O komm, du Morgenstern (Jeremia 23, 5-8)

In diesem Jahr hatte sie sich auf die Adventszeit besonders gefreut. Läutete sie doch die letzten Wochen in diesem Kalenderjahr ein und sie konnte es kaum erwarten, dass es zu Ende ging. Es war nicht das Beste in ihrem Leben. So ziemlich alles ist anders gekommen, als sie es gehofft und geplant hatte. Beruflich und familiär war so viel aus dem Ruder gelaufen, dass es nur noch besser werden konnte, sie wollte neu durchstarten, sich beruflich verändern, hoffte, dass auch in ihrer Beziehung ein Neuanfang noch möglich war und glaubte auch gesundheitlich endlich wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Es würde ihr nicht schwer fallen, das Jahr 2016 zu verabschieden; dem würde sie keine Träne hinterher weinen…

Aber jetzt kam erst einmal die Adventszeit.

Mit viel Liebe und Phantasie hatte sie ihre vier Wände die letzten Tage geschmückt: Sterne, Kerzen, Engel, Krippenfiguren, alles verzauberte ihre Stube vorweihnachtlich und sie freute sich darauf, im Dunkel bald durch hoffentlich winterliche Straßen zu laufen und sich am Lichtermeer und Lichterglanz der Häuser zu erfreuen. Sie freute sich auf den besonderen Duft nach Weihnachtsbäckerei und Glühwein.

Sie wollte sich zurückziehen, es gemütlich und behaglich haben. Aus dem Trubel und den Kämpfen des Alltages wollte sie in eine adventlich vorweihnachtliche Besinnlichkeit entfliehen und endlich zur Ruhe kommen.

Einmal nicht kämpfen, nicht Angst haben, nicht frieren, stattdessen warmes Licht in das Dunkel scheinen lassen, im Schein der Kerzen die harten Konturen ihres Leben weich zeichnen lassen, von einem anderen Glanz überstrahlen, in einem fremden Glanz verschwinden lassen, was bei Lichte betrachtet so hässlich war.

Adventszeit war für sie die (!) Zeit der Innerlichkeit. So konnte sie dann auch dem trüben, grauen und dunklen November die kalte Schulter zeigen.

So viel Erwartung für die nächsten Wochen, genährt von den vielen schönen Bildern auch der Werbung. Irgendwie lassen wir uns alle von dieser Sehnsucht im friedlichen Lichterglanz anstecken.

Kann man die Probleme des Alltags, des Lebens und der Welt endlich und so einfach für ein paar Stunden und Tage vergessen?

Die anderen Bilder und Erfahrungen bleiben allerdings ebenso real: auch wenn ich mich in meine private Innerlichkeit zurückziehe, ändert sich der Lauf der Zeit und der Welt überhaupt nicht, auch Tagespolitik stört meine adventliche Besinnlichkeit. Nicht erst die heute startende Kampagne von Brot für die Welt lenkt unsere Blicke auf die bleibend ungerechten Verhältnisse in der Welt, auf das Armutsgefälle in einer globalisierten Welt, auf den täglichen Überlebenskampf von Millionen Menschen.

Ich höre von Sorgen, wie sich politische Machtverhältnisse weltweit ändern, Wutbürgertum an Einfluss gewinnt; Populisten immer populärer werden, Grenzen und Mauern in den Köpfen und zwischen Ländern oder Völkern neu errichtet werden

Viele sind die Kriegsbilder aus den Krisenregionen der Welt leid, ertragen die Bomben auf Aleppo oder Selbstmordanschläge im Irak und in Afghanistan nicht mehr.

Auf die undefinierbare und manchmal auch nicht nachvollziehbare Angst so vieler Menschen in unserem Land mit den eigenen Interessen und eigenen Perspektiven nicht mehr wahrgenommen zu werden, auf den Zorn gegen alles Etablierte, gegen die da oben, der auch die Kirchen trifft oder sich in den Wahlergebnissen des letzten Jahres niederschlug, fällt den Verantwortlichen nichts mehr ein. Angst lässt sich grundsätzlich so schlecht weg argumentieren. Was mein Kopf weiß, versteht mein Herz noch lange nicht. Aber Angst ist ein so schlechter Ratgeber. Und die viel beschworenen, oft irrationalen Sorgen hierzulande, die sich so schnell gegen Andersdenkende, Andersglaubende oder Andersaussehende richten, machen mir nun wieder Angst. Was sind das nur für Zeiten, was kommen da nur für Zeiten auf uns zu? Nicht, dass sich Geschichte am Ende wiederholt…

Kaum eine Talkshow ohne dieses Thema, aber auch kaum eine Versammlung in unseren Gemeinden, die auch einen Teil der Gesellschaft widerspiegeln, in denen nicht über die Flüchtlingsproblematik, über die Wahlen in den USA oder über die AFD in Deutschland geredet wird, spätestens, wenn Kandidaten von ihnen auf den Listen zu den GKR-Wahlen in einigen Orten erscheinen.

Da erscheint die Adventszeit wie der rettende Anker: Einkehr, Rückzug, besinnliche Innerlichkeit, heile Welt und festlich geschmückt rührige Stimmung wenigstens für einige Stunden und Tage als Gegengewicht zum Alltagswahnsinn!

Alle Jahre wieder…

Und alle Jahre wieder kommt dann die Ernüchterung, dass diese Flucht nicht gelingt, dass uns die Wirklichkeit einholt, schlimmer noch, dass ich Advent als Bußzeit überhaupt nur im Horizont dieser Wirklichkeit, die mein Alltag ist, feiern kann.

Die Ankündigung der Zeit Gottes, die kommen will, trifft mich in der Zeit, in der ich zu Hause bin.

Heute und hier, mit meinen Erlebnissen und Erfahrungen des ganzen Jahres, des ganzen Lebens, also in diese Zeit, die mir geschenkt ist oder die mir zugemutet wird, sagt Gott sein Kommen an.

Es gelingt mir nicht, mich zu verstecken, an abgeschiedenen Orten mich zu verkriechen. Ich kann in einer globalisierten Welt nicht so leben, als ginge mich da draußen alles nichts an. Ich bin und bleibe allezeit Teil dieser Welt und alles hat mit allen und mit allem zu tun.

Das Leiden dieser Zeit, ebenso wie das Leiden an dieser Zeit ist der Boden für alle Adventshoffnung und Adventserwartung.

Nicht Rückzug aus dem Unvermeidlichen und Unveränderlichen fin eine Innerlichkeit, die nur mir gehört, ist also die Antwort, sondern die hoffnungsvolle Sehnsucht und das ungeduldige Warten für die ganze Welt Auf Recht und Gerechtigkeit, auf gerechter Herrschaft, auf Gottes Königtum voller Sanftmut, Frieden und Barmherzigkeit. Allein das inständige Beten der Gemeinde: „wo bleibst du Trost der ganzen Welt ?“ ist angemessen.

Gottes Herrschaft ist natürlich auch eine Herrschaft über die Herzen.

Er ist meinem Herzen in meiner Unruhe, in meiner Traurigkeit, in meiner Verletztheit, in meinem Zorn, in meiner Sehnsucht, aber auch in meinem Glück und meiner Liebe nahe.

Aber sein Anspruch und seine Verheißung gelten nicht nur einem inwendigen Himmelreich, das, wie Luther einmal übersetzte, in mir schon da sei, sondern sein Anspruch richtet sich ebenso an alle, die Herrschaft ausüben oder Macht beanspruchen. Und sein Maßstab sind Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit.

All die, die kirchlichen Vertretern wieder einmal empfehlen, sich nicht so viel in die politischen Fragen des Alltags einzumischen, vergessen, dass Gott gerade in diesen Alltag hinein kommt. Die politischen Angelegenheiten sind genauso Gottes wie des Menschen Angelegenheiten. Das Warten auf den Messias, auf den Gesalbten Gottes, war immer eine politische Hoffnung und Herausforderung. Die Machthaber haben das zu jeder Zeit als Infragestellung ihrer Macht verstanden und zu unterdrücken versucht. Israel hat mit der Messiashoffnung immer politische Befreiung und Unabhängigkeit, Leben in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit verbunden. Und anders kann ich das Leben Jesu, meines erwarteten und geglaubten Messias, des Königs in meinem Herzen, auch nicht deuten. Seine Maßstäbe galten in allen Lebenswirklichkeiten. Gerechtigkeit und Versöhnung, Barmherzigkeit und Friedfertigkeit gelten dem ganzen Leben, innen und außen, geistlich und weltlich. Denn es warten die ganze Erde und der ganze Himmel, es seufzt alle Kreatur, wie die gottesdienstlichen Lesungen der letzten Sonntage uns erinnern.

Wir dürfen mit jeder Faser unseres Lebens, mit unserer ganzen Person herbeisehnen, herbeihoffen und heute schon feiern:

O komm, o komm, du Morgenstern, lass uns schauen unsern Herrn. Vertreib das Dunkel unser Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht!

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