Es ist alles gesagt (Johannes 1, 15-18)

„Seit rund einer Woche hat Gott eine Telefonnummer mit Mailbox. Wenn man die niederländische Handy-Nummer 0031 6 442 449 01 wählt, bekommt man – in het Nederlands – jedenfalls die folgende Nachricht zu hören: „Hier spricht Gott. Ich kann Ihren Anruf gerade nicht entgegennehmen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht oder versuchen Sie es später noch einmal, vielleicht bekommen Sie dann sogar eine Antwort.“

Von dieser provozierenden Kunstaktion berichtete 2009 der Spiegel. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen….. Im Kunstunterricht sollten sie sich nicht nur mit der Frage nach Gott in der Kunstgeschichte auseinandersetzen, sondern selbst eine Ausdrucksform suchen und wählen. Sollte sie ein himmlisches Handy malen…oder einen Festnetzanschluss mit direktem Draht „buchstäblich“ nach oben als Sinnbild für Gott ? Manchmal hatte sie es ja auch schon mit Beten versucht, konnte aber jetzt nicht wirklich von Erfolg oder Misserfolg berichten. Eigentlich wusste sie gar nicht so genau, was sie denken und was sie sich vorstellen sollte. Wie denn auch! Gott ist für sie immer das Unvorstellbare und damit irgendwie auch der Unnahbare gewesen. Denn wie will ich mich jemanden nähern, den ich überhaupt nicht kenne? Sie schaute sich also wie aufgegeben um, wie Gott dargestellt wurde. Aber die Symbole oder die Bilder halfen ihr nicht wirklich weiter. Die Erschaffung Adams aus dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle im Vatikan von Michelangelo beeindruckte sie noch am meisten. Hier der Mensch auf Erden , dort Gott im Himmel. Zwei getrennte Welten, unerreichbar fern und doch ganz nah, denn ausgestreckte Hände berühren sich mit den Fingern , Gottes Hand erreicht Adams Hand. Adam streckt seine Hand Gott entgegen. Gott beantwortet diese Bewegung mit seiner Schöpferhand zum Menschen hin.

Gibt es so eine Bewegung des Menschen hin zu Gott? Im Religionsunterricht haben sie diskutiert, ob der Mensch an sich ein religiöses Wesen sei, das in sich immer und grundsätzlich die Sehnsucht nach Gott trägt und lebenslang auf der Suche bleibt, oder ob Religion doch nur als Opium des Volkes von den notwendigen und möglichen Veränderungen der Wirklichkeit ablenkt, um sie ins letztlich unerreichbare Jenseits zu verschieben, Religion gewissermaßen als Projektion der eigenen Sehnsüchte und Hoffnungen und Befriedung des inneren Leidensdruckes.

„Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen.“ soll Juri Gagarin, der russische Kosmonaut nicht ohne Spott 1962 gesagt haben. Andere sind ergriffen, wenn sie den Himmel über sich sehen und fühlen, wie klein sie angesichts einer nur erahnten Ewigkeit als Menschen sind, und bergen sich deshalb in der geglaubten Größe, Weite und Tiefe ihres Gottes, von dem sie mit dem Himmel eine Ahnung wahrzunehmen meinen.

Wie es schien eine unlösbare Aufgabe, die ihr gestellt wurden. Sie konnte von den ernsten oder spöttischen Versuchen berichten, sich von Gott ein Bild zu machen und damit auch eine Meinung zu bilden. Sie ahnte, wie schön es wäre, spontan einleuchtende und überzeugende Antworten auf so viele drängende Fragen im Leben zu finden, nicht zuletzt auf die Frage nach dem eigenen Woher und Wohin, oder aber dem Woher und dem Wohin dieser ganzen Welt, die, in Unfrieden hin und hergerissen, nicht zur Ruhe kommt. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass es die Klarheit und Eindeutigkeit weder in der Kunst noch in der Philosophie geben würde. Es gab immer nur Annäherungen und alles konnte nur unter Vorbehalt gesagt, behauptet, geglaubt oder gelebt werden. Vielleicht sollte sie leere Blätter abgeben: ein schwarzes, um die Dunkelheit darzustellen, die sie bei dem Gedanken verspürte, dass kein Gott sei, der alles in der Hand und damit im Blick behält und ein weißes Blatt, dass auch für die Leere im Leben stehen könnte, die dies bedeuten würde oder aber für das Licht und den hellen Schein, den der Glaube für viele Menschen darstellt und ihnen Kraft und Mut zum Leben und handeln gibt.

Was kann man eigentlich überhaupt sagen, denken und glauben von den letzten Dingen im Leben? Verbietet sich nicht alles von allein?

Das ist menschlich gefragt und gedacht. Ich kann eben fragend und denkend nur in engem Rahmen meine eigenen Grenzen durchbrechen. Ich bleibe gefangen im Rahmen meiner gar nicht so geringen, aber eben auch nicht unendlichen gedanklichen Möglichkeiten. Was dem Menschen möglich ist, erleben wir an technologischem Fortschritt auf Schritt und Tritt, die Grenzen zwischen Schöpfer und Geschöpf scheinen zu zerfließen, die Rollen nicht mehr klar getrennt, wir sind längst Designer des Lebens geworden, haben wir aber auch den Schöpfer damit arbeitslos gemacht und endgültig von seinem Thron vertrieben?

Sie werden merken, dass auch ich bis jetzt fast ausschließlich im Fragemodus geblieben bin. Die einzigen Gewissheiten scheinen die zu sein, dass es neben vielen Fragen keine Gewissheiten außer denen der Geburt und des Todes gibt.

Und so gewiss der Prolog des Johannesevangeliums dem Anfang aller Anfänge, der Schöpfung, gleich anhebt und bekennt: „Im Anfang war das Gott und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“, so ehrlich kommt er zu dem Schluss: „niemand hat Gott je gesehen“ Selbst der Spötter Gagarin widerlegt also nicht das biblische Zeugnis, sondern unterstreicht es nur eindrücklich: Wir sehnen uns nach Gott, wir werden ihn aber nicht erreichen. Wir fragen, können uns aber keine endgültigen und letztgültigen Antworten geben.

Aber, liebe Gemeinde, es gibt keinen Grund zur Resignation.

Tief in der verloren geglaubten Erinnerung an die paradiesische Gemeinschaft mit Gott, blitzen immer wieder Ahnungen, Gedanken und Bilder auf, die etwas in uns um Klingen bringen. Und wir beginnen zu begreifen, dass im Himmel doch ein gütiger und barmherziger Vater sei.

Wir spüren die Erwartung, dass um der Gerechtigkeit willen nicht menschliche Bosheit und purer Egoismus die Oberhand behalten werden, sondern ein Anwalt der Armen, der Verfolgten, Gequälten und zu Opfern gemachten, für Gerechtigkeit eintritt, sich an die Seite der Benachteiligten stellt und ihnen zu Ihrem Recht verhilft. Deshalb schenken wir der Gewalt und dem Hass und ihren Anhängern nicht unsere Angst und unseren Schrecken, sondern setzen ihnen unsere Hoffnung, unseren Glauben und unsere Lebensfreude entgegen.

Niemand hat Gott je gesehen, aber er hat sich vernehmen lassen. Er hat gesprochen: es werde! Davon erzählt das Leben, das wir miteinander teilen: das Wunder zu atmen, zu fühlen, zu lieben, zu denken, auch zu leiden und zu hoffen, das Wunder zu sein: denn er hat im Anfang gesprochen: es werde

Der ebenfalls russische Kosmonaut Georgij Gretschko soll nach seiner Reise in Weltall gesagt haben: „Ich bin Gott dankbar einfach dafür, dass ich mich bewegen, atmen, mich an der Sonne erfreuen, einem freundlichen Menschen begegnen und mich mit ihm unterhalten kann. Dann sage ich: »Herr, danke dafür!«“

Gott hat gesprochen. Die Thora, das Wort der heiligen Schrift, den Juden und den Christen Gottes Wort, ist das Wunder, dass Gott nicht sprachlos geblieben ist und uns unserer Ahnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit überlassen hat.

Dass Gott redet, so der große Dogmatiker Karl Barth, dass Gott auch im Gesetz, dem Wort, das uns Menschen gut tut und gute Wege weist, mit uns redet, das ist doch Evangelium, frohe Botschaft. Gott spricht. Denn Gott ist Wort. Und wenn unser Sein als Kirche einen Sinn hat, dann den, Gott in der Welt mit seinem Wort zu uns Menschen und über uns Menschen zu Wort kommen zu lassen. Wir dürfen nicht schweigen, weil Gott Wort ist und weil Gott redet.

Sein Wort war den Psalmbetern ein Licht auf ihrem Weg, Trost und Sprachhilfe in dunklen Zeiten. Und deshalb ist das Kind in der Krippe als Gottes Wort an uns, genau das Licht, das dem Volk in der Finsternis scheint, der Morgenstern, der uns allen aufgegangen ist. Da ist mir ein Blick tief in Gottes Herz erlaubt. Höre ich auf sein Wort, vernehme ich laut und deutlich Gottes Stimme. Er ist nicht stumm und sprachlos.

Ich weiß noch nicht wirklich, welche Worte in diesem Jahr, das noch jung ist, Not tun.

  • Es werden Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, aber auch Hunger und Armut bei uns Zuflucht suchen. Jesus weist uns an diese seine geringsten Schwestern und Brüder.

  • Es werden weiter Konflikte den Frieden auf Erden erschüttern und die Welt hilflos zuschauen. Jesus preist die Friedfertigen selig.

  • Menschen auchu aus unserer Umgebung werden Krankheit und Tod erleiden. Jesus verheißt: ich bin bei euch alle Tage. Und er sagt: ich bin die Auferstehung und das Leben.

  • Wir werden um Wege ringen, das Klima zu schützen und damit die Schöpfung zu bewahren. Denn die Erde ist des Herrn!

Niemand kann Gott sehen, aber sein Wort in Menschengestalt spricht eine so deutliche und klare Sprache, zeichnet ein so tröstliches und stärkendes Bild von Gott, das auch mein Glaube und meine Hoffnung nicht sprachlos bleibt, sondern mir und hoffentlich vielen zu einem Licht werden kann. Mehr muss ich nicht sehen, weniger muss es aber auch nicht sein! Johannes gab Zeugnis und rief. Wir geben Zeugnis, wir rufen laut mit unseren Gebeten, Liedern und unserem Leben. Gott ist Gott uns allen, dieser Welt, heute und alle Tage! Amen

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