Maria ungeschminkt

Predigt über Lk 1, 26-38, Christuskirche Dürrenwaid. Pfr. Joachim Musiolik

Heute beginnt die Predigt mit einer Standortbestimmung. Wir lösen das ohne Smartphone, ohne GPS Assistenten. Die Frage lautet: Wo befinden wir gerade im Kirchenjahr? Ein Hilfsmittel erleichtert die Suche…

(Adventskalender wird der ersten Bankreihe übergeben. Es sind gefüllte Söckchen an einer Schnur. Konfirmanden suchen die „Tagessocke“)

Für alle die weit entfernt sitzen in der letzten Bank oder auf der Empore: Der Adventskalender besteht aus Söckchen, handgefertigt. Die daran gestrickt haben, sind nicht mehr unter uns. Aber ihr Erzeugnis ist in Gebrauch und macht weiter Freude… So, seid ihr fündig geworden? 18. Dezember, korrekt. Verratet mal, was drin ist. Eine Süßigkeit, wie erwartet. Und was ist da noch? Ein Anhänger mit einer Botschaft?! Lies mal vor! (Konfirmand verliest den Wochenspruch „Freuet euch in dem Herrn alle Wege und abermals sage ich: Freuet euch!)

Das passt, denken die einen, Weihnachten steht kurz bevor. Da geht es um Freude und Vorfreude.

Andere blicken ernster und sagen: Das passt doch gar nicht. Wie kann man sich freuen, wo es in der Welt drüber und drunter geht. In Aleppo sind Zigtausende obdachlos, traumatisiert, die Familien zerrissen.

Diese Gegensätze gehörten aber schon immer zu Weihnachten. Da sind die einen, die sind zum Zerreißen gespannt vor Erwartung. Dies Jahr ist es besonders lang von 4. Advent bis Heiligabend. Andere denken mit gemischten Gefühlen ans Fest. Weil ein Platz leer sein vorm Tannenbaum . Ohne den vertrauten Menschen, der die letzten Jahre in der Runde war.

Wie hast du diesmal die Adventswochen erlebt? Was hat dominiert? Das stille, besinnliche, von mir aus weltlich ausgedrückt das gemütliche. Oder war es vor allem laut und unruhig.

Wie in jenem Adventskonzert vorige Woche. Es wirkten zig Kinder mit. Natürlich begleitet von Geschwistern, Eltern, Großeltern. Wir waren 30 min vorher da, man will ja noch einen Platz finden. Die folgende halbe Stunde war ein Kommen und Gehen, also Reinkommen in die Kirche und Umhergehen in ihr, mit einer Lautstärke wie auf dem Bremer Hauptbahnhof an einem Bundesligasamstag.

Vielleicht möchtest du gerade heute morgen aus einem ähnlich umtriebigen Advent aussteigen und vor dem Fest zur Besinnung kommen.

Dafür ist dieser Bericht vom Besuch des Engels Gabriel bei Maria genau richtig. Der Ort, den sich Gott aussucht für den Auftakt zur Weihnacht, könnte stiller nicht sein. Nazareth.

Während in Bethlehem bald Remmidemmi sein wird. Volkszählung, verstopfte Straßen, alle Betten belegt. In Nazareth ist alles ruhig. Nazareth ist so unbedeutend, so klein, dagegen ist Dürrenwaid eine Metropole.

Heute ist Nazareth weltbekannt. Damals kannte ihn niemand außer die paar die dort wohnten und ihre unmittelbaren Nachbarn. Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen, lautet ein geflügeltes Wort.

Daher kommt Christus, oder anders gesagt: Dahin kommt Gott. In die Ödnis, in die Provinz. Dahin, wo sich keiner interessiert.

Er kommt zu denen, die nichts gelten, und nicht bloß um sie zu trösten. Er macht mit ihnen Geschichte. Weltgeschichte. Heilsgeschichte.

Gott bringt sein Heil in unsere Welt, die so beschädigt ist. Jesus will nicht nur in gut geheizte deutsche Stuben kommen, wo es duftet nach Glühwein und Gans. Er will auch in die Keller kommen, wo Eingeschlossene Schutz gesucht haben vor Fassbomben und Scharfschützen. Wo sie zittern vor Kälte und Angst.

Das ist der Rahmen von Weihnachten. Ich möchte ihn betonen, und deshalb habe ich den Lektor gebeten, das Evangelium vom Sonntag nach Weihnachten zu nehmen statt des eigentlich vorgesehenen Lobgesang der Maria. Er hat das Evangelium vom Sonntag nach Weihnachten gelesen, das ist der Tag der unschuldigen Kindlein. Die Geschichte vom Kindermord des Herodes. Weil in diesem Jahr der 1. Weihnachtstag und der Neujahrstag auf Sonntag fällt, fehlt dieser Sonntag im Kirchenjahr. Sein Anliegen ist aber gerade jetzt besonders aktuell. Hier die heilige Familie, gerade noch entkommen, dort die kalte graue Macht, die eine ganze Stadt auslöscht.

Davon hat Maria noch keine Ahnung, als man sie aus dem Stall ruft, weil ein Fremder in ihrer Küche steht.

Was weißt du von Maria? Euch Konfis geht es vielleicht wie mir, ich kannte sie nur aus den Krippenspielen. Und aus dem Kalender, mein Geburtstag ist der 15. August, Maria Himmelfahrt. Ein katholischer Feiertag. Er bekundet, Maria ist besser als wir, hat es besser. Nach ihrem Tod hätte Gott ihr schon gegeben, worauf normal Sterbliche oder normal Gläubige noch warten müssen. Sie war, so ein anderes Dogma, vor ihrer Geburt bzw vor Christi Geburt kein fehlbarer Mensch wie du und ich, sondern vollkommen. Und so kommt eins zum anderen. Eine Fülle von Besonderheiten und Eigenschaften Jesu wurden und werden Maria zugesprochen.

Und das ist keineswegs nur Auffassung der Katholiken, sondern fast aller Kirchen weltweit außer den evangelischen. Also all die orthodoxen Kirchen in Griechenland, Syrien, in Rußland, in Ägypten usw.

Da paart sich viel Volksglaube mit Aberglaube und Brauchtum. All das konnte entstehen, weil der Zugang zur Bibel über Jahrhunderte verstellt war. Das einfache Volk konnte nicht schreiben und lesen.

Ich werde in den nächsten Monaten wg des Lutherjubiläums  in jeder Predigt fragen: Hat Luthers Entdeckung etwas verändert daran, wie man vorher den Predigttext verstanden hat. Und wir werden merken: Fast immer erschien der Text in neuem Licht.

So auch hier. Luther zeigte Jesus als den, der uns liebt und uns ganz nahe kommt. Die Menschen des Mittelalters sahen in  Gott wie in Jesus Christus den strengen Weltenrichter. Bei Maria dagegen vermuteten sie Gefühle, Nähe, mütterlichen Trost. Darum beten sie den Rosenkranz, rufen Mariahilf, knien vor der Madonna. Sie beten Maria nicht an, sie rufen sie aber an.

Maria war zu einer Mittlerin geworden zwischen Himmel und Erde. Die Gläubigen vertrauten ihr ihre Sorgen und Bitten an, die soll sie bei Gott vorbringen.

Den vermuten sie weit weg und irgendwie gefühlskalt. Das war dann eine gewaltige eine Neuerung, als Luther lehrte:

Gott ist anders. Er ist so voller Liebe wie ein glühender Backofen.

Versuchen wir also, Maria ungeschminkt zu sehen. Ohne Heiligenschein. Versuchen wir, diese ganze Geschichte ohne Heiligenschein zu sehen. Fast unmöglich ist das. Schon das Bild hier im Gottesdienstprogramm aus der Kinderbibel ist verklärt. Rechts Maria noch ganz natürlich, mitten im Alltag erwischt und überrascht. Aber links der Engel, damit auch jeder sieht wer da anrückt, hat Flügel.

Klar steht hier im Bericht, der Engel Gabriel ist vom Himmel gesandt in ein Haus in Nazareth, also muss er da wohl runter fliegen. Aber das ist alles gesagt im Nachhinein, von Lukas, der schon weiß wie das ausgegangen ist von der Krippe bis zu Kreuz und wie sich das einfügt in den göttlichen Plan. Das stimmt auch alles bloß Maria weiß nichts davon.

Der unbekannte Besucher hat keinerlei Ähnlichkeit mit den Engeln auf unseren Christbäumen. Maria wird gedacht haben, das ist ein Fremder. Der wird mich gleich nach einer Adresse in Nazareth fragen. Oder der will was verkaufen. Darum erschrickt sie so, als der Fremde ihr lauter Komplimente macht. Vorzüge, die noch niemand gelobt hat, die sie an sich selbst noch nie wahrgenommen hat: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!“

So toll findet sie sich gar nicht, darum fragt sie gleich zurück: Was für ein Gruß ist das denn? Eine zeitgenössische Maria würde heute in einem Imbiss arbeiten. Nach Feierabend riecht sie immer noch nach Fritten. Sie ist groggy vom langen Stehen. Endlich zu Hause, legt sie die Beine hoch, schaltet den Anrufbeantworter ein.

Ein Engel, der zu ihr gesandt wird, muss froh sein, wenn sie keine Sprechanlage an der Tür hat. Weil wenn der sein Sprüchlein Kurzform durchsagt, bin ich hier richtig bei der Maria aus Nazareth. Ich bin der Man in Gold, bringe eine Botschaft im Auftrag der himmlischen Majestät. Die denkt, der nimmt mich auf den Arm.

Also Maria ist eine ganz normale junge Frau in einem ganz normalen unbedeutenden Dorf in einer unbedeutenden Provinz. Und sie hat ein ganz normalees unspektakuläres Leben vor sich als Frau eines jungen Tischlers. Maria ist vermutlich 13 oder 14 und schon verlobt. Da würde bei uns das Jugendamt einschreiten. Alarm, Kinderehe. Ihr Leben ist festgelegt. Erst der Mutter im Haushalt helfen. Dann heiraten mit dem Hochzeitsfest als einsamer Höhepunkt des ganzen Lebens. Dann arbeiten, Kinder kriegen und womöglich bei der Geburt ihres soundsovielten Kindes sterben. Das waren die Aussichten.

Und jetzt prophezeit dieser fremde Besucher, dem sie abspürt, er kommt aus einer anderen Welt: Gott hat etwas ganz anderes mit dir vor. Er will deinem Leben eine ganz andere Richtung geben. Willst du dich darauf einlassen?

Gott will die ganze Welt retten, aber er bittet vorher eine Jugendliche um ihre Zustimmung, dass er ihr Leben dafür in Anspruch nimmt.

So ist Gott: Er will uns nicht überfahren, will nicht gegen unseren Willen mit uns zusammen arbeiten. Selbst für diesen wichtigen Zweck nicht. Gott stärkt immer unsere Person und unsere Freiheit. Er stärkt unsere Würde. Maria soll wissen, was mit ihr passiert, und es soll nur mit ihrer Zustimmung geschehen.

Es ist ja ein richtiges langes Gespräch zwischen ihr und dem Engel. Der kommt nicht an und sagt: Hier zeig ich dir Gottes Heilsplan, dort unten ist das Feld für deine Unterschrift. Wir wissen ja, du kannst nicht lesen und schreiben, ein Kreuz genügt. Und Abflug.

Nein. Es ist ein langes Gespräch, Maria hat Rückfragen, will Erläuterungen. Die bekommt sie, kann sie nur nicht einordnen. Wie denn auch. Aber sie sagt ja und hält sich bereit. Für ein Wunder, wie und wann auch immer. Sie hält sich an die Zusage: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“

Was Maria noch nicht weiß, wir aber schon: Das  bezieht sich auf die Jungfrauengeburt. Ohne Zutun von dem Josef oder einem anderen Mann wird Maria bald schwanger sein und den Heiland zur Welt bringen.

Er kommt auf dem Weg der Geburt durch die Jungfrau. Eine Unmöglichkeit auf dem Feld der Biologie, der Sexualität. Da widerspricht die Fachwelt.

Ich nehme das Wort des Engels „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“ als ein wunderbares Versprechen für alle Lebensbereiche. Aber besonders wie hier für im Blick darauf, was biologisch oder sexuell als gültig oder gar festgelegt angesehen wird. Deshalb ist das Wort „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“ auch eine Verheißung für Schwule. Richtig gehört, für Schwule.

Mich veranlasst diese Geschichte, auf allen Gebieten, gerade dem sexuellen, neu zu fragen: Wie sehr ist ein Leben festgelegt? Vor dem Besuch des Engels schien Marias Leben vorbestimmt durch ihr Geschlecht, ihre Herkunft. Gott greift da souverän ein und verändert, was unabänderlich scheint.

Muss ein Junge, der sich anders als seine Mitschüler und Freunde nicht für Mädchen interessiert, sich damit abfinden und so früh wie möglich outen? Muss er das gut finden und sich damit versöhnen?  Was ist mit Christen, die sich in einer Gefühlswelt vorfinden, die auf das gleiche Geschlecht ausgerichtet ist und die unglücklich sind darüber. Was ist mit Jugendlichen, die auf der Suche sind nach ihrer Identität. Wer rät ihnen, wer traut sich das zu?

Was ist mit dem Erwachsenen, der homosexuell empfindet und in diesem Umfeld gelebt hat, und sich fragt, ist meine wahre Bestimmung vielleicht doch anders? Kann es sein, dass ich gar nicht so festgelegt bin. Welche Hilfen gibt es für eine Veränderung? Der kriegt zu hören, nimm keinen Rat an, das ist alles Gehirnwäsche, das ist unmöglich, das kann und darf nicht sein. Und bei seiner Kirche findet er womöglich keine Hilfe, weil die sich längst nicht mehr traut, in Sachen Sex begründet Stellung zu nehmen. Sie segnet nur ab, was sich in der Öffentlichkeit als Trend abzeichnet.

Aber Gott will die nicht alleine lassen, die sich in einer peinlichen Lage vorfinden und fragen, was geht da in meinem Körper vor, was werden die Leute sagen?

Was trauen wir Gott noch zu? Die Bibel stellt fest: Ihm ist alles möglich. Seine Macht erstreckt sich auf alle Gebiete des Lebens.

Wir müssen nur den Anfang der Verheißung beachten: BEI GOTT ist kein Ding unmöglich. Das ist etwas anderes  als der alte Toyota Slogan „Nichts ist unmöglich.“ Etwas anderes als das amerikanische „Yes we can“, wer sich nur genug anstrengt, kann es überall zu was bringen. Glaub an dich!

Nein. Menschen scheitern, Gott findet Wege. Wie es in dem Lied heißt God can make a way where there is no way. Er schafft Wege, wo nichts mehr geht.

Samstag ist Heiligabend. Krippenspiele wird es geben in Tausenden Kirchen. Mit einer Maria, noch wesentlich jünger als in diesem Bericht. Da kommt dann die Fortsetzung, die Erfüllung von dem, was hier erzählt wird. Und soviel ist sicher: Es wird gut ausgehen. Weil Maria, der erste Mensch, der sein Leben Jesus zur Verfügung gestellt hat, ihrem Entschluss treu blieb. „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“

 

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