Ein festes Haus

Liebe Festgemeinde,

Ist es Ihnen gelungen? Haben Sie dieses Jahr den Advent als Advent leben können? Eine Zeit der Ruhe und der freudigen Erwartung? Eine bewusste Fastenzeit, um das Fest heute genießen zu können?  Oder hat auch bei Ihnen wieder die Ungeduld die Oberhand behalten? Die Hektik des Geschenkekaufens und der Planung. Wer besucht wann wen? Was gibt es zu essen und wer putzt die Wohnung heraus?

Wie feiert man dieses Fest richtig?

Gott kommt in die Welt?

Wir alle tragen die Erinnerungen an den Zauber der Weihnacht aus Kindertagen in uns. Doch der Zauber ist gebrochen, seit wir ihn selber gestalten müssen. Mit jedem neuen Lebensjahr tritt neben die Erfahrung der behüteten heilen Welt auch die Erfahrung des Zerbrechens, des Scheiterns an eigenen und fremden Ansprüchen. Mancher und manchem von uns ist heute Abend gar nicht nach feiern – und doch sehnen wir uns nach der Zusage von Gottes Nähe.

Der für diese Christnacht vorgesehene Predigttext beschreibt diese Ambivalenz von der anderen Seite. Ich lese aus dem zweiten Samuelbuch:

„Und als der König in seinem Haus saß und der HERR ihm Ruhe verschafft hatte vor allen seinen Feinden ringsum, da sagte der König zu Natan, dem Propheten: Sieh doch, ich wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Lade Gottes aber wohnt unter einer Zeltbahn. Und Natan sagte zum König: Geh, tu, was immer du in deinem Herzen hast, denn der HERR ist bei dir. In jener Nacht aber erging das Wort des HERRN an Natan: Geh, und sage zu meinem Diener, zu David: So spricht der HERR: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Ich habe nicht in einem Haus gewohnt seit dem Tag, an dem ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, bis auf den heutigen Tag, ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung. In all der Zeit, die ich mit allen Israeliten umhergezogen bin, habe ich da zu einem einzigen der Stämme Israels, dem ich geboten hatte, mein Volk, Israel, zu weiden, gesagt: Warum habt ihr mir nicht ein Haus aus Zedernholz gebaut? Und nun sollst du so zu meinem Diener, zu David, sprechen: So spricht der HERR der Heerscharen: ich werde dir einen großen Namen machen, dem Namen derer gleich, die groß sind auf der Erde. Und der HERR wird dir verkünden, dass der HERR dir ein Haus bauen wird. Wenn sich deine Tage vollenden und du dich zu deinen Vorfahren legst, werde ich nach dir deinen Nachkommen, der von dir abstammt, auftreten lassen, und ich werde sein Königtum befestigen. Er wird meinem Namen ein Haus bauen, und für alle Zeiten werde ich den Thron seines Königtums fest stehen lassen. Ich werde ihm Vater sein, und er wird mir Sohn sein.

Liebe Gemeinde, eine Geschichte aus den Anfängen Israels, die auf den ersten Blick so gar nicht zu Weihnachten passt.

In Israel ist Ruhe eingekehrt. Endlich Ruhe. Die politische Lage ist stabil, David hat seinen Platz auf dem Thron eingenommen. Das Volk ist dank Gottes Hilfe im gelobten Land angekommen.

David besieht sich seinen Thronsaal. Dicke Wände aus Zedernholz schützen ihn. Er sitzt nicht mehr im zugigen Nomadenzelt, er ist nicht mehr wie seine Vorfahren in der Wüste unterwegs. Und doch ist er unruhig. Er sitzt in einem Palast aus Zedernholz, und Gott mit der Bundeslade lassen sie unter einer muffigen Zeltplane wohnen, an der der Staub langer Reisen und vergangener Zeiten klebt.

David möchte das Erreichte festhalten. Jerusalem soll für alle Zeiten als Wohnort Gottes festgelegt werden. Auch Gott braucht nun ein festes Haus, so ist er überzeugt.

Richtig! werden Sie vielleicht einstimmen. Viele kommen Jahr für Jahr gerne hierher in die Stiftskirche zurück. Diese Kirche ist so schön festlich. Hier spürt man Gottes Nähe- so bekomme ich öfter zu hören. Hier klingen die Gebete der letzten 850 Jahre nach. Gerade heute hat das auch wieder viele angezogen, die sonst eher selten in die Gottesdienste kommen. In ein Zelt würden sicher deutlich weniger Besucher kommen.

Und doch antwortet Gott dem David: Ich brauche kein Haus. Ich bleibe in Bewegung. Ich werde auch in Zukunft bei euch sein, egal wohin ihr euch wendet. Auch wenn wir als Stifts-Kirchengemeinde das vielleicht anders empfinden – Es gibt keine heiligen Räume. Gott ist überall da, wo sich Menschen in seinem Namen versammeln. In dieser Weihnacht vielleicht mit größerer Aufmerksamkeit in den Zeltlagern der Flüchtlinge zwischen Aleppo und der Türkei. Da, wo Christinnen und Christen heute Nacht dankbar sind, ihr Leben gerettet zu haben. Da, wo es kein Krippenspiel braucht, um die Verheißung von Gottes Nähe an die Hirten auf dem Feld oder die vergebliche Herbergssuche nachzuerzählen.

Liebe Gemeinde, so wie ich immer gerne in diese Kirche zurückkehre, so kehre ich auch gerne zurück in die heile Welt der Kindheit. So soll es bleiben. So muss Weihnachten sein. Gerne möchte ich die guten Erinnerungen festhalten, am besten unerschütterlich in Stein gehauen.

Und vielleicht deshalb ist die Enttäuschung bei vielen so groß. Weder der Raum noch die äußere Gestaltung einer Feier noch ein liebevoll gekochtes Festmahl können Gott an meine Weihnachtsfeier binden.

David, der mit Gewalt und Intrige ein Großreich errichtet hat, kann keinen Tempel bauen. Weder ich als Pastor, noch unser aktiver Kirchenvorstand, noch die vielen engagierten Ehrenamtlichen können Gott in diese Gemeinde binden. Auch Sie als Eltern und Großeltern können die Erfahrung von Gottes Nähe nicht in Ihre Feiern zu Hause einbinden.

Es ist Gott, der uns neu besucht. Er macht sich auf den Weg, um in dieser Welt Gestalt anzunehmen. Und er wählt dazu einen Weg, der nicht recht in unsere Vorstellung passt. Nicht Weihnachtsduft sondern Stallgeruch. Nicht Palast oder Tempel, sondern Höhle und Zelt.

Gott ist da, wo die Not am größten ist, das sagen mir diese Bilder.

Und auf einmal stehe ich ganz am Rand der Weihnachtsgeschichte. Ich leide keine Not. Jedenfalls keine materielle. Auch mein Leben ist nicht bedroht. Die meisten von uns haben ihr ganzes Leben in Frieden und Sicherheit verbracht.

Und doch teile ich die Sehnsucht nach Gottes Nähe.  Auch mein Leben hat Brüche. Ist begleitet von Trauer um liebe Menschen, kennt die Angst vor plötzlicher Erkrankung. Kennt die Verzweiflung, wenn von einem Tag auf den anderen die ganze Lebensplanung zerbricht. Voller Sehnsucht höre ich darum gerne die alten Lieder und Geschichten. Voller Sehnsucht nach Unverrückbaren Wahrheiten freue ich mich an den alten Mauern unserer Kirche.

Wie David habe ich vielleicht auch nur das Bedürfnis, meine Dankbarkeit auszudrücken. Gott, jetzt wo es mir gut geht, will ich dir ein Haus bauen. Das Glück soll Bestand haben.

Gott lehnt das ab. Durch den Propheten Nathan lässt er David antworten: Nicht du sollt mir ein Haus bauen, sondern ich werde dir ein Haus bauen. Der Begriff „Bejt“ – Haus, meint im hebräischen zweierlei: Das fest Gebäude und alle, die dazugehören, die Familie, die Diener und den Hausstand.

Als Christen lesen wir diese Verheißung vor allem als Ankündigung der Geburt Jesu. Er ist für uns der Nachkomme Davids, der diese Verheißung mit Leben füllt.

Israel hat sie zunächst enger gefüllt. Salomo hat dann doch den Tempel gebaut. Gott ein Haus in Jerusalem erstellt. Immer in dem Wissen, dass das nur ein Abglanz, der Fußschemel Gottes sein könne.

Wir hören diese Worte in dieser Nacht und verbinden Sie darum ganz selbstverständlich mit der Geburt Jesu. Und auch darin ist wieder die Ambivalenz dieser Verheißung enthalten. „Ich werde den Thron seines Königtums fest stehen lassen!“ – das klingt erst mal nicht nach dem Stall von Bethlehem.

Gerne schmücken auch wir diese Nacht mit Gold und Silber. Mit reichen Geschenken. Die Häuser und Wohnungen müssen schön sein. Licht durchbricht die Nacht. Aus flackernden Kerzen sind endlose LED-Ketten geworden, die manches Haus in bunte Farbenspiele tauchen.

Und doch bleibt Gott der andere, der der sich selber in die Dunkelheit stellt. Zu denen, die heute Nacht nicht feiern können. Zu denen, denen nicht nach Feiern zu Mute ist.

Gott kommt zu uns. Er teilt unsere Dunkelheit. Sein Thron steht nicht unverrückbar und unerreichbar in einem Palast, sondern wird zum Hocker an meiner Seite.

Und weil Gott unsere menschlichen Grenzen kennt, willigt er schließlich auch in den Tempelbau ein. Ja ihr werdet mir auch einen Tempel bauen, und ich werde auch dort bei euch sein. die Dankbarkeit braucht einen Ort. Darum dürfen wir in dieser prächtigen Kirche an Gottes Nähe erinnern. Darum dürfen wir von hier aus mit unseren Liedern, Gebeten und Gaben ausdrücken, dass wir Gottes Gnade verstanden haben. Amen.

P. Thomas Gleitz, Wunstorf

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