Von der Macht der Bilder (Matthäus 12, 38-42)

Er versuchte in ihrem Gesicht zu lesen, während sie wieder einmal über ihre Beziehung sprachen – wie so oft in den letzten Monaten. Ihre Stimme klang ruhig und konzentriert, ohne wahrnehmbare Gefühlsregung. Gab es da etwas zwischen den Zeilen und in den Zügen ihres Gesichtes? Gab es da versteckte Hinweise auf Versöhnung, Hoffnung oder eine gemeinsame Zukunft? Er hoffte inständig, entdecken und lesen zu können, wohin dieses Gespräch sie führen sollte. Manchmal – wenn sie ihre Gedanken und ihre Sätze niederschrieb, weil sie nicht emotional werden wollte und meinte sich per Email besser, vor allem ruhiger ausdrücken zu können – fehlte ihm die Vergewisserung durch einen Blick ins Gesicht: wie hat sie das gemeint und wie hat sie das gesagt? Bloße Sätze sind mitunter so missverständlich. Der Klang der Stimme, der Schein der Augen, das Beben der Hände verraten oft erst, was eigentlich hinter den Worten steckt. Auch das ist eine Form der Sprache, so wichtig wie die Lautsprache, die fast überall gleichermaßen verstanden wird. Das Lächeln eins Kindes verstehen wir ebenso wie das Kind früh auf das Lächeln der Großen, die es betrachten, reagiert. Da möchte ein junger Mann endlich stark und selbstbewusst und nicht länger unentschlossen, wie ein Weichei wahrgenommen werden und er versucht dies durch Äußerlichkeiten, durch Körpersprache auszudrücken: Bomberjacke und Springerstiefel, auffällige Tätowierungen und provozierendes Gehabe gehören zu seinem Repertoire, mit dem er die empfindsame Seele zu verstecken versucht. Schließlich sprechen eben auch Kleider eine ganz eigene Sprache. Der Dresscode ist keine Geheimsprache, keine geheime Symbolik, sondern zumindest innerhalb einer Generation allgemein verständlich. Deswegen wird er manchmal auch bewusst umgangen. Da werden Zeichen gesetzt und Botschaften gesendet: ich mache da nicht mit, ich beuge mich nicht den Konventionen, bleibe unangepasst und frei!
Die Welt spricht Zeichensprache.
Die Welt ist voller Zeichen.
Zeichenhandlungen sollen Eindrücke bestärken, Symbolpolitik soll Menschen einnehmen. Wir leben und praktizieren im Alltag nicht allein verbale Kommunikation, sondern auch symbolische.
Zeichen der Macht, der Überlegenheit, Symbole nationaler Größe und Identität, Zeichen vergangenen Glanzes und vergangener Herrschaft prägen öffentliche Wahrnehmung. Da wird inszeniert und auf die Kraft der alten Zeichen vertraut, egal ob der neue amerikanische Präsident vereidigt, ein Bundespräsident gewählt, ein Championsleague Sieger gekürt, ein Papst inthronisiert oder ein junges Paar getraut wird. Immer sind die Zeichen so wichtig wie die gewählten Worte, vielleicht sogar noch wichtiger.
Bilder prägen sich tief ins kollektive Gedächtnis ein: der zusammengekrümmte Leichnam des Kleinkindes am Strand nach dem Kentern des Flüchtlingsbootes im Mittelmeer, die panisch aufgerissenen Augen des vietnamesischen Mädchens nach dem Abwurf der Napalmbombe, die Bilder der zerstörten Kulturerbestätten, die der IS um die ganze Welt wandern sehen will, oder die Bilder koptischer Christen auf dem Sinai, die aus ihren Orten fliehen, weil zu ihrer Verfolgung und Ermordung aufgerufen wird. All diese Bilder machen etwas in uns und mit uns. Wir verstehen ihre Sprache, ihre Botschaft. Manchmal halten wir sie nicht mehr aus und möchten sie aus unseren Köpfen vertreiben oder einfach abschalten.
Was wäre gewesen, wenn Jesus ganz andere Zeichen der Macht und der Stärke gesetzt hätte. Nicht nur Heilungen und Mahlzeiten, Malen im Sand angesichts der Ehebrecherin oder Stillehalten bei der Gefangennahme im Garten Gethsemane, wenn er den Aufstand der Anständigen gewagt hätte? Hätte er nicht ganz anders Menschen gewinnen und in den Bann ziehen können, wenn er nur seine Macht unter Beweis gestellt hätte? Manchen ist die Autorität, die sich nur auf Worte und persönlichem Auftreten gründet, zu wenig. Sie wollten ihn damals nicht in der Bundespräsidentenrolle, sondern in der Regentenrolle sehen. Seine Macht sollte sich zeigen.
Müsste Gott nicht eigentlich die Kritiker und die Spötter, die Zweifler und die Misstrauischen, die Gegenspieler und Unentschiedenen mit Zeichen seiner Macht und Herrschaft, seiner Größe und Herrlichkeit überwinden, überzeugen oder gar widerlegen?
„Wo ist denn euer Gott?“ steht statt dessen unausgesprochen über allem. Die Wirklichkeit und ihre Bilder, die Zeichen des alltäglichen Wahnsinns, denen wir uns ja nicht entziehen können, sprechen trotz der vielen kleinen privaten oder öffentlichen Glücksmomente eine so andere Sprache.
Sie wollen ein Zeichen sehen. Wir wollen ein Zeichen sehen! Die einen wollen ihn testen, ihm eine Falle stellen, die anderen wollen Sicherheit haben, überzeugt werden, Bestätigung und Beglaubigung erfahren, ehe sie vertrauen, ehe sie sich einlassen, ehe sie ihn gelten lassen. Wen wundert das. Wir denken genauso. Wir erliegen genauso den Verlockungen der Bilder und lassen uns beeinflussen, ja manipulieren. Und stehen dann hilflos vor den Zeichen unseres Glaubens und fragen uns, ob wir dass gewollt/gemeint haben? Denn das Kreuz: was soll das für ein Zeichen sein? Welche Sprache spricht es, welche Symbolkraft hat es? Navid Kermani hat in einem umstrittenen Essay für viele Zeitgenossen auf den Punkt gebracht, was schon der Apostel einen Skandal und eine Torheit oder Dummheit genannt hat. Kermani drückt es gewählter aus und hat irgendwie gebildet recht in seinem Unrecht oder Unverstehen des auch wirklich Unverständlichen: „Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen“ schreibt und sagt er.
Aber gerade weil die alltäglichen Bilder so mächtig und starke Zeichen sind, die uns so ohnmächtig und schmerzvoll zurücklassen, gerade weil die Wirklichkeit barbarisch ist, ist dieses Zeichen Gottes so wichtig. Denn es steht inmitten all der Zeichen menschlichen Schmerzes und Ohnmacht, menschlicher Gewalt und Verzweiflung, menschlicher Schuld und Besessenheit, inmitten all dessen, was nicht sein sollte und so stark ist, inmitten all der Bilder von Leid und Tod und Vergänglichkeit. Es markiert den Ort, wo Gott sich zeigt und sich finden lässt. Nicht mit Glanz und Gloria in Licht und Pracht und Macht und Stärke bei den Reichen, Großen und Schönen, Erfolgsverwöhnten und Selbstverliebten ( sicher: auch denen will er ihr Gott sein), sondern bei den Gequälten und Leidenden, den Opfern und Verlierern, den Stummen und Sprachlosen ist Gott zu Hause.
Wir wollen ein Zeichen von dir sehen, rufen die einen, bald tönt es lauter: kreuzigt ihn. Das ist das eine widersprechende und widersprüchliche Zeichen, das bis heute immer noch und immer wieder aufgerichtet wird und Schrecken verbreitet. Wir verstehen seine Botschaft wohl. Aber allein für sich wäre und bliebe es ein trostloses Zeichen. Wer die Geschichte von Jona nicht kennt, weiß nicht, wovon Jesus zeichenhaft weiter redet. Aber wer mit Jona einmal im Bauch des Fisches war, weil auch er versuchte, Gott und seiner Bestimmung zu entkommen oder sich von Gott unendlich entfernt fühlte, der versteht, was es heißt mit einem Mal wieder das Licht der Welt wie ein Licht am Ende des Tunnels zu erblicken. Leben tut sich vor mir auf, wenn ich das Tal des Todes durchschritten habe: am dritten Tage auferstanden von den Toten. Ich traue nicht der Macht des Todes, ich traue allein Gottes Macht des Lebens. Das ist das Zeichen des Jona.
Ob ich diese Botschaft auch so leicht wie die des Kreuzes verstehe?
Darin zumindest üben wir uns ja in der Passionszeit. Wir nehmen das Leiden in unserem Leben und in unserer Welt ernst und stellen uns an die Seite der Leidenden. Denn Gott ist mit ihnen. Wir verleihen den Sprachlosen eine Stimme. Und wir entdecken und trauen den Spuren des Lebens mitten im Leid, wir glauben die Auferstehung aus jeder Niederlage, aus jedem Hinfallen, aus jedem Loch, das uns verschlingt, aus jedem Tod, den wir erleben und sterben bis zum letzten Tod. Denn Gott hat dieses Zeichen gesetzt. Das Kreuz ist real, aber auch das Grab ist leer, der Stein weggerollt.
Was für eine Kraft der Bilder, was für ein Trost in diesen Bildern. Und wenn ich nichts mehr sagen, wenn ich nicht mehr viel hoffen, wenn ich niemandem mehr vertrauen kann, dann kann ich mich immer noch an diesen Bildern festhalten und mit diesen Bildern für mich und diese Welt hoffen: das Kreuz ist aufgerichtet, aber das Grab ist am Ende leer. Lesen wir wie der namenlose Mann im Gespräch mit seiner Frau in dem Spiel um Gottes Mundwinkel, im leidenschaftlichen Leuchten seiner Augen, hören wir die eigentliche Botschaft in den Worten. Das ist dann kein Ärgernis und keine Torheit, sondern eine Kraft, die leben lässt und die rettet. Gott sei Dank! Amen

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