Ein neues Herz und ein neuer Geist (Ez 36,26) Jahreslosung 2017

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der ist und der war und der da kommt. Amen!

Liebe Gemeinde,
unsere Jahreslosung, die klingt warm und verheißungsvoll. Vom Herzen ist da die Rede, von einem Geschenk.
Wenn ich mir allerdings die Jahreslosung in ihrem Zusammenhang anschaue, da klingt das Ganze viel härter.
Da heißt es:
Denn ich will meinen großen Namen, der vor den Völkern entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, wieder heilig machen.
Und ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.

Wenn ich Euch, meine Gottesdienst-Gemeinde anschaue, dann denke ich: Die unter Euch, die ich kenne, die haben ihr Herz doch auf dem rechten Fleck. Viele unter Euch geben acht auf andere, viele sind sozial engagiert, etliche arbeiten im Soli-Netz mit.

Was also braucht es hier bei „meinen Leuten“ ein neues Herz?

Ein neues Herz? Das fällt mir dann jemand anderes ein, der wohl ein neues Herz gebrauchen könnte. Unsere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, deren Gesicht doch sehr hartherzig ist. Weil sie nicht bereit ist, sich den verändernden Bedingungen auf der Erde und der eigenen Verantwortung dafür zu stellen.

Weil es eine Gesellschaft ist, die vor allem ihren eigenen Wohlstand sichern will. Da braucht es wahrhaft Gottes Geist und ein neues Gesellschafts-Herz.

Mancher einer denkt jetzt vielleicht; „Nun kommt die wieder mit so etwas.“
JA, ihr habt Recht.
Ja, ich komme wieder damit …aber doch, weil es mir wieder und wieder begegnet.

Vor drei Tagen war ich in Cannobio/ Italien etwas einkaufen. Vor dem Supermarkt saß ein Schwarzafrikaner, der jedem, der vorbei ging, ein gutes neues Jahr wünschte. Und der sich freute, wenn man ihm das Pfandgeld vom Einkaufswagen in die Hand drückte.

Im Gespräch erfuhr ich, daß er von der Elfenbeinküste ist und via Libyen nach Italien gekommen. Daß es keine Arbeit in Italien gäbe und er sehnlichst weiter nach Frankreich möchte.
Der Mann – Mamalou heißt er – ist mir ans Herz gegangen wie er da so im kalten Wind saß, mit einer Hoffnung, die vielleicht schon am Zerbrechen war.

Der Geldschein, den ich ihm gegeben habe, hat mich nicht getröstet. Seine große Dankbarkeit hat mich beschämt.
Auf dem Rückweg dachte ich darüber nach, ob ich nicht so einem Menschen helfen und ihn nach Frankreich fahren müßte.

Am Nachmittag dann las ich, daß Bundesrat Maurer die Schweizer Grenzwache mit 50 Soldaten verstärken möchte. Da Deutschland und Frankreich ihre Grenzen jetzt verstärkt schützen würden, kämen mehr Migranten in die Schweiz. Dies gelte es abzuwehren.

Was aber ist mit Mamalou und den vielen anderen Menschen, die es an unsere Grenzen spült?

Ich komme noch einmal auf die Jesaja-Verse zurück, aus denen unsere Jahreslosung stammt.
Denn ich will meinen großen Namen, der vor den Völkern entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, wieder heilig machen. Und ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Fällt Euch an diesen Worten etwas auf? Um wen geht es hier eigentlich, bei der ganzen Sache mit dem neuen Herzen?
Um meines großen Namen, der vor den Völkern entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, will ich …

Es geht gar nicht um uns, vielmehr um Gott. Gott tut das für sich selbst: uns das neue Herz, den neuen Geist zu schenken. Um seines heiligen Namens willen will Gott uns anders haben. Seinetwegen sollen wir anders handeln. Weil er es nicht mehr aushalten kann, wie wir mit dem, was ihm heilig und kostbar ist, umgehen.

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Gott will uns als Menschen, die nach seinem Bilde geschaffen sind. Ich glaube, Gott will Menschen, die unserer Gesellschaft ein neues Herz schenken. Braucht Menschen, die sich zusammen tun und mit offenem Herzen nach kreativen Möglichkeiten zur Hilfe und zur Veränderung unserer Gesellschaft suchen.
Gott braucht viele Menschen, die Position beziehen, dem Nachbarn und der Freundin gegenüber wie auch in der Politik. Und manchmal braucht es vielleicht auch etwas subversives Handeln.

Ich habe von einer 27jährigen Journalisten aus HH (Ronja von Wurmb-Seibel) gelesen. Sie hat für eine Zeit mit ihrem Lebensgefährten in Kabul/ Afghanistan gelebt. Dabei haben sie ab und zu einem jugendlichen Afghanen – er heißt Hasib – etwas English beigebracht.
Als er ihnen von seinem Traum erzählt, nach Europa zu fliehen, haben sie ihm vehement davon abgeraten; haben ihm von fiesen Schleppern und Toten im Mittelmeer erzählt.

Und dann – sie sind wieder zurück in HH – klingelt eines Tages das Telefon; es ist Hasib, der junge Afghane – er hat es bis Ungarn geschafft, wo er nun in einem Flüchtlingslager festhängt.
Die junge Journalistin und ihr Lebensgefährte versuchen nun alles, um Hasib – den Minderjährigen, der nur sie kennt – auf legalem Wege nach Deutschland zu bringen.
Unmöglich.

Schließlich haben sich die beiden ins Auto gesetzt – voller Angst vor dem, was sie da vor hatten, voller Angst vor möglichen Konsequenzen wie Gefängnis oder hoher Geldstrafe. Sie fuhren zu dem ungarischen Flüchtlingscamp und haben Hasib über die österreichische Grenze, und einen Tag später auch über die deutsche Grenze geschmuggelt.

Das war illegal. JA.
Aber hat Gott an unseren Gesetzen Freude?
Entheiligt nicht unsere Schweizer Gesellschaft auch durch ihre Gesetze immer wieder und anhaltend Gottes heiligen Namen, auf den sie sich in der Präambel beruft?

In den Herzen dieses jungen Journalisten-Paares – ich  erinnere: sie sind erst zweite Hälfte 20!! – schlägt da nicht vielleicht ein Herz, in dem Gottes Geist weht? Illegal?

Um die Geschichte noch zu Ende zu bringen: Die beiden haben die Vormundschaft für den Jugendlichen übernommen und ihn auch bei sich aufgenommen.

Und ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. … Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.
Gott gibt nicht auf: Auch wenn wir Menschen ihn und seine Schöpfung verletzt haben, wenn wir sein Wort und sein Recht missachten, so beschließt er nicht, uns aufzugeben, die Schöpfung mit all ihren Mißständen einfach laufen zu lassen.

Stattdessen entscheidet Gott sich dafür, etwas Neues in uns hineinzulegen. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Um uns zu befähigen, so zu leben, daß an uns und unserem Handeln die Schönheit und die Heiligkeit Gottes abzulesen ist.

Das ist unsere Aufgabe: Wir dürfen Botschafter und Botschafterinnen Gottes sein – für mich ist es dieses junge Journalistenpaar.
Unsere Aufgabe ist es, Gottes Schönheit und Heiligkeit in die Welt hinaus zu tragen und sichtbar zu machen.
Unsere Aufgabe ist es, uns für das, was uns heilig ist, einzusetzen und es zu verteidigen.

Dabei läßt Gott uns nicht allein. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Die Jahreslosung ist eben nicht nur Aufforderung, sondern vor allem auch ein starker Zuspruch. Gott ist mit uns. In unserem Herzen, das er verwandelt. Durch seinen Geist, den er in uns hinein gelegt hat. Durch Mut und Kraft, die er in uns wehen läßt.

Ich wünsche uns: Bei allen Aufgaben, die uns das neue Jahr 2017 stellen wird, laßt sie uns anpacken mit der Jahreslosung vor Augen:
Gott spricht uns zu: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Amen!

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