Ein Stück Himmel

Liebe Schwestern und Brüder,

wo liegt ihrer Ansicht nach der Himmel räumlich, geographisch und religiös und wo und was ist das Himmelreich?

Ist der Himmel der bestirnte, d.h. mit Sonne, Mond und Sternen und Wolken gefüllte, Raum über uns?

Ist der Himmel, da wo die Liebe im 7.Stock bzw. wo sich Liebende im sog. siebten. Himmel befinden?

Ist der Himmel da, wo die Flugzeuge fliegen und der nächtliche Nachthimmel mit der Milchstraße sind oder ist das Himmelreich ganz etwas anders?!

Haben die Engländer nicht recht, wenn sie zwischen dem religiösen und spirituellen Himmel, den sie „heaven“ nennen, und dem Raum über uns, nämlich der Atmosphäre und dem Ort, wo die Vögel fliegen als „Sky“ bezeichnen und diese unterscheiden!

Und wenn wir unseren Kindern erklären, wo Gott ist oder die verstorbenen Angehörigen sind, dann antworten wir: im Himmel!

Opa und Oma schauen vom Himmel herab!

 

Wenn Jesus – wie im heutigen Predigttext- vom Himmelreich spricht, dann meint er das Königreich der Himmel bzw. des Himmels, in der Gott in der Fassung des Evangelisten Matthäus mit Gerechtigkeit und Gnade regiert. Es ist dies einerseits der religiöse Raum ums uns und eine Mischung von realer Zeit und Raumvorstellungen anderseits, in welcher Gott regiert. Es ist der Raum und die Sphäre, die innere und äußere Welt in und um uns, die von unserem Glauben an Gott geprägt sind.  Gottes Reich wird kommen in diesem Himmel. Und in diesem Himmelreich ist Gott mitten unter uns und bei uns. Dazu später noch mehr..

Im MA, in der mittelalterlichen Malerei und der orthodoxen Ikonenmalerei  hat man Christus als König und Weltenherrscher im kosmischen Himmel und über der Erdkugel dargestellt. Christus regiert die Welt, sprich den ganzen Erdkreis als Allherrscher und Regent der Zeit – Pantokrater genannt-, in dem er auf der Weltkugel sitzt und über Welt, die Schöpfung, Raum und Zeit herrscht.

Auch das Kirchenfenster hier im Bonhoeffer Haus, meines Wissens  nach dem Entwurf von Frau Wachter gestaltet, zeigen den segnenden auferstandenen Christus und das symbolisierte Himmelreich Gottes.

Das zentrale Motiv ist meiner Meinung nach der segnende und auferstandene Christus, der im und vorm himmlischen Jerusalem seine Arme spreizt, um die in Reich Gottes ins Himmelreich kommenden Menschen in seine segnenden Arme zu schließen. Der Gekreuzigte ist auch der Auferstandene und Segnende. Gott mit uns durch Kreuz und Auferstehung, Gott mit uns als Erlöser und Retter.

Doch was meint Jesus mit den Worten?

Tut Buße bzw. ändert euer Leben, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Wir modernen Christen des 21. Jahrhundert leben genau  in derselben Spannung und mit dem Widerspruch wie die ersten Christen.

Wir leben damit, dass diese Welt noch nicht erlöst ist, auch wenn wir schon im Glauben hier und jetzt das Reich Gottes, das Himmelreich mit und in den Augen des Glaubens sehen.

Und so bedeutet Himmelreich oder der Gebetsruf „Vater unser im Himmel“ bzw. das Bekenntnis „aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“, immer mehr als eine Bestimmung des geografischen Raums über uns oder ein gequältes Hinaufschauen in die Wolken, um dann festzustellen, dass dort nur Atmosphäre ist.

Wer hingegen an den göttlichen Himmel glaubt, ob als Kind oder Erwachsener, der tritt ein in eine Dimension der Wirklichkeit, die sich jenseits von Naturwissenschaft, Zweifel, Agnostizismus und angestrengtem Atheismus befindet.  Dem oder der tut sich der Himmel auf. Der Himmel des Glaubens an Jesus Christus. Eine Welt der unendlichen Möglichkeiten des Reiches Gottes, das überall sein kann und will und das auch mitten unter uns am heutigen Tag seinen religiösen und räumlichen Himmel über uns aufspannt.

Das verschafft mir die Möglichkeit im Glauben vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang Gott für seine wunderschöne Natur zu danken und mich als Geschöpf zu empfinden, das unter Gottes großem Himmel lebt. Paul Gerhardt, der Liederdichter, lobt Gottes anvertraute Schöpfung im berühmten Lied. „Geh aus mein Herz und suche Freud …“!

Wer an den Himmel glaubt und nicht nur über die astronomische Bestirnung über uns, der weiß, dass der Glaube an Jesus, den Christus, himmlische Perspektiven bietet. Nicht nur für ein Jenseits oder dem vielleicht weltabgewandten Leben in einem religiösen Himmel, sondern im Hier und Jetzt auf Erden.

Hier und jetzt auf dieser Welt, um das Antlitz dieser Welt im Sinne Jesu etwas freundlicher werden zu lassen.

Idealtypisch wäre dies der bereitete Himmel auf Erden. Und das bedeutet konkret. Wir haben von Jesus, dem Christus und Gottes Sohn die Bergpredigt bekommen, wir sollen unsere Feinde lieben und an der Schaffung einer friedlichen Welt und der Bewahrung der Schöpfung und der Schaffung von gerechten Verhältnissen mitarbeiten. Wer an den Himmel glaubt, der weiß auch, dass wir hier auf Erden leben, Verantwortung tragen und uns für Gerechtigkeit einsetzen.

 

Vielleicht mit Worten von Roger Schutz, dem verstorbenen Vorsteher und Abt der Kommunität Taize:

Mache deine Wohnräume zu einem Ort, an dem andere immer willkommen sind.

Du hast Nachbarn im Treppenhaus, im Wohnviertel. Nimm dir Zeit, immer wieder auf sie zuzugehen und mit ihnen Verbindungen zu knüpfen. Du wirst dabei oft auf große Einsamkeit stoßen und feststellen, dass die Grenze der Ungerechtigkeit nicht nur zwischen Kontinenten, sondern nur einige hundert Meter von deiner Wohnung entfernt verläuft.

Lade andere zum Essen ein.

Das Fest wird eher bei einem einfachen als bei einem übertriebenen Mahl entstehen …

Das Gleichnis des Miteinander-Teilens bezieht sich auch auf deine Arbeit.

Setze deine Kräfte dafür ein, dass für alle eine Angleichung der Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen erreicht werden …

Das Miteinander teilen schließt die ganze Menschheitsfamilie ein.

Es ist unerlässlich, gemeinsam zu kämpfen, um die Güter der Erde neu aufzuteilen.

Maßstab sind die tatsächlichen Bedürfnisse aller Menschen bis hin zu den Allergeringsten, und nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der westlich orientierten Menschen.

Es gibt nur eine Menschheitsfamilie.

Kein Volk, kein einziger Mensch ist davon ausgeschlossen.

 

Die letzten Sätze von dem verstorbenen Prior aus Taize beschreiben ganz elementar und eindrücklich, wie ein Leben unter irdischen und weltlichen Bedingungen eine himmlische Note bekommen kann. Wie aus vermeintlich einfachen Lebensregeln und ethischen Anweisungen ein Stück Himmel auf die Erde kommt.

Und wer mit dem Herzen weit und klar in den religiösen Himmel blickt, der weiß für sich, dass tief in uns drinnen der Glaube an Jesus Christus den eigenen Horizont der Möglichkeiten bestimmt.

Wer in dem von Gott geschenkten Himmel lebt, der weiß, dass Jesus Christus für ihn lebt, hilft, tröstet, rettet, stärkt, begleitet, hält, vergibt, liebt, trägt, barmherzig ist und erlöst.

Wer an diesen Jesus Christus glaubt, für den existiert er nicht nur symbolisch, sondern ganz real, mächtig und lebensbestimmend im Hier und Jetzt.

Jesus Christus ist in den Himmel aufgefahren, aber sorgt für uns hier auf Erden.

Und die Antwort auf die Frage: „Wo ist Jesus und was ist der Himmel?“ muss lauten:

Ich sehe und glaube an den von Jesus beschriebenen Himmel mit meinem Herz und dieser Himmel zeigt mir unendliche Möglichkeiten mit einem neuen Herz und einem neuen Geist.

Gott schenke uns durch Jesus Christus diesen Himmel.

 

Amen.

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