Der Traum vom Leben, der Raum zum Leben (Offenbarung 21,1-7)

An den langen, dunklen und ungemütlichen Abenden im November wandern die Gedanken oft zurück in die Vergangenheit. Das Glück der vergangenen Jahre und damit die Freude, die Neugierde auf das Leben, der Schwung anzufangen und sich etwas aufzubauen haben sich tief im Gedächtnis eingeprägt, können abgerufen werden. Was waren das für Zeiten, damals jung und das ganze Leben noch vor sich. Einfach war es nie und einfach hatte es kaum einer. Aber es war das große Versprechen eines gemeinsamen und noch offenen Lebens. Sie konnten sich etwas aufbauen, sich im Beruf entwickeln, qualifizieren, es kam die erste gemeinsame Wohnung, die Kinder, Freunde, das Haus der Eltern, das übernommen wurde. Sie hatten immer zu bauen, wenig Zeit für Urlaub, die Kindheit der Kinder verflog, und letztlich bekamen sie nicht viel mit in dem Spagat zwischen Beruf und Familie, aber sie waren glücklich, teilten dieses Los mit so vielen anderen und lebten ihr Leben.

Sie hatten ihr kleines Paradies, sie waren ihr kleines Paradies.

Die jungen Leute heute träumen nicht viel anders. Vielleicht träumen sie leichter, weil die Last einfacher scheint. Aber das Leben ist nicht wirklich so grundsätzlich anders, auch sie die vielen Geschichten von früher gar nicht so gerne hören. Sie bauen doch auch an ihren Häusern, pflanzen in ihren Gärten, haben ihre Vorstellungen vom Leben, malen sich ihr Paradies, ihren Himmel auf Erden in ganz ähnlichen Farbe aus.

Warum erfüllt uns der November so mit Traurigkeit?

Weil wir spüren, wie schnell die Zeit vergangen und unseren Händen längst entglitten ist?

Weil wir erleben, dass wir unsere Träume nicht festhalten können, sondern sie mit der Zeit zwischen den Fingern zerrinnen?

Weil wir nur klar erkennen, was hinter uns liegt und vor uns nur den undurchdringlichen Nebel, eine unklare, angstbesetzte Zukunft sehen?

Weil wir am Leben so hängen und jetzt vor allem die Boten des Todes, der Vergänglichkeit  um uns bemerken?

Weil wir Sehnsucht nach all den Menschen haben, die uns gut getan haben?

Manchmal weinen wir über das vergangene Leben, weil es so schön, so dicht und nun so vergangen ist.

Manchmal weinen wir über die verpassten Möglichkeiten, die nicht mehr wiederkehren, über die Endgültigkeit der Vergangenheit und fürchten selbst, irgendwann nur Vergangenheit zu sein ohne Gegenwart für irgendjemanden…

Ich muss nicht erst alt werden oder alt sein, um mich darin wiederzufinden.

Da hat der junge Freund in seiner schweren Depression kein Leben mehr für sich gesehen und allem ein Ende gemacht.

Da konnte die junge Mutter dem entgegenkommenden Auto nicht mehr ausweichen.

Und bei dem Kind nebenan hat sich auch die letzte Hoffnung auf einen Erfolg der Chemotherapie zerschlagen.

Es wird gestorben, alt und lebenssatt, ebenso wie jung und lebenshungrig.

Es wird geweint, geklagt, verzweifelt, es wird hilf- und sprachlos weggegangen, auch aus Unsicherheit.

Frauen trauern um ihre Männer, Kindern um ihre Eltern, Mütter und Väter trauern um ihre Söhne und Töchter, Freunde können nicht fassen, dass ihre besten und treusten Weggefährten nicht mehr mit durch das Leben streifen. Die Wohnstuben, die Häuser, die Straßen sind leer von vertrauten Gesichtern trotz der vielen unbekannten Menschen unterwegs. Der Himmel ist verschlossen, verhangen, dunkel, kein Zufluchtsort mehr.

Das Morgen mit seinem neu aufgehenden Licht droht wie das Gestern zu einem Alptraum zu werden. Die Kraft zu kämpfen lässt nach. Trauer überall.

Male ich jetzt zu düster?

Für manche sicherlich, für andere war das zu Ende gehende Jahr genauso und sie stehen heute noch einmal an den Gräbern und versuchen die Realität des Todes eines oder mehrerer geliebter Menschen  zu begreifen. Der Schmerz mag sich wandeln, aber er bleibt Schmerz. Die Tränen mögen versiegen, aber das Herz und die Seele weinen weiter. Jahr für Jahr

Wir erleiden anders als der Seher aus der Bibel keine äußere Verfolgung, sind nicht um unsers Glaubens willen verfolgt und mit dem Tode bedroht, wir haben uns daran gewöhnt, dass Krieg und Konflikte weit weg von uns oder zumindest weit genug von uns entfernt stattfinden, aber unser Glaube an das Leben ist umkämpft und in Frage gestellt, Gott wird wie der Himmel vielen angesichts des Todes fraglich, fragwürdig – oder aber alle Sehnsucht richtet sich darauf, dass es doch mehr als all das gibt, was vor Augen liegt, mehr als meine Trauer und meine Angst heute. Als Sehnsuchtsmenschen sind wir den Menschen der Bibel, auch dem Autor der Offenbarung, ganz nah.

Er malt ein großartiges Hoffnungsbild hinein in unsere Dunkelheit, er reist den Himmel weit auf und zeigt uns eine andere Wirklichkeit, eine freundliche Welt. Er erträumt, er besingt und glaubt einen neuen Himmel und eine neue Erde. Nicht, dass es hier nicht Schönheit und Freude gäbe, wir alle kennen die wunderbaren Glücksmomente des Lebens.

Aber er ersehnt sich eine Welt, in der die Menschen alle Trauer, allen Schmerz, alles Leid vergessen werden, weil es sie nicht mehr gibt.

Keine ungerechten Verhältnisse, in die jemand hineingeboren wird und nicht mehr herauskommt; keine Kriege, um Konflikte für sich zu entscheiden; kein Streit mehr hinter verschlossenen Türen, obwohl alle schon darüber reden; keinen Hunger und Kampf mehr um das tägliche Brot; wie an so vielen Orten unserer Zeit; keine Krankheiten, die alle Hoffnungen zunichtemachen und unter Schmerzen die Freude am Leben rauben; kein Tod, der trennt, was zusammengehört, der beendet, was noch lange nicht am Ziel war; keine Kinder mehr, die verzweifelt ihre Arme nach den Eltern ausstrecken und nicht erreichen können.

Statt dessen ein Himmel, der über allen aufgeht, eine Sonne, die nicht gleichgültig über Guten und Bösen ihre Bahnen zieht, sondern alle  wärmen und im Herzen erleuchten möchte. Eine Erde, die allen gehört und allen ein zu Hause bietet und nicht bedrohlich ist, weil sie bebt, Sturm und Überschwemmungen über sie hinweggehen, sondern ein grünender Garten auf der einen Seite und eine bewohnbare menschenfreundliche Stadt auf der anderen Seite. Feste Häuser, sichere Umfriedungen, Mauern, die bergen und nicht trennen.

Eine Welt, einen Himmel und eine Erde, in denen Gott nicht mehr die große Frage, sondern der große Trost, der große Schoß ist, in dem alle geborgen und behütet sind. Mit Gott kann ich dort reden wie mit einem guten Freund und der Schmerz, der noch nachklingt in mir, wird seine Macht verlieren, die Tränen wird er trocknen, weil sie grundlos werden: kein Tod, kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz.

Davon singt der Seher und er spinnt dabei nicht seine eigen Gedanken, sondern er buchstabiert zu Ende, was der Glaube an Jesus Christus, die Botschaft von Kreuz und Auferstehung am Ende bedeuten: auch wenn die Macht des Todes ungebrochen scheint, weil Menschen sterben und Hinterbliebene trauern, hat er nur noch das vorletzte Wort. Einer geht mit uns mit, wenn wir aus dem Leben gehen; sein Tod am Kreuz ist seine tröstende und fürsorgliche Gemeinschaft in meinem Sterben, seine Nähe in meinem Schmerz. Seine Auferstehung ist für uns heute schon der Blick in Gottes neue Welt, der Blick auf die andere Seite, Ausblick auf Gottes Antwort und seine Wirklichkeit. Er ist ein lebendiger Gott, ein Gott des Lebens, von Ewigkeit zu Ewigkeit, und Kreuz und Auferstehung sind sein Versprechen, dass uns der Tod nicht mehr von ihm, dem lebendigen Gott trennen kann.

Als Sehnsuchtsmenschen sind wir Hoffnungsmenschen.

Als Hoffnungsmenschen sind wir schon Himmelsbürger.

Als Trauernde dürfen wir uns trösten lassen: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz.

Ostern jubeln wir: der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

In unser Singen und beten heute darf sich schon etwas von diesem Jubel mischen. Denn der auf dem Thron, der Auferstandene verheißt: siehe ich  mache alles neu!         

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