Der Bußruf Johannes des Täufers

Liebe Gemeinde,

 

wo kommen in diesen Tagen Menschen in größeren Gruppen zusammen?

  • auf dem Wenzelsmarkt, um zu schlendern, zu kaufen und zu genießen
  • in den Kirchen zu festlichen Gottesdiensten mit schöner Musik
  • auf Parteiversammlungen, um Programme zu erarbeiten und zu diskutieren
  • auf Demonstrationen und Gegendemonstrationen, meist mit einem bestimmten Ziel
  • auf Wahlkampfveranstaltungen (der Wahlkampf aus den USA liegt nicht lange zurück), welch gigantische unvorstellbar teure Kampagnen war das mit sagenhaften Versprechungen, was derjenige als gewählter Präsident tun will (bzw. diejenige). Sie erinnern sich sicherlich.

 

Unser heutiger Text beschreibt einen völlig anderen Massenauflauf:

eine Bewegung hin zu einem charismatischen Menschen im Gebiet des Jordan, die in den literarischen Zeugnissen jener Zeit vielfach Niederschlag gefunden hat:

 

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene,

als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.

Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,

wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jes. 40, 3-5): 

„Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben!

Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“

Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: „Ihr Schlangenbrut! Wer hat denn Euch gewiss gemacht, dass Ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?

Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.

Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

Und die Menge fragte ihn und sagte: „Was sollen wir denn tun?“

Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, gebe dem, der keins hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.“

 

Gott segne an uns diese Worte.

 

Johannes der Täufer. Bestimmt stehen Ihnen eigene Bilder von Johannes vor Augen… (im Kamelhaarmantel in der Wüste oder taufend am Jordan…)

Beides ist von ihm überliefert: Nach einer Zeit der Einkehr in der Wüste zog er an den Jordan. Dort begann er zu predigen, zu rufen, zu mahnen, sogar zu drohen.

Eine Art Anti-Wahlkampf! Mit keinem Wort verwies Johannes der Täufer auf sich selbst. Wie überragend er wäre oder wie selbstlos oder wie scharfsinnig…

Ihm ging es um einen anderen. Um Jesus Christus. Lukas stellt das besonders heraus.

Auch die Inhalte wirken wie eine Anti-Wahlkampf-Rede. Johannes predigte die Taufe der Buße. Vielleicht hat Johannes die Taufe als einmaligen Akt sogar selbst erfunden: das Untertauchen im Jordan und dies als Abwaschen, als Reinigen von der Sünde und Umkehr zu einem neuen Weg verstanden..

Umkehren. Einen neuen Weg einschlagen. Seine Botschaft ist radikal.

Unglaublich: Und trotzdem strömen sie in Scharen zu ihm hin. Sie wollen ihn sehen und hören. Trotz dieser Radikalität. Trotz seines konfrontativen Stils und seiner harten Worte. Er verspricht ihnen nicht das Blaue vom Himmel. Er redet ihnen nicht nach dem Mund.

Im Gegenteil. Er beschimpft sie, die sich da auf einen vielleicht langen Weg gemacht haben: „Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch denn gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?!“ Mit anderen Worten: Was macht euch nur so selbstsicher?! Tut Buße! Ihr hier. Ändert euer Leben. Und lasst euch nur nicht einfallen, euch auf irgendwelche Vorrechte zu berufen. Auf religiöse oder genetische oder so genannte angestammte Rechte. Das alles wird euch vor Gottes Gericht nicht schützen. Ihr selbst seid gefragt. Mit eurem eigenen Verhalten.

Keine leichte Kost, die er ihnen da vorsetzt. Keinen Festtagsbraten. Keinen Honig um den Mund. Eher nimmt er ihnen die Masken der guten, anständigen Bürger vom Gesicht und spricht sie auf das an, was sich dahinter verbirgt: ihre dunklen Seiten, Gier, Neid und Hass, Kleinglaube, Ohnmacht und Angst.

 

Johannes der Täufer. Wenn heute so einer unter uns sprechen würde – auf dem Hauptmarkt oder auf dem Altmarkt in Dresden oder bei der Neujahrsansprache im Fernsehen – wie würden wir wohl reagieren?

„Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch denn gewiss gemacht, dass ihr dem göttlichen Gericht entgehen werdet?! Bildet euch nur nicht ein, ihr seid besonders geschützt! Dadurch dass ihr in der Kirche seid oder gute Kollekte gebt oder auf eine bestimmte Abstammung verweisen könnt.

Das zählt nicht vor Gott. Sondern euer eigenes Tun und Lassen.

Tut Buße! Geht in euch! Fangt mit den Veränderungen bei euch selbst an!“

Und dann noch dieses bedrohliche Bild von der Axt, die schon an die Wurzel gelegt ist… Tja, was würden solche Worte in uns auslösen?

‚Was ist denn das für ein Typ?’, würden wir uns vielleicht fragen. Bei der nächsten Wahl ist er weg vom Fenster. Was der für Weltuntergangsszenarien heraufbeschwört. Und Panik macht…“

Oder würden wir zum Nachdenken kommen? „Die Axt ist schon an die Wurzel gelegt…“, vielleicht haben wir dieses Gefühl ja manchmal selbst…Da geht so vieles in eine bedrohliche Richtung – mit stärker gewordener Gewalt in soialen Netzwerken, in Worten und Taten, mit der Perspektive für unsere Erde.

So vieles sollte sich ändern, damit mehr Menschen in guter Weise leben können.

Würden wir zum Nachdenken kommen?

 

Damals scheint es tatsächlich so gewesen zu sein. Das Lukas-Evangelium berichtet von regelrechten Menschenmassen, die zu Johannes strömten, die sich aufrütteln ließen und  ihm die Frage stellten: „Was sollen wir denn tun, Johannes?“

Für mich ist das eine bemerkenswerte Stelle. Die Angesprochenen werden aktiv und fragen nach. Sie delegieren die Veränderungen nicht nach oben, weder zum Hohenpriester oder Statthalter oder Kaiser in Rom: (übertragen: weder zum Bürgermeister, noch zum Landrat, zur Regierung, zu den Kirchen, zu den Medien, der Politik…)

Die hier benannten Leute übernehmen die Verantwortung für sich selbst. „Was sollen wir denn tun?“ Die Antworten des Johannes wirken zunächst regelrecht schlicht:

Zur Volksmenge sagt er: „Wer zwei Hemden hat, gebe dem, der keins hat, und wer zu essen hat, tue ebenso.“ Das ist nicht der radikale Ansatz des „Verkaufe alles, was du hast!“. Das wirkt sehr moderat: Wer mehr hat an Besitz und Vermögen, möge abgeben, solidarisch leben, teilen. Geteilter Besitz lässt Bedürftige ebenfalls leben.

 

Zwei Gruppen werden dabei ganz konkret genannt, die diese Frage damals stellten: erstens die Zöllner. Als Angestellte im römischen Dienst, nahmen sie oft mehr als nötig. „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ antwortet Johannes.

Auch das klingt moderat, erfüllbar.

Und doch: er spricht sie bei ihrer schwächsten Stelle an, da, wo sie am verführbarsten sind. Sie hatten damals die Macht am Zollhaus. Niemand prüfte, wie viel sie dem kleinen Wolle-Händler oder Olivenöl-Lieferanten abnehmen. So ließ es sich wunderbar reich werden.

Er packt sie bei ihrer schwächsten Stelle: „Tut Buße! Handelt anders. Nicht am Gesetz vorbei. So schont ihr andere und bleibt selbst rechtschaffen.“

 

Die zweite genannte Gruppe sind die Soldaten, damals ebenfalls im Dienst des römischen Kaisers: „Was sollen wir denn tun?“ Eine ähnliche Antwort ist überliefert: „Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“

So gewaltfrei wie möglich sollen sie ihrem Beruf nachgehen – das klingt fast paradox. Ohne Unrecht und Willkür. Sich genügen lassen am Sold, also nicht für Geld morden oder brandschatzen…

Auch diese Berufsgruppe wird bei ihrer schwächsten Stelle angesprochen, da, wo sie am ehesten zu Unmenschen werden können (Und Bilder von entfesselter Gewalt, von Mord und Brandschatzung selbst ernannter Milizen und Soldateska kennen wir aus allen Krisengebieten)

Die alles klingt zunächst leicht erfüllbar, und doch: wie anders würde unser Alltag aussehen, sogar unsere Welt, wenn wir als Menschen fähiger wären, solidarischer und respektvoller miteinander zu leben?!

Ein Kommentator schrieb: Hier werden Basisforderungen für ein gelingendes Gemeinwesen beschrieben, das die Schwachen schützt und den Starken sinnvolle Grenzen setzt.

 

Was heißt das für uns hier in dieser Kirche? Wo ist jeweils unsere eigene schwächste Stelle? In unserem Beruf? In unserer Persönlichkeit? Wo verdecken wir mit unserem Reden oder Verhalten den Willen Gottes? Dem nachzugehen lohnt sich. Sich selbst besinnen. In sich gehen. Sich fragen: Wo hindere ich das Göttliche in mir, sich zu entfalten? Wo regiert mich der Neid, die Gier, die Angst?…  Wo kann ich abgeben, teilen, anderen Gutes tun…?“ Und damit das Antlitz der Erde ein wenig menschlicher machen. (Basar, Rucksäcke für Tansania, Brot für die Welt…)

Vielleicht überlegen Sie dies bei einer Kerze heute Nachmittag. Wenn wir dem Raum geben, wird etwas von der alten Tradition lebendig: Advent als Zeit der Buße zu begehen. Als Zeit der Vorbereitung darauf, dass Gott bei uns ankommt.

Amen

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