Fürchte Dich nicht!

Predigt Johannes 3/16-21, Christvesper, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

16 Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.


Liebe Gemeinde,

diese Jesusworte stammen aus einem Nachtgespräch. Sehr spät muss es gewesen sein, als es bei Jesus noch einmal klopft. Nikodemus steht in der Tür. „Wir müssen reden“, sagt er, „mir geht so vieles im Kopf rum.“ „Komm erst mal rein,“ sagt Jesus und fasst ihn beim Arm.

Draußen ist es so still und finster, wie wir uns das gar nicht vorstellen können. Kein vorbeifahrendes Auto, keine Straßenlaterne vor der Haustüre und drinnen kein elektrisches Licht. Eine kleine Öllampe funzelt auf dem Tisch an dem Jesus und Nikodemus sitzen. Vielleicht steht auch eine Flasche Wein da und zwei Becher. So sitzen sie und reden.

So mitten in der Nacht redet man nicht über das Wetter oder den alltäglichen Kleinkram. So mitten in der Nacht geht man den Dingen auf den Grund. So mitten in der Nacht lassen sich Liebe und Leid, Lust und Schmerz nicht mehr vertagen. So mitten in der Nacht redet man deshalb vom Sein oder Nichtsein, vom Leben und Tod, von Liebe und Leid. Die Öllampe auf dem Tisch flackert und malt die Schatten der Männer an die Wand. Als stünden hinter ihnen zwei bedrohliche schwarze Gespenster.

Ist es mit der Weihnacht nicht ähnlich? Heimelig wird sie ja nicht von selbst. Ist das nicht ehr unheimlich, wenn am Heiligen Abend so ab fünf oder sechs die Autos immer weniger werden? Der Menschenstrom, der sich noch am Vormittag durch die Straßen schob, ist versiegt. Die meisten Kneipen sind dicht. Die Stadt hält den Atem an. Und wie viele hören in dieser Nacht ihren eigenen Atem, ihren eigenen schweren einsamen Atem; und die Kerze, die sie angezündet haben, malt ihren einsamen Schatten an die Wand. Ein bedrohliches schwarzes Gespenst.

Gewaltig ist die Weihnacht und gewalttätig. Heut Nacht kann sich keiner vertagen. Und deshalb finden an Weihnachten Klärungen statt. Wer feiert mit wem? Heut Nacht müssen es Menschen des eigenen Herzens sein, oder sonst lieber keine, außer „Jim Beam“ und „Jack Daniels“ vielleicht. Die restliche Verwandtschaft wird morgen besucht oder übermorgen angerufen. Wo es kriselt, wird sich heut Nacht endgültig zerkracht. Wer sich findet, findet sich innig und klammert ein Treibholz, um nicht zu versinken – in dieser Nacht.

So ist das Leben. So ist die Welt. „Kosmos“ sagt Jesus zu ihr. Dunkelland, Finsterwelt. Heut Nacht kann sie sich nicht mehr vertagen. Geht’s uns etwa nicht wie dem Tannenbaum im Anderschen Märchen? Kaum gewachsen, abgehauen. Eine rauschende Nacht schön und geschmückt. Dann verdorrt und vergessen. Kleingehackt und mit einem Seufzer verbrannt. Müssen Weihnachtsgeschichten immer so traurig sein? fragte mich eine Schülerin. Ist Euch das schon mal aufgefallen? Wehmütig zumindest sind sie alle. Ach, die Weihnachtskinderträume bringt uns keiner zurück und auch nicht die Menschen, mit denen wir sie teilten. Warum tut die Liebe zum Leben in der Weihnacht so weh? So ist das Leben, so ist die Welt! „Kosmos“ sagt Jesus zu ihr. Dunkelland, Finsterwelt.

Die Öllampe auf dem Tisch flackert und malt die Schatten der Männer an die Wand. Als stünden hinter ihnen zwei bedrohliche schwarze Gespenster.

Also, sagt Jesus zu Nikodemus. Also, wie, pass auf. Also, wie, jetzt kommt etwas Unerhörtes. Also hat Gott die Finsterwelt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Langsam sagt Jesus diese Worte, denn jedes Wort hat sein eigenes unerhörtes Gewicht. Langsam sagt Jesus diesen Satz, denn in ihm steckt die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Langsam, langsam, damit Nikodemus begreifen kann, dass er auch in dieser Liebesgeschichte vorkommt und mit ihm auch wir.

Denn zur Finsterwelt gehören wir und Jesus sagt schließlich alle, nicht: alle, außer Herrn und Frau Sowieso. Alle! Wirklich alle! Also heute Nacht geht es um Dich und um Gott und um die größte Liebesgeschichte aller Zeiten und darum, dass Du in dieser Liebesgeschichte vorkommst und mit Dir die ganze Finsterwelt und all Deine dunklen Weihnächte.

Denn mitten in der Weihnacht brennt aus den Tiefen der Ewigkeit eine Liebe herauf zu uns, die sich durch nichts aufhalten lässt. In der Weihnacht kommt Gott auf unsere Finsterwelt mit einer Liebe, die zum Äußersten entschlossen ist. Bereit seinen eingeborenen Sohn zu geben, sein Bestes, sein Äußerstes, ein Stück von ihm und seiner Herrlichkeit. „Eh‘ ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wollest werden.“ (EG 37,2)

Das ist die Botschaft der Weihnacht: Aus Liebe bist Du geboren. Aus Liebe kommt Gott zur Finsterwelt, um Dich zu retten und nach Hause zu bringen aus dem Dunkelland in sein herrliches Licht, aus der Welt des Todes in sein ewiges Leben. Damit seine Liebe Dich erreicht ist ihm nichts zu schade und zu teuer.

Martin Luther zur Stelle: „Dieses Geschenk Gottes ist zu groß, als dass es nicht den Tod verschlänge. Wie wenn du ein Tröpflein Wasser in ein Herdfeuer hineintropfen lässt, so ist die Sünde (und Dunkelheit) aller Welt gegenüber dieser Gabe.“

Aus der Weihnacht muss die Christnacht werden. Muss das Christuslicht aufleuchten, wo die Weihnacht am finstersten ist. Wer sich heute dort befindet, um den muss es um so heller werden. Für wie groß wir immer die Finsternis unserer Welt halten: Sie ist ein Tröpflein Wasser, das in ein Herdfeuer hineintropft. In das Herdfeuer der Liebe Gottes.

Wie kann die Liebe einen Menschen verändern, der sie findet oder wiederfindet! Und drum haben wir heute Nacht nicht mehr zu tun, als uns dem Christuslicht zuzuwenden. Also hat Gott Dich geliebt. Der hat die Kraft auch Dein kaltes Herz aufzuschmelzen.

Wenn wir uns dem Christuslicht zuwenden, müssen wir uns allerdings von unseren eigenen bedrohlichen Schatten abwenden. Über den eigenen Schatten kann bekanntlich ja sowieso keiner springen. Wir sollten aufhören, es zumindest „alle Jahre wieder“ zu versuchen.

Wir dürfen nicht nur heut‘ Nacht unsere Schatten getrost dem Christus überlassen, der später einmal zu seinen Jüngern sagen wird: Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Finsterwelt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Finsterwelt überwunden. (Joh 16,33) Auch unsere Schatten müssen vergehen, wie der Tropfen Wasser im Herdfeuer. Im Herdfeuer der Liebe Gottes.

Die Öllampe auf dem Tisch flackert und malt die Schatten von Jesus und Nikodemus an die Wand. Als stünden hinter ihnen zwei bedrohliche schwarze Gespenster. Nikodemus sieht sie nicht. Sein Blick verliert sich im Schein der Lampe und seine Ohren in den Worten, die Jesus spricht. Gut, wenn einer so spricht in der Nacht.

Als er geht, weiß er nicht mehr, was Jesus im Einzelnen gesagt hat. Ja es kommt ihm vor, als habe Jesus mit allem immer nur eines gesagt: Fürchte dich nicht.

Fürchtet euch nicht!

Sagt es zu Eurer Nachbarin und zu Eurem Nachbarn, wenn wir jetzt die Kerzen anzünden und Ihr das Christuslicht weitergebt: Fürchte dich nicht!

Die Predigt zum Hören

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