Gerechtigkeit

Elke: Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

Was ist Advent, haben wir die Kinder in der zweiten Klasse gefragt.

Albrecht: Und sie haben geantwortet: Im Advent zündet man Kerzen an. An jedem Sonntag kommt eine weitere Kerze dazu.

Elke: Und sie haben gesagt: Ich habe einen Adventskalender. Da mache ich jeden Tag ein Türchen auf.

Albrecht: Und dann hat ein Kind gesagt: Wenn der Advent zu Ende ist, dann ist Weihnachten.

Elke: Zusammen aufgeschrieben haben wir dann: Im Advent warten wir auf Weihnachten.

Albrecht: Heute ist der erste Advent und als Predigttext haben wir zwei Verse aus einem Buch im Alten Testament. Aus dem Buch des Profeten Jeremia:

Elke: Ich lese Jeremia 23, 5-6

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.

Albrecht: Das ist ein berührender ganz alter Hoffnungstext. Israel ist zerstört, die Oberschicht ist nach Babylon verschleppt worden. Alles scheint aus zu sein. Der Profet Jeremia hat noch gewarnt. Aber der König wollte nicht auf ihn hören. Und dann ist es passiert. Die Katastrophe ist da. Und jetzt wo es passiert ist, da redet Jeremia plötzlich anders. Nicht mehr, wenn ihr so weiter macht, werdet ihr untergehen. Jetzt redet er von einer besseren Zukunft. Ein neuer König wird kommen und alle werden wieder zusammen wohnen und es wird Gerechtigkeit herrschen.

Elke: Dieser Text wurde von den ersten Christen als Weissagung auf Jesus gedeutet. Sie haben gesagt: Jesus ist dieser König. Jesus ist der Herrscher, dessen Name lautet: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit. Er soll gerecht regieren und es wird Gerechtigkeit im Land herrschen.

Albrecht: Aber Jesus war doch gar kein König.

Elke: Nein, er ist ein König. Das steht schon am Anfang des neuen Testaments im Matthäusevangelium im seinem Stammbaum: 14 Generationen von Abraham bis David, 14 Generationen von David bis ins Exil also bis die Menschen nach Babylon verschleppt wurden, und dann 14 Generationen bis Jesus. Jesus stammt aus dem königlichen Geschlecht Davids. Die Kinder in der Schule haben gesagt: Jesus ist ein Prinz. Und Jesus ist König.

Albrecht: Ja, so sieht das neue Testament das. Aber Jesus ist ein sehr ungewöhnlicher König. Am Ende seines Lebens sagt er zu Pilatus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Elke: Aber er ist ein König. Du hast allerdings Recht. Sein Königreich ist noch überwiegend unsichtbar. Aber es ist trotzdem da.

Albrecht: Wo ist das Königreich Jesu denn?

Elke: Na das sagt doch unser Predigttext: Sein Königreich ist da, wo Gerechtigkeit herrscht, und wo gerecht regiert wird.

Albrecht: Na dann ist es wirklich nicht auf dieser Welt.

Elke: He, was soll das? Du bist doch sonst der optimistische von uns beiden. Es ist doch nicht alles hier ungerecht.

Albrecht: Doch, ich bin wirklich besorgt. Um uns herum schießen die ungerechten Regime nur so aus dem Boden. Denk doch daran, was in der Türkei gerade passiert oder in Russland, und die Wahl in den USA würde ich jetzt auch nicht gerade als Sieg der Gerechtigkeit feiern.

Elke: Ja, ich gebe zu. Es gibt schon Grund zur Sorge. Aber nicht so viel wie du denkst. Das eine ist die offensichtliche Ungerechtigkeit, in der wir leben, und der wir täglich begegnen.

Albrecht: Rede das mal nicht klein. Ungerechtigkeit ist sehr ärgerlich und kann bedrohlich werden.

Elke: Ich weiß, aber es ist sehr unterschiedlich, was Leute gerecht oder ungerecht finden. Ich denke an die Schülerin: Sie muss die 8 Klasse wiederholen. Nur wegen Latein, sagt sie. Weil ihr Lateinlehrer ihr ungerechterweise eine Fünf gegeben hat. Das hat den Ausschlag gegeben, dass sie nicht versetzt wurde. Und jetzt ist sie wütend und denkt: Ich sehe meine alten Freunde nur noch in der Pause. In der neuen Klasse haben alle schon Freunde, da will niemand mit mir zusammen im Pausenhof rumstehen.

Der Lateinlehrer denkt: Es wurde Zeit hier die Bremse zu ziehen. Noch ein Jahr weiter und die Schülerin hätte gar nichts mehr verstanden und dann hätte sie die Schule verlassen müssen. Ich hätte ihr noch eine vier geben können, aber so hat sie eine Chance hier zu bleiben und in Latein wieder mitzukommen.

Was die Schülerin ungerecht findet, findet der Lehrer gerecht und hilfreich für sie.

Albrecht: Ja solche Beispiele gibt es auch. Aber meistens ist die Ungerechtigkeit doch offensichtlich. Es ist ungerecht wenn in einer Firma Leute entlassen werden, weil das Management Fehler gemacht hat. Es ist ungerecht, wenn die Krankenversicherung es ablehnt eine Behandlung zu bezahlen, die jemand dringend braucht. Du kennst das ja von der Sozialstation. Die Leiterin ist jedes Jahr damit beschäftigt Widerspruch einzulegen, wenn eine notwendige Pflegeleistung verweigert wird. Das ist bedrohlich und ungerecht.

Elke: Ja, ich gebe zu, wir leben in ungerechten Verhältnissen.

Albrecht: Ich könnte den Rest des Tages aufzählen, wo wir täglich der Ungerechtigkeit begegnen.

Elke: Ja, ich weiß, du hast Recht. Und trotzdem sagt die Bibel: Jesus ist König, er ist ein gerechter Herrscher. Im Advent warten wir darauf, dass seine Herrschaft offensichtlich wird uns sich durchsetzt.

Albrecht: Das kannst du vergessen in dieser Welt voller Ungerechtigkeit.

Elke: Nein, das werde ich nicht vergessen. Sondern du musst lernen, diese Herrschaft der Gerechtigkeit zu sehen und wahrzunehmen. Sie ist nämlich schon da. Ganz klein und unbedeutend vielleicht. Aber sie hat schon angefangen und bald wird sie die ganze Erde umfassen. Und dann werden die ungerechten Herrscher sehen müssen, wo sie bleiben. In Wirklichkeit haben sie keine Chance.

Albrecht: Wo kommt denn plötzlich bei dir diese Hoffnung her? Oder sollte ich sagen: Wo kommt diese unrealistische Erwartung her.

Elke: Vielleicht liegt es am Advent. Ich warte halt auf Weihnachten.

Albrecht: Das ist bestimmt nicht alles.

Elke: Doch es ist alles. Sieh dir doch mal die Weihnachtsvorbereitungen an. Überall sind die Schaufenster weihnachtlich geschmückt. Überall freuen sich die Kinder auf Weihnachten. Jeder weiß hier ist etwas Geheimnisvolles, was wir nicht vollständig verstehen werden, aber es passiert etwas, was wichtig ist und real.

Albrecht: Weil alle sich auf Weihnachten vorbereiten, bist du so hoffnungsvoll?

Elke: Ja, denn Leute, die Weihnachten feiern, wissen tief in ihrer Seele, dass wir das brauchen, dass Gerechtigkeit wahr wird. Und dann wird es auch geschehen.

Albrecht: Ich weiß nicht, ob du Recht hast. Aber das mit dem Sehen lernen, das hat mich doch ins Nachdenken gebracht: Wenn ich mich hier umsehe, dann sehe ganz viele Menschen, in der Kirchengemeinde mitmachen. Ich sehe Leute, die Verantwortung übernehmen, im Kirchenvorstand im Besuchsdienst in der Arbeit mit Kindern und an anderen wichtigen Stellen in der Gemeinde, die sich dafür einsetzen, dass es mit der Kirche weitergeht. Ich sehe ganz viel Sehnsucht nach gerechten Verhältnissen und ich sehe Menschen, die sagen: Ich, ich will etwas Gutes tun.

Elke: Ah, da ist die Quelle deiner Hoffnung.

Albrecht: Nein, die Quelle meiner Hoffnung, das können nicht andere Menschen sein. Die Quelle meiner Hoffnung ist Jesus Christus. Aber ich sehe Menschen, die Jesus Christus zu folgen versuchen. Und das, ja, das ist für mich eine große Quelle der Hoffnung.

Elke: Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Ich finde, das eine ist die Ungerechtigkeit, der wir begegnen. Aber wir begegnen täglich auch viel Gerechtigkeit. Und da wo Gerechtigkeit herrscht, sehen wir den geheimen König, der heißt: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.

Albrecht: Das stimmt, selbst unter sehr ungerechten Bedingungen gibt es immer noch Leute, die der Gerechtigkeit dienen. Dann ist es zwar schwerer. Aber trotzdem geschieht es und zwar in Messel.

Elke: Wenn ich jetzt erzählen würde, was ich im letzten Jahr alles an guten und gerechten Taten hier in Messel erlebt habe, dann wären wir übermorgen noch hier. Und die Kerzen am Rand wären niedergebrannt und der Sauerstoff verbraucht. Und es wäre ja auch peinlich. Also erzähle ich etwas von einer Messelerin, die längst gestorben ist.

Albrecht: Nein, lass mich das erzählen. Es ist die Geschichte von der Marie, die in den 30iger Jahren den kleinen Gemischtwarenladen hier hatte. Und wenn ein jüdisches Kind in den Laden kam, dann hat sie ihm heimlich ein Bonbon zugesteckt. Und das, finde ich, war eine große Tat der Gerechtigkeit.

Elke: Ja, das war es. Und es ist heute genau so.

Was Sie an großen und kleinen guten Taten in Ihrem Alltag tun, das zeigt, wer der zwar geheime aber wirklich mächtige Herrscher in dieser Welt ist, Jesus Christus, dessen Herrschaft in Gerechtigkeit besteht. Und glauben sie mir. Was hier an jedem einzelnen Tag an gerechten Tagen geschieht zum Beispiel durch Sie, ja durch Sie alle, übersteigt bei weitem die Ungerechtigkeit unter der wir immer wieder leiden. Bei weitem!

Albrecht: Jeden Tag wird Jesus Christus ein wenig mehr König, weil jeden Tag seine Herrschaft sich ausbreitet durch uns alle. Im Vergleich dazu können die Diktatoren dieser Welt einpacken. Sie haben keine Chance, nicht die geringste.

Elke: Dagegen kommen sie nicht an.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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