Darum muss ich mich kümmern

Jesus ist unterwegs und verkündet das Evangelium. Viele Menschen hören ihm zu. Sie stellen mich vor die Frage: wer bin ich eigentlich? Höre ich auch zu – und wenn ja, bewegt mich das Gehörte, verändert es mein Leben, meinen Alltag? Oder ist es ganz angenehm zuzuhören, aber das war’s dann auch?
Jesu Predigt hat von Anfang an Menschen in die Entscheidung gezwungen, was seine Predigt für jeden Einzelnen bedeutet – und diese Entscheidung war oft unbequem. So auch, als er unterwegs in ein Haus einkehrt.

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. 39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! 41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Maria und Marta, das ist eine alte exemplarische Geschichte, an der sich manche immer neu reiben. Ist das Tun denn wirklich derart zweitrangig? Brauchen wir denn nicht an allen Stellen Menschen, die anpacken? So wird oft gefragt. Viele Sympathien sind bei Marta, die viel tut, dass der Laden läuft, dass jeder zu essen und zu trinken hat, dass alles gerichtet ist. Es wird nicht genau beschrieben, womit sie dient, aber dass sie es tut, das wird gesagt. Und das kann doch nicht so falsch sein. Wo wären unsere Gemeinden ohne die vielen, die helfen, wo es notwendig ist?

Ich glaube auch nicht, dass Jesus Marta tadeln will. Marta spricht Jesus an mit zwei Zielrichtungen. Erstens möchte sie, dass Maria ihr hilft und Jesus soll ihr das doch bitte sagen. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Marias Tun einfach nur ungehörig ist. Als Frau stand ihr das nicht zu, sich wie ein Schüler da hin zu setzen und zuzuhören. Das war Männersache – und Jesus soll ihr das doch bitte erklären. Und der zweite – versteckte – Hintergrund: Marta möchte wertgeschätzt werden für das, was sie tut, die Umsicht und den Fleiß, mit denen sie alles organisiert und bereitet. Darin ist sie mir nahe. Ich möchte auch öfter wertgeschätzt werden für das, was ich tu, was ich leiste und einbringe in die Gemeinschaft. Ich brauche auch die Anerkennung für das, was ich tue.

Und Jesus bringt ihr diese Wertschätzung auch entgegen: Du hast dir viel Mühe gemacht. Das ist es nicht, was hier zur Debatte steht. Er sieht deutlich, wie viel Arbeit und Sorge sie sich macht.

Er wertet sie auch nicht ab in ihrer Sorge und in ihrem Tun, aber er wertet Maria, auf die Marta so herabblickt, auf. Er schaut sie mit Liebe an und sagt, dass sie das bessere Teil erwählt hat. Er hebt sie geradezu hoch, weil sie eine Entscheidung getroffen hat, mit der sie sich angreifbar macht. Sie hockt zu seinen Füßen.
Sie hat sich freigemacht von den Zwängen ihrer Gesellschaft, hat selbstbewusst eine Rolle eingenommen, die ihr nicht zugestanden hat, weil sie wissen wollte, was Jesus über Gott zu sagen hat.

Nicht Maria oder Marta sind Mitte des Textes. Jesus Christus ist es. Er ist hier Seelsorger, nimmt wahr Maria, die Hörende. Und er nimmt Marta wahr, die Unzufriedene und versucht beiden zu helfen. Und doch kommt das für Marta etwas bitter rüber. Sie muss lernen, dass sie Gutes getan hat, aber dass es nicht das Wesentliche war, vor Allem aber, dass ihre Kritik an Maria ungerechtfertigt war.

Das ‚eine Notwendige‘ ist die Pointe des Textes. Darum geht es und was das sein könnte, ist zu ergründen. Das hat Maria und das soll ihr nicht genommen werden.

Vielleicht hat Maria begriffen, dass das hier die Chance ihres Lebens ist. Sie kann den Sinn ihres Lebens finden, ihr Leben vom Kopf auf die Füße stellen. Darum durchbricht sie alle gesellschaftlichen Regeln und guten Sitten. Es interessiert sie nicht, ob für alle ausreichend gesorgt ist. Es interessiert sie, was Jesus zu sagen hat.

Manchmal muss man sich auch ein bisschen Ärger gönnen, um das Leben nicht zu verpassen. So denkt Maria. Sie nimmt es in Kauf, dass alle über sie reden, dass sie wahrscheinlich später auch massive Kritik einstecken muss. Das ist egal. Hier erhält sie Worte zum Leben. Die sind jedes Opfer wert. Es kann meinem Heil dienen, mal nicht meine Pflichten zu sehen. Wichtiger ist das Leben, das auf mich wartet.

Marta ist vielleicht nicht offen genug für die Veränderung, die mit Jesus in ihr Haus kommt. Sie erfüllt ihre Rolle, sie funktioniert und versteht auch nicht, dass die traditionelle Rolle der Frau als Dienende zu Ende ist. Der Skandal, dass eine Frau sich dazusetzt wenn Männer lehren und lernen wird zur Normalität. Die Wertigkeit eines christlichen Gottesdienstes lässt sich nicht an der Zahl der anwesenden Männer ablesen. Die Wertigkeit beginnt dort wo Frauen und Männer auf das Wort Gottes hören.

Wo Jesus aufgenommen wird in ein Haus widerfährt den Bewohnern Heil. Das wirkt sich ganz direkt auf die Beteiligten aus. Für Marta, dass sie noch intensiver alles überwacht, dass sie noch genauer hinschaut, ob alles stimmt und sich jeder wohl fühlt. Für Maria steht etwas anderes im Mittelpunkt, dass Jesus im Hause ist, bedeutet für sie, dass sie sich ihrem eigenen Seelenheil zuwenden kann. Sie kann ihr Heil ergreifen und sie tut es, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was die Anderen von ihr erwarten. Die Männer, die sitzen, essen und trinken wollen, während sie hören, Marta die Hilfe braucht, damit alles stimmt. Das alles interessiert in diesem Moment Maria überhaupt nicht – und darum hat sie das Bessere erwählt.

Wäre Maria ein Mann, wäre ihr Verhalten völlig in der Norm, seit Jesus gelebt hat, ist es das auch für Maria, die Frau. Dass Maria kontemplativ sei, wird nicht gesagt. Sie setzt sich über alle Konventionen hinweg, stört die ‚Ordnung des Hauses‘ und saugt die Worte Jesu auf.

Das gute Teil, das Maria erwählt hat, könnte sein: Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Das könnte mir auch helfen, wenn ich in manchen Lebenslagen Frage: Was ist jetzt gut für mein Verhältnis zu Gott, für meine Seele, für mein Gewissen?

Vielleicht gibt es auch in meinem Leben Dinge, die wichtig sind, aber diese Fragen sind immer noch wichtiger. Darum muss ich mich kümmern.

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