Das Wunder des Lebens (Lukas 1, 26-38)

Sie waren schon zwei Jahre ein Paar. Für sie war es die erste große Liebe, auch wenn sie manchmal wunderlich angeschaut wurde, weil er  ein wenig älter war. Aber der Altersunterschied zwischen ihnen spielte nie wirklich eine Rolle. Sie meinten es so ernst, wie es in ihrem Alter möglich war. Beiden war es anzusehen, wenn sie verliebt und Hand in Hand unterwegs waren. Die gleichaltrigen Freundinnen spotteten manchmal, sie seien wie ein altes Ehepaar. Aber damit konnten sie gut umgehen.

Und dann passierte es. Ihr morgendliches Unwohlsein konnte sie sich nicht erklären, ihre Mutter hatte bald einen Verdacht und ihre Ärztin bestätigte es ihr:  Sie erwartete ihre erstes Kind. Was für ein Bescherung mitten in der Adventszeit! Sie hatte noch nicht einmal ihren Schulabschluss, hatte so viele Pläne und Träume. Kinder waren jetzt noch gar nicht vorgesehen. Und doch, egal warum und wieso: jetzt war sie aber schwanger, wurde Mutter und sie fragte sich, ob sie das wollte und ob sie das konnte….

Viele Abende redete sie mit ihrem Freund, der sich an den Gedanken erst gewöhnen musste, Vater zu werden. Sie sprach mit seinen und mit ihren Eltern, ob sie denn zu den beiden stehen und sie mit Rat und Tat unterstützen würden. Und am Ende entschieden sie sich gemeinsam nach langem Ringen für das Kind, das nicht geplant, für das eigentlich im Lebenshaus noch gar kein Platz freigeräumt war. Sie wollte sich gerne freuen über diese Herausforderung und dieses Geschenk, auch wenn es eigentlich noch eine Nummer zu groß war. Aber sind Kinder als Aufgabe nicht immer  eine Nummer zu groß? Auf das Verständnis ihrer Umwelt hoffte sie nicht und war deshalb nicht überrascht, als es tatsächlich ausblieb: „Da gibt es doch heutzutage ganz andere Möglichkeiten als früher“ gab man ihr mit auf den Weg . „Das mag sein“ dachte sie. Vielleicht auch , weil ihr seid Kindertagen eine andere Geschichte sehr vertraut war. Sie hatte oft im Krippenspiel ihrer Gemeinde mitgewirkt, war mal der Verkündigungsengel und mal Maria, sie war auch einmal ein Hirte, sie kannte die Worte und diese alte Geschichte.

Da tritt ein Engel zu Maria ins Haus und grüßt die junge Frau, die eigentlich noch ein junges Mädchen war. So hatte man es ihr erklärt, weil Mädchen oft schon sehr früh verlobt, also einem Mann versprochen wurden. „Viel zu früh“ hört sie gleich wieder die Leute reden, so jung und so unerfahren.

Aber der Engel kommt gerade zu ihr und grüßt sie: „Sei gegrüßt du Begnadete“ „Was für ein seltsamer Gruß“ hat sie oft gedacht. Ihre Freunde sagen Hallo und Tschüss und reden sie mit Namen an. Der Engel nennt Maria eine Begnadete. Das ein Engel zu ihr kommt, sie ansieht und anspricht, sie wahrnimmt und ihr eine einzigartige Bedeutung zugesteht, das ist wahrlich so groß, dass man das Wort Gnade wählen kann, um dies angemessen auszudrücken. Und ein bisschen fühlte sie sich auch wie Maria, wie die Begnadete. Sie hatte einen liebevollen Freund und werdenden Vater, sie hatte verständnisvolle Eltern, die zu ihr standen, sie hatte die Möglichkeit trotz ihrer Jugend das Kind zur Welt zu bringen und großzuziehen, ihm Liebe zu schenken, für es zu sorgen, ihm die Welt zu zeigen, mit ihm zu lachen und zu weinen. Ist das nicht alles Gnade, sie eine Begnadete, weil Gott sie ansieht?

Im Leben verlaufen so viele Dinge anders als geplant und erwartet. Wir merken, dass wir die entscheidenden Dinge nur begrenzt in der eigenen Hand haben. Anfang und Ende sind gesetzt. Der Erfolg im Leben ist nicht nur erarbeitet, sondern ebenso auch geschenkt.  Da ist es eine  Gnade, aus dem Vertrauen zu leben, dass Gott mit seinen Engeln, die nicht immer Flügel haben müssen, an der Seite steht, und dabei seinen liebevollen Blick auf das eigene Leben in allen Höhen und Tiefen, im Gelingen und im Scheitern, in Gesundheit und in Krankheit zu spüren, Und weil Gott Menschen genauso anschaut, ist jeder Mensch einzigartig und gilt jedem und jeder die Anrede: sei gegrüßt Begnadete und Begnadeter, du hast Gnade bei Gott gefunden. Du hast Ansehen bei Gott und er hat etwas vor mit dir! Kein Leben ist umsonst und vergeblich, auf keinen Menschen kann verzichtet werden. Du, gerade du bist gemeint, so wie ich dich jetzt gerade ansehen. Dir gilt der Gruß.

Als ihr das durch den Kopf ging, fühlte sie sich stark und groß. Und sie spürte das Wunder in sich, das seit Menschen Gedenken so vielen widerfährt und doch nichts von allem Wunderbaren eingebüßt hat: „Du wirst schwanger werden und ein Kind gebären.“ Gibt es ein größeres Wunder als das Wunder und Geschenk des Lebens, das wir in den Händen halten und mit Liebe weitergeben können? Gibt es ein größeres Wunder, als ein Kind Gottes zu sein und einen Namen bei Gott, bei anderen Menschen und für andere Menschen zu haben? Ich bin ja nicht nur ansprechbar mit meinem Namen, sondern, weil ich für andere einen Namen habe, zeigt das wie mein Leben einen Wert für einen oder eine Andere hat. Es ist gut zu sein, es ist gut zu leben. Gott sei Dank!

„Ob Maria wohl damals ähnliche Gedanken hatte ?“, dachte sie dann. Sie war ja erschrocken über die Schwangerschaft, die der Engel ihr ankündigte. „Was sollen denn nur die Leute sagen“ war noch die harmloseste Reaktion. Eine Schwangerschaft vor der Ehe war damals moralisch undenkbar und ihr Leben eigentlich verwirkt. Die Älteren unter uns kennen  die Reaktion von Nachbarn und Dorfgemeinschaften auf uneheliche Kinder und ungeklärte Abstammungen… Nichts gelingt so einfach wie die moralische Empörung über andere. Damals und in der jüngeren Vergangenheit. Ehrenwerte Häuser und Dörfer gibt es so viele….

Natürlich wusste unsere junge Frau, warum sie schwanger war. Mit ihren Eltern hatte sie früh über Sexualität reden können. Und ob Maria nur eine junge Frau oder auch Jungfrau war, was damals und heute ja nahe beieinander liegen kann, hatte sie nicht wirklich beschäftigt. Aber jetzt , wo sie ein Kind erwartete, spürte sie unabhängig davon erst wirklich, welches Wunder sich da gerade in ihrem Leben ereignete: ein Menschenkind wuchs in ihr heran. Mit jedem neugeborenem Kind hat man Gott auf frischer Tat ertappt, hatte ihr ein lieber Freund mit auf den Weg gegeben. Ihr gefiel dieser Gedanke: hier war nicht nur die Natur erklärbar am Werk, hier hatte Gott seine Finger im Spiel: was für ein Wunderwerk und welches Staunen, wenn sich das Leben im Mutterleib zum ersten Mal spürbar regt, auch der Vater spüren kann, wenn er seine Hand auf den  Leib legt, und erst recht, wenn das Kind dann den ersten Schrei tut, und noch mehr, wenn es die Welt entdeckt und erobert. Da ist Gott am Werk. Und das Staunen ist nichts anderes das Feuer seines Geistes in unserem Herzen, sein Werk. Und mit jedem Kind lacht Gott uns an.

Sie hatte viele werdende Mütter kennengelernt, die älter  waren als sie und ihr erstes, zweites oder drittes Kind erwarten. Wie Elisabeth, die ja schon gar nicht mehr mit einem Kind gerechnet hat. Sie hörte von Wunschkindern, von schon nicht mehr erwarteten, aber auch von ungeplanten und nicht gewollten Schwangerschaften. Aber all das änderte nichts an dem, was sie erlebte und was mit ihr geschah in den Wochen und Monaten, in denen sie ihr Kind erwartete.

Welchen Platz im Leben es wohl einmal haben wird? In den Augen der Eltern sind Kinder immer etwas ganz besonderes: besonders schön, besonders begabt. So soll es sein. Die Liebe der Eltern sieht in besonderer Weise das Einmalige und Einzigartige, das zu jedem Leben gehört. Das Kind Marias wurde nicht einfach nur Gotteskind genannt. Nein Menschen erlebten, wie es Gott in unvergleichbarer Weise in den Alltag der Menschen brachte. Es war mehr als ein Engel, es war Gott an der Menschen Seite – in Freud und Leid, im Glück und im Unglück, es war Gottes Trost und Zuwendung, aber auch Gottes Anspruch und Zurechtweisung, aber immer aus dem Anspruch der Liebe und der Gnade. „Gottes eingeborenen Sohn“ nannten es die Väter und Mütter im Glauben in den Worten des Glaubensbekenntnisses,  „geboren von der Jungfrau Maria“.  Deswegen feiern so viele heute noch Advent zur Vorbereitung und Weihnachten als Fest des Erscheinens Gottes unter uns. Sie ahnen etwas von dem Licht dieses Kindes, das reines Gotteslicht ist, und später dieses Mannes aus Nazareth im Dunkel dieser Welt. Gott ist uns aufgegangen.

Die Geschichte, in der sie so oft mitgespielt hatte, stand ihr in den Wochen und Monaten ihrer Schwangerschaft immer wieder vor Augen. Anders als Maria konnte ihr keiner sagen, welche Bedeutung ihr Kind einmal haben wird. Aber sie glaubte an die aufleuchtende Gnade im Geheimnis des Lebens, so wie sie es unter ihrem Herzen trug, deshalb konnte sie wie Maria mit ihrem Freund und ihrer Familie zusammen entscheiden: mir geschehe, wie du gesagt hast.

Sie nahm das Gottesgeschenk an, das sie auf keinem Wunschzettel zu stehen hatte, und feiert wohl nun mit ihrem Kind und ihrer Familie Weihnachten. Und ich bin mir sicher: Gott ist ihr so nah, wie nie zuvor. Und wir? Gott schaut uns an und grüßt uns als seine Begnadeten und er zeigt uns das Geheimnis und das Wunder des Lebens und hat etwas vor mit uns. Wie feiern wir dieses Jahr? „Mir geschehe, wie du gesagt hast?“

Amen

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