Eine neue Sichtweise

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

manche Dinge sind anders als sie auf den ersten Blick aussehen. Und wir haben häufig keine Zeit für den zweiten Blick. Wir geben uns mit dem ersten Blick zufrieden und schätzen dann eine Situation falsch ein. Nicht so Jesus. Jesus ist ein Meister des zweiten Blicks. Von ihm können wir lernen, die Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Wie das geht, zeigt uns die folgende kleine Geschichte. Ich lese

Markus 12,41-43

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Diese Geschichte war damals verständlich. Heute brauchen wir ein paar Erklärungen. Der Gotteskasten im Tempel war so eine Art Spendendose. Was da hinein geworfen wurde, diente der Betrieb des Tempels. Und wenn ein besonders hoher Betrag gespendet wurde, wurde eine Trompete geblasen und damit der Spender öffentlich geehrt.

Es ist also kein Zufall, dass vor dieser Geschichte die Warnung Jesu vor den Schriftgelehrten steht: „Und er lehrte sie und sprach: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern umhergehen und sich auf dem Markt grüßen lassen 39 und sitzen gern obenan in den Synagogen und beim Gastmahl; 40 sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.“

Und hinter unserer Geschichte steht: 1 Und als er aus dem Tempel ging, sprach zu ihm einer seiner Jünger: „Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten! 2 Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Hier wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“

Diese Geschichte dient nicht in erster Linie dem Lob der Witwe. Sie ist eine Kritik am Tempel. Jesus sagt: Der Tempelbetrieb beutet das Volk aus. Er bringt die Armen um ihr letztes Hemd und den Reichen gibt er die Gelegenheit, sich feiern zu lassen.

Das Geld, das die Witwe in den Gotteskasten wirft, ist das kleinste Geldstück, das damals im Umlauf war. Und wenn das alles ist, was sie hatte, ist sie bitter arm. Es ist so wenig, dass niemand es bemerkt außer Jesus, der Meister des zweiten Blicks. Niemand sieht die Ausbeutung dieser armen Frau durch den Tempelbetrieb. Wie Großspenden überall Beachtung finden, so wird diese ungeheuerliche gewaltige Spende übersehen.

Warum kann Jesus das sehen, was niemand sonst sieht?

Weil er Zeit hat. Er setzt sich dem Gotteskasten gegenüber und sieht zu. Er sitzt einfach so herum und beobachtet genau. Deshalb kann er sehen, was allen anderen verborgen bleibt, die schnell vorüber gehen und sich um ihre Geschäfte kümmern.

Und Jesus achtet nicht nur auf das Offensichtliche. Jesus blickt nicht bewundernd hinter den gut gekleideten Reichen her. Jesus sieht alle Menschen an. Er sieht alle Menschen in ihrer eigenen Würde ob reich oder arm. Und Jesus weiß, dass Gott die Armen besonders am Herzen liegen. Deshalb ist er aufmerksam gegenüber dem, was eine arme Witwe tut.

Denn er kennt seine Gesellschaft. Das größte Armutsrisiko für eine Frau damals war ihren Mann zu verlieren. Damit verlor sie normalerweise ihr Einkommen und ihre Versorgung. Das übliche Beispiel für arme Menschen in der Bibel lautet: Witwen und Waisen.  Es war damals genau wie heute nur krasser. Auch heute ist das größte Armutsrisiko, wenn eine Frau ihre Kinder alleine großziehen muss.

Jesus sieht diese Frau, er sieht die Größe ihrer Spende. Und er sieht ihre Verzweiflung und ihr Vertrauen auf Gott. Von den zwei Pfennigen hätte sie den Tag nicht überleben können. Sie braucht die Hilfe Gottes und anderer Menschen um ihren Hunger zu stillen. Und diejenigen, die im Auftrag Gottes dafür zuständig wären, ihr das Überleben zu ermöglichen, die Schriftgelehrten und Priester. Die nehmen ihr noch ab, was sie hat, um ihren Tempel – den riesigen  Schlachthof – am Laufen zu halten, von dem ein großer Teil der Bewohner Jerusalems lebte. Jesus sieht die Ungerechtigkeit und Jesus weiß, dass es so nicht weiter gehen kann. Und er sieht wozu das alles führen wird: „Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen wird.“ Sagt er zu seinen Jüngern.

Jesus sieht mehr als alle anderen. Er sieht mehr als die Reichen. Er sieht mehr als die Priester. Er sieht mehr als seine Freunde. Denn er nimmt sich die Zeit genau hinzusehen und er sieht auch da hin, wo es unbequem ist. Er sieht die Ungerechtigkeit. Und er sieht wozu die führen wird. Er ist der Meister des zweiten Blicks.

Ich finde es spannend Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Ich finde es interessant, mehr zu sehen als auf den ersten Blick wahrnehmbar ist. Ich möchte gerne Situationen richtig einschätzen. Und ich will wissen, was dahinter steht.

Aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich wirklich die Armut und die Ungerechtigkeit, die bei uns herrscht, sehen will. Ich renne dann doch lieber durch die Fußgängerzone und sehe nicht genau so genau hin, wo sich die Drogensüchtigen treffen und wo die Bettler ihr Lager aufschlagen. Ich will auch nicht so genau wissen, wo jetzt im Winter die Menschen schlafen, die Angst haben vier Wände um sich herum zu haben und deshalb draußen bleiben müssen.

Ich denke lieber, dass wir ja in einem Wohlfahrtsstaat leben und der dafür sorgt, dass alle genug zu essen und ein Dach über dem Kopf haben. Und ich denke, dass das sehr gut so ist. Ja, das ist  sehr gut. Das ist eine wichtige Errungenschaft und auf die sollten wir gut aufpassen und sie unbedingt erhalten.

Aber wenn ich genauer hinsehe, dann weiß ich, dass es trotz Sozialhilfe und Harz 4 auch bei uns viel Armut und Elend gibt. Und es ist gar nicht so einfach, dem beizukommen. Es gibt ältere Menschen, die trauen sich nicht aufs Amt zu gehen. Sie haben noch aus der Nazizeit das dumpfe Gefühl, dass das gefährlich sein könnte. Oder sie schämen sich, dass ihr Geld nicht zum Leben reicht und haben die Erfahrung gemacht, dass sie beim Amt von oben herab behandelt werden.

Andere konnten noch nie gut mit Geld umgehen und haben in der letzten Woche einfach nicht mehr genug Geld um sich etwas zu essen zu kaufen.

Und auch arme Menschen haben wie reiche auch Macken und manchmal psychische Krankheiten, die das Überleben selbst im Wohlfahrtsstaat schwer machen.

Manchmal erzählen mir Durchreisende wie sie auf der Straße gelandet sind. Meist fing es mit einer Scheidung an und dann haben sie angefangen zu trinken und dann war die Wohnung ganz schnell weg. Manchmal bin ich erschrocken in wie kurzer Zeit man bei uns völlig abstürzen kann.

Das will ich nicht so gerne sehen und hören. Und meistens bin ich ganz froh, wenn die Durchreisenden ihr Brot gegessen haben und dann sich wieder auf den Weg machen. Und ja, mir fällt es schwer, ihnen mit Respekt zu begegnen. Denn ich fühle mich ihrem Schicksal gegenüber oft hilflos. Und ich möchte helfen. Aber ich weiß, dass ich das nicht kann.

Ich glaube da kann ich etwas von Jesus lernen. Er hat übrigens nicht seine Jünger hinter der armen Witwe hergeschickt, um ihr etwas Brot für den Tag anzubieten. Aber er hat sie gesehen und das, was sie getan hat, gewürdigt.

Ich glaube, da kann ich mir ein Beispiel an Jesus nehmen. Genau hinsehen und das, was Menschen Gutes tun würdigen. Das kann ich auch. Sehen, wo Menschen es schwer haben und wahrnehmen, wie sie kämpfen. Das können wir alle. Wir können nicht allen helfen. Das schaffen wir nicht und dafür sind wir auch nicht zuständig. Aber sehen, was andere Gutes tun, auch wenn es nicht so auffällig ist und wahrnehmen, wie sich Menschen in schwierigen Situationen durchschlagen. Und das wertschätzen. Das können wir alle tun.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

drucken