Das eigentliche Wunder der Weihnacht

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

An keinem Tag im Jahr stimmt dieser Segensspruch mehr als heute.
Denn am Heiligen Abend kommt diese Gnade und kommt dieser Friede,
den Gott uns zugedacht hat, auf die Welt.
Wird geboren in dem Kind in der Krippe.

Das feiern wir alle Jahre wieder.
Auch wenn manchem vielleicht nicht zum feiern zumute ist.
Die Bilder von Terror und Gewalt, von Krieg und Zerstörung.
Weit weg und doch so nah.

Eine bekannte deutsche Schauspielerin stand noch wenige Minuten,
bevor der LKW in Berlin in den Weihnachtsmarkt gedonnert ist,
an einer dieser Buden, mit einem Glühwein in der Hand.
Auf Facebook hat sie berührende Zeilen geschrieben.

Ihr Name: Ulrike C. Tscharre, Tochter von Werner und Rosi Tscharre,
Er ist bei uns Kuratorstellvertreter, und sie enge Mitarbeiterin.
Weit weg und doch so nah.

Hass und Gewalt sind längst bei uns angekommen.
Wir wissen nicht mehr, an wen wir uns halten sollen.
Wir wissen nicht mehr, auf wen wir uns noch verlassen können.
Man spricht vom postfaktischen Zeitalter.
Das bedeutet, das Faktum, die Tatsache, ist nicht wichtig.
Wichtig ist allein, was produziert wird an vermeintlicher Wahrheit.
Wichtig und ausschlaggebend ist allein die Wirkung der Worte und Bilder.

Wir blicken nicht mehr durch.
Was wirklich geschehen ist, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen.
Unterschiedliche, einander widersprechende Deutungen der Wirklichkeit
bedrängen uns und wollen uns für die eine oder die andere Seite gewinnen.

Die Folge ist: die Gesellschaft driftet auseinander.
Misstrauen und Argwohn wird ausgestreut.

Das Fernsehen, die Presse, die sozialen Medien, alles wird verdächtigt.
Nur die eigene Sichtweise wird von den verschiedenen Gruppierungen
mit Überzeugung und lautstark vertreten,
auch wenn das Behauptete den Tatsachen nicht entspricht.

Kein Wunder verlieren wir das Interesse an Politik,
aber auch am ehrenamtlichen Einsatz, am Vereinswesen.

Es ist kalt geworden in unserer Welt.
Überall Hartherzigkeit und Neid und Misstrauen.

Inmitten unserer zivilisierten Welt in Europa,
inmitten unserem immer noch sozial gut abgesicherten System,
sind wir wieder anfällig geworden für Menschen, die Stärke demonstrieren.

Wenn wir schon nicht mehr feststellen können,
was gut und richtig, was wahr und was falsch ist,
dann wollen wir uns wenigstens sicher fühlen.

Aber an wen können wir uns wirklich halten?
Wer sagt uns, dass wir nicht dem nächsten auf den Leim gehen?

Heute Abend, da geht es aber wirklich um Tatsachen.
Das Johannesevangelium greift im Prolog einen Hymnus auf,
der von der christlichen Gemeinde im Gottesdienst gesungen wurde:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.

Auf Lateinisch: Verbum caro factum est.

Fakt ist, festhalten können wir, was tatsächlich unter uns geschehen ist:
Gott wurde Mensch – in diesem Kind in der Krippe.

Klein, verletzlich, angreifbar – im doppelten Sinn des Wortes.
Nicht im königlichen Palast, nicht in der behaglichen Stube,
nein, draußen im Stall kommt Gott auf die Welt,
weil er in der Herberge keinen Raum findet.

Alles ist durch ihn gemacht. Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Es ist ein Jammer. Nicht einmal hier setzt sich die Wahrheit durch!
Sie wird verkannt. Ausgesperrt. Abgeschoben.

Wenn nicht die Engel den Hirten den Weg gewiesen hätten,
wenn nicht Gott selbst nachgeholfen hätte,
wir hätten vielleicht gar nichts mitbekommen,
was sich hier faktisch ereignet hat.

Gott wird Mensch.
Und was das bedeutet, sagt uns der Evangelist im 3. Kapitel.
Und das ist unser diesjähriger Predigttext für den Heiligen Abend:

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.

Das Wunder der Menschwerdung Gottes wird seit 2000 Jahren
zuerst von den Engeln und dann auch von den Christen
von Generation zu Generation besungen.

Das eigentliche Wunder für mich ist aber nicht die Tatsache an sich,
dass Gott Mensch wird, sondern, warum er es tut.

Aus Liebe. So sehr hat Gott die Welt geliebt…

Nicht allein die, die offen waren für ihn.
Nicht allein die, die sich ihm angeschlossen haben, hat er geliebt.
Sondern die Welt. Diese Welt, so wie sie uns heute begegnet:
Kalt, hartherzig, voller Hass und Gewalt.

Seht ihr, das ist das Wunder, das ich nicht begreifen kann:
Gott liebt eine Welt, die sich gegen ihn auflehnt.
Eine Welt, in der es drunter und drüber geht.
Die kein bisschen auf ihn hört.

Er redet von Nächsten- und Feindesliebe.
Er geht zu den Schutz- und Hilfsbedürftigen,
zu den Kranken und Ausgestoßenen.
Er bringt Heil und Frieden zu den Menschen.

Und was machen wir? Was macht diese Welt?
Hass, Gewalt, Terror, Krieg. Jeder schaut auf sich und das eigene Klientel.
Abstoßend kalt und widerlich ist es!

Und Gott wusste das von Anfang an.
Wie gesagt: nicht im behaglichen Palast,
sondern im finsteren Stall wird Jesus geboren.
Kommt Gott zu uns in diese Welt, die eben genauso ist: finster und kalt.

Die Liebe treibt ihn dazu. Weil er sieht, dass wir verloren sind ohne ihn.
Darum ist Gott bereit, für uns den zu geben, der ihm am nächsten steht,
seinen eingeborenen Sohn. Im vollen Bewusstsein, dass er dabei draufgeht.
Er kommt in unsere Verlorenheit, und verliert sich dabei selbst.
Das ist das Wunder, das ich nicht begreifen kann.
Das ich nur bestaunen und dankbar annehmen kann.

Es gibt Hoffnung für diese Welt!
Weil Gott uns nicht aufgibt! Weil er nicht aufhört, uns zu lieben!
Trotz allem. Trotz aller Verkehrtheit im Großen wie im Kleinen.

Gott gibt sich in unsere Hände als schutzbedürftiges, kleines Baby.
Es liegt an uns, wie wir damit umgehen.
Ob wir es annehmen oder weglegen.
Ob wir uns Gottes Liebe gefallen lassen oder nicht.
Ob wir uns eingestehen, dass wir ohne ihn verloren sind –
obwohl das eigentlich eh offensichtlich ist, wenn wir uns umschauen!

Es liegt an uns, ob wir auf die zarte Stimme eines Kindes hören.
Und Jesus ist ja zeit Lebens einer geblieben,
der verletzlich und angreifbar war, um Liebe werben.
Oder ob wir lieber auf die polternde Stimme derer hören,
die Stärke demonstrieren.
Eine Stärke, die jedoch keinen Bestand hat. Die nicht von Dauer ist.

Hass kann geschürt werden. Misstrauen kann gestreut werden.
Diese Welt kann noch viel ungemütlicher werden.
Aber sie ist nicht verloren, solange Gott uns nicht aufgibt.
Und das tut er nicht!
Es gibt Hoffnung, es gibt eine Zukunft. Und es gibt Frieden.

Aber eben nicht dort, wo wir es uns bequem machen
und uns ausschließlich auf uns selbst besinnen.
Draußen im Stall, in Finsternis und Kälte,
nimmt Gottes Liebe Gestalt an.
Werden Gnade und Friede geboren, die uns Zukunft und Leben bringen.

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.

So wenig und doch so viel sagt das Johannesevangelium aus
über das Wunder dieser Heiligen Nacht,
das wir wirklich nur bestaunen und dankbar annehmen können.
Behutsam wiegen wie ein kleines Kind, das uns anstrahlt,
als wollte es uns sagen: Liebe mich! Ich gehöre doch zu dir!

Gott kann uns kein größeres Geschenk machen,
als dass er sich selbst in unsere Hände begibt.
Er schenkt sich selbst,
obwohl diese Welt und mein eigenes Herz ihm keinen Grund bieten,
uns irgendwelche Geschenke zu machen.

Aber so ist Gott eben!
Er kann gar nicht anders, als uns zu lieben und liebend um uns zu werben.
Zart und behutsam. Leicht zu übersehen, wie ein Kind.

Darum: Gebe uns Gott, dass wir sein Werben hören
und ihn in unserem Herzen aufnehmen! Er ist nicht anspruchsvoll.
Ein bisschen Heu und Stroh reichen ihm schon,
wenn wir ihm in unserem Herzen eine Krippe bereiten!

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