder kamen Armen zugute.

Die Frau, deren einziger Sohn auf dem Friedhof zu Nain beerdigt werden soll, ist arm. Bei der Speisung der 5000 sagen die Jünger, lass die Leute gehen und in die Höfe und Häuser ringsum gehen und sich Brot kaufen. Über die Kosten machen sie sich keine Gedanken.

Manche kennen Arme nur aus der Statistik, aus dem Armutsbericht. Dann legen sie die Zeitung beiseite und sagen: Fake News, übertrieben! Jammern auf hohem Niveau, den Leuten geht´s doch gut.

Mein Beruf hat mich in alle möglichen Häuser geführt. In Villen mit Alarmanlage. In 5stöckige Mietskasernen. Auf den Klingelschildern Namen aus aller Herren Länder, die Briefkästen verbogen oder aufgebrochen. Bringe ich den Gemeindebrief, kommt es höchstens zum scheuen Gespräch an der Haustür. Steht aber eine Taufe oder Trauerfeier bevor, sitzen wir in Küche oder Wohnzimmer beisammen. Immer noch, gottseidank, haben Menschen aller Schichten Vertrauen, großes Vertrauen zur Kirche. Und gerade in der Volkskirche ist es nach wie vor so, dass reich oder sagen wir mal gutbürgerlich und arm beisammen sind: Im Gottesdienst, auf dem Elternabend vom Kindergarten oder vor der Konfirmandenfreizeit.

So habe ich die Volkskirche erlebt als Pastor einer Vorstadtgemeinde. Deren Turm von weitem zu sehen war. Aus der Straßenbahn oder aus dem Bus. In denen Schüler fahren. Und Arme. Sie wünschen? Ich möchte zum Pastor. Was gibt es? Das müsste ich in Ruhe erzählen. Und dann kriegt man die Post zu sehen von der Inkassobehörde, Stromanbieter, Wasserwerke.

Kirchenferne Leute im wahrsten Sinn des Wortes, örtlich wie geistig. Was sie anzieht ist weniger die Vorstellung, die reiche Kirche soll mir mal aus der Patsche helfen. Sondern das Empfinden: Hier kann ich mich öffnen. Die nehmen meine Sorgen ernst. Ich kenne Pastoren aus Sozialsiedlungen, die haben sich monatelang beschäftigt mit Hunderten Heizkostenabrechnungen. Haben dann geklagt gegen die Wohungsbaugesellschaft mit den Anwälten der Kirchenleitung im Rücken. Die Mieter bekamen recht, die Abrechnungen waren weit überhöht.

So viel Arme gab es in unserem Bremer Stadtteil nicht, aber doch immer wieder Familien, die konnten den Betrag für die obligatorische Konfirmandenfreizeit nicht aufbringen. Ich hab ihnen gesagt, alle Jugendlichen sollen mit. Wer es nicht schafft, spreche mich persönlich an, wir finden einen Weg. Der Weg war, tun Sie bitte soviel hinein in den Umschlag, wie Sie aufbringen können. Den Rest gleich ich aus von Spenden. Von den Gaben der Reichen. Reich in Anführungsstrichen, verglichen mit den bedürftigen Familien lebten sie halt in gesicherten Verhältnissen.

Das ist ganz biblisch. Der reiche Zachäus entschließt sich, sein Vermögen neu aufzuteilen. Anders zu investieren. Er gibt große Teile ab für die Bedürftigen. Jesus hat ihn gar nicht aufgefordert dazu. Der Grund war einfach die Freude in der Nähe Jesu. Das gibt dem Zachäus viel mehr als die Freude über seine materiellen Anschaffungen.

  1. Mose war gerade dran in der Bibellese. Die Opfergesetze. Nicht sooo spannend. Selbst da fällt auf, wie sehr die Ordnungen Rücksicht nehmen auf Arme. Denken wir nur an das Armenopfer, zwei Tauben. Das können Josef und Maria so gerade eben aufbringen bei der Darbringung des Jesuskindes.

Vom Opferbrauch ist hierzulande an Erntedank noch ein Rest erhalten. Hieß es hinterher: „Es war sehr schön geschmückt“, war meist gemeint: Die Kirche war rappelvoll mit Erntegaben. Aber Masse heißt nicht Klasse. Im Alten Testament steht bei den Festen nicht die Menge der Feldfrüchte oder Tieropfer im Vordergrund. Sonden die Qualität. Von Erstlingen ist die Rede. Die ersten Früchte, die erstgeborenen Tiere. Gott soll das Beste bekommen. Besser wir bringen gar nichts in die Kirche als Ausschuss oder Reste. Hier ist weniger mehr. Der eine Apfel aus dem Garten, der richtig knallrot ist, den leg ich zurück. Die richtig dicken Kartoffeln tu ich beiseite. Das Beste ist für Gott gerade gut genug.

Denn er hat auch sein Bestes gegeben. Er hat seinen Sohn Jesus Christus hergeschenkt. Er hat ihn in diese Welt geschickt, der Welt ausgeliefert. Obwohl er wusste, die Menschen würden es ihm nicht danken, ihn schlecht behandeln. Sie würden diese Gabe nicht würdigen. Trotzdem gibt er sein Bestes. Aber dabei verliert er nicht. Denn Jesus ist nicht im Grab geblieben. Er ist auferstanden. Gott hat nicht verloren, sondern gesiegt. Über das Böse. Das Beste geben heißt letztlich das richtige getan haben.

So auch bei uns. Das Beste geben macht uns nicht ärmer. Gott gleicht es ja aus. Er weiß es zu würdigen. Er sorgt dafür dass wir dadurch nicht schlechter abschneiden als die anderen.

Und doch ist es schwer. Zum einen, weil der Satan uns einflüstert: Mach das bloß nicht, behalt alles für dich. Du musst dich absichern, vorsorgen, man weiß nie, was kommt. Du kannst niemandem trauen, nur dir selber. Wenn du abgibst, bleibt für dich selbst nicht genug übrig.

Dem gilt es zu widerstehen in der Sorglosigkeit des Glaubens. Diese Haltung ist nicht ein Leichtsinn, ein In den Tag hinein leben auf gut Glück. Dahinter steht das Vertrauen auf den Schöpfer, dem ich mein Leben und meine Zukunft anvertraue.

Das andere, was es schwer macht, großzügig zu geben, das Beste zu geben: Die Welt sieht es nicht und dankt es nicht. Auch das, was hingegebene Menschen leisten abseits von Spenden, das sehen andere nicht. Das würdigen sie nicht. Überstunden im Betrieb. Die alten Eltern treu besuchen oder gar pflegen. Die Welt sieht es nicht und dankt es nicht.

So auch bei Jesus, der Gabe Gottes. Die Welt erkennt nicht, das dies ein Opfer war, dass er sich Gott sein Bestes vom Herz gerissen hat. Sie sieht Jesus als eine großen Lehrer, als Heiler, als religiöse Figur. Aber dass er der Messias ist, Gottes Sohn, dass ist bis heute Juden wie Moslems eine Anmaßung oder Torheit, und anderen Religionen belanglos, weil Jesus ist da nur ein Stern unter vielen am Götterhimmel. Die Welt achtet es nicht. Sie sieht das Kreuz als Symbol des Scheiterns, sieht es vielleicht noch mit Bedauern. Aber das hier mehr gegeben wurde als alles andere, das Beste, dazu muss man tiefer blicken können.

Und so blickt Jesus als er damals im Tempel saß, tiefer. Er blickt in den Geldbeutel der Frau und vor allem in ihr Herz. Gott kennt dich, Gott beachtet, was du denkst und tust. Ihm sind deine Motive nicht verborgen, deine Tränen nicht, dein Versagen und was dich glücklich macht.

Im Jugendkreis ging es um das Thema Geld. Zwei Dutzend Jugendliche, viele davon aktiv in der Gemeinde. Ich frage nach Vorbildern. Alle werden ganz still, als Sven sagt: Mein Vorbild ist unsere Mutter. Wie sie mit dem Geld klar kommt. Darauf sage ich: Manchmal ist doch auch bei euch früher Ebbe im Geldbeutel als gedacht. Wer von euch hat schon mal wegen Geld gebetet?

Keiner. Das kannten sie gar nicht. Was läuft da falsch in unsern Gemeinden, wenn schon die Jugendlichen für finanzielle Problemen nur Lösungen wissen wie Konto überziehen, habe ja Dispo, und sonst hilft Opa.

Was uns fehlt, ist die Risikobereitschaft dieser Witwe, die ihre letzten Scherflein weggibt, in der Erwartung, Gott weiß was mir fehlt, er wird für mich sorgen. Wenn so eine Einstellung in Kirchengemeinden um sich greift, spart man sich viel Ärger und Diskussionen. Die Diskussion, wie hoch müssen wir die Tasse Kaffee auspreisen beim Sommerfest, damit wir die Kosten wieder rein kriegen? Gar nicht auspreisen. Den gibt’s dazu. Es werden genug da sein, die den Preis fürs Kuchenstück aufrunden. Wieviel Eintritt nehmen wir fürs Konzert? Gar nichts. Dann ist die Hütte voll, weil auch Familien mit Kindern nicht die Köpfe zählen müssen. Am Ausgang stehen die Künstler mit Hut oder Körbchen.

Ein paar Fragen zum Nachdenken. Wer den Gottesdienst auf Cassette bekommt, ist jetzt im Vorteil, da kann man stoppen zwischen den Punkten:

– Wie oft wünsche ich mir, mehr Geld zu haben?

– Hast du schon mal zu Gott wegen Geld gebetet?

– Gibt es jemand, der dir leidtut, wie er /sie mit Geld umgeht?

– Gibt, es jemand, den du bewunderst, wie er /sie mit Geld umgeht?

– Wo hat Gott meinen Kleinglauben im Blick auf Geld beschämt?

Bei uns in Bremen gingen während des letzten Liedes Körbchen durch die Reihen. Wer wollte, konnte da eine Karteikarte reintun, die er während des Gottesdienstes ausgefüllt hat. Maximal ein Anliegen für die Vorderseite, eins für die Rückseite. Vorderseite Dank, Rückseite Bitte. Der diensthabende Vorsteher nahm dann mit mir das Körbchen in Empfang, und wir beide lasen die Karten durch, also versuchten sie zu entziffern. Er trug dann beim Fürbittengebet die Dankanliegen vor, ich die Fürbitten. Manches haben wir, weil zu persönlich, aussortiert, das haben wir dann später in der Sakristei abgebetet.

Aber meist war die Zeit so knapp, wir konnten die Mitteilung nur unkommentiert verlesen wie damals Schalk-Golodkowski den Zettel mit der Maueröffnung. Die Bitten waren so was von ehrlich und direkt. Ängste: Herr hilf, dass der Befund gut ausfällt. Tadel: Der Pastor sollte lauter und deutlicher sprechen! Originelle Wünsche: Herr, bitte tue mir eine neue Geldquelle auf!

All das darf Raum haben unter uns. Wir dürfen einander beistehen, dürfen immer wieder staunen und danken, wie der Herr die Seinen ausstattet, mehr noch, überschüttet mit Gutem. Dabei bleiben wir, bewusst, auf Versorgung angewiesen, Morgen für Morgen, bis zum letzten Tag. Martin Luther ging es nicht besser. Sein letztes Wort, es war ein Zettel auf dem Nachttisch des Toten, ist wie ein Kommentar zum heutigen Evangelium: „Wir sind Bettler! Das ist wahr!“

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