Anforderungsprofil an einen Rufer in der Wüste ( Lukas 3, 1-14)

Es war im sechzehnten Jahr des 21.Jahrhunderts, das nach der Geburt Christi gezählt wurde, im 11.Jahr der Kanzlerschaft einer Pfarrerstochter aus Templin, als ein neuer Pfarrer, eine neue Predigerin für eine Region in den märkischen Sandlandschaften gesucht wurde, die manchen zwar wüst vorkamen, auf den zweiten Blick aber durchaus einen Liebreiz aufwiesen, den die , die schon länger hier lebten, gar ihre Wurzeln hier hatten und die Landschaft seit Generationen zur Heimat zählten, kannten, schätzten und andere gerne dafür gewinnen wollten. Religiös gemäßigt hatte man über die Märker einmal geurteilt, sie waren nicht bedrängend und beängstigend fromm, sie waren bodenständig. Einige hatten sicherlich ihre Gottvergessenheit längst vergessen und wähnten sich in ihrem Leben zufrieden und aufs beste eingerichtet. Aber nicht wenige erinnerten sich durchaus an den wichtigen Stellen ihres Lebens, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, dass es sich lohnt im Leben nach Gott zu fragen und seinen Segen und Beistand zu erbitten, dass der Glaube in der Not ein rechter Helfer und eine gute Gabe ist. Deshalb konnte und wollte man auf einen geistlichen Mann oder eine geistliche Frau nicht grundsätzlich verzichten. Nicht zu aufdringlich im Glauben sollte er oder sie sein. Land und Leute lieben, den einfachen Menschen aufs Maul schauen und nicht zu abgehoben reden. Schwächen war man bis zu einem gewissen Grad bereit, zu tolerieren, aber ein wenig Vorbild, ein bisschen glaubwürdiger, authentischer und überzeugender als die meisten Zeitgenossen sollte er oder sie schon sein.

Verständnisvoll und einfühlsam sollte seine Rede sein. Die Menschen wollten nicht verprellt oder gar beschimpft werden. Wohltuend sollten die Worte sein, die man künftig zu hören wünschte, von Mitgefühl geprägt und freundlich. Kritisches wollte man bestenfalls dezent durch die Blume vernehmen. Schonungslos ehrlich war das Leben schon genug. Seelsorgerlich offen für alle wünschte man sich den Prediger, liebenswert und freundlich zu jedermann…

Zu fast jedermann…. Jedenfalls zu allen, die dazugehörten….

Es gab ja ein paar, die hatte man nicht so gerne in der Mitte: die sahen anders aus, die lebten anders, dachten anders, folgten anderen Maßstäben, erzogen ihre Kinder anders… und manchmal setzten sie sich auch nicht nur für Dorf, Feuerwehr oder Verschönerungsverein ein, sondern unterstützten darüber hinaus Initiativen für Menschen in sozialer Not, für Menschen ohne Obdach oder mit Flucht- und Migrationshintergrund.

Ob der Pfarrer, die Pfarrerin auch für all diese Menschen und damit für die Not der ganzen Welt da sein sollte, wusste man nicht so genau.

Denn da schaut das ganze Elend mal eben nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit durch die Fenster bei uns vorbei, sondern will das ganze Jahr bei uns bleiben, weil es hier sicherer und friedlicher zugeht, man mit relativem Wohlstand leben kann und die Kinder eine gute Bildungsperspektive haben. Doch bitte nicht gleich für alle, oder, wer soll das bezahlen ?

Als ob es nicht genug Armut und Elend unter uns gäbe. Ausreichend Alte und Kranke wären da zu besuchen, wenn schon nicht die Kinder und Enkelkinder die Zeit haben, vorbeizuschauen…

So redete man manchmal hinter vorgehaltener Hand, aber in letzter Zeit auch immer öfter offen. Ob das noch meine Kirche sei, die sich da für alle möglichen Leute engagiere, fragten einige laut und fanden es eigentlich gar nicht schlimm, dass anderswo kirchliche Gruppen angegriffen, bedroht und verhöhnt wurden, wenn sie sich gegen rechtes Gedankengut und Ausländerfeindlichkeit einsetzten, sich für Entwicklungshilfeprogrammen engagierten und daran glaubten, dass man heute schon etwas verändern kann.

Seelsorgerlich, aber nicht zu politisch, sollte die Kirche sein, sich um die Leute hier und nicht anderswo kümmern…

So wünschte man sich seinen neuen Prediger und überlegte, wie man das wohl in einen Ausschreibungstext bringen könnte: wir warten auf, wir erhoffen uns und wünschen uns (so begannen alles Sätze)… das alles so bleibt wie es ist, freundlich und zugewandt, nicht zu aufdringlich und den gewachsenen Strukturen verbunden. Wenn alles sich verändert und immer schneller wird, dann wünschen wir uns einen Ort und eine Person der Verlässlichkeit und Stabilität, die Distanz wahren und zu allen hin gleichermaßen offen und ansprechbar sein kann. Nähe und Distanz zu allen, damit alle ihren Frieden haben und in Frieden leben können, mit Gottes Segen – das ist seine Aufgabe.

So warten sie und erwarten sein /ihr Kommen, hoffnungsvoll, aber auch ein bisschen ängstlich. Ob es den Ersehnten und die Erhoffte so gibt?

Man kann sich ja schnell unbeliebt machen und in alle Nesseln setzen, so dass man am Ende keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt.

Da nützen dann auch die lang gehegten und gepflegte Erwartungen oder Hoffnungen nichts.

Johannes der Täufer ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es eigentlich nicht macht und am Ende um Gottes Willen und um seines Kommens und Bleibens willen dann doch tun muss. Er war nur nicht nur lange von seinen Eltern ersehnt worden! Was habe ich die Vorweihnachtsgeschichten von Elisabeth und Zacharias als Kind geliebt. Die Stimme des Predigers in der Wüste hatte schon der Prophet Jesaja oder einer seiner Nachfahren und Schüler angekündigt.

Und wüst war das Leben äußerlich und innerlich immer geblieben. Die Wüsten waren real, Alltag und alles bestimmende Wirklichkeit, übrigens persönlich und politisch. Die Not und das Elend, die Menschen verzweifeln und resignieren lassen und dazu bringen kann alle Hoffnung zu begraben, unterscheiden nicht, ob es Krankheit, Unglück oder ausländische Großmächte sind, die mein Elend verursachen. Ich kann reich sein, im Überfluss leben und dennoch in der Wüste meines Lebens verdursten. Ich kann aus der Wüste der Armut und der Einsamkeit stammen und dennoch das Wasser des Lebens, der Freundschaft und Dankbarkeit gekostet haben und mich wie in einer Oase inmitten der Wüste fühlen.

Gott sehnen so viele Menschen in den unterschiedlichsten Wüstenwirklichkeiten ihres Lebens herbei und hoffen, dass ihnen einer den Weg zeigt, eine Ahnung von Gott gibt, ein Wort spricht, das Wunden heilen und Streit aussöhnen, das Hoffnung inmitten aller Verzweiflung und Leben inmitten der Todverfallenheit schenken kann.

Aber so wie Johannes? „Ihr Schlangenbrut, die Axt ist schon an die Wurzel gelegt, der Baum wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

Es ist wohl gemerkt kein Wutbürger, sondern ein Gottesmann, der so spricht.

Gottesbeziehung und Gottesnähe, Gottesbegegnung und Gottes Kommen sind allem Vernehmen nach nicht nur ein spirituelles Wohlfühlprogramm zur Entschleunigung und zur Besänftigung der gestressten Seele, sondern ein ganzheitliches, weil den ganzen Menschen und all seine Verhältnisse angehendes Reformprogramm, das radikale Veränderungen und tiefe Einschnitte beinhaltet und jedes „weiter so“ verbietet. Buße ist sein Thema – und dass jeder Tag die Chance zu einem Neuanfang und zu einem anderen, ehrlicherem, ja besserem Leben bietet. Klare Worte und klare Ansagen sind seine Begleitmusik und nicht beruhigende Sphärenklänge.

Gottesmänner und Gottesfrauen dürfen Unruhestifter sein und aus aller Selbstzufriedenheit wecken. Sie dürfen die gewohnten Abläufe stören und irritieren, wenn sie denn den anderen, den neuen und dann so ganz einfachen Weg aufweisen: wer zwei Hemden habe, gebe eines, wer zu essen habe, tue es ebenso.Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold.

Da fordert Johannes zumindest nichts missverständliches, weltfremdes oder utopistisches, sondern ganz konkretes Alltagshandeln. So ist das nämlich mit der Buße.

Ob sich auf die Stelle eines Bußpredigers jemand bewerben würde?

Und ob die Menschen in Leitungsverantwortung ihn wählen würden?

Johannes war notwendig, sein Ende war übel. Aber das hielt ihn nicht von seinem Auftrag ab.

Was droht uns als Konsequenz einer klaren Botschaft? Keine Verfolgung, kein Tod. Aber dass wir dem Herrn den Weg bereiten, fängt in meinem Alltag und in meinem Leben an: nicht bei anderen, sondern bei mir, heute und jetzt.Und die Verheißung ist heute und jetzt die gleiche wie bei dem erhofften und verheißenem Rufer in der Wüste: alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen! Amen

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