Geburtsdatum: 24. Dezember 2014

Predigt zu Lukas 2,1-14:

Gottes Liebe und Wahrheit erfülle unsere Gedanken und unsere Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Weihnachten ist die Zeit der Geschichten, im Advent war das für mich die entspannteste Zeit: eine Kerze anzünden und eine Geschichte hören. Darum erzähle ich Ihnen heute morgen auch eine Geschichte.

Es war der Abend des 23. Dezember.

Der mißmutige Engel Zachiel lag auf einer Wolke und schaute hinunter auf die Welt.

Da!“ zeigte er auf die gerade vorbeiziehende Skyline von New York’s Hochhäusern. „Guck dir das an, Jesus! Überall diese Wolkenkratzer! Sie schiessen wie Pilze aus dem Boden, viel, viel schlimmer als damals dieser unsägliche Turm in Babylon.“

Jesus setzte sich zu ihm und schaute hinunter.

Ha!“ schnaubte Zachiel, „die haben dich, ihren wahren König schon lange vergessen! Überall herrscht das Geld, Zahlen sind ihre neue Religion! Sie messen die Zeit und spalten sie in kleinste Teile und die Menschen müssen in die Zeit hineinpassen. Werden passend gemacht! Und wer nicht paßt, der fliegt raus! Die Uhren bestimmen ihr Leben und die Zahlen. Wer wieviel verdient, wer welches Risiko hat für eine Krankheit, wer wieviel Geld erwirtschaften kann. Und danach schätzt man einen Menschen, man erklärt ihn für wichtig oder für wertlosen Müll. Pfui Teufel! Der hat da bestimmt auch seine Finger im Spiel!“

Jesus lächelte: „Zachiel, beruhige dich! Alles wird gut. Schau mal, da kommt Deutschland in Sicht, Köln, da, in dem hohen Turm, da sitzt einer, den solltest du dir mal ansehen!“

Im obersten Stock des Versicherungsgebäudes saß Max Fischer immer noch an seinem Schreibtisch. Er war der Chef der Abteilung Versicherungsmathematik. Seine Welt bestand tatsächlich im wesentlichen aus Zahlen, Statistiken: wer hat welches Risiko, einen Unfall zu erleiden oder eine kostspielige Krankheit zu bekommen? Von solchen Leuten wollte man natürlich möglichst wenige in der Versicherung haben.

Da klingelte das Handy in der Tasche seines Sakkos, das über dem Schreibtischstuhl hing.

Ja? Ach, du bist es, Susanne! – Ja, ja, ja, ich bin ja schon auf dem Weg. Nein, morgen habe ich frei, das habe ich Malinka versprochen, ich gehe dann mit ihr zum Krippenspiel in diesem neuen Behelfswohnheim. Genau. Ja, ich übe den Text noch mit ihr. Bis gleich!“

Malinka, das war seine Tochter, 8 Jahre alt war sie jetzt. Seit sie mit fünf Jahren das erste Mal in einem Krippenspiel mitgemacht hatte, wollte sie unbedingt die Maria spielen.

Es war an einem heissen Tag gegen Ende der letzten Sommerferien gewesen, als sie nachmittags im Garten zu ihrem gleichaltrigen Freund Julian gesagt hatte: „Und dieses Jahr bin ich die Maria! Und du spielst den Josef!“ Julian hatte geseufzt, dazu hatte er keine Lust, aber für Malinka, gut, für sie würde er es machen. „Aber sagen tu ich nix vor so vielen Leuten!“ – „Ach was, „ meinte Malinka, „der Josef muß gar nicht viel sagen, das schaffst du schon!“

Und wirklich, gleich als die Schule wieder angefangen hatte, im ersten Kindergottesdienst ging Malinka hin zu Pfarrer Reiner, baute sich vor ihm auf und sagte: „Damit das gleich klar ist. Ich bin die Maria!“

Herr Reiner hatte etwas verwirrt geguckt, aber als Malinka hinzufügte: „An Weihnachten natürlich! Ich habe mich als allererste gemeldet, das haben Sie jetzt gehört!“ – da hatte er gelacht und gemeint: „Wenn du mit so einem Vorlauf kommt, dann mußt du selbstverständlich die Maria spielen!“

Und so war es dann auch gekommen.

Und Julian war ein wortkarger, leicht brummiger Josef, Zimmermann eben. Die machen nicht viele Worte.

Und Herr Reiner hatte dann die Idee gehabt, den Gottesdienst mit dem Krippenspiel in das neue Flüchtlingsheim zu verlegen, auch wenn da sicher nicht alle christlich waren. Aber Ismael aus ihrer Klasse hatte gesagt, im Koran käme Jesus auch vor, da heißt er Isa und ist ein Prophet. Na gut.

Am nächsten Tag war endlich der Heilige Abend da.

Max Fischer machte sich mit Malinka auf den Weg, Frau Fischer wollte derweil das Essen fertig machen.

In dem großen Aufenthaltsraum im Flüchtlingsheim waren schon viele Leute versammelt, Erwachsene und Kinder. Es gab eine Kulisse für das Krippenspiel. Und auch einen Weihnachtsbaum, aber mit elektrischem Licht, Kerzen waren zu gefährlich, die durfte man hier nicht anzünden.

Ziemlich weit vorne saß ein junges Paar, sie war sehr, sehr schwanger. Malinka überlegte, wie das wohl sein mußte, so weit weg von zu Hause ein Baby zu bekommen. Die Zimmer hier waren alle nach oben offen, weil das eigentlich einmal ein großer Laden gewesen war. Türen gab es auch keine, man ging bloß so um die Ecke in die Zimmer, man konnte also nicht reingucken, aber hören ganz sicher alles.

Das Spiel begann und Malinka fühlte sich ganz prima und sehr wichtig als Maria. Sie stupste Julian an: „Nun guck doch nicht so grimmig! Es dauert doch nicht lange und dann gibt es zuhause Essen und Geschenke!!“ Julian seufzte. Er schaute die fremden Kinder an. Ob die wohl heute auch Geschenke bekamen? Aber vielleicht feierten sie ja gar nicht Weihnachten und das alles war für sie nur ein buntes Theaterstück, bei dem man nicht so genau wußte, was passierte, denn verstehen konnten es ja sicher nicht alle.

Aber trotzdem guckten alle sehr gespannt zu und lachten, als die Hirten kamen mit weißen Stoffschafen. Malinka-Maria hatte eine Baby-born-Puppe als Jesuskind auf dem Schoß, da drängelte sich eines der Flüchtlingsmädchen durch und sie hielt ihren kleinen Bruder auf dem Arm. Kurzerhand nahm sie Malinka die Puppe weg und setzte ihr den kleinen Bruder auf den Schoß, der brabbelte vor sich hin und zog an Marias Umhang herum.

Das brachte Malinka schon ganz schön aus dem Konzept. Alle Leute in der Halle lachten dazu und Malinka wußte nicht, was sie als nächstes hatte sagen sollen. Aber sie mußte auch nicht lange weiter nachdenken, denn jetzt kam auf einmal ein Schrei aus den Reihen der Zuschauer!!

Es war die junge Frau, die ihr vorhin durch ihren dicken Bauch aufgefallen war. Sie war es, die so schrie. Ihr Mann rief jetzt auch etwas in seiner Sprache und sah ganz verzweifelt aus. Das Kleid der Frau war ganz nass und sie hielt sich den Bauch.

Eine der Sozialarbeiterinnen eilte zu ihr, dann rief sie: „Ist ein Arzt hier?“

Julians Vater war schon aufgestanden: „Ich bin Doktor Weingarten. Hallo, machen Sie bitte alle Platz, wir brauchen Platz!“ Nachdem er sie untersucht hatte, sagte er: „Das Kind ist praktisch schon fast da! Ins Krankenhaus schafft sie es auf keinen Fall mehr! Haben sie eine Matte, irgendeine Unterlage? Wir bringen sie in ihr Zimmer, schnell!“ 

Zum Glück nimmt er seine Arzttasche überallhin mit!“, dachte Julian, als er der kleinen Gruppe besorgt hinterdrein schaute, der junge Mann trug seine Frau jetzt.

Alle murmelten aufgeregt miteinander, dann kam Pfarrer Reiner ans Mikro und sagte: „Wir können im Moment hier nichts helfen! Laßt uns das Krippenspiel zu Ende aufführen!“

Das taten sie auch, aber alle lauschten doch immer hinüber zu den Zimmern.

Dann war gerade das Lied Stille Nacht zu Ende, da hörten sie es: einen Schrei, erst schwach, dann kräftiger. Das Baby!“ rief Malinka, „das Baby ist da! Genau an Weihnachten, wie Jesus!“

Nachher durften Julian, Malinka und ihr Vater als einzige hineinschauen zu der jungen Mutter, weil sich Julians Vater noch um sie kümmerte. Sie lächelte erschöpft und müde und hielt ihr Baby im Arm. Der Vater verbeugte sich immer wieder und dankte allen.

In stockendem Englisch erzählte er, daß er seine Frau kennengelernt hatte, als alle versucht hatten, auf ein Schiff nach Europa zu kommen. Das Boot war dann auf dem Mittelmeer gekentert, aber sie wurden alle von einem Fischerboot gerettet. In dem Lager in Italien hatten sie dann geheiratet, aber da war sie schon schwanger gewesen, das Kind war nicht von ihm. „War schwer“ sagte der Mann, „aber jetzt gut!“

Da klingelte bei Herrn Fischer das Handy. „Papa!“ protestierte Malinka.

Herr Fischer ging schnell um die Ecke: „Susanne? Warum das so lange dauert? Ja, weißt du, es ist etwas wirklich Unvorhergesehenes passiert! Da fällt mir ein: wir haben doch im Keller noch immer diesen Karton mit den ganz kleinen Babysachen von Malinka? Geht doch mal runter und hol ihn hoch und dann komm ganz schnell hierher! Ja, hier wurde gerade eben ein Baby geboren! Unglaublich! Wir brauchen die Sachen doch nicht mehr, du sagt immer, ein zweites Kind kommt für dich nicht in Frage und…ja! Meine Güte! Und selbst wenn, könnten wir ohne Probleme neue Sachen kaufen! Aber diese Leute hier haben gar nichts! Nun komm!“

Und dann ging er ins Zimmer zurück und sagte lächelnd: „Wir haben ein Weihnachtsgeschenk für Sie alle, alle drei!! Meine Frau kommt gleich, Babysachen, ganz viele.“ – „Oh,“ sagt Malinka, „sind das die von mir, Papa? Das ist schön!“

Und dann spielten in dem großen Raum die Krippenspielkinder mit den Flüchtlingskindern, Malinka saß zusammen mit dem Mädchen, daß ihr vorhin ihren kleinen Bruder auf den Schoß gedrückt hatte und brachte ihr ein Klatschspiel bei und die Erwachsenen tranken zusammen Kaffee und aßen Kuchen. Als Frau Fischer mit dem Karton angekommen war, hatte sich das junge Paar sehr gefreut und vorsichtig und lächelnd mit den Händen über die Sachen gestrichen, über all die weichen, kleinen Hemdchen und Strampler und Mützchen und Jäckchen.

Der mißmutige Engel Zachiel schaute nachdenklich von seiner Wolke herab.

Na,“ stupste Jesus ihn von der Seite an, „was sagst du nun? Die Menschen haben doch noch ein Herz, sie müssen nur ein bißchen danach suchen. Und dann spielen die Uhren und die Zeit und die Statistiken und das alles auf einmal keine Rolle mehr. Wenn Menschen sich begegnen von Angesicht zu Angesicht, dann kann alles passieren. Also, für mich war das ein richtig schönes Geburstagsfest heute.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in der Liebe Jesu Christi und in der Kraft des heiligen Geistes. Amen.

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