Alles geben

Liebe Gemeinde,

„wir müssen alles geben“ sagen Fußballer vor dem großen Champions-League-Spiel oder wenn es gegen den Abstieg gibt. Jetzt keine falsche Zurückhaltung mehr, kein Sparen oder sich Schonen. Jetzt muss alles in die Waagschale.

Alles geben!
Für wen oder was haben Sie in Ihrem Leben schon einmal alles gegeben?

„Sie war immer für die Familie da“ „Er hat alles für seine Familie getan“ – diese Sätze höre ich oft in Trauergesprächen. Für ihre Lieben sind viele Menschen bereit, alles zu geben. Eltern opfern sich auf für ihre Kinder, Verliebte und Liebende sind rückhaltlos füreinander da.

Mir ist meine Studienzeit eingefallen, da gab es immer mal wieder solche Situationen, in denen ganzes Engagement gefordert war. Zum Beispiel als wir einen Uni-Streik für bessere und fairere Studienbedingungen ausgerufen haben. Für ein paar Wochen war den Aktionen alles andere untergeordnet. Durchdiskutierte Nächte, witzige Aktionen, Verfassen von Resolutionen: Es war eine aufregende Zeit, anstrengend, aber auch voller Leben.

Auch in meiner Arbeit hat es ab und an Situationen gegeben, in denen ich ganz gefordert war. In besonderen seelsorgerlichen Situationen z.B. Oder wenn es Konflikte oder Umbrüche in der Gemeinde gab. Oder bei einem anstrengenden Kirchenasyl.

Irgendwann kehrt dann auch wieder Normalität ein, zum Glück. Keiner kann immer im höchsten Gang fahren.

 

Eine arme Witwe gibt alles, erzählt unser heutiger Predigttext. Jesus sitzt gegenüber vom Gotteskasten in dem Teil des Tempels, der auch Frauen zugänglich ist. Die Menschen werfen Geld hinein, die Höhe der Beträge wird laut verkündet durch einen Priester. Damit ist die Summe sozusagen von göttlicher Stelle anerkannt und wird akzeptiert.

Das unterscheidet sich doch sehr von unserer Spendenpraxis. Der Klingelbeutel ist in vielen Gemeinden schon lange passé und beim Spenden soll die rechte Hand nicht wissen, was die linke tut. Damals war es anders: Spenden waren eine öffentliche Angelegenheit.

Ich stelle es mir vor, dass es für die arme Witwe beschämend war, ihren kleinen Beitrag zwischen den vielen hohen Summen zu hören. Oder andere fanden es

peinlich.

Nicht so Jesus. Er sieht, was die Witwe getan hat und stellt sie seinen Jüngern gegenüber als Vorbild dar: „Wahrlich, ich sage euch. Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“

Wenn die Witwe das jeden Tag machen würde, würde sie sterben. Sie hat das eingelegt, was sie hatte. Und das bedeutete, dass sie einen Tag hungern musste.

Warum war es ihr wichtig? Wir wissen es nicht:

Vielleicht wollte sie Gott zeigen: Ich vertraue dir ganz und gar.

Vielleicht hatte sie einen Grund zum Danken.

Vielleicht hatte sie eine wichtige Bitte an Gott.

Vielleicht war es für sie auch eine Frage der Würde: Einmal alles geben, nicht einen Fall für die Fürsorge, sondern Gebende zu sein.

 

Das kann die Umstehenden beschämen, denn wer ist schon bereit so viel und über alles Maß zu geben.

Ich habe das zweimal sehr eindrücklich erlebt:

Einmal, als wir in Südafrika unsere Partnergemeinde besucht haben in einer sehr armen Gegend (Kwa-Zulu-Natal). Die Gemeindeglieder haben es sich nicht nehmen lassen uns, die reichen Weißen aus Deutschland, bei sich in ihren schlichten Häusern ohne Strom und fließend Wasser zu beherbergen. Sie haben ihre Betten für uns geräumt. Sie sind morgens früh aufgestanden, um Feuer zu machen, damit wir warmes Wasser zum Waschen und einen heißen Tee bekommen. Es hat uns beschämt, wie selbstverständlich diese Menschen alles gegeben haben, während wir doch immer nur von unserem Überfluss geben.

Ähnlich ging es mir bei einem Besuch in unserer Partnergemeinde in Russland vor jetzt 20 Jahren. Die Menschen haben alles auf den Tisch gestellt – und der eigene Kühlschrank blieb für den Rest der Woche leer.

Beeindruckend.

 

Da ist einer nach Jerusalem gezogen. Die Menschen jubeln ihm zu, bitten ihn um Hilfe. Sie setzen ihre Hoffnung in ihn. Ist er der Messias?

Wir wissen: Da ist einer, der alles geben will.

Sogar sich selbst.

Nicht von ungefähr ist der heutige Predigttext einem Sonntag in der Passionszeit zugeordnet.

Jesus stellt die Witwe als leuchtendes Vorbild hin. Ihr Vertrauen in Gott ist grenzenlos. Sie ist bereit, alles zu geben. So wie er.

 

Uns Normalmenschen mag das ein schlechtes Gewissen bereiten. Mir geht es jedenfalls so. Ja, ich möchte mich einsetzen für andere, etwas abgeben, Leidenschaft und Zeit teilen.

Aber alles geben, gar mein Leben, nein, das möchte ich nicht.

Ich meine, es wäre schon viel, wenn wir dann alles geben, wenn es dran ist und hilft.

So wie im Sommer 2015, als Hunderttausende auf der Flucht vor Krieg und Terror und Elend eine sichere Zuflucht in unserem Land suchten. Und auf einmal gab es zehntausende ehrenamtlicher Helfer. Solche, die sich schon immer engagierten und solche, die das bisher gar nicht so getan haben. Die aber gespürt haben: Jetzt ist nicht Zurückhaltung dran, jetzt muss ich wirklich mit ganzer Kraft ran. Und sie haben Turnhallen eingerichtet und Kleider sortiert. Essen ausgegeben und erste Unterstützung organisiert. Sich die Nächte und Wochenenden um die Ohren geschlagen.

Ausnahmezustand.

Mittlerweile ist ein Stück Normalität eingekehrt, auch wenn noch viel zu tun ist. Viele, die sich damals engagiert haben, sind immer noch dabei. Engagieren sich in Unterstützerkreisen oder helfen einzelnen Flüchtlingen.

So, wie es in ihren Kräften steht.

Sie leisten das, was sie können und wollen.

So, wie sich auch in unserer Gemeinde Menschen an der ein oder anderen Stelle engagieren und für andere da sind.

Niemand kann immer über seine Kräfte leben oder geben.

Aber manchmal ist es einfach dran, alles zu geben.

Darauf zu vertrauen: irgendwie wir es schon gehen.

So, wie die arme Witwe es uns vorgemacht hat, großzügig und mit Gottvertrauen. Amen.

Und der Friede Gottes…

drucken