Zeitzeichen ( Matthäus 24, 1-14)

Was ist das nur für eine Zeit…

Seit Wochen sind die Läden geschmückt, als begänne der Advent noch mit den goldenen Oktobersonnenstrahlen. Dabei leuchten die Kinderaugen noch gar nicht, wenn draußen der warme Herbst zum Toben, Fußballspielen oder Herumstromern einlädt. Sie leuchten viel eher, wenn der erste Schnee ein weißes Kleid über die Landschaft gezaubert hat und der Schlitten aus dem Sommerschlaf erwacht ist. Dann dürfen die Kerzen entzündet, die Türchen am Adventskalender geöffnet und all die anderen liebevolle Vorbereitungen auf das kommende Weihnachtsfest vom Wunschzettel bis zum Weihnachtsgedicht gestartet werden. Jede Familie kennt da ihre eigenen Traditionen und Kinder tragen sie ein Leben lang als Zeichen der Adventszeit fest in ihrem Kindheitsgedächtnis. Advent ist eben im Dezember …

Was ist das für eine Zeit, in der Menschen sehr sensibel werden für die Nöte ihrer Mitmenschen und in dieser Zeit nicht das Gefühl der Ohnmacht den Ton angibt, sondern die Bereitschaft, einfach etwas zu wagen auch ohne die Aussicht, die ganze Welt auf einmal retten zu können.

Das Spendenaufkommen für Brot für die Welt geht Jahr für Jahr in die Millionen ( 2015 57,5 Mio €) und an den verwirklichten Projekten kann man immer erkennen, dass Menschen mit Gesicht, Namen und einer Geschichte sehr konkret geholfen wurde. Ganz zu schweigen davon, dass es Konfirmanden unglaublich Freude bereiten kann, Brot für die Welt in einer Backstube mit eigenen Händen zu backen und dann auf Märkten oder Festen zu verkaufen. Für Weihnachten im Schuhkarton sind so viele liebevolle Päckchen gepackt worden. Für die Tafeln wird in Supermärkten eine Portion mehr gekauft oder ganze Einkaufskörbe erworben. Sie können nun Weihnachten an bedürftige Familien verteilt werden. Kinder aus Flüchtlingsfamilien werden beschenkt. Und die großen Spendengalas vermelden auch dieses Jahr wieder eine riesige Hilfsbereitschaft, wie man sie übers Jahr verteilt in all dem Volkszorn gegen alles und jeden gar nicht recht vermuten würde. In dieser Zeit ist mir eigentlich gar nicht so bange, um die menschenfreundliche Zukunft unserer einen Welt. Advents- und Weihnachtsmenschen sind ein hoffnungsvolles Zeichen dieser Zeit.

Deshalb schmerzen die anderen Zeichen der Zeit umso mehr. Der Frieden auf der Welt scheint eher in Rückzugskämpfe verwickelt. Wir sind der Schlagzeilen längst überdrüssig: Der letzte Ukrainegipfel hat ebenso wenig Fortschritte gebracht, wie die ganzen Appelle im syrischen Bürgerkrieg zu einer friedlichen Lösung – und eine stabile und friedliche Lage ist weder im Irak, noch in Afghanistan zu erkennen. Die Vielzahl der Anschläge, der Verletzten und Toten ist kaum zu fassen und die Sprach- und Hilflosigkeit der Verantwortlichen gibt keinen Anlass zur Hoffnung.

Statt dessen sprechen auch unter uns immer mehr, Junge und Alte, die Sprache der Gewalt, der Ausgrenzung und der Ablehnung von allem Fremden oder Unbekannten. Hass und Gewalt scheint auf den Straßen zu Hause zu sein, als wären alle natürliche Hemmschwellen einfach gefallen.

Gelebter Glaube macht wieder verdächtig. Unter Muslimen fürchten wir schnell versteckte Islamisten, gewaltbereit und hassgesteuert. Christen werden vielleicht nur belächelt, weil sie als rückständig, bemitleidenswert oder bestenfalls als schwach und schutzbedürftig gelten. Allerdings kommt mir das manchmal etwas fremdgesteuert vor und nicht aus echter Sorge um Menschenschicksale erwachsen. Christen sind dann letztlich nur Speerspitze gegen andere.

Meinungsumfragen zeigen eine große unbestimmte Angst vor der Zukunft, ein Gefühl nicht ernst genommen zu werden, Zorn gegen alles Etablierte, eine wachsende Bereitschaft, Parteien zu wählen, von denen man gar keine Lösungen erwartet, sie ihnen auch nicht zutraut, aber den eigenen Protest gegen alles und jeden dort gut vertreten sieht. Mit Galgenhumor könnte man sagen, dass es eine verrückte Zeit ist, weil zumindest in der westlichen Welt der Wohlstand noch nie so hoch war, wie heute. Und selbst in den Armenhäusern Europas hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Wer die Entwicklung zum Beispiel in Zeiden in Rumänien in den letzten zwanzig Jahren verfolgt hat, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Selbst wenn der wirtschaftliche Abstand zu Westeuropa immer noch erheblich ist, hat sich der Lebensstandard deutlich verbessert Und was sollen wir unseren Partnern aus Simbabwe antworten, wenn sie nach unseren sozialen Sicherungssystemen fragen und dann berichten, dass sich staatliche Fürsorge in ihrem Land auf einen Sack Maismehl pro Monat für über 65jährige beschränkt und damit ganze Familien in einem Land versorgt werden müssen, in dem es nach Jahren der Trockenheit kaum noch Landwirtschaft gibt, die Industrie völlig zusammengebrochen und der Bargeldverkehr fast völlig zum Erliegen gekommen ist. Sie beten nicht nur um das tägliche Brot, sie danken für dieses Brot Tag für Tag, auch wenn es nur aus einer Schüssel Mais- oder Hirsebrei pro Tag besteht und das Geld für Schulbücher,- Schuluniform oder einen Krankentransport schon lange nicht mehr reicht.

Das Zeichen dieses Tages ist die zweite Kerze am Adventskranz. Wir werden an das Wiederkommen Christi erinnert, „zu richten die Lebenden und die Toten“ und suchen nach Trost und Halt, nach einem Licht in dunklen Zeiten, gegen die Angst und gegen alle Untergangsstimmung mit Hoffnung auf Neues und Beständiges.

So viele Zeichen dieser unserer Zeit.

Nur wer kann sie richtig lesen und deuten?

Sind sie hoffnungsvoll oder unglücksschwanger, machen sie mich gelassen oder heiter, freudig und neugierig oder ängstlich und zögern?

Die Endzeitrede Jesu scheint mehr in die Stimmung zu passen, dass ja alles immer schlimmer wird und nur in den Abgrund führen kann. Nur der Untergang kann einen Neunanfang ermöglich. Erst das Weltende eröffnet die Perspektive einen neuen Himmel und eine neue Erde … auf dass es schnell schlimmer werde, ein schlimmes, aber schnelles Ende nehme und es endlich neu und damit besser werde…

Jesus weckt zumindest keine falschen Erwartungen: er schildert, was der Mensch dem Menschen war und sein wird: ein Verführer, Täuscher, Betrüger, Unruhestifter und Friedensverweigerer, ebenso ein Kriegstreiber und unfähig die Welt nachhaltig zum Besseren zu verändern. Er neigt zu Intoleranz und Selbstüberschätzung, meint keinen Gott zu benötigen und macht ihm den Rang des Weltenbeherrschers streitig. Der Mensch ist nicht nur edel, hilfreich und gut und die Verhältnisse sind nicht alles aufs Beste eingerichtet. Ich schätze diesen nüchternen Blick sehr. Er bewahrt mich vor falschen Hoffnungen und Illusionen. Erhoffen wir uns nicht zu viel von menschlicher Vernunft und Einsicht. Es gibt sie, aber sie hat ihre Grenzen, wir können sie stärken, fördern, immer wieder ins Spiel bringen, aber sie werden sich nicht von allein durchsetzen. Bleiben wir also Realisten und nennen wir die realen Verhältnisse immer beim Namen. Gottes Verhältnisse sind anders. Und unsere gemeinsame Aufgabe ist es, dafür Zeichen zu setzen und Zeichen zu sein.

Das an so vielen Orten Christenmenschen zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern, Gott die Ehre zu geben und Orientierung für unsichere Zeiten in seinem Wort zu suchen, ist solch ein Zeichen. Ebenso die Kirchtürme, die trotzig n den Himmel zeigen, um über sich auf den zu verweisen, den weder Himmel noch Erde wirklich fassen können.

Die Kirche als Gebäude mitten im Dorf, die Kirchengemeinde als Versammlung aller Fragenden, Suchenden, Hoffenden und Betenden, als Schar der hilflos hoffnungsvoll Glaubenden, als Einladung für alle Lebenslagen ist solch Zeichen gegen die anderen Zeichen des Unterganges.

Und dann sind wir eine Gemeinschaft, die Versammlung der Glaubenden, auf dem Weg – unterwegs auf dem Weihnachtsweg.

Wenn für uns alle Auswege verschlossen scheinen, dann ist es umso wichtiger, dass Gott seinen Weg zu uns findet und geht. Wenn ich den Himmel nicht finde, dann muss er mir aufgehen.

Und dafür gibt es ein, ich gebe zu, unscheinbares, aber allen sichtbares Zeichen. Ein Zeichen, dass allen eine große Freude widerfahren soll, weil der Heiland geboren ist, Gott, der zur Welt kommt, der Himmel, der sich unter uns Raum verschafft !

Die Engel lesen in der Zeit: „das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Das ist der Ort, an dem die alte Welt der Macht und Gewalt sichtbar und zeichenhaft mit ihrem Ende konfrontiert wird und Gott etwas neues aufleuchten lässt.

Und wir dürfen seitdem Zeichengeber hin zu diesem Kind sein, das nicht weniger als Gottes neue Welt und neuer Himmel ist. Die anderen Zeichen in diesem Kind zu entdecken und zu leben ist unser Auftrag.

Die Frage der Jünger Jesu nach dem Wann war auf den Untergang konzentriert, aber die eigentliche Wannfrage richtet sich nach dem Neuanfang und der ist längst gesetzt: in jenen Tages, als es sich begab, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging..

Auf diesen Tag hin und von diesem Tag her leben und glauben wir – übrigens: Tag für Tag. Amen

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