Herr, füll du uns die Hände

Liebe Gemeinde,

heute am Totensonntag gedenken wir der Verstorbenen seit dem letzten Totensonntag. Im Anschluss an die Predigt werde ich ihre Namen verlesen und meine Frau zündet für jeden Namen eine Kerze auf dem Altar an. Nach dem Gottesdienst können Sie selbst noch eine Kerze anzünden.

Wir alle hier in der Kirche haben schon liebe Menschen verloren. Menschen, die uns wichtig waren. Mit denen wir eine starke Bindung hatten. Deren Fortgehen eine Lücke hinterlassen, eine schmerzhafte Lücke. Etwas in unserem Leben ist durch den Tod unserer Lieben verletzt worden.

Wir müssen trauern. Wir wollen unseren Toten ein ehrendes Andenken bewahren – dazu ist der Totensonntag in besonderer Weise da. Wir müssen aber auch weitergehen. Den Weg der Trauer weitergehen. Uns dem Leben neu und anders zuwenden. Die Verletzung bleibt, aber es geschieht auch Heilung. Auch wenn jetzt die Tage bis Weihnachten noch dunkler werden und es in dieser dunklen Zeit besonders schwer ist mit der Trauer.

Der Kirchenchor singt nachher im Fürbittengebet einen sehr schönen Kanon. Hans Pfaff singt ihn uns einmal vor.
….

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende,
liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Unser Leben ist umfangen von Gottes Ewigkeit. Am Anfang steht Gott und am Ende steht Gott. Von Gott kommen wir. Zu Gott gehen wir.

Beides, Geburt und Tod, geschieht uns. Es ist Schicksal. Schickung. Wir sind die, denen etwas geschieht. Wir werden mit dem Leben beschenkt. Und wir müssen den Tod erleiden. Unseren eigenen Tod irgendwann. Und während des Lebens den Ton von Menschen, die uns nahe sind.

Und trotzdem, trotz all dieser Vergänglichkeit, sind wir geborgen und gehalten. Wir haben diesen Kanon auch mit dem Kinderchor gesungen und ich habe folgende Bewegungen dazu gemacht……

Dieser Kanon strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Ich möchte, dass Sie diesen Kanon mitnehmen und dass Sie etwas von der Ruhe und Geborgenheit mitnehmen. Was auch immer geschieht, wir sind geborgen. Wir sind vergängliche Menschen mit vielen Ängsten und Sorgen – und doch sind wir umfangen von Gottes Ewigkeit.

Von der Wiege bis zur Bahre will Gott uns freundlich nahe sein. Und davor und danach? Auch da ist Gott.

Logisch wäre ja folgender Text: Eingang und Ausgang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Aber es heißt bewusst: Ausgang und Eingang, Anfang und Ende.

Auf unseren Ausgang aus diesem Leben folgt ein Eingang in die Ewigkeit. Unser Leben ist jetzt schon verschränkt und verwoben mit dem ewigen Gott. Wenn unser Leben hier zu Ende geht, wartet ein Anfang dort auf uns. Unserem Ausgang, unserem Tod, folgt ein Eingang.

In Gott bleiben wir verbunden, wir Lebenden und unsere Toten. So wie Ausgang und Eingang zusammengehören, Leben und Tod, so gehört die Ewigkeit als Ziel unseres Lebens zu diesem Leben dazu. Und deshalb sind unsere Toten nicht einfach weg, sondern bei Gott. Bei dem, der uns das schickt, was unser Schicksal ist. Und der uns hilft, mit den Verletzungen des Lebens klar zu kommen.

Wann und wie wir geboren werden, unter welchen Umständen wir leben und wann und wie wir sterben werden, das liegt bei Gott. Alles, was unser Leben ausmacht, liegt bei dir, Herr. Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Füll du uns die Hände bitten wir mit diesem kurzen Gesang und Gebet. Wir sind verletzt, Gott. Unsere Toten haben Lücken hinterlassen. Die Hand, die uns geholfen hat, die an unserer Seite war, die Sicherheit und Trost gegeben hat, ist nicht mehr da. Unsere Hände sind leer. Wir sind trostbedürftig. Wir schreien nach Hilfe. Wir sehnen uns nach jemandem, der uns an der Hand nimmt.

Liebe Trauernde, Sie sind in einer besonderen Zeit in Ihrem Leben. Es ist eine schwierige Zeit, v.a. das erste Jahr. Und doch ist es auch eine Zeit, in der Sie besonders offen sind. Im normalen Alltag bete ich das ganz normal: füll du uns die Hände. Und meine Hände machen im Alltag dies und das. Selten sind meine Hände einfach leer und offen, um etwas vom Himmel zu empfangen.

Sie, liebe Trauernde, sind in dieser Zeit der Trauer besonders offen und bedürftig und voller Sehnsucht. Sie schreien geradezu: füll du uns die Hände. Liebe Trauernde: Gott kann Ihr Gebet erhören und ihre Hände füllen. Weil sie voller Erwartung sind. Weil Ihre Hände offen sind. Diese Zeit der Trauer ist schwer. Es ist eine schwere Zeit im Leben. Aber Sie sind auch besonders offen, gerade weil Sie besonders verletzt und bedürftig sind. Ich wünsche Ihnen, dass diese schwere Zeit Ihnen trotz allem zum Segen wird. Ich wünsche Ihnen, dass Gott Ihnen Ihre Hände füllt.

Ich weiß nicht, ob Sie singen können. Aber vielleicht können Sie den Text sprechen und die Bewegungen dazu machen. Wenn die dunklen Abende lang werden. Oder Sie in der Nacht wach werden.

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende,
liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Und dann wissen Sie, das beten Sie nicht allein. Dieses Lied steht im Gesangbuch. Wir beten es gemeinsam hier in der Kirche. Im Gottesdienst und im Abendgebet beten wir regelmäßig für die Trauernden. Sie sind nicht allein. Wenn Sie mit diesen Worten und Gesten sich an diesen Totensonntagsgottesdienst und den Kanon mit dem Kirchenchor erinnern, dann sind Sie nicht allein. Sie machen sich klar: Gott ist da. Heilend. Die Hände füllend. Auf mich wartend. Nah. Näher als ich mir selbst sein kann.

In diesem Ort sind andere, die mit mir und für mich beten. Andere Trauernde gibt es, mit denen ich Erfahrungen austauschen kann. Meine Frau hat jetzt mit einer Trauergruppe begonnen.

Und überall im Land sind Kirchen, in denen gebetet wird. In denen der Toten gedacht und für die Trauernden und Sterbenden gebetet wird. Auch insofern sind unser normales Leben und die Ewigkeit miteinander verschränkt und aufeinander bezogen. So wie Ausgang und Eingang, Anfang und Ende miteinander verschränkt und aufeinander bezogen sind.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. So hat Hermann Hesse im Gedicht Stufen gedichtet.

Ihnen, liebe Trauernde, ist ein neuer Anfang aufgezwungen worden. Meistens stehen Schmerz und Zorn und Verzweiflung im Vordergrund. Und doch gibt es auch für diesen aufgezwungenen Anfang den beschützenden Zauber. In der Kirche haben wir dafür einen Fachausdrück: den Segen. Am Ende des Gottes werde ich im Auftrag Gottes den Segen auf Sie legen mit einer angedeuteten Handauflegung. Die Hand Gottes geht schützend mit Ihnen wie ein Schutzzauber. Wie ein Trostmantel. Wie eine tröstende Berührung inmitten einer sehr schwierigen Zeit im Leben. Nehmen Sie diesen Kanon mit als eine Erinnerung an die freundliche Begleitung Gottes gerade in dieser schwierigen Zeit der Trauer.

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben.

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