Toni Erdmann

L:       Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes bitten.

L/G:   Stille

L:       Herr, segne du unser Reden und Hören

L/G:   Amen

 

Liebe Gemeinde,

Zu meinen Lieblingsfilmen 2016 gehört „Toni Erdmann“.

TONI ERDMANN erzählt die Geschichte von Winfried, einem Musiklehrer, und seiner Tochter Ines, einer Unternehmensberaterin, die um die Welt reist, um Firmen zu optimieren. Da Winfried zu Hause nicht viel von seiner Tochter hat, beschließt er, sie spontan in Rumänien zu besuchen, wo sie gerade für eine Ölfirma arbeitet.

Die ersten Annäherungsversuche des Vaters scheitern kläglich.

Auf den ersten Blick geht es um den klassischen Wertekonflikt zwischen zwei Generation.

„Na bist du eigentlich ein bisschen glücklich hier“ Im Spa-Bereich eines Bukaresters Luxushotels stellt der Vater der Tochter die Frage nach ihrem Lebensglück.  Sie blockiert. Ines hat alle Statussymbole einer erfolgreichen Unternehmensberaterin. „Sie ist ein Tier“, wie ihr Vorgesetzter sie bezeichnet. Sie optimiert freudlos sich selbst, Unternehmen, ihre Untergebenen, ihr Privatleben. Sie weiß sich durchzusetzen und kennt die Klaviatur der Macht und Erniedrigung.

Der Vater wagt eine zweite Annäherung. Mit falschen, viel zu großen Vorderzähnen und einer Perücke taucht er nun im Leben seiner Tochter auf.

Er nennt sich Toni Erdmann unterbricht ihren Lebensalltag mit manchmal aberwitzigen Interventionen.

Die Tochter geht auf das Spiel ein und kommt selbst in immer größere Absurditäten. Ihr Lebensentwurf bröckelt im Gegenüber der Eulenspiegeleien ihres Vaters. Sie ahnt, dass Sie sich an ihre Karriere verkauft hat; dass sie die Achtung vor sich selbst und anderen verloren hat, dass sie konform das Lebensspiel der Kollegen und Freunde mitspielt, das man ihr vorgibt. Vor ihrer Geburtstagsfeier mit den Kollegen und Freundinnen will sie noch einmal schnell ein passenderes Kleid anziehen. Sie schafft es nicht rechtzeitig als es klingelt und öffnet dem 1. Gast nackt. Ein Wendepunkt.

Toni Erdmann ist eine prophetische Figur, die ihre Kritik am Lebenskonzept seines Gegenübers in clowneske Einfälle kleidet. Durch sein abgedrehtes Spiel erdet der Vater seine Tochter. Er bringt sie zu dem, was sie wirklich will.

In der prophetischen Kritik am Lebenswandel der Menschen ähneln sich Toni Erdmann und der Prophet Jesaja in unserem Predigttext. Doch die Wahl der Mittel ist eine andere.

Unser Predigttext findet klare Wort der Kritik an den Menschen und der Gesellschaft, die nicht nur – wie für Propheten – üblich gesprochen, sondern sogar aufgeschrieben werden müssen.

„Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Söhne, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN, sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was das Herz begehrt!

so soll euch diese Sünde sein wie ein Riss, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt; wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, sodass man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.“

 Jesaja kritisiert den Selbstbetrug der Söhne und Töchter seines Volkes

„Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: ‚Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen!‘ „

Das Dahinfliehen seines Volkes stößt dem Propheten bitter auf.

Das Volk ist getrieben von einer Krise, die ihm noch tief in den Knochen steckt und deren Gefahr noch nicht gebannt ist.

Das Land ist in höchster Gefahr. Die Großmacht Assyrien bedrohte das kleine Juda.
„Da bebte das Herz des Volkes“, heißt es da, „wie die Bäume im Wald beben im Sturm“ – Der Prophet konnte förmlich noch die zitternde Angst spüren vor etwas, das man nicht im Griff hatte, nicht besiegen konnte.
In Jerusalem trat deswegen der Kriegsrat zusammen. Man wurde sich einig:

Nur der Abschluss eines Schutzpaktes mit der Großmacht Ägypten kann Juda vor den Assyrern retten. Ägypten verfügt über eine gut geschulte Reiterei.

Auf ihren schnellen Rossen werden die Ägypter die schwerfälligen assyrischen Truppen vor sich her jagen.
Das Volk nahm seine Krisenbewältigung selbst in die Hand. Flüchtete sich in die Arme eines vermeintlich starken Partners.“
„Stopp“, ruft der Prophet Jesaja, „Stopp im Namen Gottes, des Herrn! Gott ist euer Partner. Eine allzu schnelle Flucht aus der Krise löst die Ursachen der Krise nicht.

Ein Pakt mit Ägypten bedeutet nicht Rettung. Er verschlimmert nur alles und führt in den sicheren Untergang.

„Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Kehrt in euch und verrennt euch nicht in getriebenen Aktionismus.

Legt die Zukunft in Gottes Hand. Allein das Vertrauen zu Gott wird euch retten!“
Aber der König und das Volk begreifen es nicht.

„Wir müssen uns schützen. Mit schnellen Rössern und Wagen werden wir schon siegen.“
Die Geschichte Israels bestätigt die Unheilsankündigung Jesajas.

Zum Schluss bleibt von Juda nichts mehr übrig als ein „Signalmast oben auf dem Berge“, wie es Jesaja voraussagte, – eine kleine Flagge als kläglicher Überrest einer ganzen Armee.

Unser Predigttext erzählt in noch viel stärkeren Bildern von dem gesellschaftlichen Grundrauschen, das wir in ähnlicher Weise in den letzten Monaten erleben und das sich für mich in ein Thema fassen lässt: Angst

Noch nie ging es uns in diesem Land besser als zur Zeit. Noch nie gab es in Europa eine längere Friedensperiode als jetzt. Noch nie flossen mehr Steuern in die staatlichen, kommunalen und kirchlichen Haushalte und doch hat man den Eindruck wir stehen kurz vor dem Weltuntergang.

Es ist eine Krisenangst, die uns gesellschaftlich dazu treibt sich panisch an etwas zu klammern, weil wir sonst alles verlieren könnten.

Und um das schützen, was verloren zu gehen scheint, verbünden wir uns mit vermeintlich starken Schutzmächten.

Wir suchen das Heil in nationaler Identität, im christlichen Abendland, in der Abschottung unseres Landes und Europas. Und wir verbünden uns mit denen, die sich als Schutzmacht für diese Werte anbieten.

Ich verstehe immer mehr, dass das Flüchtlingsthema dabei nicht die Ursache, sondern ein Symptom für diese Angst ist.

Ich nehme wahr, dass diese Unruhe nicht nur medial geschürt wird. Auch wenn es im Umgang mit den sozialen Medien, mit der weltweiten Nachrichtenlage und ihrer oft gesinnungsgetreuen journalistischen Aufarbeitung, mit unserer Bildergläubigkeit dringend medienethischen Handlungsbedarf gibt.

Das Grundrauschen der Angst hat seinen Bodensatz in der alltäglichen Erfahrung der Menschen. Veränderungen in der Arbeitswelt, Veränderungen in den klassischen Entwürfen von Partnerschaft und Familie, der steigende Druck von Kostenoptimierungen und Sicherheitsauflagen, der Optimierungsdruck auf die eigene Person, den eigenen Lebensentwurf, um mithalten zu könnnen.

Das ehemals sozialistischen Rumänien im Wandel der Globalisierung, mit Ines, der Unternehmensberaterin und Ihren familiären Beziehungen im Film „Toni Erdmann“ ist ein filmischer Mikrokosmos dieses weltweiten Lebensgefühls des Getriebenseins, der Angst, des Optimierungsdruckes.
Und Winfried als Kunstfigur Toni Erdmann hält dem Treiben den Spiegel vor.
Es mit Abstand betrachtet grotesk, absurd und menschenverachtend wie wir uns gerade treiben lassen und mit den vermeintlichen Gesetzlichkeiten dieser Welt konform gehen, uns darin knechten lassen. Wir lassen andere ohnmächtig gewähren oder beginnen selbst zu Schubsen und zu hetzen. Wir hängen unser Herz an das, was uns noch Sicherheit verspricht, freudlos und ängstlich.

Wie gut tut da das Lachen im Kinosaal. Toni Erdmann entlarvt uns, ohne uns bloß zu stellen. Das Lachen, diese Entlarven der Lächerlichkeiten mit den wir uns verbündet haben, ist dringend notwendig. Wir optimieren uns zu Tode und erstarren in dem wir jegliches Lebensrisiko ausmerzen wollen.

Ich hatte vor Weihnachten zufällig alte Pässe von mir und meinen Kindern in den Händen. Man hat uns seit dem 11.9.2001 das Lachen auf diesen Dokumenten verboten. Traurige Gesichter als internationaler Standard.
Ein paar Tage vor Weihnachten erhielt ich die neuesten Sicherheitsbelehrungen zum Weihnachtsfest. Ich hatte u.a. zu überprüfen, ob die Krippenspielkleidung der Kinder schwer entflammbar ist, es gab Vorgaben für eine bestimmte Gangbreite bezogen auf die Gottesdienstbesucher an Heilig Abend.
Es wäre sicher gewesen den Heiligen Abend die Kirche zu zumachen.

Und als ich Brausepulvertütchen im Begrüßungsschreiben für die Neuzugezogenen verschicken wollte, war die Auflage für die Infopost, dass nur eine Geschmackssorte verschickt werden darf.

Der Toni Erdmann in mir ließ mich dennoch alle vier Geschmacksrichtungen verschicken.

Fragen Sie nicht, was alles behördlicherseits beachtet werden muss, um Menschen die nach Deutschland geflüchtet zu integrieren. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt eine Wohnung und Arbeit bekommen können.

Manchmal würde ich mir auch gerne falsche Zähne und eine Perücke aufsetzen und Selbstoptimierungs- und Sicherheitswahn dieser Zeit einfach mit absurden Interventionen aufzustören.

Inmitten dieses persönlichen und gesellschaftlichen Grundrauschens am Jahreswechsel vernehmen wir die Unheilsbotschaft des Propheten Jesaja und einen indirekten Aufruf zur Stille, zum Innehalten:

„Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: ‚Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen!‘ „

Was für ein Wort zwischen den Zeiten. Eine prophetische Intervention im Blick zurück auf das Jahr 2016 und im Blick voraus auf das Jahr 2017.

Der Altjahresabend als Impuls einfach mal inne zu halten. Abstand zu nehmen.

Den alltäglichen Lebensrhythmus zu verlangsamen.
Zeit für Wahrnehmung. Atmen und Schauen. Das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden. Prioritäten verschieben. Still stehen im Getriebensein.

Und der Erfahrung trauen, dass neben den vermeintlichen Schutzmächten, denen wir alltäglich anhangen, eine andere Macht gegenwärtig ist.

„Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“

Inmitten des Getriebenseins der Welt hat sich an Weihnachten eine stille, leise, kindliche Macht offenbart. Gott hat an Weihnachten interveniert. Er hat sich in anderer Gestalt eingemischt und die Menschheit geerdet.

„Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.

Hoffen bedeutet sich in einem Moment des Innehaltens neu ausrichten auf die Kraft, die in ihr lauert. Hoffnung ist eine sich ausrichtende Haltung, keine abwartende, erduldende.

In der Liturgie dieses Abends ist die Beichte der Ort, an dem wir zu uns selbst finden können. Eine Innenschau, die uns wieder ermöglicht zu dem Mensch zu werden, der wir eigentlich sind.

Im Film „Toni Erdmann“ hat ein Lied von Witney Houston diese kathartische Wirkung. Ines singt es trotzig, begleitet von Toni Erdmann. Die Blicke zwischen ihnen, erzählen von dem Kampf wieder zu sich selbst zu kommen.

Doch Ines kommt beim Singen des Textes ihrer menschlichen Grundbestimmung auf die Spur, erinnert sich an das Freiheitsversprechen ihres Seins: Niemals im Schatten eines anderen gehen. Egal was mir die fremden Mächte meines Lebens nehmen wollen, sie können mir nicht meiner Würde berauben. Ich bin ein geliebter Mensch. Ich besitze eine tiefe innere Schönheit, die mir Gott geschenkt hat. Manchmal müssen wir daran erinnert werden und uns wieder frei machen von den vermeintlichen Schutzmächten, an die wir uns krallen und die uns die Liebe zu uns und zum anderen nehmen: „Learning to love yourself“
Die Beichte ist ein gutes, schützendes, stilles und hoffnungsvolles Ritual an diesem Abend. Gott macht uns fähig, uns nackt zu sehen. So wie wir sind und wir sein können.

Und das Abendmahl verbindet uns im Jahreswechsel mit der Kraft Gottes, einem Sein des Vertrauens, indem wir uns auch ungeschützt ausliefern können, weil wir glauben, dass diese Kraft uns nicht verloren gibt.

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“. Die Jahreslosung für 2017 verbindet sich mit der Stärkung, die wir in diesem Abendmahl auch für 2017 erfahren.

Durch die Taufe, unsere unverlierbare und unauflösliche Verbindung mit dem Kind in der Krippe hat uns Gott ein neues Herz und ein neuer Geist.
Er befähigt uns Mensch zu sein wie er.

Liebe Gemeinde,

Am Ende des Films „Toni Erdmann“ gibt es keine großen Verwandlungen der Protagonisten. Ines bleibt Unternehmensberaterin. Doch sie macht nun das, was sie schon lange wirklich wollte und immer wieder aufschob. Am Ende steht sie still im Garten ihrer verstorbenen Großmutter. Sie hält die falschen Zähne von Toni Erdmann und einen Hut ihrer verstorbenen Großmutter in den Händen und schaut nachdenklich.

Diesmal hängt sie nicht am Smartphone. Keine Rosse auf denen sie dahineilt. Sie hat Zeit ihren Gedanken nachzugehen

„Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

Mensch, was willst du wirklich? Wir werden als Kirchengemeinde im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 dieser Frage in einer Kunstaktion nachgehen und wollen gemeinsam die Freiheit eines Christenmenschen wieder entdecken.

Fangen wir heute Abend damit an:
Einen Moment still stehen und uns der Kraft unseres Lebens zuwenden, hoffend und vertrauend uns nach ihr ausrichten.
Durch Jesus Christus, der uns in Gott neu in unserem Menschsein geerdet hat.

Amen

 

L:      Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus

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