Kein Anspruch, aber Hoffnung auf Vergebung

Büßen und Beten, das hört sich negativ an. Dabei ist das eigentlich ein sehr schöner Gedanke. Ich mache mir Gedanken: Wie lebe ich, wofür lebe ich und ich rede mit Gott über das, was falsch ist in meinem Leben und bitte ihn manches gerade zu rücken. Unbequem ist dieser Gedanke vielleicht schon. Aber vielleicht hat dieser Tag auch etwas von einem Reset-Knopf – sie wissen schon, dieser Knopf am PC, der, wenn es hängt, das ganze System neu startet. Einfach mal komplett neu anfangen, das wäre doch mal was. Ob das so einfach geht – ich weiß es nicht. Aber sicher ist: Wer neu starten will, muss auch erst einmal mit seinem Jetzt aufräumen, sich Gedanken machen, wer er ist und wohin er will. Davon schreibt auch Paulus an die Gemeinde in Rom.

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du eben dasselbe tust, was du richtest. 2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber, mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. 11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Paulus wendet sich heute an den Menschen, erst einmal an die ihm unbekannten Menschen in Rom, aber ich glaube im Endeffekt an jeden Einzelnen von uns. Mensch, schau auf dich selbst, erkenne, wer du bist und wie du bist.

Für mich ist das ganz wichtig. Er spricht ‚den‘ Menschen an – ganz persönlich. Es geht um den Einzelnen, unabhängig davon, woher er kommt, egal ob er früher Jude oder Christ war, egal ob er heute eher links oder rechts ist, auch egal, wie seine Erfolgsbilanz aussieht oder seine Mitarbeit in christlichen Gemeinden. Das alles ist Paulus erst einmal gleichgültig.

Wichtig ist ihm nur, dass jeder bei sich sucht und nicht bei den Anderen, was falsch läuft, was nicht gut ist.

Und wenn ich bei mir anfange; dann stelle ich fest: Es braucht viel Mut, Buße zu tun. Der Mut, einen Menschen um Entschuldigung zu bitten, ist da erst ein Anfang. Aber allein diesen ersten Schritt zu tun, könnte mir helfen, das Leben in seiner ganzen Fülle kennen zu lernen. Wenn ich anfange mich zu entschuldigen, weil ich mich unbewusst irgendwo vorgedrängt habe oder jemanden gekränkt habe, dann wird das Klima zwischen den Menschen besser und dann erlebe ich, wie befreiend es sein kann, meinen Perfektionismus abzulegen und zuzugeben, dass es Fehler gibt, die bei mir liegen, Ja, dass ich selber Fehler mache.

In Luthers 95 Thesen heißt es: Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt: ‚Tut Buße’ usw. wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte.

Es geht gerade dort, wo Kirche Reformation lebt, eben nicht darum, dass wir alle o.k. sind und uns nur genug gegenseitig auf die Schulter klopfen müssten. Wir sind wirkliche Menschen mit wirklichen Fehlern und wirklichem Fehlverhalten. Und darum bedeutet, dass wir immer wieder neu herausfinden, wo bei uns Haken und Ösen zu finden sind und das vor Gott bringen in dem festen Bewusstsein, dass er das von uns nehmen will und uns helfen will, ein neuer Mensch zu werden.

Und es gilt auch: Gottes Güte macht nicht faule Leute, die sich selbstzufrieden zurücklehnen können, sondern sie treibt Menschen dazu, selber anders zu werden. Das ist ja Vorwurf seit der Reformation gewesen, durch die Predigt der Vergebung der Sünden, würden die Menschen faul und selbstgefällig. Aber das stimmt nicht, wenn ich Paulus lese. Die Güte Gottes ist so kostbar, dass das Bewusstsein, sie zu besitzen und sie zu empfangen, Menschen verändert, sie dazu stark macht, mit sich selbst ehrlich zu sein. Darum sagt man Evangelischen ja manchmal nach, sie wären etwas sehr ernst und Nietzsche hat über die Christen gesagt, sie müssten erlöster aussehen, wenn er ihnen glauben sollte. Weil ich erlöst bin, forsche ich bei mir selbst nach, ob ich auch wirklich aus dieser Erlösung lebe und ob mein Umgang mit den Menschen Erlösung ist.

Es geht um Muße und Buße: jene Gelassenheit, die um Gottes Güte weiß und gerade deswegen sich Gedanken über das eigene Leben und die eigene Schuld macht. Nicht die Angst vor Gottes Gericht schafft wirkliche Buße, sondern die Muße und das Bewusstsein, die Zeit, die ich mir nehme, mein eigenes Leben, mein eigenes Verhalten, zu betrachten. Dazu kommt der Glaube, dass es den Gott gibt, der bereit ist, meine Bitten um Entschuldigung – vergib mir meine Schuld – anzunehmen und mir neue Wege zum Leben zu eröffnen.

Buße ist Luxus – sie entspringt der Zeit, die ich mir nehme und dem Bewusstsein reich zu sein – reich, weil ich Gott kenne.

Der Mensch belegt seine Sklavengesinnung, wenn er für seine Leistung Lohn fordert. Er demonstriert Souveränität und Reichtum, wenn er sich zu seinem Sein bekennt und wenn er dankbar bleibt für das Gute, das er die Chance hat, zu tun.

Manche Menschen erwarten von Gott, dass er alles versteht und alles verzeiht, auch wenn diese Menschen für sich selber auch im Traum nicht daran denken, irgendjemandem irgendetwas zu verzeihen.

Es gibt keinen Anspruch darauf, dass Gott mir Schuld vergibt, aber es gibt die Verheißung, dass er mir helfen will, Schuld zu ertragen.

Und es gibt keinen Anspruch darauf, dass Menschen meine Entschuldigung annehmen, aber die Hoffnung, dass Menschen vom Geiste Gottes erfüllt genau das tun.

Und dass ich mich darum leichter tue, anderen Schuld zu vergeben und Gott dafür zu danken.

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