Der kleine Lord

L:       Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes bitten.

L/G:   Stille

L:       Herr, segne du unser Reden und Hören

L/G:   Amen

 

Liebe Gemeinde!

 

Für mich gehört zu Weihnachten: Der Christbaum, die Plätzchen, das Weihnachtsoratorium, Marzipan, Malzbier, Würstchen und Kartoffelsalat am Heiligen Abend, der Sauerbraten am ersten, die Gans am zweiten Feiertag, das Völlegefühl einen Tag darauf, das komische Gefühl, irgendjemand auf der Geschenkeliste vergessen zu haben und: Der kleine Lord!

 

Es ist ein englisches Rührstück über einen kleinen Jungen und seinen Großvater, einem alten Earl. Mit seiner kindlichen Sicht und Naivität lässt der kleine Ceddie das Herz seines griesgrämigen Großvaters aufblühen.

In der Umgebung des kleinen Lords, der in armen Verhältnissen aufgewachsen ist und einmal den Titel und die Ländereien des Earls erben soll, verwandelt sich alles in lebendige Fröhlichkeit. Er soll seinem Vater sehr ähnlich sein.

Der Dienerschaft des alten Earls begegnet er mit Menschlichkeit und Güte, die Pächter der Ländereien werden aus ihren verwahrlosten Umständen befreit. Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten finden zueinander.

Am Ende feiern alle als eine große glückliche Familie miteinander Weihnachten.

Menschlichkeit und Güte, Fröhlichkeit, soziale Gerechtigkeit, Frieden, all dies kennzeichnet den kleinen Lord als eine typische Weihnachtsgeschichte.

Die Advents- und Weihnachtszeit ist voll von diesen Geschichten. Sie ist angefüllt mit den Träumen und Sehnsüchten nach einer Kinderweihnacht, nach einer besseren, friedlichen und gerechteren Welt. Gerade in dieser Weihnachtszeit  wünschen wir uns, dass jemand wie der kleine Lord mit kindlicher Zauberhand unser Leben hell macht, verwandelt und mit Heil erfüllt.

 

Ein Kind verwandelt die Welt.
Davon erzählt nicht nur der kleine Lord, sondern das erfahren wir im eigenen Leben. Nicht selten kommt es vor, dass die Geburt eines Kindes Familienverhältnisse neu sortiert oder gar in Ordnung bringt, dass alte Verkrustungen aufweichen und Wege geöffnet werden zwischen Menschen. Herzlichen Glückwunsch allen Eltern, Großeltern, Familien und Freunden, die 2016 dies erleben durften.

 

Ein Kind verwandelt die Welt.
Da hält der frischgebackene Vater sein neugeborenes Kind in den Armen und seine Beine, die sonst so fest und stark im Leben stehen, werden auf einmal weich.
Da bleiben Fremde plötzlich am Kinderwagen stehen und fangen an zu reden, erzählen von den eigenen Kindern, schwelgen in Erinnerungen an die Zeiten, als die mittlerweile Großen auch noch so klein waren. „Ach, noch einmal kurz die Zeit zurückdrehen können“, seufzen sie und es entsteht für einen Moment eine große Nähe zwischen wildfremden Menschen.

Ein Kind macht weich, in Gedanken, in Worten, im Fühlen.
Da bleibt plötzlich die Zeit stehen, wenn man am Bettchen sitzt und dem Kind beim Schlafen zusieht – das Schreien von gerade noch, die Anstrengung und Sorge – alles verschwindet und es bleibt einzig ein ganz tiefer Friede – ja das kann sogar um 4.00 Uhr morgens geschehen. Die Zeit, die sonst unser ganzes Leben bestimmt, wird in einem solchen Moment zweitrangig, unwichtig.

Der Blick auf ein Neugeborenes und die Berührung mit ihm zeigt uns in unvergleichlicher Weise unsere menschliche Verletzlichkeit und die unbedingt notwendige Sorge für- und umeinander.

Ein Kind verwandelt uns in der Wahrnehmung unserer Wirklichkeit, in der Wahrnehmung unserer selbst. Nichts stellt das Bisherige, das Gewohnte so auf den Kopf wie ein Kind.

 

Ein Kind verwandelt uns und lässt uns auch wieder unsere eigene kindliche Freude entdecken.

Da kommt auf einmal wieder die Erinnerung an die eigene Ritterburg hoch, die nur an Weihnachten aufgebaut wurde, das Puppenhaus der Schwester und an wunderschöne, niemals endende verspielte Vormittage im Schlafanzug.

 

Die Begegnung mit Kindern führt uns zurück in eine Welt, von der wir glaubten, wir hätten sie schon lange hinter uns gelassen.

Es ist die Begegnung mit dem eigenen Kind in uns selbst.

 

Und unsere Weihnachtsbräuche führen uns bewusst in diesen Kindheitszauber. Die Lichter und Sterne, die Düfte und Farben, sie alle bringen uns ein Stück er eigenen Kindheit zurück, erfüllen uns mit kindlicher Freude.

 

Ein Kind hat die Welt verwandelt vor gut 2000 Jahren und die Begegnung mit diesem Kind hinterlässt bis heute Spuren.

Ein göttliches Kind – das feiern wir heute und auch wir wünschen uns, dass dieses Kind unser Leben hell macht, Hoffnung und Heil bringt.

 

(Ensemble des Markuschores: Jul, Jul gesummt)

 

Es ist Weihnachten.
Zeit das wir dieses Kind am Heiligen Abend wiederentdecken.

Wir waren wieder groß und erwachsen in den vergangenen Tagen und Monaten. Vieles, was kindlich ist, haben wir über die Jahre abgelegt. Naive Vorstellungen von einer heilen Welt, Träume und Sehnsüchte nach Frieden und Glück tief im Inneren, in unseren Beziehungen, in unserer Gesellschaft, in Europa, in dieser Welt.

Manche Tränen fließen heimlich in diesen Tagen nicht nur wenn der Kleine Lord im Fernsehen läuft, wir ertappen uns auch bei anderen Gelegenheiten bei dieser Suche der Seele nach dem kindlich-unbeschwerten Menschsein und leiden an unserer erwachsenen Welt mit ihren Selbstüberforderungen.

„Komm, komm selge Zeit, senke deine weißen Flügel über das Blut und das Lärmen der Schlacht, über das Leid, das den Menschenkindern gebracht, über die Alten, die gehen zur Ruh, über die Jungen, die kommen dazu. Komm, komm selge Zeit, senke deine weißen Flügel“

So heißt es in dem alten schwedischen Weihnachtslied, dessen Melodie wir gerade hören.

 

(Ensemble des Markuschores: Jul, Jul wird leise und verstummt)

 

Diese Welt hat im Moment wahrlich nichts vom Zauber einer Kinderweihnacht. Und am Heiligen Abend 2016 ringen nicht wenige auch mit der Botschaft von der Geburt des Kindes in Bethlehem, mit Gottes Kommen in die Welt.
Wirkt diese Botschaft doch wie ein schönes Märchen aus Kindertagen, die mit der Realität unserer Erwachsenen-Welt nichts zu tun hat.

„Fürchtet Euch nicht“, hören wir die Engel sagen, doch wir fürchten uns.

„Komm, komm selge Zeit, senke deine weißen Flügel über das Blut und das Lärmen der Schlacht, über das Leid, das den Menschenkindern gebracht.“

Wir sind hier, weil wir uns vergewissern wollen, dass die Botschaft vom göttlichen Kind immer noch seine Kraft entfalten kann.

Wir wünschen uns, dass es uns an die Hand nimmt und uns noch einmal vor Augen führt, wie sehr Gott die Welt verändern kann und schon verändert hat.

Das Kind ist damals groß geworden. Es hat das menschliche Elend gesehen. Es hat unsere inneren Abgründe, unseren unbeholfenen, ja manchmal auch mörderischen Umgang mit dem göttlichen Kind in uns erkannt.
Mit Worten und Taten verwandelte es die damalige Welt in Palästina so sehr, dass dieses Kind einer Religion den Namen gab und unzählige Menschen zu allen Zeiten haben das göttliche Kind auch in sich entdeckt und es große werden lassen:

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

 

Der Heilige Abend ist keine Flucht in heile Kinderwelten, sondern verbindet uns mit dem Zauber und der Kraft, die in diesem Kind wohnt, in dem göttlichen Kind in uns.

 

Es ist gut, dass Ihr heute Abend hier seid. Denn diese Welt braucht Euch.

Dieses göttliche Kind will auch wieder in uns neu geboren werden und mit uns die Welt weiter verwandeln.

Es fragt nach uns. Es befragt uns zu dem Zustand dieser Welt und unserer Verantwortung. Es fragt nach dem Heil unserer Seele und unseres Lebens.

 

Dieser Abend mit seinen Anmutungen an unsere Kindheit zeigt uns, dass wir die Suche nach diesem himmlischen Kind in uns und in dieser Welt noch nicht aufgegeben haben und dass darin eine große Kraft und ein ungeheurer Zauber wohnt, der nicht nur alte Earls das Herz öffnen kann.

 

Wenn in Berlin zwischen der Gedächtniskirche mit ihren Wunden des zweiten Weltkrieges und dem Weihnachtsmarkt mit den aktuellen Wunden des Wahnsinns dieser Tage Menschen zusammenstehen und gemeinsam „We are the world, we are the children“ singen, ist für mich von dieser Kraft des göttlichen Kindes und seinem erwachsenen Wirken in dieser Welt viel noch gegenwärtig.

 

Wir Großen brauchen das Zarte, das Kleine, Weiche, um uns davon verwandeln zu lassen.
Wir stehen wie die Hirten und Weisen mit glänzenden Augen an der Krippe und sehen das Kind und spüren die Hoffnung, die Freude, aber auch unseren Schmerz, unsere Trauer. Wir erkennen in diesem einen Kind, das Kind in uns mit aller Bedürftigkeit und Ohnmacht und mit allen seinen Möglichkeiten.

Das Christuskind will uns verwandeln.

Das Gotteskind will uns den Weg wieder frei machen zum göttlichen Kind in uns.

 

Liebe Gemeinde

Alle Jahre wieder schaue ich mir auch mit meiner 4. Klasse in der Grundschule den kleinen Lord an.

Wir reden davor über das Kindsein, über die Geburten von Geschwisterkindern, von Kindern in der Familie und wie sie das Leben verändern und darüber, wie die Welt aussehen müsste, damit diese Kinder darin eine Zukunft haben.

Natürlich kamen wir in diesem Jahr auch auf Aleppo und Berlin zu sprechen.

Bevor wir diesmal den „Kleinen Lord“ anschauten und die Weihnachtsgeschichte lasen, stellte ich den Viertklässern im Blick auf den momentanen Zustand der Welt die Frage, was denn Gott tun müsste, um die Welt zu verändern.

Die Schülerinnen und Schüler hatten viele Ideen:

Gott sollte Menschen schicken, die den anderen mit klaren Worten sagen, dass das nicht in Ordnung ist, was sie da tun. Die Bibel nennt sie Propheten.

Gott sollte deutliche Zeichen schicken, um die Menschen aufzurütteln. Eine Flut oder ein Erdbeben. Ich erinnerte mich an die biblische Geschichte von Noah und dass Gott so die Menschen nie mehr zurecht weisen will.

Gott sollte Engel schicken, die den Menschen helfen zu sich selbst zu kommen und ein anderes Leben zu führen. Von Elia wird erzählt, dass sich ein Engel um ihn kümmerte als er nicht mehr konnte, ausgebrannt war und des Lebens müde.

„Am besten ist es, wenn Gott einen Retter schickt. Nein, noch besser er schickt 100 Retter. Und jeder Retter überzeugt dann andere Menschen, Retter zu sein. Bis alle, die Welt retten.“
Diese Schülerin schien mir der Weihnachtsgeschichte schon ganz nahe.

„Und wie müsste der Retter aussehen?“, fragte ich.

„Nun es sollte kein Erwachsener sein, den die können die anderen nicht so gut überzeugen.“

„Ein Kind bekommt doch viel mehr Aufmerksamkeit.

Ein anderer sekundierte: „Und das Kind wird auch groß und wir können bei ihm sehen was es lernt und wir können es von ihm lernen.“

Als Pfarrer, der noch unbedingt eine Weihnachtspredigt brauchte, wurde ich nun gänzlich hellhörig und ich fragte: „Und wo soll das Kind geboren werden und aufwachsen?“

„Na am besten da, wo die Menschen arm sind und sie sich ganz viel Hilfe wünschen.“
Die Kinder malten die Geburt Jesu in einer kargen Wüstenlandschaft, in den Straßen von Aleppo dieser Tage. Moderne Krippenszenen.

 

Wir schauten uns dann den kleinen Lord an. Ich hatte meine Taschentücher griffbereit: Ach wie einfach könnte doch unser Menschsein sein.

Und dann lasen wir die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums.

Als sie mit der Szene mit den Hirten endete, die das Kind freudig empfangen hatten und wieder zurück in ihren Alltag zogen, sagte ein Kind spontan:
„Das war doch ein guter Plan von Gott“. Ach ja. Setzen. 1

 

In der Tat.

(Ensemble des Markuschores: Jul, Jul leise auf uuuu gesungen)

 

„Weihnacht strahlende Zeit, Glanz über weißen Wäldern. Himmlische Krone im funkelnden Licht in allen Kirchen. Wen rühret es nicht. Lieder erklingen aus alter Zeit, ewige Sehnsucht nach Friede und Freud. Weihnacht strahlende Zeit, Glanz über weißen Wäldern.“

So heißt in dem schwedischen Weihnachtslied, dass das Ensemble des Markuschores uns gleich singt.

 

Liebe Gemeinde,

Das mit dem Glanz der weißen Wälder kann mit unserer Hilfe wieder werden.

Aber alles andere ist an diesem Abend mit Händen zu greifen.

Ein Kind wird uns geboren und es will, dass das göttliche Kind in uns auch neu geboren wird. Alle Jahre wieder.

Aber nicht als Abglanz vergangener Kindertage, sondern als Kraft, die mit uns groß wird, die in allen Höhen und Tiefen unseres Lebens und Alltags mit uns ist.

„Der Gott mit uns“ ist uns heute geboren. Nehmen wir ihn mit und werden mit ihm groß, erwachsen. Lassen wir uns von ihm tragen, trösten und ermutigen.  Und verwandeln wir wie kleine Lords mit einfachen Fragen, mit weihnachtlich-naiver Haltung, mit dem, was uns im Alltag möglich ist, diese Welt.
Als Große, die das Gotteskind in sich und anderen wieder entdeckt haben und zeigen uns – wie Gott – in unserer Menschlichkeit.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Frohe und gesegnete Weihnachten. Amen

 

L:      Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus

 

(Ensemble des Markuschores: Jul, Jul … schwedisch und deutsch)

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