Mein Leben und meine Verantwortung (Römer 2, 1-11)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Nach außen hin waren sie eine intakte Familie. Hinter die Fassade konnte kaum einer schauen. Suchterkrankungen betreffen die ganze Familie. Die Abhängigen, die Partner, die Kinder – alle und alles dreht sich im Laufe der Jahre um die Sucht, um die verzweifelten Kämpfe, den Betroffenen da heraus zu bekommen, ihn zu retten, ihn von seiner Abhängigkeit zu erlösen, daneben den Schein zu wahren, den eigenen Alltag zu meistern, vielleicht irgendwann doch aus diesem kaputten Leben auszubrechen. Es soll keine Entschuldigung sein, aber die Folgen spüren Betroffene und Angehörige noch Jahre, Jahrzehnte später.

Eine schwierige Kindheit, kaputte Familien, ein gestörtes soziales Umfeld oder häusliche Gewalt hinterlassen tiefe Spuren, Wunden und Narben, wenn sie mühsam verheilt sind, lassen Dinge tun, die keiner wirklich versteht. Manches erklärt sich im Nachhinein aus der eigenen, unbearbeiteten und unerlösten Vergangenheit. Und vielem werde ich nicht gerecht, wenn ich es nur unter dem Aspekt der Schuld betrachte.

Ist der trinkende Vater schuld an den Schulschwierigkeiten der Kinder?

Ist die alles duldende Ehefrau und Mutter Schuld an ihrem eigenen Schicksal, weil sie zulange an der Täuschung festhielt, sie könne ihren Mann mit ihrer Liebe aus den Klauen der Sucht befreien?

Laden die Schuld auf sich, die gemeinsam versuchen, die Folgen der Abhängigkeit eines Familienmitgliedes für alle abzumildern. Sie versuchen nur zu retten, was zu retten ist, und können doch die Spirale aus Abhängigkeit, Versagen und sozialem Abstieg, Sucht und Gewalt, Sucht, Entzug und Rückfall nicht durchbrechen. Die Not wird nie groß genug, um die letzte Entscheidung auf Leben und Tod endlich deutlich vor Augen zu sehen.

Wer hier nach Schuld fragt, steckt mitten drin im Dilemma:

Eine Krankheit hat erst einmal nichts mit Schuld zu tun, und dennoch tragen alle Verantwortung.

Manchmal sind harte Entscheidungen und Haltungen nötig, die lieblos und unchristlich erscheinen, aber womöglich dem eigenen Gewissen und Gefühl so schwer und hart abgerungen wurden wie eine Trennung von Paaren oder Kindern von ihren Eltern.

Und doch lehrt die Erfahrung jedes Lebens, liebe Gemeinde: Es kommt der Zeitpunkt, da müssen sich alle auf allen Seiten mit der Frage ihrer Verantwortung auseinandersetzen. Dann wird es auch darum gehen, zu dem zu stehen, was geschehen ist, und sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Da wird Schuld beim Namen genannt werden. Da kommen Dinge zur Sprache, die weh tun. Aber sie müssen ausgesprochen werden, nicht so sehr um zu verurteilen, sondern um uz verarbeiten. es gibt keine Alternative.

Werden sie nicht ausgesprochen, wird es mit Sicherheit keine Versöhnung geben, keine Entschuldigung, kein Abwerfen des Ballastes der Vergangenheit, den heute ich noch auf den Schultern spüre.

Warum bin ich, warum ist mein Leben so und nicht völlig anders? Natürlich sind auch die Umstände, die Familie, die Kindheit und viele anderen Faktoren „schuld“, aber ich darf mich nicht ständig hinter ihnen verstecken aus Angst, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und zu meinen Entscheidungen und Taten zu stehen.

Manche Menschen benötigen die Spanne eines ganzen Lebens, um das zu lernen. Aber es ist nie zu spät dafür. Keiner muss sein Leben lang bleiben, was er in den Augen aller immer schon war oder was er bisher aus seinem Leben gemacht hat.

Wir alle erleben an den unterschiedlichsten Punktes unseres Lebens solche Krisen, nicht alle sind so dramatisch wie eingangs erzählt. Da kommen wir aus der eigenen Haut nicht heraus, da gehen die Kinder so ganz andere Wege, scheitern, leben entgegengesetzt, als wir es erträumt und erhofft haben, da zerbrechen Beziehungen und Träume im Leben zerplatzen. Anderen dafür die Verantwortung zuzuschieben, mag im ersten Augenblick entlasten. Auf Dauer führt es dazu, dass sich Situationen immer und immer wiederholen, ich immer an der gleichen Stelle meine Beziehungen zerbrechen sehe und mit meinen Plänen scheitere, immer dann, wenn meine Verantwortung nicht zur Sprache kommt und von mir übernommen wird. Wenn mein Eltern längst verstorben sind, kann ich ihnen nicht ständig die Verantwortung für meine falschen Entscheidungen heute geben. Wenn sie mich auch nicht mit der Liebe und dem Selbstwertgefühl ausgestattet haben, die ich für eine freies und selbstbestimmtes Leben benötige, so ist es doch heute längst mein Leben, das ich führe oder verpasse und sonst niemand!

Die Frage lautet also, wo ich erwachsen zu werden und erwachsen zu sein habe !

Nicht Fehler und Versagen, nicht Schwächen und enge Grenzen, nicht Scheitern und Sackgassen, sind das eigentlich Problem, sondern falsches Selbstmitleid, als ob nur mir Unrecht widerfährt, alle außer mir verantwortlich sind.

Der Apostel klingt an manchen Stellen im Römerbrief unglaublich hart und lieblos. Dabei spricht aus ihm eine tiefe Kenntnis der menschlichen Seele und der menschlichen Beziehungen: „o Mensch, du kannst dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest.“

Er sagt ja nicht, dass es keine Befreiung von Schuld gäbe.

Aber ich kann mich eben nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf von Schuld und Versagen herausziehen, in dem ich Verantwortung an andere und anderes abgebe.

Schuld belastet und zerstört Beziehungen und deswegen muss sie immer im Bezug zu anderen geklärt werden: In den Familien, in den Beziehungen, zwischen den Generationen, zwischen Freunden, die nicht mehr miteinander reden, und – vor allem – zwischen Mensch und Gott.

Schuld und Sünde sind vor allem Beziehungsstörung.

Und Entschuldigungen ohne Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und geklärter Verantwortung belasten Beziehungen nachhaltig: „ich kann dafür nichts, aber wenn du damals dich anders verhalten hättest, dann wäre das nicht passiert…“ so reden wir uns gerne raus… aber so funktioniert es nicht. Und die Folgen trägt jeder für sich. Einsamkeit zum Beispiel, aber auch der bohrende Schmerz sich in die eigenen Verletzbarkeit und in die eigenen Verletzungen und Enttäuschungen immer weiter hineinzusteigern und zu verheddern. Wer so etwas täglich erfährt, lebt schon das eigene Gericht. Versuche ich etwas tief in meinem Inneren zu begraben, mir nichts anmerken zu lassen, werde ich früher oder später krank darüber. Ich hatte als Kind immer das Gefühl, das man mir ansieht, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Und wirklich: ich konnte niemanden täuschen, ich konnte auch nicht überzeugend lügen und andere blenden.

Wovor fürchten wir uns also?

Ist es Schwäche, Fehler zu haben, Fehler zu machen, zu Fehlern zu stehen?

Oder ist es nicht gerade eine Stärke anzunehmen, dass wir Menschen gar nicht anders können als auch zu scheitern, den eigenen Ansprüchen und den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden.

Muss ich nicht gerade die alles beherrschenden Verhaltensmuster und Triebkräfte von Neid und Konkurrenz, die Dominanz von Halbwahrheiten und Lügen, den Egoismus oder einfach nur die Gedankenlosigkeit entlarven, um ihnen zu entkommen.

Buße und die Bitte um Vergebung sind keine Zeichen von Schwäche. Sie sind Ausdruck von Stärke und Realismus, von Ehrlichkeit und Menschlichkeit und damit letzten Ende gelebte Barmherzigkeit.

Sie befreien aus dem ewigen Theaterspiel von Schein statt Sein. Sie öffnen Türen und führen Menschen zusammen, wo alle Wege zueinander längst ausgeschlossen schienen.

Sie ermöglichen Hilfe, weil mit der Vergangenheit und ihren Schatten, mit dem Gewesenen und nicht mehr zu Reparierenden endlich abgeschlossen werden kann.

Sie helfen einander anzunehmen, sie machen im besten Sinne alle gleich, weil alle gleich sind: Sünder – vor Gott und den Mitmenschen.

Wir reden also nicht einem negativen Menschenbild das Wort, sondern laden zur wirklicher Menschlichkeit ein.

Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit wachsen nicht auf dem Boden der Rechthaberei und der Schuldzuweisungen, sondern aus der Verantwortung, Fehler zuzugeben und dem anderen Fehler zuzugestehen. Alle benötigen den Raum zum Eingeständnis, zur Buße, zu Reue, zur Offenheit und Ehrlichkeit. Dann ist es ausgesprochen, dann kann der Schmerz vielleicht doch noch heilen, dann kann ich Vergangenes loslassen und der Zukunft vertrauen. Gott hört unsere aufrichtigen Bekenntnisse, sieht in uns nicht nur die Summe unserer Fehler, sondern die zahlreichen ungenutzten Chancen und Möglichkeiten. Er sieht nicht die Person an, er sieht in die Person hinein. Was sieht er bei uns?

Es gibt keinen tröstlicheren Satz, es gibt nicht mehr Evangelium als diese Botschaft: Dir sind deine Sünden vergeben.

Sein Friede, der höher als alle Vernunft ist, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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