Gott hört nicht auf zu lieben (Johannes 3,16-21)

Es ist der erste Morgen nach Weihnachten, ich schlage die Zeitung auf und lese nicht mehr von Krieg und Terror, von Tod und Elend, sondern:

Er liebt sie immer noch. Es war einmal Liebe auf den ersten Blick, geboren aus der Sehnsucht nacheinander. Er wollte nicht länger allein sein, er wollte ein Gegenüber, in dem er sich widerspiegelt und wiederfindet. Von Ewigkeit zu Ewigkeit mit sich sein, war ihm nicht genug.

Er wollte in lebendige Augen schauen, er wollte, dass seine Liebe nicht ins Leere geht, sondern Antwort findet, er wollte das Paradies auf Erden teilen.

So nahm alles einen wunderbaren Anfang.

Erinnern sie sich an ihre erste, große Liebe? Vielleicht war es da ähnlich.

Und er hörte nicht auf zu lieben, obwohl es nie eine einfache, unbelastete Beziehung wurde. Denn es dauerte nicht lange, da schlich sich Misstrauen ein, ob denn alles was er sagte, auch so gemeint war. O ja: der Zweifel bohrt und der Zweifel vergiftet und vertreibt wie das Misstrauen aus dem Paradies der Liebe und des allumfassenden Friedens, der kein Leid und keine Tränen kennt. Zum Misstrauen, kam Neid, zum Neid kam Gewalt, zur Gewalt kam Tod, zum Tod kamen die Fragen, wie denn das sein könne und damit neue Zweifel, ein Kreislauf ohne Ende, wir nennen es wohl deshalb einen Teufelskreislauf und wir sind mittendrinnen! Es gab immer wieder Versuche der Annäherung, des Werbens und der Aussöhnung. Die Hoffnung gaben sie nie auf, die Sehnsucht beider nach dem Paradies, aus dem sie einmal vertrieben wurden, blieb. Das Leben hatte Spuren und Wunden hinterlassen, die waren tief und sie schmerzten, aber sie machten die Sehnsucht nach dem Verlorenen nur noch größer.

In den Augen des Liebenden blieb die Geliebte immer schön.

Dabei ist Hass und Gewalt, Misstrauen und Kälte, Egoismus und Streit, Eifersucht und ungebremste Maßlosigkeit, Unbelehrbarkeit und die Weigerung, den Tatsachen in die Augen zu schauen, kein Schmuck und kein Prachtkleid.

Wie stehen all die Geliebten, von denen ich da erzähle, heute da?

Sie möchte Weihnachten feiern, haben alles geputzt und geschmückt, viele Überraschungen vorbereitet. Für einen kurzen Moment war alles wieder da: die Schönheit, die die Liebe hervor bringt, wenn sie denn aus dem Herzen kommt. Und die Schönheit wehrt sich gegen die anderen Bilder des Alltags, die Bilder des Schreckens aus Berlin, die Spuren des Krieges und der Gewalt in Aleppo, Mossul oder in der Türkei, die schmerzverzerrten Gesichter der darunter Leidenden, der Getroffenen und Betroffenen, der zu Opfern gewordenen oder der Hartherzigkeit derer, die Täter sind oder sich zu Tätern haben machen lassen, die Erinnerungen an Hetzjagden oder Hetzparolen, die das Gegenteil von Liebe verkünden, und Menschen in ihrer Würde und Ehre treffen.

Warum unterscheiden wir immer noch zwischen Nahen und Fernen, Fremden und Dazugehörenden, Armen und Reichen, Männern und Frauen, Alten und Jungen, Kranken und Gesunden? Wir sind alle gleichermaßen getroffen, verwundet, vom Leben gezeichnet und zugleich voller Liebesbedürftigkeit und auf Nähe angewiesen i

Es fällt schwer – eigentlich wie jedes Jahr – die hässlichen Spuren der Gegenwart, also eines ganzen Jahres, das sich dem Ende entgegen neigt, zu verbergen. Wir würden die hässlichen Seiten des Lebens so gerne aussperren, verdrängen und zumindest für uns und zumindest für einen Augenblick vergessen. Aber wir wissen, wie sehr die Erfahrungen des Lebens Menschen zeichnen, wie die Spuren einer schlechten Nacht, die sich eben nicht einfach verbergen lassen.

Kann man da eigentlich noch lieben und geliebt werden?

Müsste die Liebe nicht jetzt erst erkalten und dann erlöschen?

Sie muss wohl lange suchen, um die vertrauten Züge wieder zu finden, um hinter der Härte und den Narben zu entdecken, welche Begabungen und Fähigkeiten, welches Licht und welche Stärken, wie viel Liebenswürdigkeit immer noch zu finden sind.

Aber so lange sie noch nicht aufgegeben hat, zu suchen, ist Grund zur Hoffnung, kann hinter dem Vordergründigen immer noch durchscheinen, was in jedem und in jeder an Gutem und Besonderem möglich ist, leuchtet ein Stück vom Paradies auf, das nicht für immer und ewig verloren sein will. Da gibt es die wenigen Augenblicke, in denen alles anders ist. Da schweigen mit einem mal wenigstens für eine Nacht die Waffen und Menschen, die sich feind sind, schauen sich in die Augen. Da wird einmal der eigenen Wohlstand nicht geklammert, sondern mit Bedürftigen geteilt, weil deren Not zu Herzen geht. Da singen Menschen in verschiedenen Sprachen die selben Lieder von dem Wunder und Geheimnis dieser Nacht. Plätze, an denen eben noch Gruppen unversöhnlich gegenüberstanden und sich der Lüge bezichtigten, werden zu Orten, wo gesungen und gebetet oder Lichter gegen die Dunkelheit und Kälte entzündet werden.

Und Jahr für Jahr wiederholt sich dies mit einer Eindringlichkeit und einer Hartnäckigkeit, die doch endlich jemandem mal auffallen müsste.

Es wäre eine Titelgeschichte mit Schlagzeile in den Zeitungen wert…

Die Schlagzeile gibt es längst, wir finden sie in der Bibel.

Da wird in vertrauten Geschichten erzählt, wie die, die wir heute wie in jedem Jahr hören wollen, oder es wird in einem Satz auf den Punkt gebracht: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alles, die ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Es ist Gottes Liebesgeschichte mit uns, die einfach nicht enden will. Gott sei Dank: Er liebt diese Welt all ihrer Hässlichkeit zum Trotz.

Er sieht, was die Welt sein kann – ein Ort, der allen ein zu Hause bietet, an dem Menschen Geborgenheit und Verständnis, Hilfe und Unterstützung finden,

ein Raum, aus dem der Hass und die Ablehnung ausziehen müssen, weil Geschwisterlichkeit unter Gotteskindern und Solidarität der Beschenkten und Geliebten den Ton angeben,

ein Ort der Begegnung mit Gott in seiner Welt. Er ist ein Teil von ihr geworden, eingegangen in meine Lebenswirklichkeit, mit mir verbunden in Freud und Leid. Da ist kein Lachen, das er nicht mit mir lacht. Da weint er in diesen Tagen mit den Angehörigen der Toten und der Verletzten in Berlin, mit den traumatisierten Kindern aus Krisengebieten, auch mit denen, die um Weihnachten den Mann, die Frau, die Eltern, Kindern oder einen guten Freund begraben mussten, den Enttäuschten und Gekränkten. Da ist keine Hand, die er, wenn sie zur Versöhnung ausgestreckt ist, ausschlägt, ganz im Gegenteil, seine Hand sucht mich Tag für Tag und Stunde um Stunde.

Das ist das Geheimnis dieser Nacht: euch ist heute der Heiland geboren. Gott ist Mensch geworden. Der Himmel ist voll der Ehre Gottes und auf Erden dürfen wir von ihr singen, bis es in allen Winkeln und in allen Herzen klingt. Wir dürfen erleben wie sich so Frieden vom Himmel über die Erde ergießt, manchmal nur für eine Nacht und für einen Augenblick und dann immer mehr: erst durch den einen menschgewordenen Gottesfrieden mit Namen Jesus, dann durch uns. Der menschgewordene Gottessohn lässt uns zu ebensolchen Menschen, zu Ebenbildern Gottes, zu Werkzeugen seines Friedens und zu Boten seiner Liebe werden.

Es ist eine Titelgeschichte mit Schlagzeile in den Zeitungen wert: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alles, die ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Sie hat die Kraft alle anderen Schlagzeilen und damit unsere Wirklichkeit verändern Amen

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