Das Neue beendet das Alte

Der Rückblick auf ein Kirchenjahr, das nun zu Ende geht, ist auch ein  Rückblick auf die Verstorbenen dieses Kirchenjahres, die Menschen, die zu uns gehört haben, um die sich viele Gedanken gedreht haben, die Teil unseres Lebens, unserer Gemeinde gewesen sind. Das sind Namen, hinter denen sich Geschichten verbergen, Erfahrungen und Erlebnisse.

Da gibt es natürlich immer auch Gedanken an die eigene Rolle. Wer war ich im Leben des Verstorbenen? Was habe ich getan, was unterlassen? Wo habe ich Anteil genommen und wo nicht?

Die Fragen bleiben und auch die Schuldgefühle, die Zweifel, das Gefühl der Unzulänglichkeit. Auch das Eingeständnis, dass ich nicht immer mich so verhalten habe, wie ich es von mir erwarte.

Der Seher Johannes weiß, dass all diese Gefühle menschlich sind. Er hat eine Vision von der Zukunft, die Gott für uns bereithält.

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Wie gesagt, eine Vision. Das ganze Buch der Offenbarungen ist voller Visionen – Bilder über die Zukunft Gottes mit den Menschen. Es sind und bleiben Bilder, die man nicht eins zu eins in eine zukünftige Wirklichkeit übersetzen kann. Wie soll das auch gehen. Menschen können immer nur aus ihrer Erfahrung reden, sie können nur die Worte benutzen, die ihnen zur Verfügung stehen und auch nur Bilder malen von Dingen, die sie sich vorstellen können.

Und darum malt der Seher ein Bild vom neuen Himmel und der neuen Erde, um uns zu sagen, was er sich von Gott erwartet. Und das Spannende sind weniger die Bilder als die Botschaft hinter den Bildern.

Und im Mittelpunkt steht das Bild vom neuen Jerusalem. Diese geschundene Stadt, die die Propheten des Alten Testaments zu Recht als Hure bezeichnet haben. Menschen haben sie so weit gebracht. Sie hat sich jedem angeboten, ist Gott immer wieder untreu geworden und seinen Geboten erst recht. Aber Gott lässt sie nicht los. Er erneuert seine Verheißungen immer aufs Neue. Gott lässt auch seine Verheißungen gegenüber den Menschen nicht los, die große Schuld auf sich geladen haben, die sein  recht mit Füßen getreten haben.

Gott verheißt, dass er eine Wohngemeinschaft mit seinen Kindern begründet. Seine Hütte bei den Menschen. Und diese Wohngemeinschaft ist unvorstellbar und wird mit dem Bild vom himmlischen Jerusalem illustriert. Dieses himmlische Jerusalem wartet auf die Menschen, wartet, dass die Menschen bei Gott Heimat finden.

Und die Verheißung Gottes für die Zukunft in diesem himmlischen Jerusalem ist, dass alles unvorstellbar wird. Menschen werden weder Leid noch Schmerz erfahren. Sie werden nicht mehr weinen, weil alles, was zum Weinen ist, weggenommen ist.

Das ist schwer vorstellbar. Auf mir lasten Erinnerungen und Erfahrungen. Ich erinnere mich an Tode, die schwer waren und Tode, die eine Erlösung waren. Es ist eigentlich egal, traurig waren sie alle. Ich erinnere mich an die Bilder von dem Flüchtlingsjungen Aylan, der tot am Strand der Türkei lag und ich erinnere mich, wie der Flüchtlingsstrom herzlich willkommen geheißen wurde, gerade auch wegen solcher Bilder. Alles Erinnerungen, die mich anrühren. Und die mich daran erinnern, dass die Welt nicht so ist, wie Gott sie gemeint hat. Es gibt keine einfachen Antworten warum das so ist. Aber es gibt die Hoffnung und das Vertrauen, dass Gott abwischen will – alle Tränen.

Das Neue beendet das Alte. Wie oft träumen Menschen davon neu anzufangen, alles Alte wegzulegen. Das kann nur misslingen. Altes bleibt. Nur wenn Gott seine neue Welt schafft, ist das ein wirklicher Neuanfang. Weil der aber so gar nicht in unsere Vorstellungswelt passt, muss die Bibel Bilder gebrauchen wie den neuen Himmel und die neue Erde oder das himmlische Jerusalem. Und wie die Bilder ‚neue Erde‘ und neuer ‚Himmel‘. Sie sind ein Hoffnungsort, weil wir daran glauben, dass Gott mehr für uns bereithält, als wir jetzt erkennen können.

Die Mächte dieser Welt, sogar Donald Trump verlieren ihren Schrecken, wenn sich christliche Gemeinden bewusst machen, dass Gott selbst Wohnung in dieser Welt genommen hat – die Hütte Gottes bei den Menschen. Und das nicht nur in irgendeiner fernen Zukunft, sondern jetzt und hier. Dass, was der Seher sieht ist nicht nur eine Vision über eine Zukunft Gottes, die weit weg ist, sondern es ist zugleich eine Vision davon, auf welchem Weg die Gemeinde Gottes ist. Sie ist auf dem Weg, das Leiden dieser Welt geringer zu machen, indem sie Menschen hilft, die sie brauchen und indem sie Menschen tröstet, die Leid erfahren.

Der Tod verliert seine Schrecken, auch wenn es manchmal schrecklich ist, wenn ein Mensch stirbt und man selber seine Hilflosigkeit verspürt. Und doch will uns der begleiten, der die Quelle des lebendigen Wassers ist, der Anfang und Ende unseres Lebens ist.

Wie gesagt, was das bedeutet, können wir nur in Bildern ausmalen. Und ehrlich gesagt, das Bild vom neuen Himmel und der neuen Erde hat seinen Wert, wenn es mir zeigen will: Was ich von Gott erwarten darf ist so völlig anders, als das, was ich im Hier und Jetzt erlebe. Die Hure wird zur geschmückten Braut und die Menschen werden aufhören, einander das Leben schwer zu machen.

Wir könnten ja jetzt schon mal anfangen und tätig warten auf die Verwandlung, die Gott schaffen wird.

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