Mose sieht Gottes Glanz – im Nachhinein

Mose erlebt Gott. Im Nachhinein. Gott geht ganz nah an ihm vorbei. Mose kann hinter ihm herschauen, der Abglanz Gottes fällt auf ihn. Aber er sieht ihn erst hinterher, sieht nur seine Spur. In dem Moment selbst bleibt Gott ihm verborgen. Er kann ihn erst im Nachhinein erkennen. Und fängt an zu strahlen.

So ist das auch im Leben. Vieles erschließt sich erst im Nachhinein. Im Moment selbst bleibt es verborgen. Dann sagen wir: Wenn ich das damals gewußt hätte!Erst jetzt merke ich, wie gut ich es damals hatte. Erst jetzt merke ich, wie glücklich ich in dieser Zeit war. Erst jetzt merke ich, daß es ein Schlüsselerlebnis war, was ich dort gesehen, gehört, erlebt, erkannt habe. Erst jetzt wird es mir klarer.

Wenn ich es damals gewußt hätte, wäre ich länger dort geblieben. Oder auch: Dann hätte ich mich anders entschieden. Den Mann nicht geheiratet, der zuviel trinkt. Mich nicht auf die Arbeitsstelle beworben, die jetzt weggekürzt wird. Hätte ein Instrument gelernt.
Wenn ich damals gewußt hätte, welche Zerreißprobe es wird mit Kind und Arbeit und Haushalt, dann hätte ich wohl Angst bekommen und mich nicht für ein Kind entschieden. Aber was ich dadurch alles zurückbekommen habe an Freude, wie schön es war, das hätte ich alles verpaßt. Gut, daß ich vorher nicht gewußt habe.

Im Nachhinein sieht es sich leichter. Da sind viele klüger.
Wenn wir gewußt hätten, wie unmenschlich Hexenverfolgung ist, hätte es keine Inquisition gegeben, keine Hexenverfolgung, Religionskriege oder Pogrome. Antisemitismus hätte sich nicht so entwickeln können. Die Kirchen hätten es geschiedenen Frauen oder unehelichen Kindern nicht so schwer gemacht. Homosexuelle hätten ihre Liebe nicht verstecken und verheimlichen müssen. Psychisch Kranke wären nicht in Anstalten weggesperrt, in denen sie fixiert und geschlagen wurden.

Im Nachhinein sind wir klüger – doch für Intoleranz ist das keine gute Entschuldigung. Die Menschen hätten  schon vorher wissen können, daß es immer herzlos, immer unrecht ist, andere abzuwerten und sie an den Rand zu drängen. Und es hat in jeder Zeit Leute gegeben, die sich über die Meinung der Mehrheit hinweggesetzt haben und zu denen gehalten haben, die belächelt wurden, ihre Stimmen wurden nur nie gehört oder selbst zum Schweigen gebracht.

Im Nachhinein sehen wir klarer. Aber wir leben ja nicht im Nachhinein, sondern hier und jetzt. Jetzt entscheiden wir, jetzt leben und lieben wir. Mitten in der Nacht packt die Einsamkeit. Am Mittagstisch streiten oder versöhnen sich zwei. Der Morgen wartet auf eine Entscheidung. Tag für Tag üben sich Erwachsene und Kinder in Barmherzigkeit und Güte und Menschenfreundlichkeit und Gerechtigkeit.
Die Zeit, in der wir leben, liegt wie ein Geschenkpaket vor uns. Wir können es auspacken, herausnehmen, uns daran freuen, es in Benutzung nehmen. Der Tag ist ein Geschenk, ist Chance und Aufgabe zugleich. Wir können ihn gestalten, wie es in unseren Möglichkeiten steht.

Manchmal verstecken wir uns in einer Höhle, so wie Mose.
Doch Gott geht draußen vorbei. Gott streift umher und kommt den Menschen nahe. Gott hinterläßt Spuren in ihrem Leben (so wie wir Spuren ziehen, unseren ökologischen und sozialen Fußabdruck). Und dann und wann bringt er ihre Gesichter zum Leuchten, so wie Moses‘ Gesicht gestrahlt hat.

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