Kein Anspruch auf Lohn

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext für heute Morgen kommt aus dem Lukasevangelium, aus Kapitel 17. Jesus spricht im kleinen Rahmen mit seinen Jüngern. Ein sehr ernstes Gespräch. Es geht im Verführungen, um die schweren Seitendavon, sein Anhänger zu sein. Seine Jünger bitten ihn (Lk 17,5): Stärke uns den Glauben!
Dann folgt unser Predigttext:

7 Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? 8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; und danach sollst du essen und trinken? 9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? 10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren…
Wie geht es Ihnen damit?
Da wünsche ich Herrn Bobke und uns allen, als aufrechte Christen durchs Leben zu gehen, wach und aufmerksam, manchmal hoffentlich auch streitlustig für die Sache und dann komme ich jetzt und sage: Ok, war doch übertrieben – wir sind eh unnütze Knechte.
Gott ein feudaler Herr, ich sein Knecht – seine Magd. Letztlich sein Besitz, ihm zu Diensten. Dabei will ich doch etwas bewirken in meinem Leben. Mein Leben soll doch Sinn haben. Ich bin doch mein eigener Herr!

Der Text ist – zumindest für mich – eine Zumutung. Diese paar Zeilen, dann noch ausgerechnet bei Lukas, der sonst großzügig gerade die Gescheiterten und Armen einlädt. So auch nur bei Lukas zu finden – Sondergut. Mit guten Gründen kann man davon ausgehen, dass Jesus das so gesagt hat.

Saied aus dem Iran fragt mich in der letzten Stunde – wir sprechen gerade über das Christentum und eben diesen Jesus: „Wozu seid ihr gut?“ Und dann dieser Text. Ist es das? Unnützer Knecht zu sein?

Da wird unser Glaube plötzlich sperrig. Das passt uns nicht in den Kram. Ich muss mein Gottesbild überdenken – vielleicht ja auch das Bild, das ich von mir selbst als Mensch habe. Die Dinge bekommen feine Risse… Ich habe das Gefühl, Jesus schaut mir frech und fordernd ins Gesicht. So auch ihr!, sagt er. Überleg mal, was bist du Gott eigentlich schuldig?

Also gut, wir nehmen die Herausforderung an. Denn nur zu sagen: So ist das doch gar nicht gemeint, es geht um Herrschaftsverhältnisse und Sklaven der damaligen und heutigen Zeit, ist doch deutlich zu kurz gesprungen. Zudem würden wir uns um die Radikalität drücken, die diese auf Jesus zurückzuführenden Aussagen eben in sich haben.

Liebe Gemeinde, ein Text wie ein grätiges Fischfilet. Mehrfach muss man mit Messer und Pinzette ran, es fast komplett zerlegen, bis man ein Ergebnis hat, dass man zu sich nehmen kann, ohne zu Ersticken…

Ausgang war also die Bitte der Jünger: Stärke uns den Glauben! Antwort Jesu: Wie ist denn Eurer Verhältnis zu Gott? Welche Haltung habt ihr dazu? Was treibt euch an und was motiviert euch?
Jesus fragt sie nach ihrer inneren Haltung: Wie stehst du zu Gott? Jeglicher Gedanke an so etwas wie Anerkennung, Wertschätzung oder Lohn wird im Keim erstickt.

Ich glaube, deshalb tun wir uns so schwer damit. Denn genau so denken wir. Da steckt eine tiefe Sehnsucht in uns. Es muss sich lohnen für mich. Ich will Anerkennung und Wertschätzung. Ich will mich meiner selbst vergewissern, will wissen, dass ich so recht bin, wie ich bin. Von klein auf werden wir bewertet, schielen auf Ergebnisse und Lohn welcher Art auch immer. Wir verdienen etwas – ja oder auch nicht.
Hand aufs Herz… Sie fragen sich doch auf oft:
Was habe ich davon?
Was habe ich davon, freundlich zu sein?
Was habe ich davon, zu helfen?
Was habe ich eigentlich von dieser Gemeinde?
Was hab ich eigentlich von meiner Kirchensteuer?
Was ist mein Lohn?
Falsche Frage, sagt Jesus.

Also Fischfilet nochmal in die Hand nehmen, nochmal drücken und betasten und drehen und wenden. Noch ist es nicht genießbar. Wir kommen zum theologischen Kern der Geschichte – zumindest zu einem. Es geht um die Haltung, die wir haben und die Frage, was bin ich schuldig.
Eine Möglichkeit wäre zu sagen: Na ja, ich gebe (tue) etwas, damit du dann wieder mir gibst (do ut des). Ein Handel. Gott ist wie ein Automat: Ich werfe oben was rein und unten kommt was raus. Ich bete, halte mich an die Regeln, spende, dann wird´s schon gut laufen im Leben.
Wir alle hätten das gerne. Wir alle wissen aber: So funktioniert es nicht… Falsche Herangehensweise, sagt Jesus. Das mit dem Lohngedanken haut nicht hin. Zumindest nicht bei Gott. Religion und Glaube sind kein Tauschgeschäft von halbwegs guten Taten gegen göttliche Huld und Gnade. Sie sind tiefster Ausdruck der Zugehörigkeit der Menschen zu Gott. Basta.

Also – Fisch nochmal umdrehen, weiter pulen…
Eine andere Möglichkeit: Ich gebe, ganz einfach, weil du gegeben hast (do quia dedisti). Wie ein Reflex, ohne nachzudenken, einfach so. Ohne Erwartungshaltung oder Hintergedanken. Keiner Umgarnung, keine Opfer und heilige Gelübde. Alles was einer tut, geschieht um seiner selbst willen. Es ist entweder in sich gut oder eben nicht, aber es will und hat kein Anrecht auf himmlischen Lohn. Auch weil solches Schielen nach Belohnung die gute Tat korrumpiert. Wer sich von äußerem Lob und Tadel freigemacht hat, kann auch den Schritt gehen und auf die letzte innere Verteidigung verzichte. Nämlich ganz auf sich selbst bauen zu wollen und durch eigene Kraft den Himmel aller Himmel aufzutun.
Denn auch „wenn du nun aus lauter guten Werken beständest bis auf die Fersen, so wärst du trotzdem nicht rechtschaffen und gäbest Gott darum noch keine Ehre und erfülltest also das allererste Gebot nicht“. (Martin Luther, Freiheit, 1520) Meint Martin Luther…
Sein Argument ist nicht, dass es an Quantität, sondern an Qualität fehlt: Wir können uns angesichts der Ewigkeit unserer Taten nicht gewiss sein. Wir sind also „unnütze Knechte.“ Unsere Bekenntnisschriften erklären: „…unnütz meint hier unzureichend, weil niemand so sehr Gott fürchtet, so sehr liebt und ihm so sehr glaubt, wie es nötig ist … Jedem muss deutlich sein, dass an dieser Stelle das Vertrauen auf unsere eigene Leistung verdammt wird“. (Apologie der C. A. Art. IV, 334 ff).

Merken sie, dass wir bis zur Halskrause drin sind in evangelisch-reformatorischer Theologie? Das ist Rechtfertigungslehre!

Jesus hat seine Jünger damals und uns heute herausgefordert, über unsere Haltung nachzudenken. Und durch dieses Beispiel vom Herrn und dem Knecht ist klar, welche Haltung ins Leere läuft. Gott ist kein Automat, jegliches Nachdenken über Lohn oder was für mich herausspringt ist falsch.
Im Gegenteil: Wir gehören zu Gott, sind seine Ebenbilder. Nur wenig geringer geschaffen als Gott ist der Mensch, sagt Psalm 8 (Ps 8,6), ein kleiner Schöpfer (Thomas von Aquin), Krone der Schöpfung (Gen 1).
Wir sind Söhne und Töchter Gottes und haben Anteil am Reich und leben davon, dass das Gottes Reich in Jesus bereits gekommen ist (Lk 17,20f.). Darin bin ich tief verwurzelt, weil ich getauft bin. Gegen alle Einflüsse von außen, gegen alle fake news und alternative Wahrheiten, gegen alle Ansprüche dieser Welt, haben wir ein unglaubliches Privileg: Wir haben diese innere Freiheit. Wir sind unnütze Knechte. Letztlich gründen wir ins keinem anderen als Gott alleine. Nur ihm sind wir zu Diensten.

So betrachtet hat das doch was, finden sie nicht auch?
Das habe ich davon, dass ich mir diese Freiheit leisten kann. Ich muss mich gar nicht in all diese Ansprüche an mich verstricken lassen. Unnütz zu sein heißt: Ich muss doch gar nicht alles können. Es ist ok, auch Fehler zu machen und nicht perfekt zu sein. Es reicht, sich nur auf meinen kleinen Teil zu konzentrieren und den zu tun. So wie ein Knecht es eben tut.
Es wäre wohl mehr als überheblich, sich einzubilden, Sie als Steinmetz könnten das ganze Münster erhalten. Sicher nicht. Aber in ihrem kleinen Teil können sie das sehr wohl…
Wir alle sind Teil von einem großen Ganzen. Von einer Gemeinde, einer Kirche – hier und weltweit. Wir können uns in all den Zwängen, in denen wir uns bewegen, eine innere Freiheit leisten. Wir können gelassen sein, weil wir wissen, wir hebens doch eh nicht. Wir können manchmal ein bisschen von uns absehen. Das entlastet ungemein.

Vielleicht sind wir ja dazu gut…
Saied aus dem Iran wollte das ja wissen.
Vielleicht sind wir dazu gut, ein Gegenüber zur Welt zu sein. Weil wir wissen, dass jede und jeder seinen Wert hat unabhängig von Leistung und Lohn. Weil uns hoffentlich dann und wann die Einsicht ereilt, dass unser Leben ein großartiges Geschenk ist. Darum geht es und nicht um das Erreichen eines Zwecks. Deshalb können wir uns die Freiheit nehmen, den Finger immer wieder in die Wunde zu legen. Dann, wenn Freiheit und wenn die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird. Und das wird sie weltweit viel zu oft.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit!, sagt Paulus. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Gal 5,1).

So auch ihr! Machen sie was draus! Amen.

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