Aleppo

(Inspiriert durch eine Predigt von Eugen Drewermann zum zweiten Sonntag im Jahreskreis, aus: Zwischen Staub und Sternen, München 1995, S. 9ff. Sämtliche Zitate sind daraus entnommen).

Maria hat geboren. Gott ist in der Welt. Die Verheißung ist erfüllt. Also ist alles gut!

Nichts ist gut und nichts ist in Ordnung. Krieg, Streit und Hass plagen diese Welt noch immer. Vom Frieden, der sein soll, keine Spur. Der Krieg steht in der Welt, zwischen den Menschen und Gott.

Als sich Mitte Dezember die Nachrichten häuften, dass es endlich Frieden in Aleppo geben könnte, da hoffte die Welt, hofften die Menschen in Syrien auf Frieden. Endlich Frieden nach so viel Leid und Tod. Die lähmende Untätigkeit des Westens, die grausamen Bilder von zerbombten Häusern allabendlich in der Tagesschau, das könnte nun vorbei sein, dachte man.

Ein syrischer Flüchtling sagte in diesen Tagen zu mir, ich möchte Maurer werden, damit ich meine Stadt wieder aufbauen kann. Seine Chance zum Wiederaufbau schien in diesen Tagen greifend nahe.

Die Hoffnung der Menschen in Aleppo konzentriert sich in Bildern von Kindern die, in einem Keller zusammengepfercht, einen herzzerreißenden Appell an die Menschheit da draußen richten: Wir möchten raus aus dieser Stadt. Wir möchten leben! Wir möchten Frieden!

Politiker sind sämtlich erschüttert, tief betroffen, nur um sich nachts im UN-Sicherheitsrat gegenseitig der Lüge zu bezichtigen. Ich bin nicht erschüttert. Meine Gefühlwelt schwankt vielmehr zwischen Zorn, Wut und Verzweiflung. War es nicht abzusehen, was da in Syrien geschehen wird? Und war es nicht genauso klar, dass es nicht hätte passieren dürfen?

An den Verhandlungstischen aber gab es keinen Willen zur Einigung. So viele Male nicht. Niemand, der nachgeben konnte, niemand, der zurückstecken wollte. Aber wenn schon nicht für sich, dann doch wenigstens für die Menschen, die direkt betroffen sind! Für die, die leiden und sterben. Für die, die in kaputtgeschossenen Wohnungen hausen, weil sie nicht fliehen können.

Aleppo – das ist gewiss ein moralischer Schock. Eine grausame Dokumentation des Versagens auf ganzer Linie.

Krankenhäuser beschossen.

Waisenhäuser beschossen.

Flüchtlingskonvois beschossen.

Und Politiker sind sämtlich erschüttert, tief betroffen; nur um sich nachts im UN-Sicherheitsrat gegenseitig der Lüge zu bezichtigen.

Hier in Bad Hersfeld gibt es gute Programme zur Gewaltvermeidung. Eines davon heißt SMOG – Schule machen ohne Gewalt. Den Kindern wird rechtzeitig beigebracht, dass man Konflikte nicht durch Schläge lösen muss. Redet miteinander! lautet die Botschaft. Ist das nur eine kindliche Option?

Meinen Söhnen kann ich nicht erklären, was sie da sehen, wenn ich morgens die Zeitung nicht schnell genug verschwinden lasse und ihre Blicke sich schon längst an den abfotografierten grau-braunen Trümmern festgekrallt haben. Sie verstehen, dass man in einem kaputten Haus nicht mehr wohnen kann, aber warum es Krieg gibt, dass verstehen die beiden nicht.

Wie erklärt man seinen Kindern, wie erkläre ich mir, eine Welt, in der Menschen auf Menschen schießen, in der Menschen andere Menschen verhungern lassen? Wie erkläre ich eine Welt, in der Krieg keine moralische Unmöglichkeit ist?!

Und Aleppo ist nur das Symbolbild für das ganze Dilemma. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus Dresden, nicht aus Srebrenica, nicht aus Bagdad. Alles was bleibt ist ein zerstörtes Land voller desillusionierter Menschen. Ein kaputtes Land. Ein modernes Mahnmal.

Und die Einen sagen: Mit Assad kann man nicht reden.

Und die Anderen sagen: Assad ist ein Diktator.

Das bestreite ich nicht, aber ich zweifle daran, dass es dennoch gerechtfertigt ist, ein komplett zerstörtes Land Gesprächen vorzuziehen?

2016 Jahre nach dem Gott mit uns sein wollte und der Welt Frieden verheißen hat, wehrt sich die Welt noch immer erfolgreich dagegen.

Wir beleidigen Gott und ziehen eine Grenze zwischen ihm und uns auf, wenn wir so etwas hinnehmen, wenn wir Krieg für ein adäquates Mittel der Außenpolitik halten. Überhaupt schon über einen Krieg als Möglichkeit nachzudenken stellt sich gegen die große Freude, die uns gestern verkündigt wurde.

Und ich sehe auch die Pflicht bei den Kirchen. Es ist gut und richtig, Bekenntnisschreiben zu veröffentlichen, die das Morden verurteilen, aber das reicht nicht! Müsste nicht die Kirche erklären: „Das befohlene Töten von Menschen ist gegen jedes Gottesrecht, und wer sich daran beteiligt, wird aus der Kirche ausgeschlossen!“

2016 Jahre nach Christi Geburt leistet die Welt in Aleppo den Offenbarungseid. Frieden ist uns verheißen, aber wir haben die Verheißung ignoriert. Wir haben Spielräume, die sich uns eröffnet haben, zum Dialog und zu weiteren Verhandlungen nicht betreten. Verhandlungen, Gespräche, Kompromisse – das wären jesuanische Möglichkeiten gewesen. Wir haben sie nicht ausreichend genutzt.

Es liegt an uns, unseren Kindern und Enkeln vorzuleben, wie es gehen könnte. Das friedliche Zusammenleben, mit einer sicheren Wohnstatt für jeden.

Es liegt an uns, laut zu fragen, wie es sein kann, dass ein Krieg wie in Syrien überhaupt so lange dauert? Wo kommen die Waffen her, die diese furchtbare Kriegsmaschine solange am Laufen halten? Unsere Rüstungsexporte sind gestiegen, die Geschäfte mit Waffen laufen gut. Wer den Wind sät …

Frieden ist der Welt verheißen, sichere Wohnstätten allzumal.

Ich möchte das glauben, denn gestern ist uns der Heiland geboren, der Friedefürst.

Ich möchte auch glauben, dass es eine herrliche Welt sein kann und wenn ich nach unten schaue, liegt unsere Katze auf dem Teppich und schläft.

Liegt in der Sonne, döst und schnarcht während in Aleppo Menschen sterben weil Streubomben fallen, Menschen hungern, weil Hilfslieferungen nicht durchkommen, Menschen frieren, weil sie kein Obdach mehr haben.

Tiere führen keine Kriege.

Wahrlich:

„Es gibt Augenblicke, in denen man sich schämt, ein Mensch zu sein.“

Frieden wird sein. Es wird anders werden.

Warum sonst sollte Gott Mensch geworden sein, wenn er nicht an uns glauben würde?!

Amen.

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