Wir können auch anders

Eigentlich hatte die Welt die Hoffnung schon aufgegeben. Hier und da gab es Getuschel und Gerede, aber nichts Konkretes. Es gab ein paar vage Hinweise, aber nichts Greifbares. Die Welt war über die Jahre müde geworden. Ihre Umgangsformen waren verlottert und verflacht. Die Kommentarspalten im Internet quollen über vor Hass. Es gärte in der Welt. Wut und Zorn waren zu gültigen Währungen geworden, die man offen austauschen konnte. Ob das auch daran lag, dass die Welt der ewigen Hoffnung auf bessere Zeiten überdrüssig war? So lange schon gewartet, so lange war nichts passiert. Längst war die Welt nicht mehr zimperlich in ihrem Urteil: „Will er nicht kommen der Messias oder kann er nicht?“ Was sollte man darauf noch antworten? Es war ihr wahrscheinlich auch egal. Die Welt hatte die Hoffnung aufgegeben und sich eingerichtet.

Damit, dass Gott ausgerechnet in dieser Nacht erscheinen würde, war nicht zu rechnen. Aber da war er jetzt, Jesus, der Gott mit uns, senkrecht von oben gekommen, hell strahlend, mitten in der Nacht, nackt in einer Krippe liegend.

Nein! Damit, dass Gott ausgerechnet zuerst einer Horde Hirten und ihren Schafen seinen rettenden Entschluss mitteilen würde war ebenfalls nicht zu rechnen. Ausgerechnet Hirten. Heute hätte so ein Hirte einen gesellschaftlichen Stellenwert wie die Typen, die in der Stadt auf gefalteten Pappkartons sitzen und um Geld schnorren. Leute, bei denen man denkt, oh nicht schon wieder und sich unweigerlich fragt, warum gehst du eigentlich nicht arbeiten? Oder wo hast du wohl deinen Mercedes geparkt?

Und auch damit, dass Gott sich ausgerechnet einem unverheirateten Pärchen anschließen würde war nicht zu rechnen. Ausgerechnet Maria und Josef. Netterweise schreibt die Bibel über das Mädchen mit dem kindlichen Gesicht als junge Frau.

Aber eigentlich ist sie eines von diesen Mädchen deren Schwangerschaft wohl eher Bedenken als Begeisterung ausgelöst hat, weil sie einfach viel zu jung ist. Heute hätte sie bei RTL II eine Rolle in der Reihe Teenie-Mütter sicher. Und Josef ist ein Zimmermann, der nicht viel hat, aber viele Zweifel. Diese zwei stehen auch um die Krippe herum, beide mit gemischten Gefühlen. Und dann dieser Stall. Es riecht streng und auch nach Armut.

Maria und Josef, das ungleiche und unverheiratete Paar, die abgerissenen Hirten mit ihren Schafen und mittendrin Jesus, der Gott mit ihnen und uns. Sein Strahlen hat all diese Menschen zusammenkommen lassen. Wegen ihm treten all diese Personen aus den Schatten ihrer Vergangenheit, lassen das Schlimme hinter sich, verlassen die Kälte und die Dunkelheit.

Auch in unserer Zeit verlassen wieder Menschen die Dunkelheit und treten ins Licht der Öffentlichkeit. Ganz anders als damals im Stall, denn da hetzen sie dann ganz ohne Scham und Scheu gegen alles, was nicht ins eigene Bild passt. Bei der online Redaktion der tagesschau lassen sich die Mitarbeiter, die dort die Kommentarspalten betreuen, alle 30 Minuten ablösen, weil der blanke Hass in vielen Kommentaren einfach nicht länger auszuhalten ist, berichtet eine Mitarbeiterin. Dabei richten sich die Kommentare gegen alles: Sie reichen von massiven Beschwerden über einen schwarzen Nikolaus, der in einer amerikanischen Shoppingmall Kinder beschenkt, bis hin zu Morddrohungen gegen Politiker, die sich öffentlich für Humanität einsetzen. Das Schlimmste daran ist, dass es in diesen Kommentaren längst nicht mehr um Verständigung oder Diskussionsoffenheit geht. Es geht schlichtweg nur um Verurteilung und Herabwürdigung des Anderen. Eine Möglichkeit der Antwort wäre natürlich die moralische Ächtung, die Herabsetzung der Hassenden durch Pauschalkritik. Aber löscht man Feuer mit Benzin?

Kantorei

So sehr liebt Gott diese Welt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit die Welt gerettet wird.

Gott liebt diese Welt.

Es ist nur ein Satz, aber er klingt in mir.

Es ist nur ein Satz, aber er kommt ganz ohne Ausrufezeichen aus.

Es ist nur ein Satz, aber einer von atemberaubender und großer Schönheit. Und in diesem einen Satz, steckt die ganze aufrüttelnde Geschichte über Gott und die Welt, die eine Liebesgeschichte ist, inklusive der Kapitel über Feindesliebe und Versöhnung.

 So sehr liebt Gott diese Welt, dass er seinen einzigen Sohn gab und jetzt lächelt ein zahnloses Kind in die Welt. In die ganze Welt. Lächelt die an, die sonst nur die kalte Schulter der anderen kennen. Spricht die an, denen sonst keiner mehr zu hören will. Wertet die auf, die längst abgewertet worden sind. Das ist die Geschichte dieses Abends, dieser Nacht. Und dank Maria und Josef und den Hirten kommt diese Botschaft über den Gott mit ihnen auch zu uns.

Eigentlich hatte die Welt die Hoffnung schon aufgegeben und sich eingerichtet. Hatte den Hass ertragen. Die fortschreitende Spaltung hingenommen. Aber heute Abend entfaltet sich die Verheißung Gottes für die ganze Welt. In einem einzigen Satz spricht Gott seinen Menschen zu: Ich habe nicht die Absicht zu hassen, weil mir die ganze Welt am Herzen liegt.

Die verlotterten Hirten genauso wie die viel zu junge Mutter und auch den an seiner Vaterschaft zweifelnden Vater. Ich gebe auch nicht die ewig Gestrigen auf oder die, die eimerweise Verachtung und Häme in die Kommentarspalten kippen. Gewiss: Der Stall ist keine empörungsfreie Zone, aber er ist ein Ort der erlösenden Provokation (Vgl.: G. Thomas, Wütende Weihnachten!, Die Zeit, Nr. 50, 2016, S.64).

Gegen den Hass in den Facebookkommentaren und E-Mails, gegen die Gleichgültigkeit und die Abschätzigkeit in der Welt, gegen Unfreundlichkeit und Desinteresse untereinander.

So sehr liebt Gott diese Welt und setzt sich neben den Schreiber von Hasskommentaren und hasst nicht zurück.

So sehr liebt Gott diese Welt und setzt sich neben den Bettler in der Fußgängerzone und hat zwei Kaffee dabei.

So sehr liebt Gott diese Welt und schiebt den Kinderwagen der viel zu jungen Mutter, die ein viel zu enges T-Shirt trägt und trotzig ihren Weg geht. Meist ohne Mann. (Vgl. K. Oxen, Angesehen, Predigt zum 4. Advent 2016, evangelisch.de)

Von Hass, Wut und Niedermachen ist rund um die Krippe keine Spur. Die Geschichte dieser Nacht erzählt auch nichts von Pöbel und Krawall, aber später sehr deutlich und klar von der jesusmäßigen Weigerung die Hassenden zurück zu hassen (Vgl.: G. Thomas, Wütende Weihnachten!, Die Zeit, Nr. 50, 2016, S.64).

 Also hat Gott die Welt geliebt.

Diese Aussage feiern wir heute, gerade weil Menschen immer wieder versuchen, diese Zuwendung Gottes zu differenzieren oder an Normen und Regeln zu koppeln. Gott ist immer inklusiv: er grenzt nicht aus.

Denn umgekehrt gilt: „Nicht gesehen, nicht erkannt zu werden, unsichtbar zu sein für andere, ist wirklich die existentiellste Form der Missachtung.“ (C. Emcke in ihrem sehr lesenswerten Buch Gegen den Hass (S. 24)

Eigentlich hatte die Welt die Hoffnung ja schon aufgegeben und sich eingerichtet und dann kommt Gott und liebt diese Welt.

Wir können auch anders. Amen.

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