Brot und Gerechtigkeit

Liebe Schwestern und Brüder!

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“ (Sacharja 9,9), so lautet der Wochenspruch für den 1.Advent.

Der Prophet Jeremia verheißt und prophezeit eben denselben König als einen gerechten Spross aus dem Hause Davids, so geschehen im 6. Jahrhundert vor Christus, kurz vor der Zerstörung und Belagerung Jerusalems durch die Babylonier, zu Beginn des babylonischen Exils.

Mit Recht und Gerechtigkeit wird er im Lande regieren als König des Rechts und der Gerechtigkeit.

Diesen großen Traum hatten die alttestamentlichen Propheten, diese kühne und großartige Verheißung verkündeten sie ihren Recht korrumpierenden Königen und im weltlichen Protz lebenden Landsleuten, diese Hoffnung für die sich noch ereignende Zukunft sahen sie in großartigen und phantastisch anmutenden Bildern.

Eine Zukunft mit Recht und in Gerechtigkeit malten sie, die klugen Gottesmänner, die großen Propheten, die man schon in ihrer Zeit bestenfalls als große Spinner abtat oder im schlimmsten Fall umbringen wollte, weil sie unbarmherzig auf ungerechte Verhältnisse hinwiesen und das zum Himmel schreiende Unrecht der Könige und adligen Oberschicht beim Namen nannten. Klar ist, dass sie sich mit dieser Politik keine Freunde schafften und ebenso verständlich ist, dass diese Prophezeiungen, Auditionen und Visionen zu allen Zeiten ihre zeitlose und immer wieder aktuelle Brisanz behalten. Prophetie trägt eine große aktuelle Dynamik und immerwährende Hoffnung in sich.

Prophetie wird dort zur Richtschnur, zum ethischen Kompass, wo Recht zu Unrecht wird, und Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit pervertiert.

Das galt zurzeit und im Umfeld des Propheten Jeremia und das gilt auch heute am Anfang des 21. Jahrhunderts.

Der Inhalt der Prophetie ist göttliches Wort. Gott sagt sich selbst an: mit Recht und Gerechtigkeit, damals vor 2600 Jahren und auch heute im Glauben eines jeden einzelnen von uns. Davon erzählt auch der Prophet Jeremia.

Und: Dieser König ist für uns Christen erschienen. Er wurde Fleisch und wohnte unter uns, wie der Evangelist Johannes schreibt: es ist Jesus von Nazareth, der Messias, der Christus, Gottes Sohn, unser Heiland und Retter, die Inkarnation von Recht und Gerechtigkeit.

 

Aber auch ganz handfest und irdisch ist die Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit, die sich an uns ereignen soll.

Jeder wünscht sich Recht und gerechte Verhältnisse oder gerechtere Zustände, wobei man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass mancher Zeitgenosse nur auf sein eigenes Recht pocht.

„Ich will mein Recht; ich will gerecht behandelt werden.“

„Das ist mein gutes Recht.“ Die Sprache verrät uns.

Und die Versicherungen tun das Ihre, um uns bei der Suche nach dem eigenen Recht zu helfen, was uns selbstverständlich zusteht, und behilflich zu sein. Für Geld, versteht sich!

Lobbys aller Couleur und die unterschiedlichsten Interessenverbände setzen die Politiker unter Druck, um ihr Recht zu bekommen, was letztendlich nur heißt: unsere Privilegien und Rechte, unser Einfluss und unsere Macht  müssen bleiben. Das Gemeinwohl leidet darunter und der Steuerzahler zahlt die Zeche.

Schließlich muss recht bleiben, was recht ist.

 

Häufig wird dabei nicht einmal bedacht, dass Recht und Gerechtigkeit -diese großen philosophischen und theologischen Begriffe- heutzutage nicht einfach nur eine Frage der Distribution und sozialen Notwendigkeit , d.h. der Verteilung und des Austausches sind, d.h. der Verteilung und Austausches von offensichtlichen Privilegien zugunsten Benachteiligter.

Der Egoismus des eigenen Recht -Haben -Wollen und gefälligst Recht -Bekommen scheint sich in einem immer egozentrischeren Teufelskreis der eigen Rücksichtslosigkeit und menschlichen Kälte zu drehen, zu erstarren und schließlich abzusterben.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie kann sich Gerechtigkeit und Recht ereignen?

Auf jeden Fall nicht dadurch, dass wir strukturelle Ungerechtigkeit zulassen, hier in unserem Land  und auch nicht in den ärmeren Ländern in der südlichen Hemisphäre.

Wobei strukturelle Ungerechtigkeit bedeutet, dass vielen Menschen auf dieser Welt die Möglichkeit genommen wird,

faire Chancen im eigenen Land zu bekommen und faire Preise für ihre geleistete Arbeit auf dem Weltmarkt zu erzielen. Die Aktion „Brot für die Welt“ unterstützt den Aufbau von gerechteren Strukturen in vielen Ländern des Südens und gibt Mittel zur Selbsthilfe. Und das schon seit Jahrzehnten.

 

Für uns Christen entsteht Recht und Gerechtigkeit immer aus unserem Glauben. Dem Glauben daran, dass Gott seine Gerechtigkeit an uns Menschen durch Jesus Christus als Heiland und Retter zur unserer je eigenen Wirklichkeit werden lässt.

Dabei bleibt die Gerechtigkeit Gottes immer ein durch ein bestimmtes Verhältnis geprägter Beziehungsbegriff. Und zwar eine Liebesbeziehung. Gott schenkt mir seine Gerechtigkeit. Er setzt meine Fehlerhaftigkeit und meine Sünde, meinen Kleinglauben, meinen Egoismus in Beziehung, in Relation zu seiner umsonst gegeben Gnade, Liebe und Barmherzigkeit.

Das sind die frohe Botschaft, das Evangelium vom Heil und der Rettung durch den König, auf dessen Ankunft wir in dieser Zeit so inständig hoffen. Diese Botschaft gilt allen Menschen.

Hier und heute und universal auf der ganzen Welt..

 

Und weil Gott eine Liebesbeziehung zu uns allzu oft unfertigen und ungerechten Menschen pflegt, will er auch, dass wir von dieser Liebe in Form der Nächstenliebe und des eigenen Glaubens als Lichter in dieser Welt scheinen, auf dem Scheffel und nicht unter ihn.

 

Der Prophet Jeremia verheißt zum Schluss des Predigttextes:

“ Und sie sollen ihrem Lande wohnen“.

 

Liebe Schwestern und Brüder, „in gerechten Verhältnissen leben und wohnen“ ist in unseren Breitengraden, in Mitteleuropa mehr als Essen und Trinken, Kleidung und Behausung, die Möglichkeit zur Bildung und zur gerechten Teilhabe am Gemeinwohl aller. In andern Ländern ist Essen und Trinken die elementare Voraussetzung um zu überleben. Beispielsweise in Afrika,, in Asien, in den von Erdbeben und Wirbelstürmen geplagten Ländern Mittelamerikas wie Haiti und noch Dutzenden anderen Ländern auf der Südhälfte unseres Globus wird das tägliche Brot, um das wir im Vaterunser selbstverständlich bitten und was wir bei uns haben, bitter benötigt.

 

Die diesjährige, nunmehr schon  58. Aktion und Kampagne von Brot für die Welt „Satt ist nicht genug!“, die traditionell am 1.Advent  als Sammelaktion neu eröffnet wird, also die große Spendenaktion der Evangelischen Kirchen und Freikirchen in Deutschland, bittet in diesem Jahr besonders für gerechtere Verhältnisse und für Nachhaltigkeit in der Ernährung für die Kleinsten und Unschuldigsten, die Kinder, deren Zukunft wir eine Chance geben können, wenn wir wollen.

Es geht auch darum, dass Menschen nicht nur satt werden durch das Essen, das sie zu sich nehmen. Sondern auch vor allem, dass Zukunft gesunde Ernährung braucht- auf dem Land und in der Stadt.

Dabei geht es vor allen Dingen darum, dass nachhaltige kleinbäuerliche Landwirtschaft die wachsende städtische Bevölkerung ausgewogen und gesund ernähren kann. Nachhaltigkeit durch gesunde Anbauweise von heimischen Produkten und deren Vermarktung.

Lokal produzierte Lebensmittel sind häufig nährstoffreicher als die teuer importierten Produkte aus dem Supermarkt. Aufklärung tut daher not.

Es ist die Aufgabe des jeweiligen Staates, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sich alle Menschen mit vielfältigen, gesunden und bezahlbaren Nahrungsmitteln versorgen können.

Intensive Landwirtschaft hat in vielen Ländern des Südens häufig verheerende soziale und ökologische Folgen. Nachhaltigkeit, auf Zukunft ausgerichtete, auch kleinbäuerliche Landwirtschaft auf lokalen Märkten verkauft, hilft gegen Hunger, Unter- und Mangelernährung. Auch kann ein Mensch dann in Würde leben und muss nicht aus Armut migrieren.

 

Der Einladung der diesjährigen Aktion Brot für die Welt und deren  Information bitte ich Sie, in diesem Gottesdienst nicht nur symbolisch zu folgen und zu helfen, sondern ganz handfest und direkt durch ihre Gabe und Spende zu helfen. Die Brot-für-die Welt-Tüten werden ausgeteilt.

Die Gabe ist eine Geste der Solidarität und Nächstenliebe für die an den ungerechten Verhältnisse leidenden und lebenden Völker und Kinder in unserer Welt.

Denn das meint der Prophet auch, wenn er verkündigt:

Er ist „ein König, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

Der Herr unserer Gerechtigkeit.“

Und noch etwas: Dieser König, der kommt und kommen wird, ist unser Herr Jesus Christus. Ein König ohne Pomp und Starallüren, ein König des Herzens, der Barmherzigkeit, des Glaubens und der Liebe.

Gerechtigkeit verheißt die Bibel, Gerechtigkeit verheißt Jesus denjenigen, die seine Worte hören und bewahren. Gerechtigkeit ist etwas, was über das Äußere hinaus geht und in die inneren Regionen von uns Menschen vordringt und Leben erneuert und neues Leben schafft. Gerechtigkeit des Glaubens produziert Herzenswärme und Liebe, die an andere weitergegeben wird. Gerechtigkeit ist einer der tiefsten Wünsche von uns Menschen.

Jesus hat uns im Glauben an ihn versprochen, einen Anteil an dieser seiner Gerechtigkeit zu bekommen. Durch Jesus haben wir die Zusage, ja die Garantie, dass er alle Tage dieser Welt bei uns sein will.

An den guten und den schlechten, den erfüllten und traurigen, an den glücklichen und verzweifelten, an den schönen und verregneten. Jesus verspricht mir und Ihnen, Jesus verspricht uns allen, und an diesen Tagen ganz besonders mit seiner Anwesenheit und Ankunft, dass das Leben nicht nur beschwerlich, nutzlos und betrüblich ist, sondern voller Verheißungen, Wärme, Barmherzigkeit und Liebe ist und bleibt.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Herren dieser Welt kommen und gehen!

Der Herr unserer Gerechtigkeit, Jesus Christus, kommt und wird kommen.

Heute und morgen und in allen Zeiten.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

drucken