Geduld

Gnade sei mit euch und Friede
Von dem der da ist
und der da war
und der da kommen wird,
Christus, unserm Herrn. Amen

Liebe Gemeinde,
jedes Mal, wenn ich aus der Haustür trete, jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause komme schweift mein Blick an der Hecke entlang. Seit es wärmer geworden ist, schaue ich noch genauer hin, beuge mich vor, kneife die Augen zusammen, damit ich schärfer sehen kann.
Bislang leider vergeblich.
Noch tut sich nichts.
It takes a lot of slow to grow, sagte ein Kollege in Kanada. Zu deutsch: es braucht viel langsam zum wachsen, oder besser: gut Ding will Weile haben.
Geduld ist geboten.

Doch: Sind Sie geduldig? Oder muß bei Ihnen alles ganz schnell gehen, am besten schon vorgestern geschehen?
Mir fällt es schwer, geduldig zu sein, doch ich bin besser darin geworden.

It takes a lot of slow to grow – gut Ding will Weile haben.
So sagt Jesus in dem Gleichnis, das wir eben als Evangelium gehört haben. Ein Mensch wirft Samen auf das Land. Und dann passiert erst mal gar nichts – so scheint es. Die Zeit vergeht, Tag und Nacht, schlafen und aufstehen.
Die Saat geht auf, doch der sie gesät hat, weiß nicht, wie.
Doch das Saatkorn, das weiß wie. Wie von selbst – im Text steht: automatisch! – schiebt sich der Sämling aus der Erde, erst der Halm, dann die Ähre, dann der volle Weizen in der Ähre.
Und dann ist es Erntezeit.

Es wächst! Das ist wie ein Wunder.
Es wächst! Das ist so einfach – und doch übersehen wir dieses Wunder des Wachsens. Manchmal, weil wir nicht hinsehen. So vieles ist wichtiger und verlangt unsere Aufmerksamkeit.
Manchmal übersehen wir das Wunder des Wachsens, weil wir es täglich vor Augen haben und uns die kleinen Veränderungen nicht auffallen.
In seinem Gleichnis nimmt Jesus die Jünger – und uns – an die Hand und weist hin auf das Wachsen, das da geschieht – von selbst, und du weißt nicht wie.
So ist es mit Gottes Reich, sagt Jesus. Es wächst. Schau genau hin! Schau auf das Kleine, das Alltägliche! Siehst du es?

Und was haben wir dann zu tun?
Brauchen wir nur hinzusehen?

Nein, denn der Samen muß ja ausgebracht werden zur rechten Zeit. Und die Ernte muß eingebracht werden zur rechten Zeit.
Doch das Wachsen – das können wir nicht machen. Auf das Wachsen können wir nur geduldig warten.
Wir sollen uns gedulden und den Raum und die Zeit geben zum Wachsen.
So wie wir einem Kind die Zeit geben, stehen zu lernen, die ersten Schritte zu wagen, die dann immer sicherer und schneller werden. Wie wir einem Kind die Zeit geben, sprechen zu lernen. Dann beobachten wir, wie seine Sprache wächst. Erst einzelne Silben, dann ein Wort, zwei Wörter, dann erst Sätze.

Gottes Reich wächst, sagt Jesus. Ganz von allein – und du weißt nicht, wie.
Schau genau hin! Schau auf das Kleine, das Alltägliche! Siehst du es?

Auch das was du tust, kann dazu beitragen, daß das Reich Gottes wächst. Wenn du einem traurigen oder ratlosen Menschen zuhörst. Wenn du einem Menschen hilfst. Wenn du dich gegen Unrecht und Gewalt und für die Gleichheit der Menschen und den Frieden einsetzt. Wenn du Gottes Schöpfung bewahrst.
Wenn du stille wirst und etwas genau betrachtest – den Baum an deinem gewohnten Weg. Die Kerzenflamme auf dem Tisch. Den Psalm- oder Liedvers, den du aufgeschlagen hast.
Oft mag dir gar nicht bewußt sein, daß du da den Samen ausstreust, aus dem Gottes Reich wächst, Halm für Halm, Ähre für Ähre.

It takes a lot of slow to grow.
Ich werde mich wohl noch einige Zeit gedulden müssen, bis ich die ersten grünen Spitzen entdecken kann am Fuß der Hecke, wo ich kurz vor dem ersten Frost Blumenzwiebeln gesetzt habe.
Schon jetzt freue ich mich auf die Blüten und auf die Hummeln, die sie aufsuchen werden.

It takes a lot of slow to grow – gut Ding will Weile haben.

Amen

Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinnen
in Christus Jesus.

Lied: EG 432 Gott gab uns Atem
oder EG 508 Wir pflügen und wir streuen

Das Gras wächst nicht schneller,
wenn man daran zieht.
(Aus Afrika)

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