Der Himmel, der ist

Liedpredigt über EG 153
Ewigkeitssonntag 20.11.2016

Gnade sei mit euch und Friede
Von dem der da ist
und der da war
und der da kommen wird,
Christus, unserm Herrn. Amen
Off 1,4

Weißt du, wo der Himmel ist? So fragt Wilhelm Willms in einem Liedtext.
Weißt du, wo der Himmel ist?
Was würden Sie antworten, liebe Gemeinde?
Na, da oben … und die Erde ist unten!

Aber der Himmel ist nicht gemeint bei der Frage.
Sondern das, was man in der Englischen Sprache „heaven“ nennt – im Gegensatz zu „sky“. Heaven ist die jetzt noch verborgene Welt Gottes. Und für viele die Chiffre für den Ort, wo die lieben Verstorbenen sind – soweit wir das zu glauben oder zu hoffen wagen.

Heute möchte ich mit Ihnen über ein Lied nachdenken, das durchbuchstabiert, was der Himmel ist – nicht der da oben, sondern dieser besondere Ort, von dem wir eine Ahnung haben, eine Hoffnung, aber den wir nicht selbst erleben.
Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti hat dieses Lied geschrieben. Ich möchte es mit Ihnen Strophe für Strophe singen und bedenken.
EG 153, Strophe 1 singen
Der Himmel, der ist, / ist nicht der Himmel, der kommt, / wenn einst Himmel und Erde vergehen.

Zunächst beschreibt Kurt Marti, was der Himmel nicht ist. „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“. Der kommende Himmel ist anders als der jetzige Himmel.
Wie das? Dem spürt das Lied in den nächsten Strophen nach.
Auch die Melodie ist spürend, tastend. Sie beginnt auf dem Grundton und tastet sich ganz langsam nach oben. Sie beginnt fragend: „Der Himmel, der ist,“ und wird dann gewisser „ist nicht der Himmel, der kommt,“.
Genau hier verändert der Rhythmus kurzzeitig mit zwei langen Noten den Takt. In jeder Strophe tritt bei diesen beiden langen Noten eine Wende ein: „wenn einst Himmel und Erde vergehen.“ Wir sind nun wieder beim Grundton angekommen.
Sind wir also einmal im Kreis gegangen?
Ja – doch gleichzeitig nähern wir uns der Mitte des Kreises, immer mehr der Antwort auf die Frage „Weißt du, wo der Himmel ist?“ oder vielmehr sogar „Weißt du, was der Himmel ist?“. Es ist wie bei einem Kreistanz, bei dem sich die Gruppe der Tanzenden mit jeder Umrundung immer enger zusammen zieht und der Mitte näher kommt.

Singen wir nun die zweite Strophe:
Der Himmel, der kommt, / das ist der kommende Herr, / wenn die Herren der Erde gegangen.

„Weißt du, was der Himmel ist?“. Wir bekommen eine überraschende Antwort: Der kommende Himmel ist kein Ort, sondern eine Person. Es ist Jesus Christus, der kommende Herr. In diesem Himmel können wir nicht sein, wie wir in einem Haus sein können oder in einer Stadt. Doch wir können zu diesem Himmel in Beziehung stehen.
„Jesus Christus ist Herr“, sagten die ersten Christen. Und widersetzten sich damit dem absoluten Herrscherkult ihrer Zeit. Römische Gott-Kaiser gibt es nicht mehr. Doch den absoluten Herrschaftsanspruch gibt es auch heute. Wer beansprucht heute absolute Herrschaft in unserm Land, auf der Welt? —
Wer auch immer sie sein mögen, wie furchteinflößend und mächtig sie sich auch geben mögen – ihre Tage sind gezählt, ihre Zeit begrenzt.
„Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt“. Das hat (der spätere Bundespräsident) Gustav Heinemann einmal einer erstaunten großen Kirchentagsversammlung zugerufen.
„Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt.“. So auch die Zeitansage, die Martis Lied macht.

Singen wir nun die dritte Strophe:
Der Himmel, der kommt, / das ist die Welt ohne Leid, / wo Gewalttat und Elend besiegt sind.

„Weißt du, was der Himmel ist?“. Wir bekommen eine weitere Antwort.
Der Himmel ist doch ein Ort, nämlich die Welt, unsere Welt, doch ohne Leid, ohne Gewalt, ohne Elend.
Ist das realistisch? Nein, leider.
Ist das vorstellbar? Hm, ja, aber wie soll das gehen?
Durch starke Männer, die einfache Lösungen anbieten? Die einseitige Maßnahmen anordnen? Die Fronten bilden: wir gegen die andern da?
Nein, das bringt mehr Gewalt, mehr Elend, mehr Leid.
Dennoch: der Wunsch und die Sehnsucht sind da nach einer Welt ohne Leid, Gewalt und Elend. Eine Welt, wo Gerechtigkeit und Frieden einander küssen (Ps 85, 11) – das ist unsere Hoffnung. Der Weg dorthin wird mit zwei Schritten vor, einem zurück beschritten. Und manchmal sind es auch zwei oder drei Schritte zurück, bevor es wieder voran geht.
Doch die Hoffnung bleibt: die Welt ohne Leid, Gewalt und Elend.

Singen wir nun die vierte Strophe:
Der Himmel, der kommt, / das ist die fröhliche Stadt / und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

Der Himmel – das ist nun beides, ein Ort und eine Person.
Die fröhliche Stadt – hier hat sich Kurt Marti inspirieren lassen von der Vision, die wir als Lesung aus der Johannesoffenbarung gehört haben. Der kommende Himmel ist die fröhliche Stadt Gottes, wo kein Leid und kein Geschrei mehr ist. Wo es keine Angst mehr gibt, und niemand im Schatten stehen muß.
Und der kommende Himmel ist eine Person – Gott – mit dem Antlitz des Menschen – Jesus.
Gott sieht uns und sieht uns an. Gott wendet uns sein freundliches Gesicht zu.
Der Himmel – ein Ort und zugleich eine Person – wie hören wir das? Wie nehmen wir das zu Herzen?

Lassen Sie uns nun noch die letzte Strophe singen.
Der Himmel, der kommt, / grüßt schon die Erde, die ist / wenn die Liebe das Leben verändert.

Der kommende Himmel ist noch nicht da. Leider. Doch er ist auch nicht fern.
Er grüßt schon die Erde, auf der wir jetzt leben, mit unsern Freuden und Traurigkeiten, mit unsern Zweifeln und Ängsten und Gewißheiten.
Der kommende Himmel grüßt die jetzige Erde, wenn Liebe geschieht und das Leben verändert. Im liebevollen Handeln einzelner oder von Gruppen, Gemeinschaften, ja Staaten und Regierungen bricht der neue Himmel schon an.
Der neue Himmel bricht an, wenn nach einer Meinungsverschiedenheit weiter das Gespräch gesucht wird – auch wenn es aussichtslos scheint. Wenn man immer wieder auf den andern zugeht, nicht mit Überlegenheit, sondern in Liebe und Geduld und Beharrlichkeit.

Amen

Kanzelsegen

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