Entgrenzte Hoffnung

Predigt Jeremia 23,5-8, 1. Advent, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“,
8 sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.


Liebe Gemeinde,

schlechte Zeiten waren das bekanntlich, in denen der Prophet Jeremia sein großes Hoffnungswort gesprochen hat. Die gesamte Oberschicht des Gottesvolkes war nach Babylonien deportiert worden. Tempel und gottesdienstliches Leben lagen danieder. Den Zurückgebliebenen blieb nur der Traum von den guten alten Zeiten, zum Beispiel von den guten alten Zeiten des König David, unter dem Israel seine größte Sicherheit, Wohlstand, Achtung und Anerkennung bei den Völkern genoss. Das war eine Zeit, in der Recht und Gerechtigkeit herrschten. In den Tagen des Jeremia bekamen die Kinder wohl leuchtende Augen, wenn man ihnen davon erzählte: Es war einmal …

Es war einmal, so beginnen auch viele Advents- und Weihnachtsgeschichten, die wir jetzt schon am frühen Abend bei Kerzenschein lesen oder vorlesen können. Und zu keiner Zeit scheint der Wille zur Flucht in die heimeligen Welten der guten alten Zeiten wilder und entschlossener zu sein als zur Weihnachtszeit: Natürlich kommen in diesen Geschichten auch die Armen zu ihrem Recht oder zumindest zu einer warmen Stube; natürlich entdecken dort auch eiskalte Menschenverächter ihr menschliches Herz, natürlich kommen da die Familienmitglieder aus aller Herren Länder in Eintracht zusammen und natürlich lag da der Schnee meterhoch.

Reaktionär sind solche Fluchten in vergangene Zeiten. Im besten Sinne des Wortes: Reaktion auf eine Welt, die man nicht als heimelig, sondern als unheimlich empfindet. Ja, nicht alles, was wir in den modernen Zeiten gegen die alten Sachen eingetauscht haben, hat gehalten, was es versprochen hat. Reaktionär im schlechtesten Sinne des Wortes: Wenn Menschen zur Wiederherstellung vermeintlich guter alter Zeiten brennen und morden. Kitsch und schlechte Manieren gehören leider oft zusammen. Von der volkstümlichen Begeisterung für die stille und heilige Nacht bis zum Brandsatz in die Fenster von Flüchtlingsunterkünften ist es manchmal ein verdammt kurzer Weg. Welcher Jude, welcher Muslim, welcher Christ wollte bestreiten, dass er damit in den eigenen Reihen nicht auch mehr oder weniger große Probleme hat?

Natürlich kann man auch die Verheißung des Jeremia lesen, wie sie Zionisten wohl lesen. Irgendwann wird alles wieder so gut, wie in der guten alten Zeit des König David. Aber dafür muss man sich schon ein dickes Brett vor den Kopf nageln. Nur dann kann man übersehen, was Gott hier in seinen eigenen Worten tut. Er streicht einen Kernsatz des Glaubensbekenntnisses des Gottesvolkes durch: Ich bin der Herr Dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat. (vgl das „Schma Jisrael“, 5. Mose 6,4) Unerhört! So spricht der Herr: Diesen Satz wird man nicht mehr sagen.

Als wäre das Kinderkram gewesen. Eine Episode, die verblasst gegen das, was Gott noch tun wird. Die Hoffnung auf den Gott, der Israel aus der Knechtschaft Ägyptens geführt hat, wird überboten durch den Gott, der sein Volk von allen Enden der Erde sammelt. Gott verspricht seinem geplagten Volk nicht die Rückkehr in alte Zeiten. Er schenkt ihm entgrenzte Hoffnung. Es ist daher alles andere als ein Wunder, dass die Christenheit in Jesus von Nazareth den gesehen hat, den Gott sich erweckt als Spross aus dem Stamm Davids, um Menschen aus aller Welt heimzubringen in das Volk der Kinder Gottes. Und so gehören in der Adventszeit die Texte von der Ankunft Gottes auf unserer Welt im Kind in der Krippe und von der Wiederkunft des Christus und der Vollendung der Welt nicht nur nebeneinander, sondern zusammen. In der stillen und heiligen Nacht beginnt Gott, nicht nur sein Volk, sondern alle Menschen und Völker heimzubringen in sein himmlisches Reich.

Als Lutheraner muss man die Ohren spitzen, wenn Gott dem Spross Davids den Namen: Der Herr, unsere Gerechtigkeit, beilegt. Denn da klingt schon die halbe Christologie und alles was Paulus zur Gerechtigkeit allein aus dem Glauben schreibt, an. Wir wollen den Propheten Jeremia nicht im Grab umdrehen. Aber da wäre er mit uns ganz einig: Gott versammelt sein Volk um eine neue, entgrenzte Hoffnung, für die er allein einsteht. Diese Hoffnung stellt auf unserer Seite keine Bedingung. Wir können uns nur um diesen Spross Davids versammeln und damit um den, der unsere Gerechtigkeit ist und uns heimbringen wird in sein Reich.

Um nicht weniger sind wir in dieser dunklen Zeit des Jahres und der Welt versammelt. Die Kerzen, die wir anzünden sind Christuslichter. Wir sind darum versammelt, um zu hören, welche Hoffnung sich mit ihnen verbindet. Der Christus ist der, der uns nach Hause bringt. Wir vertrauen uns ihm an. Das ist der Unterschied.

Wer diesen Unterschied verfehlt, muss selbst zum Leuchter, oder sagen wir’s offen, zum Armleuchter werden, der anderen heimleuchtet. Und das ist natürlich auch ein Beitrag zur immerwährenden Diskussion um die multikulturelle Gesellschaft und die deutsche Leitkultur. Sie kann von Politikern und von den Landsleuten, die längst nichts mehr mit dem christlichen Glauben am Hut haben, nur reaktionär geführt werden. Hoffentlich im guten Sinn des Wortes. Aber dass da dann „gute“ Reaktionäre gegen „schlechte“ Reaktionäre streiten, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Und manchen Altlinken sieht man es geradezu körperlich an, wie unangenehm es ihnen ist, sich in einer solchen Rolle wieder zu finden. Man hatte sich das Ganze so schön und so schön anders vorgestellt. Hoffentlich haben wir Christen mehr zu sagen und zu tun, als uns auf die Seite der guten Reaktionäre zu stellen.

Wir haben vielmehr offen zu bekennen, dass unser Glaube mehr ist, als unsere Privatsache, und dass uns viel mehr bewegt, als dass wir selbst in den Himmel kommen. Wir glauben an einen Gott, der schon immer im Himmel war, und dem das trotzdem zu wenig war. Da hat er sich aufgemacht zur Welt, um zu suchen und zu finden, was verloren war, sein Volk Israel zuerst und dann die ganze finstre Welt. Und deshalb lässt sich unsere Hoffnung nicht begraben und nicht begrenzen auf unser eigenes kleines Leben. Sie gehört aller Welt und allen Menschen.

Deshalb werden wir aber zugleich streiten gegen jede Form der Diskussion, die unseren Glauben weltanschaulich subsumieren will unter den christlichen Werten des Abendlandes. Wer, wenn nicht wir, kann besser wissen, wie sehr die Grund- und Menschenrechte im Regen stehen ohne den Herrn, der unsere Gerechtigkeit ist? Wir verwehren uns die Flucht ins volkstümliche Idyll. Es ist schon gar nicht unsere Aufgabe, es zu verteidigen.

Christen schauen nicht zurück, sondern auf den Christus, der ihnen vorangeht. Gerade deshalb werden wir streiten gegen einen Glauben, der den Willen Gottes mit dem eigenen Hang zu vermeintlich guten alten Zeiten verwechselt und die eigenen politischen Ziele religiös legitimieren will. Wir werden streiten gegen alle, die sich an Gottes Stelle setzen wollen und Hass und Gewalt gegen Andersgläubige als heilsames Werk predigen. Wir treten ein für die Freiheit des Glaubens und auch deshalb für die Trennung von Kirche und Staat. Politiker haben in der Politik nicht fromm, sondern vor allem vernünftig zu sein. Das ist ja auch schon viel verlangt. Und wir werden diese Standpunkte anderen nicht vorhalten, ohne uns unserer eigenen Kirchengeschichte zu erinnern und der grandiosen Niederlagen, die wir in all diesen Punkten erlitten haben.

Aber auch das ist kein Grund unsere Hoffnung zu begraben und zu begrenzen auf unser eigenes kleines Leben. Sie gehört aller Welt und allen Menschen. Unser Herr kommt – uns zum Heil und zum Heil der ganzen Welt.

Die Predigt zum Hören

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