Das Loblied des Kleinen (Micha 5, 1-4a)

Immer wenn er erzählte, woher er kam, lächelten seine Studienfreunde. ER war stolz, dass seine kleine Geburtsstadt schon seit achthundert Jahren das Stadtrecht besaß. SIE hielten ihn für den Typen vom Lande und konnten sich kaum vorstellen, dass eine Ansiedlung von nur wenigen tausend Menschen ernsthaft als Stadt bezeichnet werden konnte. Städte waren für sie Schmelztiegel der Kulturen, Orte der Begegnung, ein Kosmos im Kleinen, Städte hatten für sie 24 Stunden am Tag geöffnet und kamen nicht zur Ruhe. Städte waren Abenteuer in jeder Hinsicht. Kam man selbst nicht in die Welt hinaus, waren die Kulturen der Welt zu Gast. Und sie konnten sich nicht vorstellen, anderswo zu leben.

Er hatte sich ja auch sehr bewusst für eine Universität in einer Großstadt entschieden, wollte einmal dieses Leben kennenlernen, davon kosten, ob es ihm schmecken und sein Leben werden könnte. Aber er hatte bald wieder Sehnsucht nach seiner überschaubaren Welt, freute sich darauf, die Menschen zu kennen, mit denen er sein Leben teilte, freute sich auf seine Familie, die in der Nähe wohnte und stellte fest, dass ihm zu Hause eigentlich nichts von dem fehlte, was er zum Leben brauchte: soziale Nähe und Wärme, Aufmerksamkeit der Menschen untereinander und das Gefühl zu einem Ganzen dazu zu gehören.

Ihm machte die Größe Angst. Er konnte sich an die Anonymität der Großstadt nicht gewöhnen, ihn belastete die Hektik und der Lärm, ihn bedrängten die Massen und er sorgte sich, er fühlte sich bedrängt, in die Enge getrieben.

Die großen Orte ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Städtereisen boomen: man muss in Berlin, London, Paris, Prag, Lissabon oder Barcelona gewesen sein, wenn man Europa kennen will. Die Metropolen als Brennpunkte der Welt sind im gleichen Maße gewachsen, wie die Welt kleiner geworden ist. Da spielt die Musik, da wird die große Politik gemacht, da finden sich aber auch die großen Konflikte und die großen Auseinandersetzungen. Wer Schrecken verbreiten will, sucht sich die großen Ziele aus, weil er dort viele treffen kann. 09/11 in New York oder jetzt 19/12 in Berlin.

Unser Land wächst gerade um dieses Berlin herum, weil alle dort hin wollen. Nur wir sind geblieben oder wiedergekommen zu Weihnachten 2016, nach Hause, in die kleine , aber feine Heimatstadt der Kindheit, wo die Familie ihre Wurzeln hat oder wo man Abstand zur Hektik der Metropole finden kann, um den Lebensabend zu verbringen.

Ja, in den Metropolen gibt es die großen Weihnachtsmärkte: In Berlin am Alexanderplatz, am Breitscheidplatz, am Gendarmenmarkt oder den Strietzelmarkt in Dresden, den Christkindlmarkt in Nürnberg. Und immer höre ich die Frage: warst du schon einmal da?

Jetzt haben viele Angst und fragen mit einem Mal: willst du da wirklich hin? Ist auf kleinen Märkten bei uns „nichts“, „wirklich nichts“ los?

Weihnachten ist das Loblied des Kleinen und des Unscheinbaren. Wenn von Hoffnung und Zukunft, von Frieden und Gerechtigkeit in der Bibel, der Urkunde unseres Glaubens, die Rede ist, dann wird nicht von der Vollversammlung der Vereinten Nationen oder dem Weltsicherheitsrat oder den Gipfeltreffen der G7/G8 oder G20 Gruppe geträumt. Um nicht missverstanden zu werden: gut, dass dort immer und immer wieder geredet und gerungen wird, weil reden und ringen immer besser ist als schießen. Aber die Bibel setzt das Vertrauen nicht auf das imperiale Gehabe der Großmächte. Ziel aller Sehnsucht und aller Hoffnung ist nicht die „pax romana“ für die römische Truppen in fast der ganzen damals bekannten Welt stationiert waren und für relative Ruhe und Sicherheit sorgten Das ist fast wie im fast vergessenen Kalten Krieg, als das Gleichgewicht der Abschreckung über Jahrzehnte einen kalten, aber stabilen Frieden bescherte. Die Bedrohung war kalkulierbar und lokalisierbar und die Vernunft schien die Gefahren im Griff zu haben.

Heute leben wir inzwischen in einem neuen Kalten Krieg der sich neu sortierenden Großmächte (wer ist eigentlich wirklich groß und wer möchte gerne groß sein ?) und einem Krieg, dessen Gegner wir gar nicht so genau kennen, dessen Waffen Angst und Schrecken und dessen Ziel unsere freie, selbstbewusste und selbstbestimmte Art zu leben, ist. Das ist ein Konflikt, den wir gar nicht führen wollen. Wir möchten in Frieden leben und leben lassen.

Aber auch dafür steht Weihnachten: unsere Friedenssehnsucht verschafft sich immer wieder neu Gehör. Wir versuchen den Konflikten in den Familien zu widerstehen, auch wenn dies oft genug scheitert. Und die Waffen schweigen manchmal für einen oder zwei Tage, damit Weihnachten gefeiert werden kann. Weil wir uns so danach sehnen!

Und nach diesen jüngsten Tagen des Schreckens setzen wir gegen alle martialischen Forderungen und einfachen Problemlösungsparolen, die nur zu einem kalten Frieden führen können, die auf Abgrenzung und Ausgrenzung, auf Abschottung und Misstrauen zielen, weihnachtlich die Botschaft der Heiligen Schrift: „die Kraft der Versöhnung ist stärker als der Hass. Diese Botschaft ist unser Trost. Mit dieser Botschaft können wir leben und werden wir leben und werden die Gewalt überwinden.“ (Markus Dröge am 20.12.2016 KWG)

Das mag unscheinbar und hilflos wirken.

Das mag die Großen und Mächtigen nicht überzeugen und weiter mit Bomben und Truppen und neuerlichem Schrecken für Menschen gegen den Terrorschrecken kämpfen lassen.

Wir hören aber heute eine andere Botschaft: Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.

Bethlehem hat eine lange Tradition darin, immer missverstanden, vor allem unterschätzt zu werden, ist ein Brennpunkt dafür, wie Größe und Bedeutsamkeit regelmäßig verwechselt werden. Ausgerechnet Bethlehem ist die Stadt, in der Ruth als ausländische Schwiegertochter Noomis, als Moabiterin, zur einer der Vorfahren Davids wurde.

Ausgerechnet Bethlehem ist der Ort, an dem der jüngste und kleinste der Söhne Isais als Hirtenjunge zum König Israels gesalbt wurde. Der, der den Riesen Goliath besiegte !

Und in Bethlehem steht die Krippe, in die das neugeborene Kind Marias gelegt wurde, weil es keinen Raum in der Herberge gab.

Das war ein Ort, wo Hirten es finden konnten, aber die Weisen aus dem Morgenland hin gewiesen werden mussten. Sie suchten eigentlich im Palast unter den Mächtigen der Welt.

Die Mächtigen wähnen oft Gott an ihrer Seite und sehen in ihrer Macht untrügliche Zeichen dafür. Unsere Vernunft und unsere Erfahrung lehren uns, dass der Starke und Mächtige sich durchsetzen und für seinen Frieden sorgen wird. Aber wird dieser Friede halten und wahren Frieden bringen?

Wird es Frieden geben nach den Anschlägen von Berlin und dem Bürgerkrieg in Syrien, Irak, Afghanistan geben ohne Versöhnung, ohne Gerechtigkeit?

Sind die Folgekonflikte nicht vorprogrammiert, wenn Macht sich durchsetzt und nicht Menschlichkeit?

Gott vereint in der Sprache des Gebetes alle Insignien der Macht auf sich: er ist allmächtig, allgegenwärtig, gerecht, leidenschaftlich und eifernd. Aber seine Beziehungen sind von Barmherzigkeit und Mitleid geprägt.

  • Er hat sich ein kleines Volk erwählt, das nie wirklich bei den Großen mitspielen durfte, bestenfalls zum Spielball taugte.

  • Er ist nicht mit Pracht und Gewalt zur Welt gekommen und als Triumphator eingezogen, wie es Prophetenworte ja hätten erwarten lassen könnten: „siehe dein König kommt zu dir!“

  • Er kommt als Kind in einer Krippe in Bethlehem zur Welt.

  • Er braucht die Zuwendung und Aufmerksamkeit, die Fürsorge und den Schutz einer liebenden Mutter und eines ebensolchen Vaters.

  • Er kommt nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Wort.

  • Er kommt nicht mit Streit, sondern mit Vergebung und Barmherzigkeit.

  • Er kommt nicht mit Gewalt, sondern mit der Bereitschaft zu leiden und zu sterben.

  • Er kommt nicht mit dem höhnischen Grinsen selbstverliebter Machthaber, sondern mit Einfühlsamkeit und Mitleid.

  • Er kommt so, dass ich nicht zu ihm aufsehen muss. Denn er hat sich längst zu mir herabgebeugt. Er kommt als Freund und als Bruder, als Menschenkind.

  • Er kommt mir ganz nah.

Deswegen geht Weihnachten uns so nach.

Allen, denen an Frieden und Sicherheit gelegen ist und die dafür Verantwortung tragen in der großen weiten, so klein gewordenen Welt kann man nur sagen: Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist…

Er wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn. Und sie werden sicher wohnen… Und er wird der Friede sein.

Amen

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