Wie klingt eigentlich die Weihnachtsgeschichte?

(ganz zart gesungen:) Stihille Nacht, Stihihille … … …

Wenn es nach unserem Lied geht, war es ganz still in jener heiligen Nacht. Aber jetzt mal ganz ehrlich! Das stimmt doch gar nicht! Es war ja gar nicht ganz still! Unsere Weihnachtsgeschichte ist voll von Klängen, Geräuschen, Tönen und Worten … Darum suche ich jetzt mit Euch eine Antwort auf diese Fragen: Wie klingt eigentlich die Weihnachtsgeschichte? Und wie klingt eigentlich Weihnachten?

Für Menschen, die mit dem Christentum nichts am Hut haben, klingt Weihnachten vielleicht ausschließlich nach diesem Geräusch: (Geschenkpapier zerreißen und zerknüllen) … … dem Rascheln und von Geschenkpapier. Oder die Weihnachtszeit klingt ausschließlich nach Liedern, in denen die Geburt Jesu garantiert nicht vorkommt, obwohl sie doch als Weihnachtslieder bezeichnet werden. Ich spiele mal kurz einige an, die ihr bestimmt auch kennt:

(Nur wenige Silben ansingen, dazwischen das Geräusch eines gescratchten Plattenspielers imitieren:)
Jingle bells, jingle ….
rudolph, the red nose … ,
felice navi …,
in der Weihnachtsbäck … ,
last Christmas I gave you my heart …

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Abwerten will ich Geschenke und Geschenkpapier nicht. Und auch weihnachtliche Popsongs sind ja manchmal gut fürs Gemüt … wenn auch in Maßen. Aber ihr seid heute in die Johanneskirche gekommen, weil ihr wisst, dass andere Klänge in der Weihnachtsgeschichte die Hauptrolle spielen:

Ja wie klingt denn nun eigentlich die Weihnachtsgeschichte? 

In der Weihnachtsgeschichte ist es ganz schön laut:

Schafe blöken,
ein Esel iaht,
ein Ochse brüllt.

Ein Mann und eine junge Frau pochen immer verzweifelter an Herbergstüren. (Laut auf Kanzel pochen:) „Hat denn keiner eine Unterkunft für uns …  und sei es nur eine Notunterkunft?“ Hirten rufen ihren Hütehunden etwas zu. Die himmlischen Heerscharen jubilieren … und das aus voller Kehle! Alle Luft laute ruft! Christus ist geboren! Warum soll diese heilige Nacht also eine stille Nacht gewesen sein?

Und, liebe Gemeinde, ich kann mir beim besten Willen auch nicht vorstellen, dass Maria unter der Geburt … in Wehen liegend … keinen Laut von sich gegeben haben soll. Eher wird man die Gebärende über weite Distanzen gehört haben. Was soll still also gewesen sein an dieser Nacht? Ja und dann auch noch ein Schrei. Der Schrei – des Neugeborenen. Quäkend! Lebendig! Durchdringend! Der (Ur-)Schrei des Lebens. Ein Baby meldet sich zu Wort: „Mama, Papa, da bin ich!“ Gott meldet sich zugleich zu Wort: „Ich bin zur Welt gekommen!“ Und da …. da verstummten all die anderen … Schafe, Ochse, Esel, Hirten, Engel, Mutter, Vater … sie lauschten in die stille Nacht hinein … …

(Stille)

Es war wie nach der Erschaffung der Erde. Auch da ruhte Gott sich ja aus am siebten Tag! Ihr kennt das ja: „Und Gott sah, dass es gut war!“ So wie Gott nach der Erschaffung der Erde schon einmal ruhte, so schläft auch der kleine Jesus in Bethlehem ein … … Maria und Josef liegen ermattet neben ihm. Hirten beten murmelnd an. Selbst die Tiere werden andächtig. Und die Engel verharren und begreifen jetzt erst, was sie da eigentlich gesungen haben:

(zärtlich singen:) Christ, der Retter, ist da! In dieser lauten … stillen Nacht! In dieser stillen … lauten Nacht!

Und wisst ihr was: Wir singen spontan auswendig noch einmal a cappella die erste Strophe von dieser lauten stillen Nacht.

Stille Nacht, heilige Nacht
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute hochheilige Paar
Holder Knabe im lockigen Haar
Schlaf in himmlischer Ruh´
Schlaf in himmlischer Ruh´

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus,  ja, vielleicht hat es damals so geklungen, auf dem Feld bei Bethlehem – in jener stillen … lauten Nacht. Und wie klingt es heute? Weihnachten 2016? Welche Klänge aus dem zu Ende gehenden Jahr höre ich heute an der Krippe, wenn ich zurücklausche in die vergangenen Tage und Monate?

Ich höre die Wellen des Mittelmeeres. Und die Hilferufe von Flüchtenden in altersschwachen und heillos überladen Booten im Mittelmeer. Und dann … immer wieder … die entsetzliche Totenstille … Ich höre zugleich die unmissverständlichen Forderungen von Populisten in immer mehr Ländern – auch in unserem Land: „Unser Volk soll das stärkste Volk sein!“ So rufen sie. „Wir schotten uns ab gegen das Fremde … und gegen die Fremden. Wir müssen stärker sein als die anderen: wirtschaftlich und militärisch. Wir allein!“ Zwischen den Zeilen höre ich die große Gefahr, dass dadurch Nachbarn wieder zu Feinden werden. Und ich höre die Nachrichten: aus Berlin … Frankreich … Aleppo (ja, Aleppo…) … Jemen … Sudan … Kongo … Türkei … die politische Zukunft Amerikas  … Schließlich höre ich auch das ohnmächtige Schweigen der wirtschaftlich starken Länder … angesichts von ungerechten Weltwirtschaftsstrukturen.

Liebe Gemeinde, auch das sind Weihnachtsklänge im Jahr 2016.  Sie lösen bei mir Unsicherheit aus. In Momenten der Schwäche empfinde ich sogar Angst.

Manchmal möchte ich meine Ohren am liebsten verschließen! Will das Leid, das Elend, die Bedrohung des Lebens nicht mehr hören. Aber dann, dann gibt mir Gott immer wieder Kraft dazu! Denn Jesus leidet mit, wo Menschen sich Furchtbares antun. Jesus stärkt das Leben! Wisst ihr was, manchmal habe ich den Eindruck, ich habe Weihnachten immer noch nicht begriffen! Gott lässt Dich niemals alleine! Es gibt keine Trennung mehr zwischen Gottes Welt irgendwo da oben und unserer menschlichen Erde irgendwo hier unten! Auch im größten Leid … auch im allergrößten Leid … ist Gott mit seinem Frieden auf Erden – mitten unter uns!

Aber Halt! An dieser Stelle dürft ihr mich zu Recht unterbrechen und nachfragen. (ironisch:) „Das sind ja schöne steile Sätze auf der Kanzel: Auch im größten Leid ist Gott mit seinem Frieden auf Erden – mitten unter uns. Aber wie soll das denn im praktischen Leben aussehen?“ Eine Antwort darauf gebe ich Euch gern. Dazu erzähle ich Euch von Antoine Leiris. Antonie Leiris ist französischer Journalist.  Am 13. November 2015 besuchte seine Frau das Konzert im Theater Bataclan in Paris. Dort wurde Hélène Muyal-Leiris im Alter von 35 Jahren bei den Paris-Anschlägen getötet.  Seitdem lebt Antoine Leiris allein mit ihrem gemeinsamen Sohn. Der war damals 16 Monate alt. Kurz nach den Attentaten hatte er die schreckliche Aufgabe die Leiche seiner jungen Frau zu identifizieren. Am gleichen Tag schrieb der Journalist einen offenen Brief, der an vielen Stellen veröffentlicht wurde. Ich lese Auszüge daraus vor. Antoine Leiris schreibt diesen Brief an die Attentäter, die seine Frau getötet haben:

(In der Predigt wurde eine leicht gekürzte Fassung verlesen. Hier die ungekürzte Fassung:) 

„Am Freitagabend habt Ihr mir das Leben eines außergewöhnlichen Menschen geraubt, die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass, den bekommt Ihr nicht. Ich weiß nicht, wer Ihr seid, und ich will es auch gar nicht wissen, denn Ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den Ihr so blind mordet, Euch nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat jede Kugel im Leib meiner Frau auch sein Herz verletzt.

Deshalb nein, ich werde Euch jetzt nicht das Geschenk machen, Euch zu hassen. Sicher, Ihr habt es genau darauf angelegt – doch auf diesen Hass mit Wut zu antworten, das hieße, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus Euch das gemacht hat, was Ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit für meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe der, der ich war.

Ich habe sie heute Morgen gesehen. Endlich, nach Tagen und Nächten des Wartens. Sie war noch genauso schön wie Freitagabend, als sie losging, genauso schön wie damals, vor über 12 Jahren, als ich mich unsterblich in sie verliebte. Natürlich bin ich vor Kummer fast am Ende, diesen kleinen Sieg gestehe ich Euch zu, aber das wird nicht lange dauern. Ich weiß, sie wird mich jeden Tag begleiten und dass wir uns im Paradies der freien Seelen wiedersehen werden – in eben dem Paradies, zu dem Ihr niemals Zutritt haben werdet.

Wir sind zu zweit, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Welt. Ich habe auch nicht mehr viel Zeit für Euch, denn ich muss zu Melvil gehen, der gerade aus seinem Nachmittagsschlaf erwacht. Er ist noch nicht einmal 17 Monate alt, er wird jetzt eine Kleinigkeit essen wie jeden Nachmittag, und dann werden wir miteinander spielen, auch wie jeden Tag, und dieser kleine Junge wird für Euch sein Leben lang ein Affront sein, weil er glücklich sein wird und frei. Denn, nein, auch seinen Hass werdet Ihr nie bekommen.“

Antoine Leiris.

Liebe Gemeinde, ich sage Euch: Dieser Journalist – Antoine Leiris – hat mit seinem offenen Brief an die Attentäter die Weihnachtsbotschaft gelebt. Und diese Botschaft gebe ich gerne weiter. Auch im größten Leid ist Gott mit seinem Frieden auf Erden … mitten unter uns … und auch in deinem Herzen. So klingt die Weihnachtsgeschichte im Jahr 2016 für mich. Friede auf Erden … allen Menschen … allen Menschen.

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