Brotwerdung Gottes

Ich bin das Brot, das vom Himmel herabsteigt. Das Brot steigt vom Himmel herab. Kann Brot herabsteigen? Was für eine urtümliche Vorstellung! Stammt sie aus Zeiten, in denen Bäume und Tiere sprechen konnten, die Quellen Zauberworte murmeln und eine Blume eine Tür zu öffnen vermag?  Die Erde tut ihren Mund auf, das Blut des erschlagenen Bruders ruft zum Himmel um Hilfe und die Wolken regnen Gerechtigkeit herab auf die Menschen.
Das Brot steigt vom Himmel herab. Das Bild von Jesus versetzt uns in andere Zeiten, in eine andere Welt.
Aber die Zeiten damals, sie waren keineswegs wundersam, sondern hart und bitter. Das Brot war kostbar für die, die nichts zu beißen hatten. Die Luft war erfüllt von Schweiß und Tränen, sie hallte wider von den rauen Befehlen der römischen Soldaten, von Peitschenknall und dem Schluchzen der Armen.Die Theologie hat ein Wort erfunden: Inkarnation. Gott wird Fleisch. Es kommt vom lateinischen Begriff für Fleisch – caro (carnis, neutrum) oder carnarius. Inkarnation bedeutet Fleischwerdung. Brot heißt panis (panis, masculinum). Eigentlich müßte es nicht die Fleischwerdung Gottes, heißen, Inkarnation, sondern die Brotwerdung – Inpanatio. Lebensbrot, Menschenbrot. Gott kommt als Brot zu uns. Das hat mit Ernährung zu tun, mit Sattwerden, mit Bauchgefühl und Wohlgeschmack.

Das Brot der einfachen Leute war über Jahrhunderte dunkel und grob, gestreckt mit Eicheln und Bucheckern, manchmal sogar mit Sägemehl. Weißes, weiches Brot konnten sich nur wenige leisten.
Heute ist es umgekehrt. Das dunkle, kräftige Brot ist das teurere. Wer Vollkornbrot isst und im Bioladen einkauft, hat oft einen höheren Bildungsgrad, achtet mehr auf Gesundheit und Ernährung. Das billige Brot ist viel öfter hell oder mit Malz eingefärbt. Ballaststoffarmes, pappiges Toastbrot füllt in den USA und England meterweise die Regale der Supermärkte, während frisches Obst und Gemüse so teuer sind, daß Einkommensschwache es sich nicht leisten können.
Längst ist nicht mehr das Problem, daß es gar nichts zu essen gibt, sondern was auf den Tisch kommt, auch in Entwicklungsländern. Billiges Mais, Weizen oder Zucker sind erschwinglich, also Fett und Kohlehydrate. Aber Vitamine, Mineralstoffe, Eiweiß, Ballaststoffe fehlen. Fehlernährung und Mangelernährung treffen die Armen besonders hart. „Satt ist nicht genug“, hat Brot für die Welt zum Motto in diesem Jahr erklärt.
Und längst geht es auch nicht mehr ums Brot, sondern um Fleisch. Für das Futter für die Tiere rodet Brasilien den Regenwald und Indonesien baut Palmölplantagen an.

Hunger
Wir wissen nicht, was Hunger ist.
Die allermeisten von uns nicht.
Hungern wir darum nicht nach Gerechtigkeit?
Der Skandal, dass Millionen auf unserer Erde hungern, quält uns nicht wirklich.
Denn wir sind satt.

Wir sind es satt, vom Hunger zu hören.
Wir sind es satt, die Bilder des Elends zu sehen.
Wir sind es satt, ein schlechtes Gewissen zu haben.
Wir sind vieles so satt, dass wir manchmal das ganze Leben satt sind.

Satt-Sein.
Wir haben es satt, dass uns ständig Appetit gemacht wird auf Dinge, die wir nicht brauchen.
Wir wollen nicht mehr abgespeist werden mit Informationen, Gegenständen, Nahrungsmitteln,
die uns nicht helfen, sondern schaden.

Wir haben Hunger nach einem sinnvollen Leben.
Wir haben Hunger auf eine Arbeit, die Freude macht.
Und Hunger auf Freisein von allem, was die Arbeit betrifft.
’Wir haben Hunger auf Glück, das nicht auf Kosten anderer geht.  (Klaus von Mering, leicht verändert)

 Das Brot steigt vom Himmel herab. Ich bin lebendiges Brot, sagt Jesus. In der Kirche denken viele zuerst an Gottes Wort, an Wahrheit und ein sinnhaftes Leben. Aber es gehört ja zusammen. Wir merken mehr und mehr, wie alles zusammenhängt, das Innere und das Äußere, der Hunger und die Armut, die den Menschen den Atem zum Leben nehmen, sie auch innerlich verkümmern lassen.
Armut und Bildungsarmut, fehlende Chancen, zerbrechende Beziehungen, Gewalt – das alles gerät nur zu oft zum Teufelskreis. Es gerät zum Kreislauf der Sünde, der die Menschen von der Freiheit der Kinder Gottes ausschließt.

Traurigkeit macht krank – und wirkt auf die Ernährung. Frustessen kennen wir und die Rettungsringe, die es hervorbringt. Wer sich nicht bewegt, wird dick. Bei einer richtigen, klinischen Depression wirkt es umgekehrt: Die Leute verlieren den Appetit, essen nicht mehr, verkümmern und verhungern bei lebendigem Leib.
Wer die Kruste eines frischgebackenen Brotes wieder berührt, den Duft mit der Nase aufsaugt, hat den ersten Schritt aus der Traurigkeit heraus getan. Wenn Elend so lähmt, dass nichts mehr geht, kann so ein Brot Rettung bringen und ein Fenster zum Himmel sein: eine Hand von außen, ein Anruf, die Kostprobe der Nachbarin.

Jesus hat von der Frau erzählt, die Brot bäckt. (Matthäus 13, 33) Er hat davon erzählt, wie sie Sauerteig nimmt, mit Mehl verknetet, den Teig arbeiten läßt, bis er aufgeht und in den Ofen geschoben werden kann. Die Arbeit der himmlischen Bäckerin ist für ihn Sinnbild für eine neue Welt. Das Brot, das vom Himmel herabsteigt, wird von Frauen gebacken. Es geht durch Hände, die den Teig kneten, durch Hände, die hungrige Mäuler füttern, die Berge von Geschirr beseitigen, klebrige Finger und Münder abwaschen. Es geht durch Hände, die die Lippen von Sterbenden mit Wasser betupfen, den Kranken das Essentablett zurechtrücken, Essenspakete an Gefängnistoren abgeben.In Gottes Welt backen Frauen Brot, verschenken Kinder Brote und Fische, teilen 5000 Leute und werden satt.

Und so steigt das Brot vom Himmel herab. Die Inpanatio, die Brotwerdung Gottes, geht weiter.

„Jeden Tag um zwölf in der Mittagshitze kommt Gott zu mir in Gestalt von zweihundert Gramm Haferbrei.
Ich spüre ihn in jedem Korn, ich schmecke ihn in jedem vollen Löffel. Ich halte sein Mahl mit ihm, wenn ich schlucke, denn er hält mich am Leben mit zweihundert Gramm Haferbrei.
Ich warte auf den nächsten Mittag und weiß, daß er kommt; so kann ich hoffen, einen weiteren Tag zu leben,
denn du hast Gott zu mir kommen lassen in zweihundert Gramm Haferbrei.
Jetzt weiß ich, dass Gott mich liebt. Jetzt weiß ich, was du meinst, wenn du sagst, dass Gott diese Welt so liebt, dass er seinen geliebten Sohn gibt – jeden Tag durch dich.“   (Indien)

 

Hier zu einer anderen Predigt über den Text

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