Weihnachten feiern, weil wir Gott brauchen

Zu meinem Job gehört es, dass ich mich viel mit Leuten unterhalte.

Ich finde das sehr interessant, denn mit einem Pfarrer reden viele Menschen auch über Themen, über die sie sonst eher kaum oder gar nicht reden.

Und ich finde es auch voll interessant, was für Ansichten mir da so begegnen.

Dieses Jahr ist mir eine Ansicht so oft begegnet, dass ich gedacht habe: Darüber muss ich an Weihnachten mal reden.

Denn da sind nicht nur viele Menschen da, die das angeht, sondern auch vermutlich viele, die diese Ansicht auch teilen.

Und weil es jede Menge mit Weihnachten zu tun hat.

Die Ansicht, die mir dieses Jahr so oft begegnet ist, heißt:

Das Einzige, auf das es Gott letztlich ankommt ist, dass man ein guter Mensch ist. Alles andere ist ihm unwichtig.

Und gemeint ist damit: All das Zeugs mit Beten und Bibel und Kirche und so weiter ist doch auch in den Augen Gottes nur unnötiger Firlefanz. Überflüssiger Kram. Kann man weglassen.

Diese Meinung ist mir dieses Jahr oft begegnet, und mich hat oft beeindruckt, wie heftig, mit welchem Nachdruck das gesagt worden ist.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Als erstes können wir uns glaube ich sehr schnell verständigen:

Ja, Gott legt großen Wert darauf, dass wir gut miteinander umgehen.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, das sagt er selber, und wir sollen andere Menschen nicht mies behandeln oder voller Hass beschimpfen oder mit einem Lastwagen plattwalzen.

Da sind wir uns alle einig: Das ist ihm sehr wichtig.

Aber ist es für ihn das Wichtigste? Das Einzige, worauf er wert legt?

Ich habe da so meine Zweifel.

Wenn Gott ein Sittenwächter wäre, ein Polizist, ein Oberaufseher – ja, dann würde es stimmen: Hauptsache, die Leute gehen ordentlich miteinander um. Alles andere ist unwichtig.

Aber in der Bibel zeigt sich uns ein ganz anderer Gott.

Wir sind seine Kinder, heißt es.

Im Vaterunser beten wir zu unserem Vater im Himmel, und an vielen Stellen in der Bibel zeigt sich Gott wie eine fürsorgliche, mitfühlende Mutter.

Und dann schaut das schon anders aus.

Viele von uns haben selber Kinder. Und wir alle sind Kinder von Eltern.

Jetzt stellt euch mal Eltern vor, die Kinder haben. Sie werden groß, sie werden erwachsen, gehen aus dem Haus, heiraten, gründen eine eigene Familie, kümmern sich um ihre Arbeit, um ihre Häuser, um ihre Kinder, tun niemanden etwas Böses, sind meistens hilfsbereit – aber sie kommen nie zu Besuch. Sie rufen nie an, außer wenn sie was brauchen. Sie gehen nie ans Telefon, wenn die Eltern anrufen. Sie lesen nie die Briefe, die die Eltern immer wieder schicken. Sie laden ihre Eltern nie ein. Wenn sie einfach zu Besuch kommen, machen sie ihnen die Tür nicht auf. Und an Weihnachten schicken sie den Eltern manchmal eine Karte, auf der steht: Wir wünschen euch ein frohes Fest!

Diese Eltern haben Kinder, die eigentlich gute Menschen sind.

Frage: Sind diese Eltern zufrieden?

Wärt ihr zufrieden, wenn ihr diese Eltern seid?

Wenn nicht: Was würde euch fehlen? Und was würdet ihr tun?

An dieser Stelle ist es vielleicht gut, klarzustellen:

Es geht hier nicht um Mitleid mit dem armen, einsamen Gott, für den niemand Zeit hat, um den sich niemand kümmert, der ganz traurig sein muss, weil ihm niemand zuhört.

Darum geht es überhaupt nicht.

Klar, Gott ist traurig über Menschen, die sich von ihm abwenden, die sich verschließen, die auf Abstand bleiben.

Aber er hält das aus.

Er kann das aushalten, weil Gott in sich die Liebe ist und gar nicht darauf angewiesen ist, dass wir uns ihm freundlich zuwenden und uns um ihn kümmern.

Gott braucht uns nicht.

Es ist genau umgekehrt.

Wir brauchen Gott.

Wenn wir uns von Gott fernhalten, wenn wir uns abwenden, wenn wir zu machen – dann schaden wir uns selber.

Denn dann fehlt uns etwas ganz wichtiges.

Und ich glaube, dass das eigentlich alle Menschen spüren.

Und darum ist auch Weihnachten das beliebteste Fest der ganzen Welt.

Weihnachten ist vielleicht auch darum so beliebt, weil es ganz stark eine Seite in uns anrührt, die wir als Erwachsene so leicht vergessen, verleugnen, an den Rand drängen: Unsere Kind-Seite.

Weihnachten heißt doch: Du darfst Kind sein.

Du musst nicht stark und groß und unabhängig sein.

Du bist nicht alleine.

Ich bin doch da. Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich.

Das ist Weihnachten.

Und danach sehnt sich unser Herz, das braucht unsere Seele.

Und darum sind an Weihnachten die Kirchen voll.

Was uns an Weihnachten so anzieht, das ist nicht der Kitsch und die Stimmung und die Rührseligkeit.

Sondern das ist diese Botschaft vom Licht, das im Dunkeln scheint und das nicht unterzukriegen ist.

Es ist diese Botschaft von Liebe und Hoffnung, die stärker ist als der Hass und die Gleichgültigkeit.

Es ist die Botschaft, dass sich Gott, die Quelle des Lebens, die Quelle der Liebe, dass er sich uns zuwendet, sich um uns kümmert, uns beschenken will.

Ich habe vorhin die Frage gestellt:

Was würden menschliche Eltern wohl tun, wenn ihre Kinder so auf Abstand zu ihnen gehen, den Kontakt abbrechen, nichts mehr zu tun haben wollen mit den Eltern.

Ich glaube, eine sehr menschliche Reaktion wäre:

Dann lasse ich es halt sein.

Ich gebe auf. Sollen sie selber sehen, wo sie bleiben.

Das wäre sehr menschlich.

Aber Gott ist nicht menschlich. Er ist ganz anders.

Gott ist da völlig total anders

Er hört nicht auf, diese Menschheit zu lieben, den Menschen nachzugehen und zu versuchen, mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Gott kann nämlich nicht nachtragend sein.

Gott kann nicht verachten, er kann nicht hassen.

Gott kann nur lieben.

Und darum gibt er niemals auf. Darum lässt er niemals nach in seinem Versuch, die Blockade von uns Menschen aufzubrechen.

Und das versucht er, indem er uns zeigen will, wie er ist.

Nämlich kein so Oberaufseher und Sittenwächter und Polizist, wie wir es oft denken.

Kein Verbieter und keine Spaßbremse.

Und an Weihnachten will er uns das ganz deutlich zeigen, indem er selber als Mensch geboren wird.

Als kleines Baby.

Vor einem Baby muss niemand Angst haben und sich fürchten.

Wenn ein Baby geboren wird, dann ist das vor allem unaussprechliche Freude und großes Glück. Freude und Glück so dass man fast platzt.

Gott will solche Freude und solches Glück in unsere Welt bringen.

Weihnachten ist nicht nur ein schöner Gedanke, sondern es ist historische Wirklichkeit.

Weihnachten sagt uns: ich bin der Gott, der sich um dich kümmert.

Gott braucht uns nicht, aber wir brauchen Gott.

Wir brauchen eine Ort, wo unsere Seele auftanken kann.

Wenn eine Seele nicht getankt wird, nicht gepflegt wird, dann verkümmert sie, dann verdorrt sie, dann geht es ihr nicht gut.

Wenn ein Herz nicht umsorgt wird, dann wird es hart und kalt.

Wir leben in einer Welt, die voll ist von solchen Menschen, mit verdorrter Seele und hart gewordenen Herzen.

Weihnachten sagt uns:

Das muss nicht so bleiben.

Gott ist es eine Freude, zu geben.

Und er gibt uns sogar sich selber.

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die sich ihm anvertrauen, nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.

Wenn wir Menschen den Kontakt zu Gott verloren haben, dann sind wir ganz und gar auf unsere menschlichen Möglichkeiten zurückgeworfen, und damit kommen wir nicht weit.

Das ist übrigens auch das Problem mit dem „ein guter Mensch sein“, von dem ich am Anfang erzählt habe.

Mit dem „gut sein“ stoßen wir sehr schnell an unsere Grenzen, wenn wir allein auf unsere menschlichen Möglichkeiten bauen.

Das merken wir zum Beispiel an der Wut, die in uns auftaucht, wenn uns jemand den Parkplatz vor der Nase wegschnappt.

Und für viele Familien sind jetzt die Feiertage, wo man so ungewohnt viel Zeit miteinander verbringt, eine harte Bewährungsprobe. Weihnachten und Sylvester hat die Polizei die meisten Einsätze wegen häuslicher Gewalt.

Oder wir merken es auch an den Impulsen, die uns allen so nahe sind, wenn ein schlimmes Verbrechen geschieht: Hart zurückschlagen, Vergeltung, Härte, ausgrenzen, wegschicken. Das sind Gedanken, die uns sehr nahe liegen. Weil sie aus uns heraus kommen. Weil sie in uns wohnen.

Obwohl wir wissen, dass dadurch immer nur ein Kreislauf von Rache, Vergeltung und neuer Gewalt losgetreten wird.

Das steckt tief in uns.

Auch die sogenannten guten Menschen sind Menschen, deren Bemühungen sich zu allererst und am meisten um sich selber drehen. Um ihr eigenes Wohlergehen.

Ich kann das sogar zahlenmäßig belegen:

Die Gesellschaft für Konsumforschung hat herausgefunden: Für Weihnachtsgeschenke insgesamt wollen die Menschen in Deutschland im Schnitt 280 Euro ausgeben – und damit sechs Euro mehr als im vergangenen Jahr. Echte Weihnachtsfans – der Umfrage zufolge jeder zweite Deutsche – planen sogar 324 Euro ein.

Dazu noch das Geld für das leckere Essen an den Feiertagen.

Am Ende dieses Gottesdienstes ist die Kollekte jedes Jahr für Brot für die Welt und jedes Jahr kommen so ungefähr 1000 Euro zusammen. Das sind im Schnitt 2 Euro pro Nase.

Und auch hier möchte ich nicht, dass mich jemand falsch versteht: Ich sage nicht: Oh ihr Geizkragen, für Geschenke und Essen habt ihr Geld und für Brot für die Welt nicht. Nein, darum geht es mir überhaupt nicht. Wenn es heute wieder 1000 Euro werden, dann freue ich mich und bin dankbar, denn damit kann in anderen Teilen der Welt viel Gutes bewirkt werden.

Es geht mir nur um ein Beispiel, das uns hoffentlich hilft zu erkennen:

Wir sind alle miteinander keine selbstlosen, liebevollen, guten Menschen.

Wir sind es einfach nicht.

Was ein guter Mensch ist, da hat Jesus übrigens noch andere Maßstäbe als wir: Er sagt: Wenn ihr ein Fest feiert, dann ladet solche Leute, die sich nicht mit einer Gegeneinladung revanchieren können. Und wenn ihr nur die Leute beschenkt, die euch auch beschenken, was ist daran so toll? Das machen die Heiden auch.

Mit wem feiern wir? Wen beschenken wir?

Im Grunde sind wir alle Menschen, die sich vor allem und hauptsächlich und zu allererst und am allermeisten um uns selber kümmern und für uns selber sorgen.

Uns allen ist das Hemd näher als die Jacke, uns allen fällt es schwer, abzugeben und und streiten einander verletzten können wir auch alle viel besser als uns versöhnen und Frieden schließen.

Gott möchte uns nahekommen, um uns zu helfen, über uns hinauszuwachsen.

Das Doppelgebot der Liebe heißt: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben.

Weil das eine hängt mit dem anderen untrennbar zusammen.

Je mehr ein Mensch in einer Liebesbeziehung mit Gott ist, desto mehr kann er auch seinen Nächsten lieben. Und vielleicht sogar seine Feinde.

Darum sucht Gott den Kontakt mit uns.

Damit wir von ihm verändert werden.

Damit auch wir wirklich lieben können.

Nicht nur um uns selber kreisen müssen.

Damit wir unsere Seelen auftanken.

Damit unsere Herzen geheilt werden.

Damit unsere Herzen warm und lebendig und mitfühlend sein können und es bleiben, auch wenn das Leben hart ist.

Damit wir Frieden finden mitten im Unfrieden der Welt.

Damit auch wir diesen Frieden weitergeben können.

Damit auch wir Lichter sind in der Finsternis der Welt.

Darum kommt Gott zu uns.

Es gibt übrigens einen großen Unterschied zwischen Gott und einem Einbrecher.

Einbrecher brechen Türen auf. Und sie gehen dahin, wo sie wollen.

Gott klopft an der Tür und wartet darauf, dass wir ihm aufmachen. Und er geht nur dahin, wo wir ihn hinlassen.

Zum Schluss noch eine kurze Geschichte.

Einmal unterhalten sich ein Pfarrer und ein Seifenfabrikant.

Der Seifenfabrikant sagt:

Das ganze Christentum ist doch ein einziger Mist.

2000 Jahre Christentum und schaut euch doch mal die Welt an: Krieg und Hass und Terror und Gewalt.

Und der Pfarrer antwortet:

Seife taugt auch nichts. Seit 2000 Jahre gibt es Seife, und trotzdem gibt es schmutzige Menschen.

Da sagt der Seifenfabrikant:

Seife wirkt nur, wenn man sie anwendet.

Und der Pfarrer sagt:

Das Christentum auch.

Und noch ein allerletzter Gedanke:

Wenn wir hier Gottesdienst feiern, dann ist das keine religiöse Folklore, sondern wir begegnen hier gerade dem heiligen Gott.

Der Gott, der an Weihnachten Mensch geworden ist, der ist da.

Und er möchte uns beschenken.

Er möchte hineinkommen in unser Leben, um es reich zu machen.

Um uns heil zu machen.

Und er wartet darauf, ob wir das auch wollen.

Ob wir ihn hereinlassen.

Bevor wir unser nächstes Lied singen, werden wir darum ein paar Momente still.

Und ich lade jeden ein, dem Gott, der dich jetzt anschaut, eine ehrliche Antwort zu geben.

(Pause)

Und der Friede Gottes, …

drucken